Thomas Rachel: Demografischer Wandel – Herausforderung für die Gesundheitsforschung

Die Chancen, gesund zu altern, stehen heute besser denn je. Gleichwohl treten im Alter weiterhin verstärkt schwere Krankheiten wie Demenzen, Parkinson, Herz- und Kreislauf-Erkrankungen, Depressionen oder Krebs auf. Von den heute über 60-Jährigen sind viele chronisch krank oder werden von verschiedenen Erkrankungen beeinträchtigt. Die deutsche Gesundheitsforschung steht vor gewaltigen Herausforderungen. Die Bundesregierung baut deshalb die Förderung für Forscher aus, deren Arbeiten einem besseren Leben im Alter zugutekommen.

 

Unsere Lebenserwartung hat in den vergangenen Jahr­zehnten deutlich zugenommen. Dies verdanken wir auch den großen Fortschritten in der Gesundheitsfor­schung. Jeder zweite Mann wird heutzutage wenigstens 80 Jahre alt, jede zweite Frau kann sogar ihren 85. Ge­­burtstag feiern. Diese sehr positive Entwicklung geht jedoch auch damit einher, dass bestimmte Erkrankungen häufiger auftreten. Die Zahl der Menschen, die heute an Krebs, Herz-Kreislauf-, Stoffwechsel-, Infektions-, Lungen- oder neurodegenerativen Erkrankungen leiden, steigt spürbar. Handlungsdruck entsteht zusätzlich durch das Aufkommen und die rasche globale Verbreitung neuer Krankheitserreger und die Entstehung von multiresistenten Keimen.

 

Besonders deutlich werden die Folgen einer älter werdenden Gesellschaft am Beispiel neurodegenerativer Er­­krankungen. Nach Angaben der Deutschen Alzheimer Gesellschaft leben in Deutschlang rund 1,4 Millionen Demenzkranke. Jedes Jahr kommen fast 300.000 Neu­­erkrankungen hinzu. Schätzungen gehen davon aus, dass die Zahl der Erkrankten bis zum Jahr 2050 auf etwa drei Millionen steigen wird. Neben den Belastungen für die Patienten und deren Angehörige steht dadurch auch unser Gesundheitssystem vor neuen Herausforderungen.

Um für die Erforschung der großen Volkskrankheiten bessere Voraussetzungen zu schaffen, hat das Bundes­ministerium für Bildung und Forschung (BMBF) die Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung (DZG) initiiert: das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE), das Deutsche Zentrum für Dia­be­tesforschung (DZD), das Deutsche Zentrum für Herz-­­Kreislauf-Forschung (DZHK), das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung (DZIF), das Deutsche Zentrum für Lungenforschung (DZL) und das Deutsche Konsortium für Translationale Krebsforschung (DKTK). Ziel ist es, Forschungsergebnisse rasch in die klinische Praxis zu überführen: Die Menschen sollen unmittelbar von der Forschung profitieren. Dazu arbeiten die besten Köpfe unabhängig von Instituts- und Fächergrenzen deutschlandweit zusammen. Das Bundes­forschungsministerium wird bis 2015 über 750 Millionen Euro für diese Zen­tren zur Verfügung stellen.

Gekühlte Proben von Tumoren werden in Tumorbanken aufbewahrt. Sie stehen für spätere Untersuchungen und wissenschaftliche Studien zur Verfügung.

Die Erforschung von Krankheitsur­sachen und die Ent­­­wicklung neuer Dia­gnose- und Therapie­möglichkeiten ist ein zeit- und kostenintensiver Prozess, der nicht nur von den Forschern, sondern auch von einem Forschungs­­förderer wie dem BMBF ein langfristiges Engagement verlangt. Bei den neurodegenerativen Erkrankungen haben die langjährige Forschungsförderung des BMBF und schließlich die Institutionalisierung durch das DZNE dazu beigetragen, die zugrundeliegenden Krankheitsme­­chanismen besser zu verstehen, Risikofaktoren zu er­mitteln und Methoden zur genaueren und früheren Diagnose zu entwickeln. Dennoch sind Demenzerkran­kungen immer noch nicht heilbar.

Unser wachsendes Verständnis grundlegender Krank­heitsmechanismen schafft die Voraussetzungen für eine auf die Erbanlagen, Umwelteinflüsse und Lebensgewohn­heiten einzelner Menschen beziehzungsweise bestimmter Bevölkerungsgruppen zugeschnittene Medizin. Im Fokus dieses als individualisierte Medizin bezeichneten An­­satzes steht neben einem besseren Verständnis von Krankheitsmechanismen insbesondere die zielgenaue Prävention, Diagnose und Behandlung. Mit dem 2013 vorgestellten Aktionsplan „Individualisierte Medizin“ und den damit verbundenen Fördermaßnahmen will das BMBF dazu beitragen, das Wissen über individuelle Faktoren der Krankheitsentwicklung und die Behandlungsmög­lich­­keiten zu verbessern.

Die Entwicklung zielgenauer Behandlungsansätze ist in der Onkologie besonderes weit fortgeschritten. In der Krebsbehandlung wird häufig eine medikamentöse Thera­­pie eingesetzt. Aber die Wirksamkeit einer solchen Therapie variiert zwischen verschiedenen Pati­enten sehr stark. Unter den teilweise schweren Neben­wirkungen einer Chemotherapie muss jedoch ein Groß­teil der Behandelten leiden. Für die Wirksamkeit der medikamentösen Be­­handlung sind die krebsverursachenden Veränderungen im Erbgut des Patienten sowie Resistenzen des Tumors ausschlaggebend. In den vom BMBF geförderten Spitzen­clustern „m4 – Personali­sierte Medizin“ und „Ci3 – Cluster für Individualisierte Immun­Intervention“ werden deshalb neue Behandlungs­ver­fahren entwickelt, die beim individuellen Patienten optimal wirksam sind und so wenige Nebenwirkungen wie möglich hervorrufen.

Das Problem unwirksamer Medikamente betrifft jedoch leider eine Vielzahl von Krankheiten. Je nach Krankheit wirken auch die besten Medikamente bei lediglich 30 bis 70 Prozent der Erkrankten. Hier soll in Zukunft die Systemmedizin helfen, dieses Problem zu lösen. Verbes­­serte Untersuchungsmethoden und die Nutzung der damit erhobenen großen Datenmengen in Modellen werden voraussichtlich schon in naher Zukunft dazu führen, dass die Datengrundlagen für Diagnose und Thera­pieentscheidungen sich deutlich vergrößern werden. So gibt es bereits heute Ansätze dafür, Therapie­entscheidungen aus komplexen mathematischen Mo­­dellen biologischer Systeme abzuleiten, die verschiedene Datensätze integrieren.

Aber genau solche Fort­schritte, die notwendig sind, um die drängenden Probleme der Gesundheitsforschung zu lösen, werfen häufig vielfältige soziale, rechtliche und ethische Fragen auf. Ein besseres Verständnis der genetischen Krankheitsursachen kann auf der einen Seite helfen, Patienten zielgenauer zu behandeln. Auf der anderen Seite ergeben sich daraus aber auch neue Fragen. Welche Anfor­derungen darf die Gesellschaft bezüglich der Gesundheitsvorsorge an den Einzelnen stellen, sobald ein erhöhtes Erkrankungsrisiko besteht? Ergibt sich aus der Kenntnis eines Risikos die Pflicht eines jeden Einzelnen zu einem individuell angepassten gesundheitsbezogenen Verhalten? Wem dürfen Daten über ein individuelles Krankheitsrisiko zugänglich ge­macht werden?

Um das Potenzial der Erkenntnisse aus der Gesund­heitsforschung für die Verbesserung der Patientenver­sorgung weitgehend nutzen zu können, müssen solche Aspekte möglichst frühzeitig erkannt und diskutiert werden. Auch muss frühzeitig analysiert werden, welcher normative oder regulative Rahmen einen verantwortungsvollen Umgang mit den neuen Möglichkeiten gewährleistet. Um diesen Prozess zu unterstützen, för­­dert das BMBF die sogenannte ELSA-Forschung in Er­­gänzung zur Forschungsförderung des BMBF im Bereich der modernen Lebenswissenschaften. Hinter der Abkür­zung „ELSA“ verbirgt sich ein eigenständiger Forschungs­zweig, der sich mit den ethischen, rechtlichen und so­zialen Aspekten („Ethical Legal and Social Aspects“) der modernen Lebenswissenschaften auseinandersetzt.

Apparatur zur kontrollierten Exposition mit Tabakrauch.

Kaum ein Forschungsgebiet hat sich in den letzten Jahren so rasant entwickelt wie die Lebenswissenschaften. Viele Krankheiten, die noch vor einigen Jahren nicht behandelbar waren, haben mittlerweile ihren Schrecken verloren. Mit dazu beigetragen hat die kontinuierliche For­­schungsförderung durch das BMBF. Es liegen jedoch gerade im Hinblick auf die demografische Entwicklung noch große Herausforderungen vor uns, denen wir uns in den kommenden Jahren stellen werden.

 

Thomas Rachel, MdB ist seit November 2005 parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung. Dem deutschen Bundestag gehört er ununterbrochen seit 1994 an. Vor seiner Berufung zum parlamen­tarischen Staatssekretär war er Obmann für Bildungs- und Forschungspolitik der CDU/CSU-Bundestagsfraktion sowie Sprecher der CDU/CSU-Fraktion in der Enquete-Kommission „Ethik und Recht der modernen Medizin“. Er ist seit 2003 Bundesvorsitzender des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU (EAK).