Stefan Winter: Der Finanzplatz Deutschland aus Sicht ausländischer Finanzinstitute

Erst im August 2012 hat der Verband der Auslandsbanken sein 30-jähriges Jubiläum gefeiert und dabei sowohl Rückschau gehalten als auch einen Aus­­blick auf den Finanzplatz der Zukunft unternommen. Unübersehbar dabei ist die Zäsur, die auf die seit 2007 anhaltende Finanzkrise und die Bewältigung ihrer Folgen zurückgeht. International agierende und grenzüberschreitend tä­­tige Finanzinstitute befassen sich mehr denn je mit der strategischen Frage, welche ihrer bestehenden Standorte für sie attraktiv sind und wo sie sich künftig neu ansiedeln. Die Motive für diese Über­­legungen sind vielfältig, sie werden – anders als in der Vergangenheit – nicht nur primär nach ökonomischen Ge­­sichts­­punkten und den jeweiligen Geschäfts­­aussichten angestellt. Vielmehr haben hier auch regulatorische Aspekte einen substanziellen Einfluss, wobei diese an­­gesichts von kostenaufwändigen Imple­­mentierungen natürlich indirekt ebenfalls in die ökonomische Betrachtungen eingehen. Hinzu kommen strukturpolitische Diskussionen in vielen Staaten über die Aufspaltung oder Umstruk­­tu­rierung von Banken, die über die Regu­­lierung im bisher bekannten Ausmaß hinausgehen und erhebliche finanzmarkt­­politische Implikationen haben.

Wo stehen wir also heute? Was wird noch kommen? Und: Wie sieht der Finanz­­platz in einigen Jahren aus? Dies sind die zentralen Fragen, die es zu beantworten gilt.

Bereits wenige Monate nach dem Zu­­sammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers und den damit verbundenen Verwerfungen auf den internationalen Finanzmärkten setzte eine Welle nationaler und europäischer Re­­gulierung ein. Sie hat ihren Scheitel­­punkt noch nicht erreicht. Zum Beleg sei hier stichwortartig auf die erste Reform der Einlagensicherung, die stren­­geren Eigenkapitalanforderungen nach Basel III (CRD IV und CRR), die Regu­­lie­­rung alternativer Investments (AIFM), die Überführung zahlreicher bilateraler OTC-Geschäfte auf regulierte Handels- und Abwicklungsplattformen (EMIR), die Regulierung von Leerverkäufen, den Auf­­bau neuer europäischer Aufsichts­struk­­turen sowie die Einführung nationaler Bankenabgaben verwiesen. Hinzu kommt eine insgesamt weitaus strengere Auf­­sichtspraxis, wie sie sich in Deutschland beispielsweise in den Mindest­anfor­de­rungen an das Risikomanagement zeigt. Weitere Vorgaben für die Sanierung und Restrukturierung von Banken, die ab­­schließende Reform der Einlagen­­siche­rung, die Ausweitung der Haftung von Depotbanken oder auch die Vorgaben für den Hochfrequenzhandel werden aktuelle noch intensiv diskutiert oder bereits mit erheblichem Aufwand implementiert. Hinzu kommen die mögliche Einführung einer Finanztrans­aktions­steu­­­­er und die Über­­legungen zur Tren­­nung verschiedener Geschäftsbereiche innerhalb von Banken, wie sie vor kurzem beispielsweise die Liikanen-Gruppe skiz­­ziert und hierauf aufbauend der deutsche Gesetzgeber teilweise umgesetzt hat. Die Auf­­zäh­­lung ist beileibe nicht abschließend. Sie zeigt aber nichts­d­­estotrotz sehr deut­­lich die Konse­quenz, mit der Auf­­sicht und Po­­li­­tik bisherige Strukturen nachhaltig ändern wollen.

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Die Motivation hierfür ist nicht nur offen­­sichtlich, sondern auch in vielen Fällen nachvollziehbar. Keine Frage: Es hat erhebliche Missstände im Finanzsektor gegeben und viele Volkswirtschaften rund um den Globus haben die Folgen noch lange nicht verarbeitet. Dies gilt umso mehr, weil die Finanzkrise grundsätzliche Defizite in einzelnen Staaten zu Tage gebracht hat, deren Auf­­ar­bei­­tung noch längere Zeit in Anspruch nehmen wird. Darüber hinaus hat die Finanzkrise nicht nur die internationale Vernetzung der Finanzmärkte deutlich zu Tage treten lassen, sondern auch die Bedeutung der Finanzbranche für einzelne Volkswirtschaften. Deutlich wird dies an Hand der Daten, die der Anfang Oktober 2012 veröffentlichte Liikanen-Report zusammenfasst. So betragen beispielsweise die Bilanzen der Banken in Luxemburg 2430 Prozent des Brutto­­sozialprodukts des Landes. In Groß­­britannien liegt der Wert bei 570 Pro­­zent, in Frankreich bei 423 Prozent und in Deutschland bei immerhin 331 Pro­­zent. Schaut man sich zudem die Be­­deutung des Finanzplatzes für einzelne Volkswirtschaften an, wird deutlich, wie wichtig und groß zwangsläufig das Inte­­resse an der Stabilität dieses Sektors sein muss. In Luxemburg haben nach Zahlen des Eidgenössischen Finanz­de­partments aus der Schweiz die Unter­­nehmen des Finanzplatzes einen Anteil am Bruttosozialprodukt von 28,3 Pro­­zent. In der Schweiz sind es 10, in Groß­­britannien 9,4 und in Deutschland 5,2 Prozent. Dabei bleibt allerdings unberücksichtigt, welche wichtige Dienst­­leis­­­­­tungs- und Kreditversorgungs­funk­tion die Finanzinstitute für die übrige Wirt­­schaft übernehmen. Vor dem Hinter­­grund dieser Abhängigkeiten wird derzeit national wie international umfangreich diskutiert, ob eine Beschränkung der Größe und Geschäftstätigkeit von Banken oder sogar ihre Aufspaltung sinn­­­­voll ist. Hierbei geht es darüber hi­­naus um die Frage des Vorgehens im Re­­struk­­turierungsfall. Zentrale Positionen wurden hierzu unter anderem von den Ab­­geord­­neten Dodd und Frank in den USA, der Vickers-Kommission in Groß­­britan­nien so­­wie auf europäischer Ebene im Rahmen des Liikanen-Reports entworfen.

Die Auswirkungen und Folgen dieser Pläne können aktuell noch nicht ab­­schlie­­ßend beurteilt werden. Auch die weitere Entwicklung im Euro-Raum und in Eu­­ropa insgesamt wird nicht ohne Ein­­fluss bleiben. Aber unabhängig hier­­von führt die laufende Umsetzung der stren­­geren Eigenkapitalanforderungen inter­­na­tio­nal bereits zu erheblichen An­­pas­­sungen innerhalb der Finanzindustrie. Sie werden zweifelsohne nicht ohne Aus­­wirkungen auf die internationale Aus­­richtung der Banken und damit auch auf den Fi­­nanz­­platz Deutschland bleiben. Dieser bietet aber auch weiterhin vor allem wegen der starken und export­­orientierten Volks­­wirt­­schaft gute Aus­gangsverhältnisse und wird daher bei den aufgezeigten strategischen Über­­le­­gungen weiter eine wichtige Rolle spielen. Ein optimistisch stimmendes Indiz ist in diesem Zusammen­­hang sicherlich auch, dass die Zahl der Auslandsbanken in Deutschland in den vergangen Jahren trotz der Finanz­­krise und ihrer Folgen stabil geblieben ist.

Sich aber deswegen in Sicherheit zu wiegen und die Hände in den Schoß zu legen, wäre der falsche Ansatz. In den vergangenen Jahren ist viel Vertrauen in die Finanzindustrie – sowohl bei den Kunden als auch der gesamten Öffent­­lichkeit – verloren gegangen. Schon aus diesem Grunde besteht Einigkeit, dass Reformen unumgänglich sind. Die Finanz­­­­branche muss diese selbst, aber auch Hand in Hand mit Politik und Aufsicht ge­­stalten. Denn nur mit einem gegenseitigen Verständnis kann gemeinsam eine neue, stabile Finanz­markt­archi­tek­tur geschaffen werden. Denn von einem Maximum an Stabilität werden sowohl Kunden, Aufsicht, Unter­neh­men als auch alle anderen Marktteilnehmer – ja letzt­­lich der Finanzplatz und die Volks­wirt­­schaft insgesamt – profitieren. Zahl­­­­reiche Re­­formen wurden bereits angestoßen, mit denen Bilanzen und Risiko­­aktiva reduziert werden. Unter den Ober­­­begriffen „Compliance“ und „Corporate Governance“ entstehen neue Struk­­turen, um weiter Risiken zu reduzieren und neue Ent­­loh­­nungsstrukturen einzuführen. Hier wurde bereits viel erreicht, auch wenn dies mit­­unter angesichts ver­­schiedener Einzel­­fälle immer wieder in Vergessen­heit zu geraten droht. All das wird aber nicht ausreichen, um das verlorene Ver­­trauen nachhaltig wieder aufzubauen. Hier­ sind die Branche insgesamt und jeder ein­­zelne in der Pflicht, Miss­­­­­stände zu benennen und zu beseitigen. Bei all dem gilt: Nicht Schuld­zu­wei­sun­­gen, sondern der offene und ehrliche Dialog müssen im Vordergrund stehen.

Zwingend notwendig ist zudem, an der Stärkung und dem Ausbau des europäischen Binnenmarkts festzuhalten. Denn es kann keine Frage bestehen, dass gerade die deutsche Volkswirtschaft hiervon in vielen Belangen profitiert hat. Nur mit weitgehend harmonisierten Rah­­menbedingungen wird ein Finanzplatz Deutschland im internationalen Wett­bewerb bestehen können, da grenzüber­­schreitende Aktivitäten noch mehr als in der Vergangenheit mit effizienten Unter­­nehmensstrukturen verbunden sind. Es darf daher kein Zweifel aufkommen, dass Deutschland weiterhin ein Vorreiter der europäischen Integration bleibt. Unab­­hängig von den positiven volkswirtschaft­­lichen Aussichten wird dies zentral für die künftige Attraktivität des Finanz­­platzes und damit für seine ausländischen Institute sein.

UBS_Stefan-Winter-KopieDer Autor ist Vorstandsmitglied der UBS Deutschland AG und CEO Investment Bank. Er startete bei der Citibank in Frankfurt und bei Bankers Trust in London. Seit seinem Wechsel zur UBS verantwortet Stefan Winter das gesamte Securitiesgeschäft in Deutschland und ist im Vorstand zuständig für die Investmentbank als Countryhead in Deutschland. Er ist Vorstandsvorsitzender des Verbands der Auslandsbanken in Deutschland.