Rüdiger König: Afghanistan – Land der Kontraste

Geografisch, kulturell und historisch ist Afghanistan eines der interessantesten Länder der Welt. Wüste im Süden und Südwesten, der Hindukusch im Nordosten und das fruchtbare, landwirtschaftlich stark genutzte Land südöstlich und nördlich des Hindukusch dominieren die Land­­schaft Afghanistans. Die 33 Millionen Einwohner leben in kleinen, abgelegenen Dörfern, aber auch in großen Städten wie Kabul, Dschalalabad oder der UNESCO-Welt­­kulturerbe-Stadt Herat.

Kontraste prägen auch die Geschichte Afghanistans. Die Lage des Landes an der Seidenstraße machte das Gebiet zu einer wichtigen Transitstrecke zwischen Europa und Asien, an der prachtvolle Stoffe, exotische Gewürze, feines Glas oder hochwertige Pelze gehandelt wurden. Kulturelle Elemente, Ideen, Religionen oder neue technische Errungenschaften wurden zwischen den an der Seidenstraße gelegenen Nationen ausgetauscht. Wie ist diese reiche Historie mit dem kriegs- und krisengeschüttelten Staat vereinbar, dessen Bilder wir heute in Deutschland in den Nachrichten sehen?

Ziviler Wiederaufbau: Investitionen in die Zukunft Afghanistans. Trotz vorhandener Bodenschätze – neben Eisen, Kupfer und Gold finden sich auch Zinn, Edelsteine und Chrom – gehört Afghanistan zu den ärmsten Ländern der Welt. Die instabile Sicherheitslage in einigen Teilen des Landes, fehlende Infrastruktur und der Mangel an Fachkräften haben lange Zeit eine wirtschaftliche Entwicklung verhindert und tun es in Teilen immer noch.

Das Deutsche Polizeiprojektteam (GPPT) unterstützt die Aus- und Weiterbildung afghanischer Polizisten.

Das Deutsche Polizeiprojektteam (GPPT) unterstützt die Aus- und Weiterbildung afghanischer Polizisten.

Die deutsche Hilfe zum Wiederaufbau hat jedoch in den vergangenen Jahren Mög­­­lichkeiten für das wirtschaftliche Voran­­kommen Afghanistans geschaffen. Investi­­tionen in Höhe von 430 Millionen Euro im Jahre 2011 in Infrastruktur, Bildung oder Gesundheitswesen haben die Situ­­a­­tion der Menschen stark verbessert. Allein im deutschen Verantwortungsbereich wurden seit 2009 mehr als 30.000 Per­­sonen in verschiedenen wirtschaftlichen Berufen fortgebildet, um bessere Ein­kom­­mensmöglichkeiten zu schaffen. Seit 2002 wurden in Nordafghanistan über 600 Kilometer Straßennetz errichtet. Über das nationale Bildungsprogramm EQUIP hat Deutschland zum Bau von rund 2.000 Schulen beigetragen. Fast acht Millionen Kinder besuchen landesweit nun die Schule, fünfmal so viele wie zu Zeiten der Taliban. In Afghanistan gibt es mittlerweile rund 143.000 ausgebildete Polizisten. Die Fort­­schritte in Afghanistan sind also messbar und führen das Land nach und nach in eine modernere und sichere Zukunft.

Vielfältige Wirtschaftsmöglichkeiten an der neuen Seidenstraße. Es ist für die Weiterentwicklung Afghanistans im Sinne der „Übergabe in Verantwortung“ unab­­dingbar, die afghanische Wirtschaft nach­­haltig zu entwickeln. Dies bedeutet, dass Investitionen der deutschen, europäischen und internationalen Unternehmens­land­schaft notwendig sind, um Strukturen, Arbeitsplätze und somit Verdienst­möglich­keiten zu schaffen. Nur die Erschließung wirtschaftlicher Möglichkeiten im Gleich­­klang mit administrativen, rechtlichen und Sicherheitsstrukturen kann Afgha­nistan die Chance bieten, aus sich selbst heraus zu mehr Wohlstand und somit Eigenständigkeit zu gelangen.

Ein Händler in seinem Schreibwarenladen.

Ein Händler in seinem Schreibwarenladen.

So kontrastreich wie das Land, so vielfältig stellen sich auch die Wirtschafts­möglichkeiten in Afghanistan dar. Land­­wirtschaft, Bergbau, Bauwirtschaft oder Informations- und Kommunikations­techno­­logie sind nur einige der Betätigungs­felder, die sich bieten. Schlüsselbegriff für die wirtschaftlichen Potenziale ist in den vergangenen Monaten die „New Silk Road“ geworden. Die afghanische Wirtschaft wird sich im Rahmen dieser Strategie durch Investitionen, intensiveren Handel, Transport und energetische Versorgung mit den Ländern der Region noch enger vernetzen. Somit soll das Land wieder zum Knotenpunkt zwischen Zentral- und Südasien sowie dem Mittleren Osten werden. Regionale und bilaterale Handels­­abkommen, Reiseerleichterungen und eine einfachere Versorgung mit Krediten sind dabei nur einige der Handlungs­­optionen, die die Politik unterstützen kann. Auch bestehen noch längst nicht ausge­­schöpfte Chancen, den Handel zwischen Afghanistan und der Europäischen Union zu erleichtern. Diese werden bereits disku­­tiert und könnten zukünftig den Marktzu­gang für Güter aus Afghanistan nach Europa sicherstellen. Die regionale Kon­­ferenz in Istanbul im November 2011 und die internationale Afghanistan­kon­fer­­­enz in Bonn am 5. Dezember 2011 haben diesem Prozess nachhaltige Impulse gegeben.

Afghanistan – Land im Wandel. Afgha­­­nistan ist ein Land im Wandel. Während der Anteil der Landwirtschaft am Brutto­­­inlandsprodukt sinkt, steigt insbesondere die Wertschöpfung durch den industriellen Sektor. Bauwesen und Kommunikation sind dabei zwei Bereiche, die sich in den vergangenen Jahren besonders dynamisch entwickelt haben. Nahezu ganz Afgha­nistan ist durch die sogenannte Ringstraße verbunden; eine bald in Betrieb zu nehmende Eisenbahnlinie führt nach Hairatan und von dort weiter nach Usbekistan. Gerade für deutsche Unternehmen bieten sich daher Chancen für den Handel mit landwirtschaftlichen Gütern, aber auch für die Erneuerung technischer Prozesse. Wer in moderne Weiterver­arbeitungs­tech­nologien oder die Verpackungsindustrie investiert, wird einen großen Marktvorteil haben. Für Kühltransporte oder Aufbe­wahr­­ungsanlagen besteht hoher Bedarf.

Auch im Energiesektor ergeben sich Chancen, insbesondere was Wasser- und Solarenergie anbelangt. Wesentliches Wirt­­­­­schaftssegment kann schließlich der Berg­­bau werden. Hier werden in den kommenden Jahren zahlreiche Einzel­aus­­schrei­bungen erwartet. Es besteht bereits großes Interesse von asiatischen Staaten, insbe­sondere der Volksrepublik China.

Bundesregierung und Wirtschaft: ge­­­mein­­sam für ein modernes Afghanistan. Es erfordert selbstverständlich auch Mut, in Afghanistan zu investieren. Kulturelle Unterschiede, administrative Heraus­for­­­­der­­ungen sowie die instabile Sicher­heits­lage in einigen Regionen des Landes mögen manchen Unternehmer auf den ersten Blick nachdenklich stimmen. Ich bin jedoch überzeugt von den wirt­schaft­­lichen Chancen, die Afghanistan zu bieten hat. Die Bundesregierung und die deutsche Wirtschaft haben gemeinsam die Möglichkeit, zu einer nachhaltigen Weiter­­­­entwicklung Afghanistans beizutragen. Wie die Bundesregierung sich seit vielen Jahren und Jahrzehnten bereits für den Aufbau Afghanistans einsetzt, so wird sie auch für die deutsche Wirtschaft weiterhin ein verlässlicher Partner sein. Sie wird helfen, Türen zu öffnen, Potenziale zu er­­­schließen und stets unterstützend zur Seite stehen.

Mit der Bonn-Konferenz am 5. Dezember 2011 ist Afghanistan einen weiteren, wesent­­lichen Schritt gegangen, um Selbst­­­­ständigkeit zu erreichen. In den kommenden Jahren werden viele weitere Schritte folgen. Der Aufbau wirtschaftlicher Struk­­­­turen ist dabei ein wesentliches Ele­­ment, das wir nur gemeinsam angehen können.

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Der Autor hat Politikwissenschaften, Staats- und Völkerrecht sowie Soziologie studiert. 1986 trat er in das Auswärtige Amt ein. Nachdem er von 2008 bis 2010 den Sonder­­stab Afghanistan-Pakistan leitete, ist er seit August 2010 Botschafter der Bundes­­republik Deutschland in Afghanistan.