Stefan Grüttner: Flächendeckende Versorgung bleibt! Konzepte für Mediziner-Ansiedlung

Die Qualität der medizinischen Versorgung steht und fällt mit dem Personal. Seit einigen Jahren hat sich insbesondere die Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum als Herausforderung erwiesen. Die Politik will den Bestand der so genannten Landarztpraxis durch eine Strukturreform sichern.

 

 

Während die Zahl der Allgemeinmediziner in den letzten 20 Jahren bundesweit von rund 62.000 auf fast 57.000 sank, stieg in der gleichen Zeit die Zahl der Fachärzte von 42.000 auf 65.000. Damit stehen wir vor der Herausforderung, Anreize setzen zu müssen, damit sich wieder mehr junge Medizinerinnen und Mediziner für die Allgemeinmedizin entscheiden.

Gerade der ländliche Raum ist für die Ärztinnen und Ärzte wenig attraktiv und es ist eine sinkende Bereit­schaft auszumachen, sich in ländlichen Gebieten niederzulassen. Die Gründe hierfür sind vielfältig: Die allgemeine „Landflucht“, das Risiko der Selbständigkeit bei einer schrumpfenden ländlichen Bevölkerung sowie mangelnde Berufsmöglichkeiten für ihre Partner gehören dazu.

Auch findet derzeit ein grundlegender Wandel des „klassischen“ ärztlichen Berufsverständnisses statt. Im Nachwuchs der Allgemeinmedizin sind bereits mehr als 60 Prozent Ärztinnen tätig, die mit durchschnittlich 41 Jahren ihre Facharztprüfung absolvieren. Statt der bislang vorherrschenden selbstverantwortlichen und selbständigen Tätigkeit in Einzelpraxen mit umfassender Tätigkeit und hohem Arbeitseinsatz, sind viele junge Ärztinnen familienorientiert. Sie bevorzugen eine zeitlich begrenzte und geregelte Arbeitstätigkeit im Ange­stelltenverhältnis, häufig auch als Halbtagstätigkeit. Diese Faktoren machen eine Reform der hausärztlichen Tätigkeit notwendig.

Neue Regelungen machen Arztberuf wieder attraktiver. Seit dem 1. Januar 2012 gelten die neuen Regelungen des GKV-Versorgungsstrukturgesetzes. Sie haben das Ziel, den Arztberuf wieder attraktiver zu machen. Sie setzen Anreize für Ärzte und Psychotherapeuten, sich in unterversorgten Gebieten niederzulassen. Dazu zählen finanzielle Zuschläge, die Aufhebung der Residenz­pflicht, bessere Bedingungen bei der Gründung einer Zweitpraxis und die Möglichkeit, ärztliche Leistungen zu delegieren.

Neue Bedarfsplanung: Unterversorgung frühzeitig vermeiden. Ärzte und Psychotherapeuten sollen sich künftig dort niederlassen, wo die Patienten sie am meisten brauchen. Die Kassenärztlichen Vereinigungen und die Krankenkassen auf Landesebene haben mit den Regelungen des GKV-Versorgungsstrukturgesetzes mehr Spielraum erhalten, um die Versorgung vor Ort besser steuern zu können.

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Der gemeinsame Bundesausschuss hat am 20. Dezember 2012 mit der Neufassung der Bedarfs­planungs-Richtlinie den Planungsrahmen festgelegt. Wir haben nun eine ziel­genaue und den regionalen Besonderheiten Rechnung tragende flexible Regelung, mit der die Zulassungs­möglichkeiten von Ärztinnen und Ärzten in ländlichen Regionen verbessert werden.

Was wir damit noch nicht haben, ist eine abschließende Lösung des Verteilungsproblems. Denn innerhalb eines Planungsbereichs sind die Ärztinnen und Ärzte in der Wahl ihres Sitzes frei. Auch die Bedarfsplanung kann daher bestehende „Klumpen“ oder „Lücken“ nicht ohne weiteres beseitigen. Die Richtlinie enthält aber einige, sehr gute Mittel im Sinne einer Versorgungssteuerung, die beispielsweise dazu dienen, unter den durch die neue Richtlinie zusätzlichen Zulassungsmöglichkeiten zuerst diejenigen zur Besetz­ung auszuschreiben, wo die Not am größten ist, bevor Sitze in aus Sicht des ärztlichen Nachwuchses wahrscheinlich attraktiveren Gegenden besetzt werden dürfen.

Durch Strukturreformen hausärztliche Tätigkeit vor Ort attraktiver gestalten. Die Niederlassung als Hausärztin oder Hausarzt muss attraktiver werden. Nachwuchsmedi­zinerinnen und Nachwuchsmediziner sollten schon im Studium an die hausärztliche Tätigkeit herangeführt und ihre eventuell bestehenden Ressentiments abgebaut werden. Aus diesem Grund fördert die Hessische Landesregierung die Bildung von Weiterbildungsver­bünden. Zur Stärkung der Allgemeinmedizinischen Weiter­bildung wurden zwei Kompetenzzentren Allge­mein­medizin an den Universitäten Frankfurt und Marburg aufgebaut. Das Land Hessen fördert diese beiden Einrichtungen mit jährlich 150.000 Euro. Insgesamt haben sich in Hessen inzwischen zirka 10 regionale Weiterbildungsverbünde gegründet, 15 weitere befinden sich mit intensiver Betreuung durch die Kompetenz­zentren im Aufbau. Gleichzeitig gilt es Strukturen zu schaffen, die es erlauben, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren. Immer mehr junge Ärztinnen und Ärzte stellen diese Forderung an ihre Tätigkeit.

Lebens- und Arbeitswelten sind heutzutage vielfältiger als noch vor einigen Jahrzehnten. Um Kolleginnen und Kollegen mit unterschiedlichen Lebenskonzepten die Teilnahme an der hausärztlichen Versorgung zu ermöglichen, benötigen wir das Nebeneinander verschiedener Arbeitsformen und das Angebot flexibler Arbeitszeit­modelle. Angesichts des zunehmenden Anteils von Ärztinnen in der Allgemeinmedizin wird besonders das Angebot von Teilzeitmodellen mit verlässlichen Arbeits­zeiten in Zukunft immer wichtiger. Weiter bedarf es einer an die Arbeitszeit und Belastung adaptierten, qualifizierten Kinderbetreuung. Um hochmotivierte, aber zeitlich eingeschränkte Ärztinnen und Ärzte im Bereich Allgemeinmedizin halten zu können, sind Maß­nahmen zur Familienkompati­bilität unabdingbar. In Bezug auf Personalpolitik, Personalbind­ung und Motivation sollten diese Aspekte noch wesentlich stärker berücksichtigt werden.

Die Aussicht, Beruf und Familie besser miteinander in Einklang bringen zu können, ist auch ein Grund, warum eine steigende Anzahl von Ärzten eine Anstellung in örtliche oder überörtliche Berufsausübungsgemein­schaften sucht. So entschied sich bundesweit und über alle Fachgruppen hinweg fast jeder Zweite für die Kooperation. Die Kooperation steht für Flexibilität, fachlichen Austausch und Synergien – genau das suchen viele junge Ärztinnen und Ärzte.

Neue Versorgungsformen: Gemeinschaftspraxen mit Versorgungsassistentinnen. 16 Prozent der Patienten nehmen etwa 50 Prozent der ärztlichen Patienten­kontakte pro Quartal in Anspruch. Bei diesen Patienten handelt es sich zudem in der Regel um chronisch, oft mehrfach morbide Kranke. Sie benötigen eine hohe Patienten­kontaktfrequenz zwischen sechs und fünfzehn Kontakten pro Quartal. Es sind vielfach Vorgänge zur Messung von Vitalwerten, wie Blutdruck oder Blutzucker. Dazu gehört auch psychosoziale Aktivierung und Verhaltens­moti­vation. Die Erbringung dieser Bereiche ist nicht zwingend höchstpersönlich durch den Arzt erforderlich. Daher übernehmen vielerorts spezialisierte Versorgungsassistentinnen solche delegierbaren Leis­tungen zur Entlastung des Arztes, der dadurch mehr Zeit für seine Kernaufgabe, die Patientenversorgung, hat. Durch die gemeinsame Organisation einer solchen Delegation von ärztlichen Leistungen im Verbund kann mehr Effizienz entstehen.

Fazit. Ziel aller Anstrengungen ist, dass Ärzteschaft, Krankenkassen und die regionale Politik vor Ort gemeinsam Maßnahmen ergreifen, um die Niederlassung als Hausärztin oder Hausarzt wieder attraktiv zu gestalten. Nur auf diese Weise kann auch künftig eine flächendeckende medizinische Versorgung sichergestellt werden. Die Hessische Landesregierung wird daher die Bildung von Regionalen Gesundheitsnetzen fördern.

 

Gruettner_cmyk_15x11_300dpiDer 1956 in Wiesbaden geborene Autor hat in Mainz Volkswirtschaftslehre studiert. Grüttner war zwischen 1986 und 1991 im Sozialministerium von Rheinland­Pfalz tätig. Seit 1995 ist er Mitglied des Hessischen Landtags und seit 2010 Hessischer Sozialminister. Stefan Grüttner ist verheiratet und hat zwei Söhne.