Wolfgang Tiefensee: Thüringen – Standort zwischen traditioneller Industrie und Hightech

Es ist die Vielfalt und der richtige Mix an Standortvorteilen, die Thüringen attraktiv für Investoren machen. Hier hat Zukunft Tradition: Carl Zeiss, Ernst Abbe und Otto Schott schufen einst die Basis für das produktive Zusammenwirken von Wirtschaft und Wissenschaft. Diese Erfolgsgeschichten schreiben Unternehmer und Wissenschaftler im Freistaat heute kraftvoll fort.

 

Thüringen ist ein Land mit einer langen Technik- und Wirtschafts­tra­­­­dition. Davon profitiert die Region bis heute. Markenzeichen und Er­­folgs­­­­­­­geheimnis des Standorts sind seine zen­­­­trale Lage, seine kurzen Wege, die enge Verbindung zwischen Wirtschaft und Wissen­­­­schaft sowie die exzellent ausgebildeten, hoch motivierten Fachkräfte. In Thüringen sind wir daran gewöhnt, über den Tellerrand hinauszuschauen! Unter­­nehmer und Forscher arbeiten hier seit jeher in einem gewinnbringenden Miteinander eng zusammen.

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Seit dem 19. Jahrhundert ist in der Universitätsstadt Jena die Glas- und Optikindustrie ansässig. Durch Erfindungen, die das Mikroskop revolutionierten, und die Entwicklung des Planetariums, sind die einschlägigen Unternehmen, insbesondere um den Konzern Carl Zeiss, weltweit bekannt­­.

Die Zentren Jena und Eisenach können beispielsweise auf eine lange industrielle Tradition zurückblicken. So gelten Zeiss, Abbe und Schott in Jena auch heute noch als unter­­nehmer­­ische Vorbilder und als Vorreiter der deutschen Optik­­industrie. Im Jahr 1898 begann in Eisenach die Produktion des ersten Motor­­wagens. Später wurden hier die legendären Dixi-Fahrzeuge von Gustav Ehrhardt gefertigt, bevor BMW im Jahr 1928 die Produk­­tionslinie erwarb und damit in die Automobilindustrie einstieg.

Nach der Wiedervereinigung haben wir in Thüringen an diese Traditionen angeknüpft und sie weiter ausgebaut. Heute besitzt das Bundesland eine breite Branchenvielfalt, die von der Automobilindustrie, der optischen Industrie, der Kunststoffindustrie, Medizin- und Luftfahrttechnik, Nah­rungs- und Genussmittelindustrie bis hin zum Maschinenbau reicht. Thüringen verfügt damit über die am breitesten aufgestellte industrielle Struktur der neuen Bundesländer. Nach Baden-­Württemberg, Bayern, dem Saarland und Bremen bietet Thüringen mit knapp 80 Beschäftigten je 1.000 Einwohner die meisten Industriearbeitsplätze in Deutschland an. Dies ist auch ein Grund dafür, dass Thüringen seit der Wieder­­ver­­einigung hohe Wachstumsraten verzeichnet und sich zu einer der dynamischsten Regionen Deutschlands entwickelt hat.

Der wirtschaftliche Aufschwung Thüringens wird dabei vor allem von den kleinen und mittleren Unternehmen im Freistaat getragen. Immerhin stellt der Mittelstand 99 Prozent aller Be­­triebe in Thüringen und besitzt einen Umsatzanteil von 76 Pro­­­­zent an der Gesamtwirtschaft. Aber auch international agie­­rende Unternehmen wie ZEISS, Jenoptik, Siemens, Bosch, Opel, BorgWagner, Mitec, IHI Chargings Systems International oder Bauerfeind sind hier ansässig. Zudem haben auch andere Großunternehmen wie Rolls Royce, Lufthansa, Daim­ler oder Schenker die Standortvorteile in Thüringen für sich entdeckt.

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Die elf Hochschulen in Thüringen, unter anderem die renommierte Bauhaus-Universität Weimar, eine auf kreative und technische Bereiche spezialisierte Universität in Weimar, bieten ein breites Studienangebot mit besten Zukunftsaussichten.

Thüringens Stärke liegt in seiner attraktiven Lage im Zen­trum Deutschlands und Europas sowie in der hochmodernen Verkehrsanbindung. Vor allem das gut ausgebaute Schienen- und Autobahnnetz und die Nähe zu den Flughäfen Frankfurt a.M. sowie Leipzig/Halle machen Thüringen zu einem zentralen Drehkreuz für den internationalen Warenverkehr und damit auch attraktiv für Logistikunternehmen und Online­­Händler wie Zalando, Redcoon, DHL, Rhenus, Fiege und Dachser. Um die steigende Nachfrage nach Gewerbe- und Industrieflächen auch zukünftig bedienen zu können, hat das Thüringer Wirtschaftsministerium eine Großflächen­ini­tia­­tive gestartet, die derzeit acht verkehrsgünstig gelegene Standorte mit einer potenziellen Fläche von 1.000 Hektar umfasst. Damit soll gewährleistet werden, dass auch zukünftig der nötige Raum für Investitionen und neue Ge­­schäfts­­ideen zur Verfügung steht.

Die Standortattraktivität Thüringens wird ab 2017 durch den neuen ICE-Knotenpunkt in der Landeshauptstadt Erfurt noch weiter erhöht. Mit der neuen ICE-Strecke wird das euro­­päische Hochgeschwindigkeitsnetz in Thüringen geschlossen und die Fahrzeit von Erfurt nach Frankfurt a.M. und Dresden sowie Berlin und München erheblich verkürzt. Der Ausbau des ICEKnotenpunkts bietet deshalb Chancen sowohl für die wirtschaftliche als auch touristische Entwicklung in unserem Bundesland – wobei es natürlich auch darauf ankommt, die Anbindung der ländlichen Regionen an das ICE-Kreuz Erfurt zu gewährleisten.

Die Dynamik der wirtschaftlichen Entwicklung Thüringens spiegelt sich auch in der niedrigen Arbeitslosigkeit wider. Im Jahr 2015 waren durchschnittlich 85.200 Männer und Frauen arbeitslos (5,5 Prozent weniger als im Vorjahr). Thü­­ringen hat die niedrigste Arbeitslosigkeit aller ostdeutschen Länder und inzwischen auch einige westdeutsche Länder hinter sich gelassen. Mit einer aktuellen Arbeitslosenquote von 6,9 Prozent (Stand: Dezember 2015) nähern wir uns damit zunehmend dem bundesdeutschen Durchschnitt an.

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International agierene Unternehmen wie bspw. der Automobilzulieferer BorgWarner oder Logistikdienstleister wie Redcoon finden in Thüringen beste Standortvoraussetzungen.

Entscheidend für den wirtschaftlichen Erfolg Thüringens ist aber nicht zuletzt auch die breit gefächerte Forschungsland­­schaft im Freistaat, die mit neun – ab April 2016 mit Um­­wand­­lung der Staatlichen Studienakademie in eine Duale Hoch­schule Gera-Eisenach: zehn – Universitäten und (Fach-)Hoch­­schulen, insgesamt 14 Einrichtungen der Fraunhofer-, Leibnitz-, Max-Planckund Helmholtz Gesellschaft sowie acht wirt­schafts­­­­nahen Forschungsinstituten maßgeblich zur Leistungs­­fähig­­keit des Landes beiträgt. Um aus den entstehenden Ideen schnell vermarktbare Produkte und Dienstleistungen zu machen, fördert das Thüringer Wirtschaftsministerium auf vielfältige Weise den Technologie- und Wissenstransfer. Bei­­spielhaft dafür steht etwa die Förderung von industriellen Forschergruppen, die Förderung der verschiedenen Applika­tions und Gründerzentren oder die Förderung von Clustern von Unternehmen und Forschungseinrichtungen.

Bis zum Jahr 2020 möchte Thüringen bei den Themen Forsch­­ung und Innovation in die Spitzengruppe der deutschen Bundesländer aufsteigen und sein Innovationspotenzial deutlich steigern. Mit der aktuellen Hochschulfinan­zierung haben wir dafür die Weichen gestellt. Fast 1,7 Milliarden Euro stellt der Freistaat bis 2019 allein für seine Hochschulen zur Verfügung. Das entspricht einem Aufwuchs von kumuliert 160 Millionen Euro bzw. vier Prozent jährlich und ist für ein Bundesland wie Thüringen, das von seinen Ideen, seinem Wissen und seinen Innovationen „lebt“, eine enorme, aber notwendige Kraftanstrengung. Im Rahmen des „ProExzellenz“-Programms werden zusätzlich sieben weitere Forschungs­­zentren und drei Exzellenzprofessuren an den Universitäten im Freistaat bis 2019 unterstützt. Damit sollen herausragende Forschungsvorhaben gefördert werden, die die Rolle Thüringens als Wissenschafts- und Technologiestandort weiter stärken und sichtbar machen. Darüber hinaus werden auf der Grundlage der Thüringer Forschungs- und Innovations­­strategie über 300 Millionen Euro an europäischen Mitteln für die unternehmensnahe Forschung ausgegeben – also für Entwicklungs- und Forschungsprojekte der Unternehmen.

Wichtigstes Ziel bleibt es auch in Zukunft, den Investitions- und Beschäftigungsstandort Thüringen zu stärken und dabei zu den erfolgreichen westdeutschen Regionen aufzuschließen. Mit seiner Förderpolitik setzt das Thüringer Wirt­­schaftsministerium dafür gezielte Anreize. Hierbei steht das Förderprogramm „Verbesserung der regionalen Wirt­­schaftsstruktur“ (GRW) im Mittelpunkt, welches mit einem Umfang von etwa 100 Millionen Euro pro Jahr das wichtigste Instrument der Investitionsförderung in Thüringen darstellt. Mit der Thüringer Mittelstands- Initiative wollen wir darüber hinaus vor allem den vielen kleinen und mittleren Unternehmen im Land über die vorhandenen differenzierten Angebote der Investitions-, Innovations- und Beratungs­för­der­­ung hinaus zusätzlichen Rückenwind zur Erreichung ihrer Wachstumsziele geben.

Die Wirtschafts- und Technologieförderung leistet einen wichtigen Beitrag, die Produktivität der Unternehmen zu steigern und die Attraktivität der Arbeitsplätze in den Be­­­­trieben zu erhöhen. Das ist wichtig, um im zunehmenden Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte mithalten zu können. Das „Billiglohnland Thüringen“ ist Vergangenheit – wir setzen auf gute Arbeit, vernünftige Löhne und die Verein­­barkeit von Familie und Beruf.

Eine wirkungsvolle mittelstandsorientierte Innovations- und Wachstumspolitik ist zentraler Pfeiler der Thüringer Wirt­­schafts­­­­politik. Um weiter zur Verbesserung der Attraktivität des Wirtschaftsstandorts Thüringen beizutragen, werden wir Lösungen anbieten, die aktuelle Fragen beantworten. Dabei werden wir stets auch unsere erfolgreiche Vergangen­heit als Inspiration zu nutzen. Mit dieser Strategie sind wir in Thüringen bisher äußerst erfolgreich gewesen.

Tiefensee-I-Portrait-RGBWolfgang Tiefensee
Der Autor ist seit 2014 Thüringer Minister für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitale Gesellschaft. Im Kabinett Merkel I übernahm Wolfgang Tiefensee von 2005 – 2009 das Amt des Bundesministers für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung. Seit 2009 ist er Vorsitzender des Forums Ostdeutschland der Sozialdemokratie e.V.. 2009 wurde er als Abgeordneter des Bundestages gewählt. 2013 wurde er wiedergewählt, verzichtete aber Ende 2014 auf sein Mandat, als er sein Amt als Thüringer Wirtschaftsminister antrat.