Walter Heidl: Nachhaltig und zukunftsorientiert – Große Potenziale in Land- und Forstwirtschaft

Bayern mag ein Hightech-Standort geworden sein, doch die noch immer landwirtschaftlich geprägte Idylle im ländlichen Raum ist den Bayern heilig. Nachhaltigkeit fällt deshalb in jenem Bundesland, das als erstes ein Umweltministerium einführte, auf fruchtbaren Boden.

 

Eine große Auswahl an gesunden und hochwertigen Lebens­­­­mitteln, eine ge­­pflegte Kulturlandschaft mit satten Wie­­sen und bestellten Feldern sowie vitale ländliche Räume mit lebendigen Dör­­fern. All das ist in weiten Teilen Bayerns kein Wunschtraum, sondern Wirklich­keit. Dahinter steht eine multifunktio­­nale Land- und Forstwirtschaft mit unter­­schied­­lichen Betriebs­schwer­punkten und Betriebsformen und Bau­­ern, die Kulturlandschaft flächendeckend und nachhaltig bewirtschaften. Damit prägt die Landwirtschaft das Gesicht Bayerns nicht nur, sondern trägt auch zu einem wesentlichen Teil zur hohen Lebens­­qua­­lität im Freistaat bei. Die rund 100.000 land- und forstwirtschaftlichen Fami­­lien­­be­­triebe in Bay­­ern stehen für eine Zu­­kunftsbranche und machen Bayern zu einem attrak­­tiven Standort.

Das Agrarbusiness, die Land- und Forst­­­­wirtschaft mit ihrem vor- und nach­­gelagerten Bereich, ist ein wichtiger Be­­­­stand­teil der bayerischen Wirt­­schaft. Jeder siebte Arbeits­­­­­platz steht unmit­­tel­­bar mit der Land-, Forst- und Ernäh­­­­rungs­­­­wirt­schaft in Verbindung. Die Land­­­­­­­­wirtschaft ist gerade im ländlichen Raum mit über 100 Milliarden Euro eine umsatzstarke Zukunftsbranche. Die bayerischen Agrarexporte sind in den letzten Jahren kontinuierlich ge­­wach­­sen und lagen über den durchschnittlichen Exportzuwachsraten in der bayerischen Wirtschaft. Die baye­­ri­­sche Landwirtschaft zeichnet sich durch Viel­­falt aus und ist breit auf­­ge­­stellt. Als Selbstständige im ländlichen Raum sind unsere bay­erischen Land­­wirte je nach Standort, Neigung und Eig­­nung unternehmerisch aktiv. Die Tä­­tig­­keiten, ob im Haupt- oder Neben­­erwerb, gehen heute weit über Acker­­bau und Viehzucht hinaus. Landwirte sind heute beispiels­­weise Dienstleister, Direktvermarkter, Gastwirt auf dem Urlaubs­­bauernhof oder Energieversorger.

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Die Landwirtschaft ist Teil der Lösung für zentrale Heraus­­for­­derungen des 21. Jahrhunderts: Nach Schätzungen der Welt­­ernährungsorganisation FAO wird die Weltbe­völ­kerung bis zum Jahr 2050 auf etwa neun Milliarden Menschen an­­­­wachsen. Gleichzeitig ändern sich die Ernährungs­ge­wohn­heiten der Men­schen gerade in den Schwellenländern wie Indien oder China. Hier wächst die Nach­­frage nach hoch veredelten Produkten wie Eiern, Fleisch und Wurstwaren so­­wie Milch und Milchprodukten. Die FAO schätzt, dass zur Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung bis zu 70 Pro­­zent mehr Lebensmittel gebraucht werden. Die bay­erische und europäische Landwirtschaft will weiterhin in der La­­ge sein, ihren Beitrag zur Versorgung der 500 Mil­lionen EU-Bürger und der Weltgemeinschaft zu leisten. Deshalb müssen Produktionsmittel künftig noch zielgerichteter und effizienter eingesetzt werden. Das hat auch und gerade für landwirtschaftliche Flächen zu gelten, weshalb auch der zunehmende Flächen­­ver­­brauch gestoppt werden muss. Stan­­den weltweit pro Kopf 1970 noch 3.800 Qua­­­­drat­­meter Ackerfläche zur Verfü­­gung, so sind es aktuell­ schon weniger als 2.500 Quadratmeter. Seit 1970 sind allein in Bayern über 500.000 Hektar landwirt­schaft­­­liche Fläche durch Sied­­lungs- und Verkehrs­projekte ver­­loren gegangen. Das ent­­spricht in etwa dem heutigen Um­fang an Ackerfläche und Grün­­land in ganz Nieder­bayern. Wir brau­­chen dringend ein grundsätz­­liches Um­­denken bei der Wertschätzung und der Nutzung von landwirtschaftlichen Flächen.

Auch beim Klimaschutz ist die Land­­wirtschaft Teil der Lö­­sung. Die Land- und Forstwirtschaft trägt mit einem Anteil von circa sechs Prozent zu einem vergleichsweise geringen Teil zur Emis­­sion klimawirksamer Gase bei. Denn ein großer Teil der CO2-Emissionen beim Ver­­zehr von Nahrungs­mitteln wird vorher bei der Erzeug­ung gebunden. Nach­­haltigkeit ist in der Land- und Forst­­­­wirtschaft also keine moderne Wort­­hülse sondern die Bedingung für den Erhalt der Lebensgrundlagen. Bäue­­r­­in­nen und Bauern denken in Gene­ra­tionen und nicht in Quartalszahlen. Es liegt im ureigensten Interesse der Land­­­­wirtschaft, den Boden nachhaltig und schonend zu bewirtschaften und sorgsam mit Tieren umzugehen. Die bayerischen Landwirte er­füllen die weltweit höchsten Umwelt- und Tierschutz­auf­lagen und erhalten dafür als Gegen­­leis­tung Ausgleichszahlungen der EU. Über die Agrarumweltmaßnahmen erbringen die bayerischen Bauern außerdem auf jedem dritten Hektar zusätzliche, freiwillige Umweltleistungen.

Durch die Einbindung in die EU-Politik besteht für die bay­­erische Landwirt­­schaft fast vollständige Markt­orien­tie­rung. Staatliche Eingriffe und ordnungs­­politische Lenkung in der Agrarpolitik gehören der Vergangenheit an. Ange­­sichts der großen globalen Heraus­­for­­de­­rungen der Ernähr­ungs­sicher­­heit, der Energieversorgung und der Bekämp­­fung des Klima­wandels muss die Wett­bewerbsfähigkeit der bayerischen und europäischen Landwirtschaft weiter gestärkt werden. Die Landwirtschaft kann einen großen Beitrag dafür leisten, das Ziel der EU-2020-Strategie eines intelligenten, nachhaltigen und integra­­tiven Wachstums zu erreichen. „Grünes Wachstum“ für Arbeitsplätze und Wirt­­schaftskraft gerade im ländlichen Raum ist das Leitmotiv, an dem sich die Land- und Forstwirtschaft orientiert.

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Die Frage, wie es mit der europäischen Agrarpolitik (GAP) und damit auch mit der bayerischen Landwirt­schaft weiter­­geht, geht nicht nur die Bäuerinnen und Bauern an, sondern betrifft die ganze Gesellschaft. Die Er­­wartungen der Ge­­­sell­­schaft an die Land­­wirtschaft sind zurecht sehr hoch – schließlich liefert sie die Lebensgrund­­lage für uns alle. Gleichzeitig sind je­­doch viele Menschen weit weg von der landwirtschaftlichen Realität und der Arbeit auf den Höfen, auf den Flächen und im Wald. Der Trend in der öffentlichen Mei­­nung geht dahin, die Land­­wirtschaft zu romantisieren. Hier brau­­chen wir eine realistische und ehrliche Diskussion. Ermutigend ist, dass laut einer Studie von Euro­baro­meter aus dem Jahr 2010 über 90 Prozent der europäischen Bür­­ger der Ansicht sind, dass die Land­wirtschaft und der länd­­liche Raum für die Zukunft Europas lebenswichtig sind. Die Ziele der Ge­­mein­­samen Europä­­ischen Agrarpolitik (GAP) werden mehr­­heitlich befürwortet. Über 80 Prozent der be­­fragten EU-Bürger sprechen sich für die Bei­­behaltung der europäischen Agrar­zah­lungen aus. Dies zeigt, dass es einen breiten gesellschaft­­lichen Kon­­sens über die Ziele und die Aus­­ge­stal­­tung der GAP gibt. Daran müssen die Pla­­nun­­gen für die künftige GAP an­­knü­­pfen. Die bayerischen Bauern­fa­mi­lien stehen für eine nachhaltige, unter­­nehmerische, leistungs­­fähige, ver­brau­­­cher­­­­orien­­tierte, umwelt- und tiergerechte, dynamische und fortschrittliche, flächen­­­­deckende und vielfältige Land- und Forst­­­­wirt­­schaft. Und das auch in der Zu­­kunft.

Ziel meiner Arbeit als Bauernpräsident sind Bauern, die stolz sind, Bauern zu sein. Und eine Gesellschaft, die stolz auf ihre Bauern ist.

Heidl_WalterDer 1959 geborene Autor hat an der Fachhochschule Weihenstephan studiert. Der diplomierte Agraringenieur und ver­­heiratete Familienvater ist im Haupt­­be­­ruf Landwirt mit eigenem Hof im Landkreis Dingolfing-Landau. Heidl ist ehrenamtlich seit 2012 Präsident des Baye­­ri­schen Bauernverbandes BBV.