Volker Giersch: Erfolgreicher Wandel zum modernen Technologie- und Dienstleistungsstandort

Weitgehend unbemerkt hat sich das Saarland zu einer der wachstums- und innovationsstärksten Regionen Deutsch­­lands entwickelt. 50 Jahre nach der wirtschaftlichen Eingliederung in die Bundesrepublik präsentiert sich der kleins­­te deutsche Flächenstaat als mo­­derner Industrie- und Dienst­leis­tungs­­standort im Herzen Europas. Bei den wichtigsten Wirt­schafts­indi­ka­to­ren rangiert das Saarland heute im vorderen Mittelfeld der Bundesländer: Beim Wirtschaftswachstum etwa liegt es im laufenden Jahrzehnt hinter Bay­ern und Sachsen auf Rang drei der Län­­derskala. Die Arbeitsplatz­entwick­lung verläuft günstiger als bundesweit. Die Arbeits­­lo­­sigkeit ist deutlich niedriger als im Bundesdurchschnitt. Und bei der be­­ruflichen Ausbildung nimmt das Land gar eine Spitzenstellung ein.
Nach einem tief greifenden Struk­tur­wan­­­­­del verfügt das Land über eine breit ge­­­fächerte Wirtschaftsstruktur. In den Mon­­­­tan­­in­­dus­­trien, die den Wohlstand im Land jahrzehntelang gesichert hatten, gingen im Zuge einschneidender Krisen seit 1960 rund 80.000 Arbeitsplätze verloren. Dank einer stetigen Aufwertung des Stand­­­or­tes, einer attraktiven Forschungs­­­land­schaft und erfolgreicher Industrie­an­­siedlungen konn­­ten diese Verluste durch neue Arbeits­­plätze in der verarbeitenden Industrie, im Tech­­nologiesektor und im Dienstleistungs­be­­reich ausgeglichen werden.

Erfolgreiche Industrieansiedlung
Grundlage für die erfolgreiche Be­­wäl­­ti­­gung der Strukturprobleme waren bei­­spiel­­haf­­te Ansiedlungserfolge. Insge­samt konnten seit der wirtschaftlichen Ein­glie­­­­derung im Jahre 1959 weit mehr als 200 In­­dus­­trie­be­­triebe angesiedelt werden, die heute über 40.000 Mitarbeiter be­­schäf­­ti­­­gen. Vielfach handelt es sich dabei um Tochter­­unternehmen grö­­ßerer nationaler oder in­­ternationaler Un­ter­­neh­mens­grup­­­pen. Nach der Start­­pha­­­­se kam es in vielen Be­­trieben zu ei­­nem kräftigen Ausbau der Kapazitäten. Das wirtschafts­­freundliche Umfeld im Saar­­land bot den Nährboden dafür. Viel­­fach konnten sich die saarlän­­dischen Pro­­duk­tionsstätten günstiger ent­­wickeln als ihre Schwester­­be­­triebe in anderen Re­­gio­­nen. Nicht wenige stiegen gar zu „Leitwerken“ in ihrem Unter­neh­mensv­erbund auf.

ZF

Attraktives Umfeld für Investitionen und Innovationen
Wichtige Impulse für Wachstum und Struk­­turwandel gaben und geben die Inves­ti­­tionshilfen, die im Rahmen der regionalen Wirtschaftsförderung bis heute ge­­währt werden. Prägend für die Stand­ort­­gunst sind aber auch die Vorzüge, die der saarländische Arbeitsmarkt bietet – vor al­­lem die relativ gute Verfügbarkeit von qualifizierten und industrieerfahrenen Ar­­beitskräften.

Entscheidend war freilich auch, dass die Nachteile der nationalen Randlage mit der fortschreitenden wirtschaftlichen In­­te­­gra­­­­tion Europas stetig an Gewicht ver­­loren. Durch die Vollendung des europä­i­­schen Binnenmarktes und die Wirt­schafts- und Währungsunion profitiert das Saar­land mehr und mehr von den Vorteilen seiner Zentrallage. Zudem sorgt die zu­­neh­mend bessere Ein­­bindung des Lan­­des in die europäischen Verkehrsnetze dafür, dass die wichtigsten europäischen Absatz- und Be­­zugsmärkte schnell und kostengünstig zu erreichen sind. In Pa­­ris etwa ist man mit den Hochgeschwindigkeitszügen ICE und TGV von Saar­­brück­­en aus in we­­ni­­ger als 110 Minuten. Die Airports Saar­brücken und Zwei­­brücken bieten kos­­ten­­günstige Direktflüge in die wichtigsten Metro­­po­­len Europas an. Und auch mit dem Auto ist man dank der guten Ein­­­­bin­­dung in das Auto­­bahn­­netz schnell am Ziel.
Eine Trumpfkarte der Region sind die saar­­ländischen Hochschulen mit zu­­sam­­­­­­men rund 20.000 Studenten und die For­­­­schungseinrichtungen in deren Umfeld. Zu nennen sind hier etwa die Max-Planck-Institute für Informatik und Software­sys­­­­­teme, die Fraunhofer-Insti­tu­­te für zer­­­­­­stö­­rungsfreie Prüfverfahren und bio­­me­­­­dizi­nische Technik, das Leib­niz-Institut für Neue Materialien oder auch das Deut­sche Forschungszentrum für Künstliche In­­tel­­ligenz. Mittlerweile sind gut 200 tech­­no­­logieorientierte Un­­­­­ter­­neh­­men aus den Hoch­­schulen und In­­stituten hervor­gegan­­gen.

Moderne Technologien rund ums Auto …
Im Zuge des Strukturwandels hat sich das Gesicht der Industrie in den zurückliegenden Jahrzehnten erheblich verändert, wobei heute mehr denn je gilt: In­­dustrie ist Hightech.

Strukturell geprägt wird die Saar­in­dus­trie heute vor allem durch den Fahr­zeug­­­­bau und seine Zulieferindustrien. Dank des günstigen Produktmix ist diese Bran­­che bis heute der wichtigste Job-Motor an der Saar. Neben den Ford-Werken, die Ende der 60er Jahre in Saarlouis angesiedelt wurden, zählen zur saarländischen Fahrzeug­­industrie namhafte Zulieferer wie Bosch, Nemak Dillingen, Eberspächer, Decoma, ZF-Getriebe oder Johnson Con­­trols.
In modernen Produktionsstätten fertigen sie hochwertige Komponenten für Au­­to­­mobile aller Art: Diesel­einspritz­pumpen, Alu-Motorblöcke, Schall­dämp­­fer, Ab­­gas­­reinigungsanlagen, Profil­tür­rah­­men, Stoß­­fänger und Automatik­ge­­triebe. Hinzu kommen Fertigungsstätten führen­­der Reifen­­hersteller (zum Beispiel wie Mi­­che­­lin) und mittel­­ständische Aus­­­­rüs­­ter der Auto­­mo­­bilindustrie. Ins­­­­ge­­samt hängt heu­­te im Saarland jeder dritte In­­dustrie­ar­beits­­platz direkt oder indirekt vom Auto­­mobil ab. Mit einigem Recht spricht man deshalb vom „Auto­land Saar“.

Bosch

… und in anderen Industrien
Mit 11.700 Arbeitsplätzen ist der Ma­­schinenbau der zweitgrößte industrielle Arbeitgeber an der Saar, wobei sich das Profil der Branche in den zurückliegenden Jahrzehnten stark gewandelt hat – vom ehemaligen Montanzulieferer zu einem weltweit tätigen Anbieter in­­no­­vativer Produktionstechnik. Die Pro­­duktpalette weist Schwerpunkte in den Bereichen Sondermaschinen, Prüf­stän­de, Mess- und Regeltechnik sowie CIM-Komponenten auf. Eine wahre Re­­nais­­sance hat die saarlän­dische Stahl­­indus­­trie erlebt. Seit der Jahr­­tausendwende zählt sie wieder zu den wachstums­­stärksten Branchen im Land – dank konsequenter Fokussierung auf hochwertige Qualitäts­­stähle und in­­novativer Prozess­­technik. In­­dustrie­bran­­chen mit Gewicht sind zudem die Gie­ße­­reien, der Stahl- und Anlagen­­bau, die Stahl­­um­­for­­mung, die Elek­­trotechnik, die Energie- und Um­­welt­­technik und die Me­­dizintechnik.

Weitere Schwerpunkte in der Saar-In­­d­us­­trie bilden die Ernäh­rungs­­wirtschaft und die Verbrauchs­güter­in­dus­­trie mit Europas größtem Keramik­her­stel­­ler Villeroy & Boch.

Dienstleister im Aufwind
Auf Expansionskurs ist im Saarland auch der Dienstleistungssektor – vornehmlich im Bereich der unternehmen­­sorientierten Dienstleistungen. Dynamisch gewachsen sind etwa die Infor­­mations­­technik- und Consulting-Branchen, die inzwischen gut 6.000 Mitarbeiter be­­schäftigen. Be­­trächt­li­­che Zuwachs­­ra­­ten weisen auch Um­­welt­­dienstleister, medi­­zintechnische Dienst­­leister und die Versicherungsbranche auf, die insbesondere durch die Markterfolge des Direktversicherers CosmosDirekt und der Union Krankenversicherung AG Auf­­trieb erhielt.

Trotz all dieser Erfolge bleibt noch viel zu tun. Denn bekanntlich ist nichts be­­ständiger als der (Struktur-)Wandel.

PotraitDer Autor ist Hauptgeschäftsführer der In­­dustrie- und Handelskammer des Saar­lands. 1950 in Münster/West­­falen geboren, studierte Giersch in Saarbrücken Volkswirtschaft und wirkte später unter anderem als wissenschaftlicher Mitar­beiter in der Staatskanzlei des Saarlan­des. 1979 folgte der Eintritt in die IHK als Referent für Grundsatzfragen, Lan­des­pla­­nung und Industrie und 2000 die Ernennung zum Haupt­­geschäfts­führer.