Torsten Murke: Mittelstand braucht Unterstützung der Bankenbranche bei internationaler Expansion

Wachstum ist für den deutschen Mit­tel­­stand Verpflichtung und Heraus­for­­de­­rung zugleich. Eine Verpflichtung, weil die Exportstärke des deutschen Mittel­­stands eine wesentliche Voraus­setzung für seinen anhaltenden ökonomischen Erfolg darstellt. Eine Heraus­forderung, weil sich die Marktsituation verändert.

Noch beurteilt die Mehrzahl der heimischen Unternehmen die Geschäftslage als stabil und ist entsprechend zuversichtlich. Doch es gibt gewichtige He­­rausforderungen, die auf Unter­neh­men zukommen. Vereinfacht lassen sie sich in zwei Kategorien unterteilen – eine hat eine nationale, die andere eine internationale Dimension. Beide eint, dass sie sich als wachstumshemmend auswirken können, wenn die Unter­neh­men nicht an­­gemessen auf sie reagieren.

Die nationale Herausforderung lässt sich mit der demografischen Ent­wicklung der deutschen Bevölkerung erklären und erfordert die Erledigung einiger „Haus­­aufgaben“. In einer alternden Gesell­­schaft verändern sich die Anfor­­de­run­gen an Produkte, Design, Service und Kundenbetreuung. Auf diese Kunden­­be­­dürfnisse müssen sich die Unter­­neh­­men einstellen. Wer wachsen will, muss zu­­dem auf seinem Heimatmarkt die an­­­fallenden „Haus­­aufgaben“ erledigen. Stu­­dien zufolge planen viele Unter­­neh­­men des deutschen Mittelstands in den kommenden Monaten erhebliche Inves­­ti­tio­nen, vor allem in die Qualität der Maschinen für eine effizientere Pro­­duk­­tion und in die Modernisierung der IT-Systeme.

Die internationale Herausforderung ist mindestens ebenso groß und wird von Monat zu Monat größer: Sie ergibt sich aus der Wirtschaftslage der Eurozone. Zwar hat die Widerstandsfähigkeit des Mittelstands gegenüber konjunkturellen Schwankungen zugenommen, weil viele Unternehmen ihre Kosten gesenkt und die Eigenkapitalbasis verbessert haben. Doch das reicht nicht aus. Das Zentrum des deutschen Mittelstands liegt seit jeher in Europa. Die Schul­den­­krise hat aber die Planungssicherheit der Be­­trie­­be nachhaltig gestört. Die Unter­­neh­­men werden daher beinahe dazu getrieben, sich noch stärker auf Märkte außerhalb Europas zu fokussieren – hier erscheint das wirtschaftliche Potenzial zumindest kurzfristig weit größer als in Europa selbst.

KfW_1776Zwar fließen noch immer gut 40 Prozent der deutschen Exporte in die Euro-Zone und weitere 20 Prozent in die übrigen EU-Länder. Doch im Zuge der Globa­­li­sierung expandieren mittelständische Unternehmen zunehmend in Märkte au­­ßer­­halb Europas. Mehr als jeder dritte Export-orientierte Mittel­­ständler setzt einer jüngsten Befragung zufolge auf die Expansion in internationale Wachs­­tumsmärkte.

Das größte Wachstumspotenzial liegt in den Schwellenländern. China und Südost­­asien ebenso wie Indien, Bra­si­lien und Russland gelten als dynamische Märkte. Aber auch die USA werden zunehmend wichtiger als Absatzmarkt von Unter­­neh­­men. Nur wer in diesen Regionen präsent ist, kann sich erfolgreich in dem erwarteten Verdrän­gungswettbewerb in der Heimat durchsetzen.

Das Potenzial jedoch, sich über den Kon­­tinent hinauszubewegen, muss an­­ge­­messen finanziert sein. An dieser Stelle kommt die Bankenbranche ins Spiel. Mittelständische Unternehmen be­­­­nö­­ti­­gen starke Finanzpartner an ihrer Seite. Und zwar solche, die auf Augenhöhe kommu­­nizieren, ihre Be­­dürfnisse kennen und praxisorientierte Lösungen bieten. Erst recht, wenn die Unternehmen noch wei­­ter außerhalb ihres Heimatmarkts aktiv sind als bisher. Banken mit ihrem internationalen Netzwerk müssen daher den Unter­nehmen relevantes Know-how zur Ver­­fügung stellen. Die Expertise der Fi­­nanzinstitute in den neuen Märkten vor Ort gepaart mit einer lokalen Prä­­senz in der Fläche – davon kann ein in Europa verwurzelter deutscher Mittel­­stand auf neuen Wegen profitieren.

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Auch weil die Komplexität in der globa­lisierten Welt noch einmal deutlich ge­­stiegen ist. Der Finanzverantwortliche eines mittelständischen Unternehmens ist heute mit zahlreichen unterschiedlichen länderspezifischen Anforderungen konfrontiert – ob es um die Optimierung von Liquidität, den Aufbau kosteneffi­­zienter Strukturen oder die Einführung einer neu­­en Pro­­dukt­­li­­nie geht. Zu­­dem erschweren unterschiedliche regu­­la­­to­­rische Anforderungen die Umset­­zung vieler Projekte. Nur eine lokal ansässige Bank eines internationalen Netz­­werkes kann eine komplizierte Trans­­aktion vor Ort entsprechend steuern. Eine Expan­­sion in neue Märkte kann nicht nur zen­­tral von Deutschland aus finanziert wer­­den. An vielen Punkten sind international orientierte Banken gefragt, die lokale Märkte kennen und passende Lö­­sungen für den individuellen Bedarf des Unternehmens entwickeln können.

Auch das Management von Risiken rückt angesichts der weiteren Inter­­na­­tio­­­na­­li­­sie­­rung verstärkt in den Fokus deutscher Mittelständler. Sie wollen mit einem pro­­­­fessionellen Risiko­­mana­­gement den Fortbestand des Unter­­nehmens sichern. Deshalb sind die Unternehmen auf intel­­ligente Finanz-Lösungen angewiesen, mit denen sie sich gegen Zins- und Wäh­­rungs­­risiken absichern. Gerade in den Emerging Markets sind die Trans­­aktions­­kosten bei Währungsgeschäften deutlich höher als in den „vertrauten Märkten“ wie beispielsweise in UK oder der Schweiz. Diese Kosten und das Risiko gilt es sinn­­voll abzusichern.

KfW_0995Die Konsequenz aus beiden Heraus­­for­­derungen, der nationalen wie der internationalen, ist allerdings die gleiche: Der Finanzierungsbedarf der Unter­­neh­­men wächst. Der Rating­agentur Standard & Poor’s zufolge müssen europäische Mit­­telständler bis zum Jahr 2018 etwa 3,5 Billionen Euro frisches Kapital aufnehmen. Entgegen den landläufigen und im Umfeld der Krise entstandenen Vor­­urteilen ist der Bankkredit dabei kein Auslaufmodell. 90 Prozent ihres Fremd­­kapitals finanzieren deutsche Mittel­ständ­ler immer noch über Bankkredite.

Wenn heute also viele Banken in scheinbarer Einmütigkeit Mittelstands­offen­siven starten, ist dies mitnichten die verzweifelte Suche einer Branche nach neuen Ertragsquellen. Es sind vielmehr essenzielle Initiativen, um den Mittel­stand an­­gemessen zu versorgen. Für die Finan­­zie­­rung des Wachstums braucht der Mit­­tel­­stand geeignete Partner und stellt zu Recht hohe Ansprüche an die Finanz­­ins­­titute. Gleichzeitig befürchten die Unter­­nehmen aber aufgrund der stren­­geren Re­­geln für Banken (etwa die unter Basel III bekannten Eigen­­ka­­pi­tal­­anfor­de­­run­­gen), dass sie in Zukunft für frische Kredite eher mehr bezahlen müs­­sen.

Die Banken müssen daher noch stärker auf die gestiegenen Anforderungen rea­­gieren und Angebote aus einer Hand bieten. Ein weltweites Netzwerk mit lo­­kaler Expertise, ein professionelles und individuelles Management von Währungs- und anderen Risiken sowie neue Finan­­zierungsmöglichkeiten neben dem Bank­­kredit. Mit dieser Beratungs­leis­tung der Banken erhält der Mittelstand den notwendigen „Kraftstoff“, um weiterhin die Lokomotive der deutschen Wirtschaft zu bleiben und gleichzeitig auf der Welt­­bühne angemessen vertreten zu sein.

TMurke_small_6820Der Autor wurde 1963 geboren und hat in Köln Betriebswirtschaftslehre studiert. 2011 stieg er nach verschiedenen Positionen in New York, Frankfurt und London bei der BNP Paribas S.A. ein. Er ist CEO Corporate and Investment Banking Germany und seit 2013 Mitglied des Vorstands von BNP Paribas Germany.