Uschi Neuss: Live Entertainment – Die imposanteste Art, Geschichten zu erzählen

Mehr als 60 Millionen Besucher haben seit der Gründung von Stage Entertainment Germany im Jahr 2001 bundesweit ein Musical gesehen. Damit sind Musicals mit Abstand die beliebteste Kulturgattung in Deutschland. Unangefochtene Musical-Hauptstadt ­hierzulande und gleichzeitig auch Firmensitz von Stage Entertainment ist Hamburg.

Den Grundstein für die Entwicklung Hamburgs zur Musical-Metropole hatte allerdings schon 1986 der Theaterproduzent Fritz Kurz gelegt, als er von Andrew Lloyd Webber die Lizenz zur Aufführung von CATS in Deutschland erwarb. Mit dem Operettenhaus am Spiel­­budenplatz stand ihm seitens der Stadt Hamburg ein seinerzeit kostengünstiges Theater zur Verfügung. Den immensen Erfolg, den diese erste große kommerzielle Musical-Produktion in Deutsch­land dann feierte, hat er wohl nicht einmal selbst vor­­hergesehen. Es folgte vier Jahre später DAS PHANTOM DER OPER gleich mit einem Theaterneubau, der Neuen Flora. Auch dieses Stück kam beim Publikum hervorragend an, und so entstand rund um das für Deutschland neue Phänomen, dass eine Musik­theateraufführung die Kraft hatte, acht Mal pro Woche jahrelang vor vollem Haus zu spielen, eine komplette Infrastruktur: Die Theater boten Dar­­stellern aus aller Herren Länder die Möglichkeit, ihr Talent zu beweisen. Hotellerie, Gastronomie, Reise­ver­­anstalter, Werbetreibende, Einzelhandel, Vor­ver­­kaufs­­stellen – sie alle profitierten von der Neu­gierde der Menschen aus ganz Deutschland auf diese neue Unterhaltungsform.

Eine kurze Phase der Ernüchterung trat ein, als der – mittlerweile unter dem Namen Stella AG börsennotierte – Veranstalter irrigerweise davon ausgegangen war, dass man jedes Musical wirklich endlos spielen könne und 2002 Insolvenz anmelden musste. In der Zwi­­schenzeit war ein Wettbewerber auf den deutschen Markt getreten, der den Gast in den Mittelpunkt seines Denkens als Theaterproduzent gerückt und sich voll dem Kerngeschäft der Live Entertain­ment Produktion gewidmet hatte: Das Unternehmen Stage Enter­­tainment des niederländischen Theater- und TV Unter­­nehmers Joop van den Ende. Mit den glanz­­vollen Premieren von Disneys DER KÖNIG DER LÖWEN im Theater im Hafen und MAMMA MIA! im Operettenhaus hat Stage Entertainment zur Jahr­tau­send­­wende in Hamburg dem Genre neuen Schwung verliehen. 2002 übernahm Stage fast alle bundesweiten Theater der früheren Stella und bezog in der historischen Speicherstadt großzügige Flächen und Studios für die Deutschlandzentrale. Es folgten um­fassende Renovierungen in den Foyers, aber auch in den Sälen und der Bühnentechnik der drei großen Theater. Elegante Bars, Sammlungen zeitgenössischer Kunst, freundliche Vorderhaus­mit­arbeiter, vor allem aber auch höchstes Augenmerk auf gleichbleibend hohe künstlerische Qualität des Bühnen­ge­schehens: Diese Philosophie trug Früchte und wird seither vom Publikum mit dauerhaftem Zuspruch belohnt.

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2007 konnte Stage Entertainment erstmals die Uraufführung eines originär in Deutschland selbst entwickelten Musicals feiern: ICH WAR NOCH NIEMALS IN NEW YORK mit Songs des großen Udo Jürgens. Dies ebnete den Weg für eine Reihe weiterer Eigen­entwicklungen wie HINTERM HORIZONT, ROCKY und zuletzt DAS WUNDER VON BERN. All diese Stücke wurden in Hamburg ausgedacht und erarbeitet. Das krea­­tive Potenzial aus eigenen Landen mit der Exper­­tise internationaler Theatergrößen zusammenzubringen war dabei nicht nur künstlerisch sehr befruchtend, sondern festigte den Ruf und die Bedeutung Ham­burgs eben nicht nur als Abspiel-, sondern auch als Entstehungsort großer Musicals. Den Weltmarkt lassen wir dabei selbstverständlich nicht außer Acht: Dank unserer jahrzehntelangen Partnerschaft mit Disney Theatricals zum Bei­spiel haben wir nach dem KÖNIG DER LÖWEN Hit-Shows wie TARZAN oder jüngst ALADDIN natürlich auch in die Hanse­­stadt geholt.

Ein weiterer Meilenstein für Hamburg – und hohes un­­ternehmerisches Risiko für uns – war die Ent­schei­­­­dung, in Ham­burg ein viertes großes Mu­­sical Thea­ter zu bauen. 2014 kon­n­­ten wir das Stage The­­­­ater an der Elbe feierlich er­­­­­­öffnen. Und unser selbst entwickeltes Mu­­sical DAS WUNDER VON BERN hat unsere These be­­stä­tigt: Wenn und so­­lange die an­­­ge­­­­botenen Stü­­cke gut sind und das Pu­­bli­kum sie an­­­­nimmt, dann erzielen sie je­­weils ihre eigene Nach­­frage. So konn­­ten wir im Jahr 2015 ohne Einbußen in den anderen drei Theatern 500.000 zusätzliche Besucher nach Hamburg holen und haben damit auch die so genannte externe Kundenwertschöpfung – also Um­­sätze aus Anlass der Musicalbesuche, die nicht uns, sondern der hiesigen Tourismuswirtschaft zu­­gute­kommen – mit zuletzt 680 Millionen Euro ge­­gen­über den Vorjahren um mehr als 20 Prozent gesteigert.

Neubau-Eröffnung Stage Theater an der Elbe, November 2014.  V.l.n.r.: Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz, Stage Entertainment Germany  Geschäftsführerin Uschi Neuss, Janine und Joop van den Ende (Gründer Stage Entertainment)

Neubau-Eröffnung Stage Theater an der Elbe, November 2014.
V.l.n.r.: Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz, Stage Entertainment Germany
Geschäftsführerin Uschi Neuss, Janine und Joop van den Ende (Gründer Stage Entertainment)

Über Zahlen sprechen wir deshalb so viel, weil wir als eine der wenigen Kulturgattungen in Deutschland gänzlich ohne Subventionen auskommen müssen. Wir sind sozusagen zu unternehmerischem Erfolg verdammt. Und das mit einem Produkt, das bei jeder neuen Show Investitionen in zweistelliger Millionen­höhe erfordert, ohne dass ein Publikumserfolg im Vorfeld belastbar garantiert werden kann. Manchmal liegen wir auch wirklich „daneben“; häufiger allerdings treffen wir den Geschmack unseres Publikums oder können neue Zielgruppen mit neuen Erzählweisen, Stoffen oder Musikrichtungen neugierig auf das Genre machen. Was also macht den Zauber von Musicals aus? Zunächst einmal: das Live Erlebnis. Dazu ein Zitat aus der Neuen Zürcher Zeitung vom 29. Juli 2016, bezogen auf die jüngste HARRY POTTER In­­szenierung in London: „Der Zauber gelingt, weil das Theater, eine im digitalen Zeitalter fast schon archaisch erscheinende Kunst­form, die größtmögliche Unmittel­barkeit ermöglicht.“ Hinzu kommt beim Musical, dass die Einheit von Tanz, Ge­­sang, Orchester und Schauspiel in keiner anderen Theater­gattung so in­tensiv gelingt. Dass die Stoffe, um die es geht, nahbar sind und den Zuschauer berühren, ohne dass er sich Tage zuvor mit einem abstrakten Libretto be­schäftigen musste. Und dass beim Musical Insze­nie­rungs­effekte genutzt werden, die die Möglichkeiten des modernen Theaters voll ausschöpfen. Ich lade alle Leser dieses Buches herzlich ein, sich selbst davon zu überzeugen.

uschi-neussUschi Neuss
Die Autorin studierte in Köln u. a. Geschichte, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften. Auf siebenjährige Tätigkeit in einem Wirtschaftsprüferbüro folgte der Wechsel in die Theaterbranche: von 1996 bis 2000 bei der Stella AG, zuletzt als Geschäftsführerin der Neuen Flora in Hamburg, seit 2000 bei Stage Entertainment Deutschland, ab 2001 als Director Theater Operations verantwortlich für alle laufenden Produktionen. Im September 2013 Berufung zur Geschäftsführerin Stage Entertainment Deutschland.