Willi Loose: CarSharing: Fester Baustein in der deutschen Mobilität

Carsharing, war einst auf einen kleinen Kreis von ökologisch motivierten Pionieren beschränkt. Heute ist das „Nutzen statt Besitzen“ von Kfz in aller Munde. Anfang 2014 nutzten über 750.000 Fahrberechtigte die Angebote von rund 150 CarSharing-Anbietern.
Seit über 25 Jahren entwickelt sich das klassische, stations­­basierte CarSharing in inzwischen mehr als 400 deutschen Städten und Gemeinden. Die Anbieter sind meist klein- und mittelständische CarSharing-Unternehmen in den Groß­­städten, die ein stetiges, nachfrageorientiertes Wachstum aufweisen. Diese Anbieter wirtschaften kostendeckend, die jährlichen Überschüsse werden in das weitere Angebots­­wachstum investiert. In verschiedenen Regionen wachsen die großstädtischen Anbieter allmählich in die Umland­gemeinden ihrer Kernstädte und sorgen so für die Flächen­ausbreitung der CarSharing-Angebote auch dort, wo die Wirtschaftlichkeit schwerer zu erreichen ist. Abseits der Großstadtregionen sorgen kleine, meist ehrenamtlich or­­ganisierte CarSharing-Vereine und vereinzelt auch Einzel­­unternehmen dafür, dass auch in diesen Regionen ein CarSharing-Angebot verfügbar ist. Alle diese Angebote sind darauf ausgerichtet, dass CarSharing als Ergänzung zu den Verkehrsmitteln des soge­­nannten Umweltverbundes (Bus & Bahn, Fahrrad, Zufußgehen, aber auch Taxi, Miet­­wagen u.a.) entwickelt wird. Konsequenterweise kooperieren viele CarSharing-Anbieter mit den Verkehrs­unter­nehmen der Region und bieten den Stammkunden des ÖPNV Vergünstigungen in der CarSharing-Nutzung an. Umgekehrt bieten die Verkehrsunternehmen Unter­stützung im Marketing oder Vertrieb der CarSharing-Angebote.

Stationsbasierte CarSharing-Angebote können über lange Zeit im Voraus reserviert werden, sie bieten eine große Ver­­lässlichkeit, dass das CarSharing-Fahrzeug zum ge­­wünsch­­ten Zeitpunkt am gewünschten Ort bereitsteht. Der Nach­­teil ist, dass eine gewisse Planbarkeit vorausgesetzt wird. Auch müssen die Fahrzeuge nach der Nutzung wieder an die gewählte CarSharing-Station zurückgebracht werden, damit es dort dem nächsten Nutzer zur Verfügung steht. Die Tarifstruktur dieser Angebote ist so ausgerichtet, dass sowohl kurze Fahrten in der Stadt als auch längere Fahr­ten, beispielsweise am Wochenende, und sogar Urlaubs­­fahrten gemacht werden können. Trotzdem wird bei diesen Tarifen das Mobilitätsbudget gegenüber den Kosten eines (neuwertigen) eigenen Pkw entlastet, wenn nicht mehr als 10.000 bis 12.000 Jahreskilometer zusammen kommen und das Auto nicht jeden Tag benötigt wird. In dieser Form ersetzt das CarSharing-Angebot für viele Nutzer das eigene Auto, ohne dass es zu Mobilitätseinbußen kommt. Neben der Kostenentlastung des Haushaltsbudgets trägt die Ent­­lastung von allen lästigen Pflichten zur Zufriedenheit der CarSharing-Nutzer bei.

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Stationsunabhängiges („free floating“) CarSharing ergänzt die Angebote in einigen Ballungsräumen. Seit etwa 2011 bieten die Tochterunternehmen von einigen Autoher­stellern ein neues, stationsunabhängiges CarSharing-Produkt an. Sie erreichen damit in mittlerweile sieben deutschen Groß­­städten ein Massenpublikum. Das Neue an diesen Ange­­boten ist, dass sie nicht an ein festes Stationsnetz gebun­­den sind. Der eine Kunde stellt das Fahrzeug nach Erreichen seines Fahrtzieles innerhalb des definierten Geschäfts­­gebietes an einem freien Parkplatz am Straßenrand ab, der nächste Kunde lokalisiert die verfügbaren Fahr­zeuge in der Regel über seine App auf dem Smartphone. Die ein­­fache Handhabung erlaubt auch Einwegfahrten innerhalb des Geschäftsgebietes.

Drei Merkmale prägen diese Angebote und bestimmen auch die vorwiegenden Nutzungsmuster, die sich deutlich vom stationsbasierten CarSharing unterscheiden: Die Nutzung ohne vorherige Reservierung der Fahrzeuge erlaubt zum einen eine sehr spontane Entscheidung für diese Angebote. Andererseits bringt die Un­­möglichkeit, die
Fahrzeuge be­­reits vorab zu reservieren, eine gewisse Unsicherheit mit sich, ob sich zum gewünschten Zeitpunkt tatsächlich ein freies Fahrzeug in der Nähe des Nutzers befindet. Die relativ hohen minutenbasierten Nutzungstarife sind zudem auf sehr kurze Nutzungsdauern und damit kurze Ent­fer­nungen innerhalb des Ge­­schäftsgebietes ausgerichtet. Längere Fahrt­­weiten und Nutzungsdauern verursachen im Vergleich zu den Tarifen im stationsbasierten CarSharing deutlich höhere Kosten.

Die Angebote werden zunächst mit einer großen Auto­anzahl auf die Straße gesetzt. Zwar wurden von diesen Ange­boten und der sehr erleichterten Zugänglichkeit innerhalb kurzer Zeit große Nutzerzahlen erreicht, jedoch haben die Anbieter die Wirtschaftlichkeitsschwelle für das Gesamt­­angebot in Deutschland noch nicht überschritten. Ob der sehr bequeme Autozugang sich im Vorher/Nachher-Ver­­gleich in einer häufigeren Autonutzung auswirkt, ob die eine oder andere Fahrt mit dem stationsunabhängigen CarSha­­r­­ing-Angebot zulasten von ÖPNV und Fahrrad aus­­ge­­führt wird, ob also unterm Strich auch von diesen Angeboten eine positive Entlastungswirkung ausgeht, klären derzeit drei umfangreiche Evaluationsprojekte.

Die Plattformen des privaten Autoteilens. In einer weiteren Variante, dem privaten Autoteilen oder Peer-to-Peer CarShar­­ing, werden Fahrzeuge von privaten Autohaltern auf einer Online-Plattform anderen zur Verfügung gestellt, die gerade ein Auto benötigen. Von seiner Struktur her ähnelt dieses Modell eher einer Autovermietung von privat an privat und ist weniger auf die Alltagsmobilität als vielmehr auf außer­­gewöhnliche einzelne Anlässe ausgerichtet.

CarSharing hat sich inzwischen zum festen Mobilitäts­­angebot in Deutschland entwickelt, mit stetig steigenden Nutzerzahlen und einer kontinuierlichen Flächenausbreitung.

Der 1952 geborene Autor ist seit 2006 Geschäftsführer des Bundesverbandes CarSharing e.V. (bcs) und Autor mehrerer einschlägiger Publikationen. Zuvor war der studierte Pädagoge Willi Loose wissenschaftlicher Mitarbeiter und Leiter von Verkehrsprojekten beim Öko-Institut e.V. in Freiburg.