Wilhelm von Boddien: Die Wiedergeburt des Berliner Schlosses – Fundraising für eine „verrückte“ Idee

Das Schloss wird das vertraute Bild Berlins wiederherstellen, die ­historische Mitte vervollständigen, das Stadtbild heilen. Sein Wiederaufbau macht Berlin wieder zum geliebten Spree-Athen.

 

Das Berliner Schloss war einst der wichtigste Profanbau der Stadt, er verklammerte die ganze Mitte zu einem der bedeutendsten städtebaulichen und architekturhistorischen En­­sembles in Europa. Politischer Hass und Willkür der DDR-Führung besiegelten 1950 sein Ende, obwohl es, nach einem Bombenangriff ausgebrannt, durchaus wiederaufbaufähig gewesen wäre. Das Schloss war weniger zerstört als das Schloss Charlottenburg in Westberlin, dem man heute die damalige Ruine nicht mehr ansieht. Als 1990 die Wieder­­vereinigung es möglich machte, über den Wiederaufbau des Schlosses erstmalig nachzudenken, jährte sich seine Ver­­nichtung zum 40. Male. Es war vergessen.

Seine Rekonstruktion wurde von führenden Medien, von den Berufsverbänden der Architekten und vielen eher dem linken Spektrum zuzuordnenden Politikern für rückwärtsgewandt gehalten, ein solches Symbol der Vergangenheit wieder­­her­­zustellen sei einfach absurd. Und so wurde ich öffentlich zum Schlossgespenst, zum Chef der Schlossfälscherbande. Nüchtern gesehen war aber auch klar, dass sowohl die Gegner wie auch die Schlossbefürworter maximal je 5 Prozent der Be­­völ­­kerung auf sich vereinigen konnten, viel zu wenig, um sich durchzusetzen. Die Demokratie benötigt Mehr­heits­­­­­ent­­scheidungen. Uns fehlten 46 von Hundert, um diese Mehr­­heit zu gewinnen, den Gegnern aber auch.

Mehrheiten gewinnt man, in dem man Freunde findet, am besten im Multiplikatorenkreis der Gesellschaft, denn Treppen werden von oben gefegt. Von unten nach oben, also basisdemokratisch geht das nicht, denn dabei kommt immer wieder neuer Staub von oben nach unten, eine große Staubwolke entsteht – und die Oben wissen nicht, was darunter geschieht. So bauten wir ein Netzwerk von einflussreichen Multiplikatoren aus allen Kreisen der Gesellschaft, aus Leuten, auf die man hört. Aber damit hat man noch lange keine Mehrheit. Dazu muss man die Bürger gewinnen, in dem man sie fasziniert. Und da sagen Bilder mehr als tausend Worte. Auf dem öden Schlossplatz, einem zugigen Windkanal, konnte sich niemand mehr die ordnende Wirkung des Schlosses vorstellen. Also mussten meine Freunde und ich es bauen. Als Simulation, in bester tromp l’oeil – Manier gemalt auf 10.000 Quadrat­meter Plane, aufgehängt im Maßstab 1:1 an einem riesigen Raumgerüst – und alles innerhalb von 4 Wochen im Mai und Juni 1993. Die Leute rieben sich die Augen, als das Schloss auf einmal wieder da war. Es blieb zwei Sommer und einen Winter, nachts durchgehend angestrahlt. Aus der anfänglichen Sensation wurde Gewöhnung, man vergaß das Vergessen, der Ort sah plötzlich so normal aus, als ob hier nie etwas anderes ge­­standen hätte.

Ende September 1994 musste das Schloss wieder weg. Das Vakuum namens Berliner Mitte kam zurück, und viele Menschen bekamen Entzugs­­erschein­ungen. Neue Wände für den Windkanal, forderte auf einmal ein bedeutender Archi­­tek­­turkritiker und plädierte eindringlich für die Rekonstruktion. Eine achtjährige Debatte um die Mitte Berlins begann, musste immer wieder mit neuen Bildern befeuert werden. Alles diente nur der Gewinnung der Mehrheit, für die immer hektischer agierenden Schlossgegner hatten wir keine Zeit. Um die Mehrheit zu gewinnen, waren sie nicht nötig. Am 4. Juli 2002 entschied der Deutsche Bundestag mit einer 2/3 Mehrheit den Wiederaufbau des Schlosses mit einem zuvor verabschiedeten Nutzungskonzept des neuen Gebäudes, dem Humboldt-Forum.

Das ging nur, weil wir uns neu verpflichteten. Waren zuvor schon die Schlosssimulation privat finanziert worden, sicherten wir zur Entlastung der Steuerzahler zu, den Mehrpreis der Schlossfassaden gegenüber einem modernen Bau über ein privat organsiertes Fundraising in Höhe von 105 Millionen Euro zu finanzieren. Diese Zusage war der eigentliche Durchbruch.

Seitdem bauten wir unser Netzwerk systematisch aus, frei nach der Methode des Schneeballsystems, in dem unsere Schlossfreunde immer wieder neue Freunde so begeistern, dass diese auch spenden – und wiederum neue Freunde finden. So schafften wir bis Ende 2014 ein Spendenvolumen von 45 Millionen Euro, ohne dass ein historisches Bauteil zu sehen gewesen wäre. Allein 2014 waren es 15,6 Millionen Euro. Bis Ende 2019 wollen wir nun noch einmal 60 Millionen Euro schaffen, das sind im Jahresschnitt noch einmal je 15 Millionen. Die Frauenkirche in Dresden ist unser Vorbild. Bei Ihr gingen 2/3 aller Spenden erst im letzten Drittel der Bauzeit ein. Die Leute wollen zu Recht sehen, was mit Ihrem Geld passiert, wer schüttet es schon gern in ein schwarzes Loch? Die höchst präzise Bauplanung und Aus­führung ist dabei äußerst hilfreich – alles liegt im Plan.

Wir brauchen jetzt noch 150.000 Spender, die uns einmalig 400 Euro geben, steuerlich abzugsfähig. Das sind zwei Promille aller Deutschen, fünf Prozent aller Berliner oder gerade ein zweimal gefülltes Olympiastadion in Berlin. Diese 150.000 Deutsche gibt es bereits. Sie wollen nur überzeugt und für Ihren Einsatz auch gewürdigt werden. Diese Ehrung kann man später im Schloss und jetzt schon im Internet sehen, respektvoll, ideenreich und individuell. Für alle Spender, die uns 50 Euro und mehr geben- und die Veröffent­lichung Ihres guten Namens erlauben.

2011-10-Wilhelm-von-BoddienWilhelm von Boddien
Wilhelm von Boddien wurde 1942 im pommerschen Stargard geboren und wuchs nach 1945 in Aumühle bei Hamburg auf. Der Kaufmann ist Mit-Initiator für den Wiederaufbau des unter Walter Ulbricht gesprengte Berliner Stadtschlosses und seit 2004 Geschäftsführer des entsprechenden Fördervereins Berliner Schloss e.V.