Rudolf Frauchiger: Das Geheimnis von Qualität, Lohnkosten und Produktivität

Verdienen Sie genug? Betrachtet man den eigenen Lohn, so ist dieser – keine Frage – immer ein bisschen zu tief. Dennoch hat die Schweiz den Ruf eines klassischen Hochlohnlandes. Die Löhne sind zweifellos hoch, zumindest auf den ersten Blick. Wieso kann sich dann unser Land als einer der vorteilhaftesten Wirt­schafts­stand­orte Europas be­­haup­ten?

Einer hat mal gesagt, weil die Schweizer eine Stunde früher aufstehen als andere. Die Schweiz gehört zu den Ländern mit der höchsten Ar­­beits­zeit. Bezieht man weiter die Lohn­­­ne­ben­kosten, die Produk­tivität und den Arbeits­frieden mit ins Kal­­kül ein, so entpuppt sich der Stand­ort Schweiz plötzlich als ausgesprochen kon­­kurrenzfähig. Hat die Schweiz im internationalen Vergleich gar tiefe Löhne, wenn man es richtig anschaut? Tun wir das mal.

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Direktlohn – Lohnnebenkosten – Lohnstückkosten
Eine – oberflächliche – Betrachtung zeigt, dass die Schweizer Löhne zu den weltweit höchsten gehören. Dies ist eine Bin­sen­wahrheit. Sie liegen an dritter Stelle hinter Dänemark und Norwegen. Für den Unter­­nehmer zählt jedoch nicht, was der Be­­schäftigte in der Lohntüte hat, sondern was für ihn insgesamt hingeblättert werden muss. Das heisst, auch die Lohn­neben­kos­­ten sind einzubeziehen. Und da liegt die Schweiz erst an achter Stelle. Spitzen­rei­­ter ist Italien mit 95 Pro­­­zent. Dort muss also der Arbeitgeber neben der Be­­zah­­lung des Bruttolohns zu­­sätzlich nochmals fast den­­selben Betrag als Lohn­neben­kosten dem So­­zialstaat ab­­liefern. In der Schweiz sind es 53 Prozent, in den USA 43 Prozent.
Bei den Arbeitskosten als Summe aus Di­­rektlohn und den Nebenkosten be­­fand sich die Schweiz gemäss einer Stu­­die des Instituts der Deutschen Wirt­­­schaft, Köln, auf Platz vier hinter Nor­wegen, Bel­­­gien, Deutschland (Stand 2006). Schlussend­lich wettbewerbsentschei­dend sind aber nicht die Stundenkosten, sondern die Lohnstückkosten, welche die Ar­­­­­beits­pro­­duktivität miteinbeziehen. Dank einer ho­­hen Produktivität sind die Lohn­stück­­kos­­ten in der Schweiz wesentlich tiefer als in konkurrierenden Wirt­schafts­räumen. Auch sind sie seit 1995 nur ge­­ringfügig angestiegen. Damit hat die Schweiz einen Wettbewerbsvorteil er­­zielt. Die teure Ar­­beit ist kompensiert. Im Ranking der Wett­­bewerbsfähigkeit hat sich die Schweiz 2007 (Quelle: WEF) auf Platz zwei nach den USA, vor Dänemark, Deutschland und anderen Ländern vorgearbeitet.

In der Schweiz stehen die meisten Menschen im Erwerbsleben
Gemäss einer OECD-Studie hat die Schweiz den höchsten Anteil der Bevöl­kerung zwi­­schen 15 und 64 Jahren, welcher einem be­­zahlten Erwerb nachgeht. Die durchschnittliche Erwerbsquote im Zeitraum von 1994 bis 2005 betrug in der Schweiz trotz tiefem Wirtschaftswachs­tum 83 Prozent. In den USA und Deutsch­land sind es 70 Pro­­zent, in Italien und Polen nur 55 Pro­­zent. Über alle OECD-Länder sind es 66 Pro­­zent.
Die Arbeitslosigkeit ist relativ tief – sie liegt bei etwas über zwei Prozent. Da­­durch ist der Umfang von staatlichen Transfer­zahlungen an Nichterwerbs­tä­ti­ge geringer als im Ausland. Dies wirkt sich wiederum vorteilhaft auf die Steuer­­be­­las­tung aus.

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Ein gutes sozialpartnerschaftliches Klima senkt die Kosten
Die Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern sind in der Schweiz geprägt von gegenseitigem Vertrauen. Der soziale Frieden hat Tradition, zu Ar­­beitskonflikten kommt es selten. Die ge­­setzlichen Regelungen beschränken sich auf die groben Rahmenbedingungen. Viele entscheidende Fragen werden de­­zen­­tral, das heißt auf betrieblicher Ebe­­ne, zwischen den Sozialpartnern ge­­re­­gelt. Die gesetzlichen Mit­­be­­stimm­­ungs­­­rechte der Arbeitnehmer sind minimal. In Be­­trie­­ben mit mehr als 50 Mitarbeitern können die Arbeitnehmer eine Vertretung wählen. Diese hat aber nur Anspruch auf In­­for­­ma­­tion und ein Mitwirkungsrecht im Be­­reich Arbeits­sicher­heit und Gesund­heits­schutz. Sie muss auch bei bevor­ste­­hen­den Mas­­sen­­­entlassungen konsul­tiert wer­­den. Eine eigentliche gesetzliche Mit­­­be­stim­mung gibt es nicht.
Fehlzeiten wegen Krankheit und Ar­­beits­­aus­­fälle wegen Streiks sind gering. Im in­­ter­na­tionalen Vergleich weist die Schweiz mit 31 eher wenige bezahlte Ferien- und Feiertage aus. Die Folge ist eine deutlich höhere Zahl an Jahres­ar­­beits­stunden. In Zürich werden im Schnitt 1.850 Stun­den am Arbeitsplatz verbracht. In Ber­lin und Paris sind es bis zu zwei Monate weniger. Die durch­schnitt­l­i­che Wochen­arbeitszeit liegt bei 42 Stun­­den. Arbeitsein­sätze zwisch­­en sechs und 23 Uhr bedürfen keiner Be­­willigung. Dies ermöglicht einen bewilligungsfreien Zwei­­schichten­be­trieb. Über­­­­zeit ist nicht be­­willigungspflichtig, jedoch auf 140 bis 170 Stun­den pro Jahr be­­grenzt. Der Mut­­ter­schafts­­­­schutz beträgt 16 Woch­­en.

Das Arbeitsrecht ist unternehmerfreundlich
Das Schweizer Arbeitsrecht ist liberal. Die Kündigungsfrist beträgt maximal drei Mo­­­­na­­­­te. Der Unternehmer braucht bei Ent­­las­­­sun­gen in der ­Regel keine Be­­grün­­­­dung zu ge­­ben. Kündigungs­schutz besteht nur in we­­­­­ni­­­­gen Fällen, zum Bei­­spiel bei Schwan­­ger­schaft. Das Arbeits­recht bietet Mög­lich­­­­­kei­ten für eine flexible Gestaltung von Nacht-, Schicht-, Sonntags- und Über­zeit­­ar­­­­­beit. Die Unternehmen sind weitgehend frei, Mit­­arbeiter einzustellen, Ver­­träge zu än­­dern und flexibel arbeiten zu lassen. Die niedrige Regu­lierungsdichte des Arbeits­­marktes begrenzt das Unter­neh­­merrisiko bei Inves­ti­­­tionen und wirkt be­­­schäftigungsfreund­lich.

Die Schweiz ist ein Land der KMU
Der verstärkte Trend zur Dienst­leis­tungs­­gesellschaft geht einher mit der Ent­wick­­lung zu kleineren Unternehmen, eine Fol­­ge der zunehmenden Arbeitsteilung. Das Vor­herrschen von Klein- und Mittel­be­­trie­­ben (KMU) war aber von jeher das her­­vor­stechende Strukturmerk­mal der schwei­­zerischen Wirtschaft. Mehr als 99 Pro­zent der Unternehmen haben we­­­niger als 250 Vollzeit­be­schäftigte. En­­ge Bin­­dung der Arbeit­nehmer an und Ver­­ant­wortungs­bewusstsein für das Un­­ter­­neh­­men gehören denn auch zu den we­­sent­lichen Merkmalen unserer Wirt­schaft.

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Das Land der Berufspraktiker produziert Qualität
Für ein rohstoffarmes Land wie die Schweiz ist ein hoher Ausbildungs­stand der Ar­­beitskräfte ein wesentlicher Stand­­ort­fak­­tor.
Das Bildungssystem der Schweiz zählt zu den besten der Welt. Die öffentlichen Schulen geniessen einen ausgezeich­neten Ruf. Die Schweiz gibt von allen OECD-Staaten am meisten aus für das Bil­dungswesen. Dieses bringt hoch­qua­­li­fizierte, mehrsprachige Arbeits­kräfte auf allen Ebenen hervor. Den­noch ist der Bevölkerungs­anteil mit Hoch­schul­ab­schluss relativ tief. Wir haben ein ar­­­­beits­marktnahes Berufsbildungs­sys­tem, übrigens durchaus mit höherer Fach­­­ausbildung. Ein hoher Anteil an Er­­werbs­tätigen hat eine Berufslehre mit berufspraktischer Spezialisierung ab­­sol­­­viert und bildet sich während des Berufs­lebens permanent weiter. Dank der gut ausgebildeten und einsatzwilligen Prak­tiker liegt die Schweiz be­­züglich Innova­tionen an der Spitze der eu­­ropäischen Länder. Die Schweizer In­­­­dustrie kann sich auf den Welt­märkten mit Qualitäts­vorteilen positionieren, die dank hoher Wert­schöpfung den höheren Preis kom­pen­sieren. 62 Pro­zent der Exporte gehen in internationale Märk­­te, bei denen Qua­lität und Inno­­vation wettbewerbsentscheidend sind. Von diesen Exporten haben 93 Pro­zent auch effektive Qua­litäts­vor­teile, zum Beispiel Ap­­parate der Medizinal­tech­­nik, Pharma­pro­dukte, Ma­­schinen­­bau. Die Position der Schweiz in den High­­tech-Güter-Märkten ist denn auch sehr gut.
Bei wissenschaftlichen Instru­menten (Prä­­zi­­sionsmessgeräte, Medi­zinal­ge­räte, Spit­­zen­­uhren), bei Pharma- und Che­mie­pro­­dukten und bei Werk­zeug­ma­schinen ist die Schweizer Industrie hoch spezia­­li­­siert. In anderen Bereichen wie der Luft- und Raumfahrt, der Elektronik oder bei Computern ist sie dagegen wenig präsent.

Fazit
Die Schweizer erhalten gutes Geld für geleistete Arbeit. Sie müssen dieses Ein­­kommen zu einem vergleichsweise tiefen Satz versteuern. Es bleibt ihnen mehr als andernorts. Darum sind die Arbeit­­nehmer in der Schweiz meist hoch mo­­tiviert und einsatzwillig. Weil sie eher in KMU arbeiten, ist die Iden­tifikation mit „ihrem“ Unternehmen ausgeprägt. Ein gutes sozialpartnerschaftliches Klima senkt die Lohnkos­ten trotz hoher Stun­­denlöhne. Ein li­­berales Arbeitsrecht, re­­lativ geringe Down­sizing-Kosten und eine einigermassen massvolle Bürokratie sind echte Stand­ortvorteile für Unter­neh­men. Die Schweiz ist nur auf den ersten Blick teuer. Allerdings: In vielen Ländern stehen die Leute mittlerweile auch eine Stunde früher auf und in manchen Ländern arbeiten sie abends dazu noch eine Stunde länger.

Document_retRudolf Frauchinger (Jahrgang 1941) ist diplomier­ter Wirtschaftsprüfer und MBA. Er ist geschäftsführender Part­ner der Mergeconsult AG in Stansstad und kann auf 30 Jahre Industrie­erfah­rung und Ma­­nage­ment­positionen in einem Tech­nolo­gie­­konzern verweisen. Der Autor ist Spezialist für Beratungs­dienst­leis­tun­gen für die Anpas­sung von Gesellschafts­struk­turen, Nach­folge­regelungen und für An­­­­sied­lungsprojekte.