Toralf Weiße: Halle (Saale) in Bewegung – Eine Logistik-Region startet durch

Kaum bemerkt von der Öffentlichkeit, neben rasanten Entwicklungen im Be­­reich der Wissenschaft und der produzierenden Wirtschaft auf den Feldern Che­­mie, erneuerbare Energien, Ma­­schi­­nenbau, Lebensmittelindustrie, Kom­mu­­ni­kations- und Informations­tech­no­lo­gie, Medien- und Kreativwirtschaft und vie­­le mehr, hat die Region in den vergangenen Jahren ein weiteres starkes und für die Zukunft möglicherweise erfolgsent­­scheidendes Profil entwickelt: die Lo­­gis­­tik. Halle entwickelt gemeinsam mit der Nachbarstadt Leipzig und den angren­-zen­­den Landkreisen eine der auf­stre­bend­­­­­sten Logistik-Regionen in Eu­­ro­pa.


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Logistik ist für die Wirtschaft ebenso be­­­­deutend wie das Herz-Kreis­lauf­-Sys­tem für den menschlichen Körper. Mehr noch: In der global verflochtenen Wirt­-schaft ge­­hört noch ein gutes Stück Ge­­hirn, also intelligentes Manage­ment da­­­­zu. Güter- und Waren­ströme müs­­sen so be­­wegt werden, dass weltweit arbeitsteilige Pro­duk­tions-, Be­­ar­bei­­tungs- und Dis­­tributions­schritte genau zur rechten Zeit, in der richtigen Menge, mit minimalem Ener­gie- und Kosten­auf­­wand be­­dient wer­­­­den. Logistik bringt Angebot und Nach­frage materiell zusammen. Ohne Logistik wären die Werkstätten, Produktionshallen und Bü­­ros ebenso leer wie die Su­­permärkte, Wohnzimmer und sonstigen Lebensbereiche.
Logistik-Infrastruktur und Logistik-Kom­­pe­­­tenz sind also ganz entscheidende Stär­­­ken eines Wirtschaftsraumes, und hier hat die Region Halle-Leipzig in den vergangenen Jahren kräftig zugelegt. Be­­günstigt wird dies durch die einzigartige geografische Lage. Faltet man die Karte der EU zweimal über Kreuz, so liegt der Schnittpunkt der Mit­­tel­li­ni­en im Raum Halle-Leipzig. Nicht zuletzt durch die EU-Erweiterung hat sich der Wirt­schafts­­­schwer­­punkt Euro­pas so­­weit nach Osten verlagert, dass Halle in der Mitte liegt und die Summe dieser EU-­Wirt­schafts­­­räume, egal ob West oder Ost, Nord oder Süd vom Zentrum aus mit ge­­ringster Gesamt-Trans­port­ent­fer­­nung zu erreichen ist.

Ohne geeignete Infrastruktur wäre der geo­­grafische Vorteil allerdings kaum von Wert. Gerade um ihre Infrastruktur wird die Region jedoch heute von Wett­be­­werbern beneidet. Durch systematischen Ausbau der Verkehrswege im Rah­­men der Projekte „Deutsche Ein­heit“ und der Gemeinschaftsaufgabe „wirt­schafts­­­nahe Infrastruktur“ verfügt die Logistik-Region Halle-Leipzig heute über eine Aus­­stattung und Anbindung in al­­len Himmels­richtun­­gen auf Straße, Schie­­ne, in der Luft und zum Teil auch auf dem Wasser sowie über intermodale Ver­la­demöglichkeiten zwi­­schen diesen Ver­kehrsträgern, die bundes- und EU-weit wettbewerbsfähig sind.
In Einzelmerk­malen suchen sie sogar ihresgleichen.

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Dreh- und Angelpunkt der Lo­­gis­tik­in­fra­­­­struktur der Region ist selbstverständlich der Flughafen Leipzig/Halle mit zwei groß­­flugzeugtauglichen Start- und Lan­­de­­­­bah­­nen und uneingeschränkter Be­­triebs­­­­er­­laubnis rund um die Uhr für den Fracht­­­­flugverkehr. Prominentester Nut­­­­­zer ist das europäische DHL-Luftfracht-Dreh­kreuz, das aufgrund der Standort­vor­­tei­­le 2008 von Brüssel an den Flug­­hafen Leip­­zig/Halle verlagert wurde – immerhin mit mittelfristigen direkten und indirek­ten Beschäftigungs­effekten von circa 10.000 neuen Arbeitsplätzen in der ge­­samten Logistik-Region. Über dieses Dreh­­kreuz ist nahezu jeder Punkt auf dem Erdball für eine luftfrachttaug­­li­che Sendung binnen ein bis zwei Ta­­gen er­­reichbar.
Weitere Pluspunkte: Für den dynamischen Personal-Bedarf stehen in ausreichender Zahl gut ausgebildete Fach­­kräfte in der Region zur Verfügung, auf die weitere Ansiedlung von Unter­neh­men warten zahlreiche vollerschlossene Ge­­werbe- und Industrieflächen, und, wenn es dann ernst wird, ermöglichen die zu­­ständigen Behörden durch Ko­­or­di­­­nation und Vorrang der Ar­­beits­platz­schaff­­ung rekord­verdächtig kurze Ab­­wick­­­lungs­­zeiten der nötigen Ge­­neh­mi­gungs­­ver­­fah­­ren. In jeder Hinsicht zeich­­­­net sich die Lo­­gistik-Region Halle-Leip­­zig durch Schnel­­ligkeit aus. Daher verfügt sie zu Recht über das Leitbild: „Schnelle Re­­gion für schnelle Logistik“.

Nicht nur die Luftfracht-Logistiker ha­-ben diese regionalen Vorteile erkannt. Auch andere Unternehmen, die neben hervorragenden allgemeinen Stand­­ort­bedingungen auf schnelle in­­ter­­nationale Erreichbarkeit ihrer Kunden oder auf erstklassige Verbindungen mit ih­­ren global verteilten Lieferanten setzen, haben sich bereits im Raum Halle-Leipzig angesiedelt. Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht abzusehen und wird auch nicht gewünscht. Gerade die Vielfalt der Branchen und Un­­ternehmen eröffnet viele For­­men der Kooperation und Syn­­ergie­ef­fekte, erzeugt weitere positive Effekte für den regionalen Beschäfti­gungs­markt und sichert die Region ge­­gen strukturbedingte Risiken.

Taktgeber und Träger dieser wirtschaft­lichen Pulsbeschleunigung ist unter an­­­­derem der überproportional wachsende Dienstleistungssektor Logistik, das heißt Logistik-Unterneh­men aller Aus­­prä­­­gun­­­­­­gen und­­ Größenordnungen, Logis­­tik-­Fach­­­­­­­­leu­­te, zugehörige For­­schungs- und Bil­­­­­­dungs­­­­­­­­einrichtungen und Lo­­gis­­tik-Ver­­ant­­­­­­wortliche in Politik, Ver­­wal­­tung und Wirt­­­­schaft. Verschiedene Studien ha­­ben er­­ge­­ben, dass in Mittel­­deutsch­­land bis 2015 mit einem Anstieg­ der Be­­­­schäf­­ti­­­­gung im Logistiksektor im fünf- bis sechs­­­­­­stel­­ligen Bereich gerechnet wird. Die Se­­­­­­kun­­där­effekte der Neu­ein­stel­lun­­­­gen bei den angesiedelten Logistik-Kun­­­­­­­­den sind hier­­bei noch nicht eingerechnet.
Um die Zukunftschancen der Logistik für die Region optimal nutzen zu können, bedarf es der intensiven Kom­­mu­­nikation, Koordination und Kooperation all dieser Akteure im Interesse der Lo­­gistik-Region Halle-Leipzig.


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Nach systematischen Vorarbeiten 2007/ 2008, in denen die direkt betroffenen Akteure befragt wurden, um eine tragfähige Konzeption der Zusammenarbeit mit praxis­relevanten Zielen und Auf­­ga­­benfeldern an der Basis zu ermitteln, hat sich im September 2008 ein „Netz­­werk Logistik Leipzig-Halle e.V.“ mit 20 Gründungs­mitgliedern konstituiert. Bin­­nen kurzem, nach weniger als einem halben Jahr, hat sich die Mitgliederzahl dieses Netzwerks mehr als verdoppelt und wächst weiterhin. Dies beweist, dass der Kooperations- und Verbundansatz von der regionalen Logistikwirtschaft dringend gewünscht und aktiv getragen wird. Zur Mitgliederstruktur gehören heute die Städte Halle, Leipzig und Schkeuditz, der Kreis Nordsachsen, die Industrie- und Handels­kammern Halle-Dessau und Leipzig, Bildungseinrich­tungen wie zum Beispiel die Universi­tät Leipzig und die Handelshochschule Leipzig, struktur­bestimmende große Lo­­gistiker wie DHL, Schnellecke und Si­­mon Hegele und – nicht zuletzt, sondern ganz entscheidend – zahlreiche kleine und mittlere Unternehmen des Logistik­­sek­­tors, die nahezu die gesamte Wert­schöp­­fungskette und das Spektrum der Dienst­­leistungen der Logistik abbilden.

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Das Netzwerk will dazu beitragen, dass sich die Logistik-Region Halle-Leipzig zur international etablierten schnellen Drehscheibe im Herzen Europas entwickelt. Die Ziele des Netzwerks sind da­­her die Förderung der Information, Kom­­munikation und Kooperation zwischen den Logistik-Akteuren und Verant­wort­lichen der Region, die Unterstützung der Ansiedlung weiterer arbeitsplatzschaffender Unterneh­men in der Re­­gion, die Förderung der Zusam­men­­ar­­beit von Logistikern und Ver­la­­dern im Supply-Chain-Management, die nationa­­le und internationale Po­­si­­tio­­nie­­rung der Lo­­gistik-Region Halle-Leip­­zig als at­­trak­­tiver Produktions- und Dis­­­tri­butions­stand­­ort im Herzen Eu­ropas, die Quali­fi­zie­rung, Entwicklung und Si­­cherung des Fach­­personals für Lo­­­gis­­tikberufe und die Werbung für das Berufs- und Ar­­beitsfeld Logistik sowie die Sensi­bili­sie­­rung von Politik und Öffentlichkeit für die Schlüs­sel­funktion der Logistik im Kontext der weiteren positiven Ent­wick­­lung der Wirt­­schaftsregion.

Halle und Leipzig haben die Zeichen der Zeit erkannt und be­­kennen sich zum regionalen Cha­­rak­teristikum „Schnelle Region für Schnelle Logistik“. Damit ist keine Hektik ge­­­meint. Im „Land der Früh­­­aufsteher“ muss es nichts Schlechtes bedeuten, wenn man früh aktiv und wach ist und sich dann etwas schneller als andere be­­wegt. Die Bürger der Re­­gion werden sich freuen, wenn man dann auch et­­was schneller ans Ziel gelangt.

Porträtbilder-Toralf-Weiße-001Der Autor wurde 1966 geboren und war von 1987 bis 1993 bei der Flach­­glas Tor­gau GmbH tätig. 1993 wurde der ge­­lern­te Verkehrsfachwirt Nieder­las­sungs­­leiter der internationalen Spe­di­tion Weigl & Co. KG. Seit 1999 ist er Leiter der Unterneh­mens­­gruppe Si­­mon Hegele Gesellschaft für Logistik und Service mbH am Stand­ort Halle und Vor­stand des Netz­werkes Lo­­gistik Leipzig/Halle e.V.