Stadtentwicklung Wiesbaden: Immobilienmarkt winkt Entspannung

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Moderner Wohnungsbau in Mainz-Kastel am Rhein. (c) GULIVER Architekten 2015

 

 

In Wiesbaden herrscht Wohnungsnot. Entspannung könnte jetzt ein großes Entwicklungsprojekt am Rhein bieten. In Kastel entsteht direkt am Rhein gegenüber der Petersaue neuer Wohnraum auf brachliegenden Gewerbe- und Industrieflächen.

 

Ungeachtet der Nachwehen der europäischen Finanz- und Wirtschaftskrise gibt es florierende Ballungsgebiete, die die Menschen magisch anziehen. Zu diesen Boomregionen zählt vor allem auch die Metropolregion Rhein-Main. In der Region gibt es Jobs für gut ausgebildete Fachkräfte. Hier tritt die Innovation nicht auf der Stelle, sondern sucht sich ständig neue Wege zum Erfolg. Und oft genug tragen vor allem Absolventen der Universitäten und Hochschulen zu neuer Dynamik bei. So haben auch wissenschaftliche Ausgründungen hier überdurchschnittlich gute Chancen, sich auf den hart umkämpften Märkten zu etablieren. Dynamische Leistungsträger gründen neue Firmen, um an den Synergieeffekten der prosperierenden Region zu partizipieren und so zieht es letztlich immer mehr Menschen aus dem In- und Ausland an Rhein und Main.

 

US-Headquarter und Universität sorgen für Bevölkerungswachstum. Doch wo Erfolg ist, locken auch Herausforde-rungen. Eine solche, die den Oberbürgermeistern der fünf Großstädte in der Region besonders zu schaffen macht, sind explodierende Mieten und der Mangel an bezahlbarem Wohnraum. So fehlen allein in Hessens Landeshauptstadt Wiesbaden mittelfristig rund 6.000 Wohnungen, meinen Immobilienexperten. Hinzukommt, dass in Wiesbaden auch noch das neue europäische Headquarter der US-Army entsteht und die US-Community damit auf gut 20.000 Personen angewachsen ist. Aktuell fehlen deshalb bereits jetzt schon gut 2.000 Wohneinheiten.

 

Maria Winckelmann vom Mieterbund Wiesbaden befürchtet zudem, dass im Wettbewerb um den Wohnraum die Amerikaner das Rennen machen und sie die Mieten so zusätzlich in die Höhe treiben. Denn es ist durchaus Usus, dass die US-Army ihren Soldaten Mietzuschüsse zahlt, die der Markt mit Freude mitnimmt. Die Stadtoberen suchen daher nach Entwicklungsmöglichkeiten und Investoren, um die Lage auf dem Wohnungsmarkt nachhaltig zu entspannen.

 

Wiesbaden: Christian Kirk kennt die Potenziale der Landeshauptstadt. Der in der Region lebende Standortexperte Christian Kirk hat sich der Herausforderung angenommen. Nach Gesprächen mit Oberbürgermeister Sven Gerich und den Baubehörden plant er jetzt ein Stadtentwicklungsprojekt im Stadtteil Kastel. Kirk hat sich in über 25 Jahren den Ruf eines Machers erarbeitet. Sein Hintergrund als Verleger für Standort-Medien ist da durchaus hilfreich. Mehrfach hat er für die Landeshauptstadt den Standort, seine wirtschaftliche Entwicklung und sozialen Bedarfe analysiert. Sein Medien-Unternehmen hat über den Wirtschaftsstandort Wiesbaden mehrere Bücher publiziert und Imagefilme gedreht. Unternehmer Kirk lebt in der Region und “blutet leidenschaftlich für sie”, wie er selber betont. Er kenne “die Stadt, das Wohnraumproblem, aber auch das Potenzial”.

 

Vom Yachthafen gegenüber der Petersaue in nordöstlicher Richtung über die Biebricher Straße und die Wiesbadener Straße hinweg “vegetieren nicht genutzte Liegenschaften, die dazu beitragen könnten, mit innovativem Wohnungsbau Lebensqualität zu bezahlbaren Preisen zu erzeugen”, so Kirk. Er will den Stadtteil entwickeln. Da sei in den verschiedenen Bauabschnitten des geplanten Rheinblick-Quartiers für jedes Budget etwas dabei, von sozialverträglich bis gehoben. Was Kirk unter bezahlbarer Wohnqualität versteht, liegt für ihn auf der Hand. “Wiesbaden braucht ein neues Quartier, das familienfreundlich ist, Grün- und Erholungsflächen bietet und wo die Menschen die notwendigen Infrastrukturen in der Nähe haben.” Auch die Kindertagesstätte gehört für den fünffachen Familienvater dazu. Doch man müsse bei solchen Projekten langfristig denken und nachhaltig handeln. Barrierefreiheit für altersgerechtes Wohnen ist ebenso wichtig wie etwa Energieeffizienz, genügend Parkraum und vor allem Grünflächen.

 

“Viele Einheiten verfügen entweder über einen eigenen Gartenanteil oder über eine Dachterrasse mit Rheinblick”, erklärt Architekt Ali Güler von der GULIVER Planungsgesellschaft. “Zudem”, springt sein Büropartner Oliver Langer bei, “haben wir ein abgestuftes Bauen eingeplant. Die rheinnahen Einheiten werden niedriger sein als die dahinter liegenden Objekte.” Eine versetzte Bauweise solle zusätzlich möglichst vielen Einheiten den Blick zum Rhein ermöglichen.

 

Rheinblick-Quartier: Hochwertiges Wohnen mit Blick zum Rhein. “Die Nähe zum Rhein wird aber für jeden Bewohner das Sahnehäubchen sein”, ist Kirk überzeugt. Natürlich werde nicht bis ans Ufer gebaut. Der Grünstreifen oberhalb des Yachthafens werde als Erholungsfläche erhalten bleiben. Joggen, Spazierengehen, Flanieren – das alles soll attraktive Realität werden. Ein Fußweg werde die hintere nördliche Bebauung mit der Rheinuferpromenade verbinden. Ein Hochwasserproblem wird es in Kastel übrigens nicht geben, denn die Bebauung liegt hoch genug und südliche Hochwasserpolder sorgen für erhebliche Entlastung. Dennoch erwägt das Architekturbüro GULIVER auch die Berücksichtigung weißer Wannen für Unterkellerungen am ufernahen Bauabschnitt.

 

Mit Kritik aus benachbarten Wohngebieten rechnen weder die Stadt noch Christian Kirk. Anders als bei Sanierungsprojekten im Bestand werde hier nämlich ein Gewerbegebiet in ein Mischgebiet umgewidmet. Unmittelbare Wohnbebauungen gibt es nur südöstlich der Bauabschnitte 1 und 4 und nordwestlich des Abschnittes 2 an der Anton-Zech-Straße. Für die dortigen Einfamilienhäuser wäre freilich das Verschwinden der Industriebrachen zu Gunsten einer modernen und zeitlosen Wohnbebauung des Rheinblick-Quartiers mit einer echten Aufwertung des eigenen Immobilienbesitzes verbunden.

 

Mainz-Kastel gewinnt letztlich durch das Projekt an Attraktivität und Wiesbaden wird in der Wohnraumfrage merklich entlastet.

 

Bernhard Knapstein

 

Bernhard Knapstein

Der 1967 geborene Autor hat in Köln Jura, Sport und Geschichte studiert. Zwischen 2000 und 2007 hat er in Hamburg als Verbandspressesprecher gearbeitet und bei einer Wochenzeitung volontiert. Bernhard Knapstein ist seit 2007 Chefredakteur des Europäischen Wirtschafts Verlages.