Wolfgang M. Drechsler: Metall- und Elektroindustrie im Aufwind

Die Metall- und Elektroindustrie (M+E), die größte Branche der hessischen Indus­­trie, hat den Weg aus der Krise gemeistert. In Umfragen schätzt die Hälfte der M+E-Unternehmen die Geschäftslage als gut oder sehr gut ein. Sie haben eine rasante Aufholjagd gezeigt, deren Gründe vielfältig sind. In erster Linie haben eine betriebsnahe Tarifpolitik mit Öffnungs­klau­seln und Arbeitszeitflexibilisierung, eine vorausschauende Personalpolitik genauso wie Kurzarbeit zur Krisen­be­wältigung beigetragen.

Der Verband der Metall- und Elektro-Unter­­nehmen Hessen e.V. (HESSEN­ME­TALL), Bezirksgruppe Darmstadt und Süd­­hessen, hat hier einen großen Bei­trag geleistet. 1948 wurde er gegründet und re­präsentiert in Südhessen über 120 Betriebe mit knapp 30.000 Mit­ar­bei­tern. Er ist ein wichtiger Ratgeber und Interes­­sen­­vertreter der Branche. Seine Rechts­an­wälte unterstützen die Unter­nehm­en effizient bei allen tarifpolitischen und ar­beitsrechtlichen Fragen. Der Ver­band ist Partner und Anwalt in der betrieblichen Personalarbeit und kompetenter Wissens­vermittler in aktuellen rechtlichen, arbeits­­wissenschaftlichen und kommunikativen Fragen.

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Wichtige Impulse für den betrieblichen Alltag der Mitgliedsfirmen geben darüber hinaus maßgeschneiderte Weiter­bil­dungs­­angebote, Kampagnen zur Nachwuchs­gewinnung, fundierte Analysen und Um­­setzungshilfen zur Modernisierung der Arbeitsorganisation und effiziente PR- und Medientrainings. Seit Oktober 2010 ist die Bezirksgruppe Darmstadt und Süd­­hessen im Haus der Wirtschaft Südhessen, dem Zentrum für Beratung, Kooperation und Kommunikation zwischen Wirtschaft, Politik und Öffentlichkeit, beheimatet. Das Haus ist Anlaufstelle für Mitglieder, Medien, Verbände, Netzwerkpartner aus Schule, Hochschule und Forschung und dient als Plattform zur Umsetzung von wirt­­schafts- und sozialpolitischen Aufgaben.

Netzwerk Metall- und Elektroindustrie. Kooperationen dieser Art sind wichtig, denn bei aller Freude über den Auf­schwung darf nicht übersehen werden, dass die Internationalisierung der Geschäfte an­­hält, die Komplexität der  Angebote und Dienstleistungen steigt, die Märkte weiter in Bewegung bleiben und die Konkurrenz wächst. Gleichzeitig ist die M+E-Branche aber eine leistungsstarke Branche, die trotz eines vergleichsweise hohen Lohn­­niveaus sehr gut aufgestellt ist. Gute Stand­­ortfaktoren wie die Ver­kehrsanbindung, hohe Innovations­fähig­keit und moderne Pro­­­duktionsstätten sind einige der Gründe.

Gerade die Innovationskraft ist eine Stärke der südhessischen Unternehmen.
Sie ist das Ergebnis hoher Investitionen in Forschung und Entwicklung sowie der Zusammenarbeit mit überregionalen For­­schungs- und Bildungseinrichtungen, von der alle Seiten profitieren. Die Unternehmen finanzieren Forschungsaufträge in Hoch­­schulen und Universitäten und holen sich im Gegenzug wertvolles Know-how in ihre Unternehmen.

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Damit haben die Betriebe der Metall- und Elektroindustrie auf den Weltmärkten gute Wachstumschancen, weil viele der künftigen Herausforderungen – vom Um­­weltschutz bis hin zur sicheren Energie­­versorgung – technische Lösungen verlangen. Um weiter erfolgreich zu sein, braucht es innovative und wettbewerbsfähige Produkte, möglichst flexible Re­gel­ungen der Arbeitsbeziehungen, für den Arbeitsmarkt vernünftige wirtschaftliche Rahmenbedingungen und qualifizierte Mitarbeiter.

Cluster-Initiativen. Langfristig muss hierfür der Netzwerkgedanke noch ausgeweitet werden. Unternehmen, die sich an Netzwerken beteiligen, erfahren, dass sie erfolgreicher sind als andere. Als besonders wichtig sehen Betriebe ihre Kundenbeziehungen an, aber auch Ver­­netzungen mit Lieferanten und anderen Firmen. Ein Beispiel für die Netz­werk­arbeit des Verbandes der Metall- und Elektro-Unternehmen Hessen e.V. sind Cluster-Initiativen. Cluster sind immer räumlich konzentrierte, vertikal und/oder horizontal angelegte Netzwerke von Unter­­nehmen, die zum gemeinsamen Erfolg führen. Das Ziel eines Clusters ist es, ein günstiges Umfeld für Inno­va­tionen zu schaffen und die Anpassungs­fähigkeit der regionalen Wirtschaft auf sich verändernde Rahmenbedingungen zu verbessern. Cluster wie zum Beispiel der Aviation-Cluster in Hessen bieten langfristige Wettbewerbsvorteile, nicht nur als Einheit nach außen hin, sondern auch innerhalb des Clusters. Denn orga­nisierte Netzwerke kooperierender Unter­­nehmen steigern die Wettbewerbs­fähig­keit und sorgen für zusätzliche Arbeitsplätze.

Hessen-Champions. Viele Unternehmen der M+E-Branche konnten ihre Wett­­be­werbsfähigkeit so steigern, dass sie auf dem Weltmarkt vertreten sind. Der vom Land Hessen und der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände (VhU) initiierte Wettbewerb „Hessen-Champions“ zeichnet hessische Unternehmen aus, die sich mit herausragenden Produkten und Dienst­leistungen zu Weltmarkt­führern entwickelt haben. 2010 konnte in Süd­hessen die EnviroChemie GmbH aus Roßdorf einen der begehrten Preise in der Kategorie „Neue Produkte und Ent­­­wicklungen“ entgegennehmen. In der indu­­striellen Wasser- und Abwasser­­­technik entwickelt die EnviroChemie GmbH Anlagen und Ser­vice­leistungen für eine ressourcen­effi­ziente Produktion.

Herausragend ist auch die Sirona Dental Systems GmbH, die seit mehr als 130 Jahren für Fortschritt in der Dental­­branche steht. Seit der Gründung setzt das Unter­­­­nehmen mit bahnbrechenden Ent­wick­lungen Standards in der Zahnbehandlung. Das „Sirona Center of Innovation“ umfasst einen Gebäude­­komplex mit mehr als 8.000 Quadrat­metern Fläche, in dem die For­schungs- und Entwicklungs­ab­tei­l­ungen aller Geschäftsbereiche konzentriert sind.

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Innovationsfähigkeit hat auch bei Schenck Process GmbH in Darmstadt einen hohen Stellenwert. Das Unternehmen sorgt dafür, dass Prozessabläufe in Betrieben weltweit funktionieren. Es liefert Lösungen für die Anforderungen seiner Kunden, wenn es um die Bereiche Wägen, Dosieren, Sieben und Automatisieren geht. Das welt­­weit agierende Unternehmen konnte schon mehrfach die Auszeichnung „Top-Arbeit­­geber für Ingenieure“ gewinnen, die vom Research Institut CRF vergeben wird.
Fachkräfte gesucht. In der Metall- und Elektroindustrie steigt der Bedarf an Fachkräften und droht zu einem Pro­blem für die Wettbewerbsfähigkeit zu werden. Ende vergangenen Jahres fehlten der deutschen Wirtschaft insgesamt rund 84.000 MINT-Fachkräfte (MINT = Mathe­­matik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) und Ende März 2011 über 65.000 Inge­nieure. Obwohl die Anzahl an Absol­ven­­ten naturwissenschaftlich-technischer Studienfächer spürbar zu­­nimmt, reicht die Zahl nicht aus, um die Nachfrage in Wirtschaft und Forschung zu decken. Zumal mittelfristig viele heute noch erwerbstätige MINT-Akademiker in den nächsten Jahren altersbedingt ausscheiden werden. Experten erwarten sogar, dass der Wirtschafts- und Struk­tur­wandel zu einem verstärkten Bedarf an MINT-Akademikern führen wird. Mit zahl­­reichen Initiativen steuert der Verband entgegen. So informiert er Eltern und Schüler mit Info-Mobilen über Aus­bil­dungs- und Berufs­­chancen in der Branche oder initiiert Aus­­bil­dungsinfotage.

Die Internetseite M+E-Berufs­infor­ma­tion (www.me-vermitteln.de) ist eine weitere Antwort darauf, wie man in Zeiten des demografischen Wandels künftige Arbeit­­nehmer für eine be­­stimmte Branche inter­­­essieren und begeistern kann. Auf der Seite, vom Arbeitgeberverband Gesamt­­­­metall initiiert, werden die Berufe der Metall- und Elektroindustrie anschaulich und vertiefend dargestellt. Sie richtet sich nicht nur an potenzielle Mitarbeiter, sondern auch an Lehrkräfte und Unter­­nehmen, die neben den Eltern den größten Einfluss auf die Berufswahl von Schülern haben. Für M+E-Mitglieds­­unternehmen bietet sich hier die Chance, direkte und nachhaltige Kon­takte zu Schülern aufzu­bauen, um im Wett­­bewerb um die Talente von morgen zu punkten.

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Ein weiterer wichtiger Punkt sind die Förderung und der Aus­­bau des dualen Studiums, für die der Ver­band im Rah­­men seiner Cluster-Ini­tiative wirbt. Dadurch bekommen die Unter­neh­men doppelt qualifizierte Mit­ar­beiter: Einer­­seits erwerben die Stu­dier­en­den wis­sen­­schaft­liches Know-how in ihrem Studiengang und lernen in betrieblichen Praxis­pha­sen wichtige Ar­­beits­­­­­abläufe kennen. Andererseits können sie auch eine Ausbildung in Be­­trie­ben absolvieren und profitieren von einer vertraglichen Bindung mit einem Unternehmen.

Fazit. Innovative Produkte, entwickelt von sehr gut ausgebildeten Mitar­bei­tern, und flexibel zu gestaltende Arbeits­beziehungen sind Faktoren, die die Unternehmen der M+E-Branche brauchen, um weiter auf hart umworbenen internationalen Märkten bestehen und wachsen zu können. Als verlässlicher Partner und Dienstleister unterstützt der Verband seine Mitglieder nach besten Kräften. Kompetente Rechts­­beratung und Vertretung wird ergänzt durch nachhaltige Interessen­ver­tre­tung und Überzeugungsarbeit gegenüber Gesell­­­schaft und Politik.

Drechsler_04as-KopieDer Autor ist nach einer Geschäftsführer­nachwuchsausbildung bei der Bundes­ver­­einigung der Deutschen Arbeitgeber­ver­bände seit 1982 für die Unternehmer­verbände Südhessen tätig, zunächst als Anwalt und Fach­an­walt für Arbeitsrecht und seit 1994 als Geschäftsführer. Seit dieser Zeit ist Wolf­gang M. Drechsler auch alter­­nie­ren­­der Vor­sitz­en­der im Verwaltungs­­aus­­schuss der Agentur für Arbeit in Darmstad