Susanne Koelbl: Brief aus Amerika

Über der Hüfte des Sicherheitsbeamten am Flughafen in Detroit beult sich ein dunkles Lederholster mit einem Funkgerät und einer Pistole, er trägt ein schwarzes Hemd, schwarze Hosen. Wie ein Baum steht er mit verschränkten Armen breitbeinig am Ausgang der Maschine. Als die Schlange der Passagiere stockt, komme ich zufällig vor ihm zum Stehen, er mustert mich für eine Sekunde und lächelt: „Ich mag Ihre Jacke.“

Meine Lieblingsjacke. Es ist ein schmaler Gehrock aus grünblau-gestreifter dunkler Seide mit roten Stickereien auf Kragen und Armaufschlägen, maßgeschneidert in Kabul.

Das Jackett kam gerade noch rechtzeitig, wie vereinbart per Kurier, bevor ich im August für zwei Monate nach China und dann in die USA aufbrach, um für ein Jahr an die Universität von Michigan zu gehen. „With warm wishes from Kabul, Nazima“, stand in blauer Tinte auf einem kleinen Pappzettel in dem Paket.

AFG_2010_12-6180-KopieNazima ist die Geschäftsführerin von Zarif Design, einer außergewöhnlichen Schnei­­derei in der Butcher-Street in Shar-e-Nau, nahe dem Zentrum der afghanischen Hauptstadt. Das kleine Modelabel wurde vor sechs Jahren von einer Schweizer Architektin afghanischer Herkunft gegründet. Sie und ihr Team entwickelten einen bestechend eleganten Stil, eine Fusion aus alten orientalischen Stoff- und Stickerei-­­Designs und exquisiter Schneidermeister-­­kunst, wie man sie vielleicht noch in Italien findet.

Warum erzähle ich diese Geschichte? Die Geschichte meiner Jacke ist auch meine Geschichte mit Afghanistan. Eine gute Erfahrung in einem schwierigen Land.

Als Journalistin habe ich viel über den Krieg geschrieben. Aber der Krieg ist nicht Afghanistan. Afghanistan ist die Summe der Geschichten seiner Menschen und an was sie sich erinnern.

Die Amerikaner hier im Mittleren Westen der USA erinnern sich inzwischen nur noch an die Opfer und die Kosten dieses Konflikts: Von den 2.706 westlichen Soldaten, die bis Anfang November 2011 in Afghanistan ihr Leben ließen, waren 52 Deutsche und 1.748 Amerikaner. „Wofür sterben unsere Soldaten dort noch?“, fragen die US-Bürger zehn Jahre nach dem Einmarsch am Hindukusch, und warum werden weiterhin monatlich neun Milliarden für diesen Krieg ausgegeben, wenn das Land gleichzeitig unter seiner Schuldenlast bankrott zu gehen droht?

Meine stärksten Erinnerungen an Afgha­­nistan sind die Begegnungen auf den Reisen durch dieses ungezähmte Land. Über fünfzig Mal bin ich für das Nach­­richtenmagazin „Der Spiegel“ dorthin ge­­fahren, von 34 afghanischen Provinzen konnte ich 27 besuchen. Die meisten Bewohner dort sind noch immer unvorstellbar arm und jede Familie hat in diesen blutigen letzten Jahrzehnten mehrere Angehörige verloren. Dennoch, fast alle Afghanen, mit denen ich bisher arbeitete oder geschäftlich zu tun hatte, waren über­­raschend freundliche und zuverlässige Partner. Dieses Prädikat gilt sogar für einen Mann, von dem dies schon deshalb nicht zu erwarten war, weil er auf der anderen Seite steht, seine Gefolgsleute bekämpfen unsere Soldaten.

„Morgen um fünf Uhr, vor Ihrem Haus“, sagte der bärtige Kabuli. Der Kontaktmann versprach, mich zu einem der engsten Vertrauten Gulbuddin Hekmatjars zu bringen. Hekmatjar ist ein islamistischer Politiker und Guerilla-Kommandeur, der im Untergrund lebt und Bombenan­schläge und Selbstmordattentate gegen westliche Truppen verübt. Hekmatjar gehört zu den am meisten gesuchten Extremisten.

Die Sache war riskant: Ich musste meinem Kontaktmann vertrauen, nicht entführt zu werden, er musste umgekehrt mir vertrauen, dass ich die Spur zu Hekmatjars Repräsentanten nicht an die Amerikaner verriet, die mit ihren Spezialkräften Jagd auf seine Führungs-Truppe machten. Meine Gastgeber ließen sich auf das Treffen ein, weil sie ihre Version des Konflikts in einem deutschen Medium dargestellt sehen wollten.

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Die Fahrt ging über Staub-Straßen aus der Hauptstadt hinaus nach Osten. Unser Ziel war der afghanisch-pakistanische Grenz­­­posten Torkham am Khyber-Pass. Fast acht Stunden dauerte die Fahrt damals, kurz nach dem Fall der Taliban, und die Schlaglöcher auf dem Weg waren so tief wie Mondkrater.

Hekmatjars Vertrauter entpuppte sich als dessen früherer Sekretär. Dieser wusste sehr genau, wo sich sein Vorgesetzter zu diesem Zeitpunkt aufhielt. Das Gespräch ging fast zwei Stunden, wir aßen gemeinsam und stritten heftig. Darüber, ob die amerikanische Invasion legal war, über das Recht zum bewaffneten Widerstand, die Möglichkeit, dass die Hesb-i-Islami, Hekmatjars Islamisten-Partei, in Afgha­nistan doch mit dem Westen zusammen­arbeiten könnte, um den Afghanen ein besseres Leben zu ermöglichen, was er damals radikal ausschloss.

Ich habe Hekmatjars Sekretär über die Jahre immer wieder gesehen, ich wollte wissen, wie die andere Seite denkt und ob sie sich bewegt. Er kam stets pünktlich und wenn er mir etwas aus Sicher­­heitsgründen verschwieg, dann entschuldigte er sich das nächste Mal dafür. Die Welt dieses Mannes ist gewiss nicht meine. Doch wir respektieren einander.

Am Ende sind es diese Art von Kontakten in die verschiedensten Schichten und Re­­gionen, die mich bereichert haben, mir Zugang zur Welt der Afghanen verschafften, auch in die Welt der Andersdenkenden. Mit manchen von ihnen lässt sich reden.

Afghanistan ist nicht nur Krieg und Korruption, wie dies in der Verdichtung von Nachrichten oft erscheint. Täglich finden auch zahllose positive Kontakte statt zwischen Afghanen und Aus­­ländern. Entwicklungshelfer bilden Lehrer und Hand­­werker aus, bringen Strom und sauberes Wasser in entlegene Dörfer, Firmen werden gegründet, Freundschaften fürs Leben entstehen. Auch dieser Teil der Wirklichkeit wird in das kollektive Ge­­dächtnis des Landes eingehen.

Für die Amerikaner um mich herum in Michigan sieht Afghanistan aus 20.000 Kilometern Entfernung dennoch aus wie eine dunkle Hölle. So zerstritten ihre Ge­­sellschaft auch sein mag, beim schnellstmöglichen Rückzug vom Hindukusch sind sich alle ziemlich einig. Nur wenige erinnern sich noch daran, dass ihr Land den Afghanen vor zehn Jahren einmal versprochen hat, ihnen langfristig zur Seite zu stehen.

Am zehnten Jahres­­tag des El-Kaida-­An­schlags auf das World Trade Center be­­suchte ich auf dem Campus der Uni­­ver­­sität von Michigan eine Gedenkfeier. Hunderte Studenten hatten sich versammelt, sie trugen Kerzen, es wurden Reden gehalten über Toleranz und Verständnis, sogar von Bescheidenheit war einmal kurz die Rede. Gemeinsam sangen sie die ameri­­kanische Nationalhymne, viele legten dabei die rechte Hand aufs Herz.

Auf dem Rasen steckten tausende US-­Fähnchen zum Gedenken an die Toten und darüber wehte am großen Mast die amerikanische Flagge. Es war ein anrühren­­der Moment. Die Universität von Michigan repräsentiert natürlich nur einen sehr kleinen Teil Amerikas, doch es war, als weinte das große Amerika vor allem um sich selbst.

Der Krieg in Afghanistan ist militärisch nicht zu gewinnen. Die zu Beginn des Ein­­satzes gesteckten Ziele der westlichen Allianz waren aus heutiger Sicht überzogen, aber auch wegen widerstre­­bender Inte­­ressen in der ganzen Region nicht zu erreichen. In die Ge­­­schichts­­­bücher wird dieser Krieg als Lehr­­stück eingehen, dass der tiefgreifende Wandel eines Landes eben nicht von außen „ge­­macht“ werden kann, sondern von innen heraus erfolgen muss. Und er braucht Zeit, nicht zehn, eher zwanzig, vielleicht dreißig Jahre.

Aber am Ende besteht ein Krieg eben immer aus vielen kleinen Geschichten. Geschichten, die von Menschen ge­­macht wurden. Sie handeln zum Beispiel davon, dass kluge Köpfe zu jeder Zeit langfristig in die Ausbildung von jungen Menschen und in die Wirtschaft Afghanistans in­­ves­­tierten.

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Nie waren die Bezie­­hungen zwischen den USA und der afghanischen Regierung besser als zu Zeiten des Sonder­ge­sandten und späteren US-Botschafters der neuen Republik, Zalmay Khalilzad. Der heute 60-jährige Diplomat aus Mazar-e Sharif ging als junger Stipendiat nach Amerika und kehrte als höchster Vertreter der USA in seine Heimat zurück. Karzai und Khalilzad vertrauten einander wie Brüder. Heute gibt es kaum noch ein gutes Wort zwischen dem paschtunischen Präsidenten und den Vertretern seiner Schutzmacht.

Es ist nicht zufällig, dass sechs ehemalige Deutsche afghanischer Abstammung Ministerposten in der ersten demokratisch gewählten Regierung Afghanistans besetzten. Allesamt waren sie Absolventen deutscher Universitäten, sie sprechen unsere Sprache und sind wichtige An­­sprechpartner für die deutsche Regierung geblieben. Auch die ersten afghanischen Polizisten, die 2002 in Kabul halfen, die neue Polizei aufzubauen, sind ein deutscher Exportartikel. Vor Jahrzehnten wurden sie in Deutschland ausgebildet, im Osten wie im Westen.

Die guten Geschichten wie die von der Schweizer Architektin und ihrem Mode-label Zarif Design in der Butcher-Street sind leiser als die krachenden Kanonen­kugeln, die es täglich in die Schlagzeilen schafften. Dort, wo sich in Kabul hinter Lehmmauern ein rotes Blechtor zum Zarif-Showroom öffnet, befindet sich ein idyllischer Garten mit Rosen und Hibiskus­­büschen. Aus der Schneiderei dringt Musik und fröhliches Geschwatz, um die Mit­­tags­­zeit brodelt auf dem Gaskocher stets ein duftendes Gericht. Hier ist das Glück zu Hause, mitten in Kabul.

Portrait-Koelbl-KopieDie Autorin ist Auslands-Reporterin beim Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Seit 2001 bereist die Journalistin intensiv die Region Afghanistan und Pakistan. Sie ist Autorin des Buches „Krieg am Hindukusch – Men­schen und Mächte in Afghanistan“ (Siedler-Verlag 2010, mit Olaf Ihlau). Aktuell forscht Susanne Koelbl an der Uni­­versity of Michi­­gan über inter­­­nationale Beziehungen im Mitt­­leren und Nahen Osten.