Ruth Wagner: Kultur als harter Faktor für Wirtschaftsstandorte

Das kulturelle Umfeld macht nicht nur die Lebensqualität von Städten, Kommu­­­nen und Ländern aus, sondern gilt längst auch als Wirtschaftsfaktor für Stand­­orte. Die Kultur- und Kreativ­wirt­­schaft verbindet traditionelle Wirt­schafts­­bereiche, neue Technologien und moderne Kom­mu­ni­­­ka­­­tionsformen miteinander. Sie ist hinsichtlich der Leistungsstärke vergleichbar mit Schlüsselbranchen wie Auto­­mo­­tive- und Chemieindustrie.

Kunst und Kultur sind von zentraler Be­­­­­deu­tung für die Lebenserfüllung und die Selbst­­findung des Menschen. Künstler haben zu allen Zeiten durch selbst ge­­wählte und selbst gestaltete Tätigkeit ein Beispiel für die Fähigkeit zum Leben fernab von Normen, Dogmen und Scha­blonen gegeben.

Kunst dient der Selbstvergewis­serung der Künstler, sie ist aber auch Teil der Selbstreflexion einer Ge­­sell­schaft. Künst­­lerisches Schaf­­fen sichert also nicht nur individuelle, sondern auch soziale Iden­­tität. Kunst und Kultur sind wesentlich für die mensch­­­liche Ver­stän­­­­di­­gung; wie die Religion und die Philo­so­phie vermittelt die Kunst gesellschaftliche Werte, die konstituierend für eine Ge­­mein­schaft sind. Künst­­­lerisches Sch­a­f­­fen fördert zu­­gleich auch Ver­­ständnis und Austausch zwischen ver­­­­schie­­de­nen Kulturen.
Ich bin der Auffassung, dass Kultur die Seele eines Landes ist, die man ver­­nach­lässigen, die man verletzen kann, die aber notwendigerweise gepflegt und gehütet werden sollte. Deshalb ist die Kultur ein wesentlicher Standort­faktor für ein Ge­­mein­­wesen, auch ein wichtiger, ein besonderer und ein „harter“ Wirtschafts­faktor.

In Diskussionen, Bewertungen und Ent­­scheidungen treffen Finanz­­minis­­ter, Käm­­merer und Unternehmer häufig die Unter­scheidung zwischen soge­nann­­­ten „harten“ und „weichen“ Stand­­ort­fak­toren einer Region. Im Gegensatz zum produzierenden Gewerbe und zu Dienst­leist­ungs­­unter­nehmen werden Kultur­ein­richt­­­ungen als „weicher“ Stand­­ort­faktor be­­­zeich­­net. Sie gelten somit als ein „Additum“ zu den grundsätzlichen Be­­­dürf­­­nissen des Men­schen, die die Wirt­schaft zu befriedigen hat, als Drein­­gabe, die man sich in wirt­­schaft­­lich günstigen Zeiten leisten kann, während in wirtschaftlich und finanziell schwierigen Zeiten auf Kunst und Kultur auch verzichtet werden kann.

 

Die Situation in Deutschland. Die Fakten sprechen eine andere Sprache: In der Europäischen Union arbeiten rund fünf Millionen Erwerbstätige im Kultur- und Kreativsektor.
Die schöpferischen und gestalterischen Menschen sind die Basis der Kultur- und Kreativwirtschaft. Autoren, Filme­macher, Musiker, Ar­­chi­tek­ten, Designer, Künstler oder auch die Ent­­wick­ler von Computer­spielen schaffen künst­ler­ische und kreative Güter und Dienst­l­eist­ungen. Sie stehen damit für einen dynamischen und vielfältigen Wirt­schafts­bereich.

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Deutschland liegt im europäischen Ver­gleich an der Spitze. Die rund eine Million Be­­schäftigten der Kultur- und Kreativ­wirt­­schaft erzielten im Jahr 2009 in 237.000 Unternehmen und selbstständigen Be­­reich­­­en ein Umsatzvolumen von 131,4 Mil­­liarden Euro und eine gesamt­­wirt­schaft­liche Brutto­­wertschöpfung von etwa 63 Mil­li­arden Euro. Damit ist der Wirt­schafts­­zweig inzwischen fast so wirt­­schaftsstark wie die Auto­mobil­in­dustrie und leistungskräftiger als die Chemie­in­du­­strie. Aus diesem Vergleich wird die Be­­­­­wertung der Kultur als „weicher Stand­­ortfaktor“ als grobe Fehl­ein­schätz­­ung deutlich.

Die hessische Kulturwirtschaft. Das Land Hessen hat im letzten Jahr­zehnt den Zusam­­menhang zwischen Kultur­för­der­ung, Kultur­­wirtschaft und allgemeiner Wirtschafts­entwicklung mehrfach unter­­­sucht. So ist der erste Hessische Kultur­wirtschafts­bericht Anfang des Jahr­­tau­­s­ends gemein­­sam zwischen dem Minis­­terium für Wirt­­schaft und Kunst und dem Wirtschafts­ministerium entstanden. Der zweite Bericht beschäftigte sich mit dem Thema des „Kultur­sponsoring und Mäze­­natentums“. Der dritte vorgelegte Bericht untersuchte die Auswirkungen der Kultur­wirtschaft auf Regionen und kommunale Situationen unter dem Titel „Kultur­wirt­­schaft fördern – Stadt entwickeln“. Im Jahr 2010 hat die Hessen Agentur im Auftrag des Wirtschafts­minis­teriums eine Fort­schrei­bung der Daten mit dem Titel „Kultur­wirt­­schaft in Hessen – Fort­schrei­bung der wichtigsten wirtschaftlichen Kenn­­zahlen“ veröffentlicht.

Die Untersuchungen unterscheiden zwischen sechs Teilmärkten:
• Literatur-, Buch- und
Presse­unter­nehmen
• bildende Kunst (Design und
Kunst­­handwerk)
• Filmproduktion, TV- und
Video­unter­nehmen
• kulturelles Erbe (Denkmalschutz)
• Musikwirtschaft
• darstellende Kunst und Unterhaltung.

120.000 Beschäftigte in 22.000 Unter­nehmen mit einem Umsatz von 19 Mil­li­ar­­den Euro – schwerpunktmäßig im Rhein-­­Main-Gebiet – zeigen den hohen Anteil der Kulturwirtschaft an der gesamten Wirtschaft Hessens. Nach den Um­­satz­anteilen sind Literatur-, Buch- und Pressemarkt, die bildende Kunst sowie die Film-, TV- und Video­wirt­schaft die wichtigsten Teilmärkte der Kultur­wirt­schaft in Hessen. Einen besonders hohen Rang zeigt der Bereich „kulturelles Erbe“ mit 21.000 Beschäftigten, auch wenn die Umsätze in diesem Teil­markt geringer ausfallen. Die wirtschaftlichen Wirk­ungen dieses Wirtschafts­­bereiches und die öffentliche Förderung, gerade im Bereich der Denkmalpflege und der historischen Bauunterhaltung, sind beachtlich. Bei denkmalpflegerischen Maßnahmen er­zeugt ein Euro öffentlicher Förderung etwa vier bis fünf Euro Wirtschaftskraft mit einer unmittelbaren Wirkung auf die Beschäftigung beim Handwerk, Bau­ge­werbe und Bau­neben­­gewerbe. Er­­he­bu­n­g­e­n des Ifo-Instituts für Wirtschafts­for­schung unter­­streichen die Bedeutung der Kultur als harter Stand­­ortfaktor. In be­sonderem Maße gilt dies für das Rhein-Main-Gebiet und die Stadt Frankfurt.

Öffentliche Kulturförderung. Kultur­politik ist das Ergebnis unserer föderalen Geschichte, in der vor allem die Länder und die Städte Kunst- und Kulturförderer waren und als solche in Deutschland diese Aufgabe übernehmen.
Die öffentlichen Finanzierungs­ver­hält­nisse der Kultur zu den Gesamt­haus­halten zeigen, dass die Bundes­rep­u­­blik Deutschland etwa 12 Prozent leistet, die Länder 43 Prozent und die Gemein­­den 45 Prozent. Insgesamt leistet der Staat in Deutschland jährlich rund acht Mil­liarden Euro zur Förderung von Kunst und Kultur.

Die öffentliche Kulturförderung des Landes Hessen, der Kommunen, der großen Städte und Landkreise ist außerordentlich unterschiedlich.

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Gemessen am Gesamthaushalt liegt das Land mit seinen Kulturausgaben unter zwei Prozent, die Stadt Frankfurt finanziert mit nach wie vor zehn Prozent ihres Haus­­haltes kulturelle Institutionen und Projekte. Die Stadt Darmstadt hat immer noch einen Anteil von etwa sieben Prozent kultureller Förderung am Gesamt­haus­halt, während Kassel und Wiesbaden nur um 3,5 Prozent ihres Haus­­­haltes für Kultur­f­­örderung aufbringen.

Eine bedeutende, möglicherweise auch für den Kulturbereich insgesamt bedenkliche Entwicklung ist, dass die Zahl der Freiberufler sowie der Einzelunter­neh­men in allen Bereichen der Kultur­wirt­schaft wächst, während die Anzahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten stetig abnimmt. Dies gilt vor allen Dingen für die soziokulturellen Zentren, die in bewusster Abkehr von traditionellen Kultur­­­­­­­ein­rich­tungen Begegnungs­mög­lich­keiten in genera­tion­en­­­über­schrei­t­en­den, interkulturellen und sozialen Pro­jekten bieten. So sagt der neue Bericht der Hessen Agentur von 2010: „Nach wie vor gibt es kaum Voll­zeitstellen und die Ent­lohn­ung ist in der Regel der Arbeit nicht angemessen.“

Private Kulturförderung. Die Förderung der Kultur ist in Hessen wie in der gesam­­ten Bundesrepublik nicht nur eine öffent­­liche Aufgabe, sondern wird in der Tradi­­tion des Bürgertums in den Städten in Stiftungen, mäzenatischem Tun und Sponsoring gemeinsam mit Unterneh­men und öffentlicher Hand geleistet. Mäzenatentum und Spon­sor­ing unterscheiden sich durch die Gegen­­seitigkeit des Geschäfts. Während sich im Kultur­­sponsoring Unternehmen für kulturelle Aktivitäten einsetzen, um auf einen Image­­gewinn abzuzielen, unterstützen die Mäzene künstlerische, wissen­schaftliche und soziale Vorhaben, ohne eine direkte Gegenleistung zu verlangen. Unterneh­men oder Unternehmer­familien treten beispielsweise auch als Gründer von privaten und Unternehmens­stift­ungen auf. Bürger und Unternehmen engagie­ren sich ehrenamtlich in Bürger­stift­un­gen oder sind Mitglieder in Förder­ver­einen. Kreditinstitute unterhalten Stiftungen, betreiben Sponsoring oder geben Spen­den. In Deutschland gibt es 17.380 Stif­­tungen, die über ein Vermögen von rund 100 Milliarden Euro verfügen. In Hessen beschäftigen sich 1.600 Stif­tun­gen mit der Förderung von Kultur, Kunst, Wisse­nschaft, Sport, Sozialem und Umwelt.

Die ethische, politische und wirtschaftliche Verpflichtung zur Förderung der Kultur in Deutschland und in Hessen ist auf Dauer nur in Kooperation zwischen öffentlicher Förderung, der Kultur­wirt­schaft, der bürgerschaftlichen Förderung durch Stiftungen und Sponsoring zu gewährleisten. Denn Kultur ist erst in den letzten Jahren als Wirtschaftsfaktor definiert worden, ob als „harter“ oder „weicher“ Standortfaktor. Die Legiti­ma­tion öffentlicher Kulturförderung ist aber eine andere.

Die Kunst ist die Seele eines Landes und einer Stadt, die man sorgfältig pflegen muss und nicht vernachlässigen darf.

Bild-Wagner-lachsfarbenRuth Wagner wurde 1940 geboren und studierte Germanistik, Geschichte und Politik­wissenschaft. Sie ist Vorsitzende des Kulturausschusses der Stadt Darmstadt. Die Autorin war hessische Landtags­ab­ge­ordnete ab 1978. Sie war von 2003 bis 2008 als Vizepräsidentin des hessischen Landtages tätig. Von 1999 bis 2003 amtierte Ruth Wagner als hessische Mi­­ni­s­terin für Wissenschaft und Kunst sowie als stellvertretende Ministerpräsidentin.