Ruth Wagner: Kunst und Kultur sind die Seele einer Stadt – und auch ein harter Wirtschaftsfaktor

Einst warb Darmstadt mit dem Poststempel „In Darmstadt leben die Künste“, darauf folgte „Darmstadt – Die Stadt im Walde“. Heute positioniert sich die Stadt als „Wissen­schaftsstadt“ – alle drei Selbstbilder treffen zu und zeichnen die „kleine“ Großstadt aus. Die Wissenschafts­stadt Darmstadt weist im innerdeutschen und hessischen Vergleich bei 140.000 Einwohnern und wachsender Bevölkerung mit 118.000 Arbeitsplätzen eine zukunfts­gerichtete Entwicklung auf: Diese beruht auf der Verknüpfung von Wirtschaft und Wissenschaft, guter Verkehrslage, sozialen und kulturellen Einrichtungen sowie Natur- und Parkanlagen.

Die ökonomische Basis der Stadt wird von der chemisch-pharmazeutischen Industrie, von Nachrichtenübermittlung, IT-Branche, Softwareunternehmen, Weltraum- und Satellitentechnik, Mechatronik, Film-, TV-, und Videowirtschaft besonders geprägt. Diese flexible Bandbreite der Darmstädter Wirtschaft korrespondiert mit spezifischen und einzigartigen Institutionen der Wissenschaft, nämlich drei Hochschulen, drei Fraunhofer-Instituten, der Gesellschaft für Schwerionenforschung und 30 weiteren wissenschaftlichen Instituten. Ihr inter­nationaler wissenschaftlicher Rang, die Kompetenz von Wissenschaftlern und Studierenden stimulieren Arbeit, Beschäftigung und Erfindergeist in den Unternehmen, aber auch die technischen Anforderungen aus der Wirtschaft an die Wissenschaft.


100706-15

Soviel zu den wirtschaftlichen Fakten der Stadt. Für mich aber sind Kunst und Kultur die Seele unserer Stadt. Kunst und Kultur sind von zentraler Bedeutung für die Lebenserfüllung und die Selbstfindung des Menschen. Kunst dient der Selbstvergewisserung der Künstler, sie ist Teil der Selbstreflexion einer Gesellschaft. Künstlerisches Schaffen sichert also nicht nur individuelle, sondern auch soziale Identität. Sie vermittelt gesellschaftliche Werte und fördert Verständnis und Austausch zwischen verschiedenen Kulturen. Deshalb ist die Kultur ein wesent­licher Standort­faktor für ein Gemeinwesen, auch ein wichtiger, ein besonderer und ein „harter“ Wirtschaftsfaktor.

Kultur- und Kreativwirtschaft im Aufschwung
Voraussetzungen wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Erfolgs sind Kreativität, Wissen und Bildung, Freude am Experimentieren, am Scheitern und Neubeginn. Dies gilt vor allem für die sogenannte „Kulturwirtschaft“ oder „Kreativwirtschaft“, die sich im letzten Jahrzehnt in Europa, in Deutschland und in Hessen entwickelt hat. Die schöpferischen und gestalterischen Menschen sind die Basis dieses Wirtschaftsbereiches. Autoren, Filmemacher, Musiker, Architekten, Designer und Künstler schaffen künstlerische und kreative Güter sowie Dienst­­leistungen. Deutschland liegt im europäischen Vergleich an der Spitze. Die rund eine Million Beschäftigten der Kultur- und Kreativwirtschaft erzielen in 237.000 Unter­nehmen und selbstständigen Bereichen ein Umsatzvolumen von 131,4 Milliarden Euro und eine gesamtwirtschaftliche Bruttowertschöpfung von etwa 63 Milliarden Euro. Damit ist dieser Wirtschaftszweig inzwischen fast so wirtschafts­­stark wie die Automobilindustrie und leistungskräftiger als die Chemieindustrie. Aus diesem Vergleich wird die Bewertung der Kultur als „weicher Standortfaktor“ als grobe Fehleinschätzung deutlich.
In Hessen zeigen 120.000 Beschäftigte in 22.000 Unter­nehmen mit einem Umsatz von 19 Milliarden Euro – schwerpunktmäßig im Rhein-Main-Gebiet – den hohen Anteil der Kulturwirtschaft an der hessischen Wirtschaft. Sie belegen, dass Kultur ein „harter“ Standortfaktor ist. Nach den Umsatzanteilen sind Literatur-, Buch- und Presse­­markt, die Kunst, Galerien, Museen sowie die Film-, TV- und Videowirtschaft die wichtigsten Teilmärkte der Kultur­­wirtschaft in Hessen. Einen besonders hohen Rang zeigt der Bereich „Kulturelles Erbe“ mit 21.000 Beschäftigten. Trotz der geringeren Umsätze sind die wirtschaftlichen Wirkungen dieses Bereiches beachtlich.

100706-17

Darmstadts Kultur in Fakten
Obgleich für die Stadt Darmstadt noch keine wissenschaftliche Untersuchung zur Kreativwirtschaft vorliegt, können aus der hohen Zahl von Designern, TV-, Film- und Videobeschäftigten, Architekten, Verlags-, Zeitungs-, und Pressemarkt, Werbung und Kommunikation nach Ansicht der Industrie- und Handelskammer und des städtischen Statistischen Amts in diesen Teilmärkten für Darmstadt ähnlich positive Ergebnisse angenommen werden.

Die Besucherzahlen städtischer Kultur­einrichtungen sowie internationaler Kulturinstitute dokumentieren ein­­deutig den hohen Grad der Wertschätzung von Kunst und Kultur, aber auch ihre indirekte und direkte Wirkung für die Ökonomie unserer Stadt: Fast eine Million Besucher pro Jahr suchen die Universitäts- und Stadtbibliothek auf, das Staatstheater verzeichnete in der letzten Saison 300.000 Besucher, die Centralstation 170.000 sowie jede Ausstellung auf der Mathildenhöhe zwischen 30.000 und 50.000 Besuchern. Die Tagungen der Akademie für Sprache und Dichtung, des Internationalen Institutes für Neue Musik, des Deutschen Poleninstitutes, des Jazzinstitutes, des Deutschen P.E.N.-Clubs werden von tausenden Gästen aus aller Welt besucht. Mehr als 30 Millionen Euro an städtischen Zuschüssen für kulturelle Einrichtungen rechtfertigen nicht nur das Erlebnis von Kunst und Kultur, sie finanzieren direkte und indirekte Beschäftigung in den Einrichtungen, Gastro­nomie, Hotellerie, Verkehrsgewerbe und Werbebranche. Der Anteil von sieben Prozent Kulturausgaben am städtischen Etat liegt hinter Frankfurt mit zehn Prozent, aber vor Wiesbaden und Kassel mit jeweils 3,5 Prozent. Dies ist eine gute finanzielle „Anlage“ in Kultur und wirtschaftliche Prosperität.


160610-16

Die Bürgerschaft Darmstadts nimmt diese Erfahrung offen­­sichtlich an: In Umfragen wird die Stadt in hohem Maß als Stadt von Kunst und Kultur, der Wissenschaft und als „Stadt im Walde“ gesehen und geschätzt. Deshalb gehört die Verknüpfung dieser Selbstbilder auch zur wirtschaft­lichen Positionierung unserer Stadt im Rhein-Main-Gebiet.

Bild-Wagner-lachsfarbenRuth Wagner wurde 1940 geboren und studierte Germanistik, Geschichte und Politik­wissenschaft. Sie ist Vorsitzende des Kulturausschusses der Stadt Darmstadt. Die Autorin war hessische Landtagsabgeordnete ab 1978. Sie war von 2003 bis 2008 als Vizepräsidentin des hessischen Landtages tätig. Von 1999 bis 2003 amtierte Ruth Wagner als hessische Ministerin für Wissenschaft und Kunst sowie als stellvertretende Ministerpräsidentin.