Ronald Gundlach: Heilbäder und Kurorte in Hessen – Auf dem Weg in die Zukunft

Die Heilbäder und Kurorte in Hessen setzen auf die neue Kur. Auf den ersten Blick mag das zwar ungewöhnlich er­­scheinen, doch in Wahrheit ist es das nicht.

„Kur“ blickt auf eine lange Tradition zurück. Schon die Römer erkannten die wohltuende und vor allem heilende Wirkung der „Natürlichen Heilmittel“ wie Mineralwasser und Sole. Sie schöpften aus dem Reichtum der Natur und ent­wickelten daraus ihre eigene Kultur. Die heutige Landeshauptstadt Wiesbaden hat dieser Tradition sogar ihren Namen zu verdanken. Traf man sich doch hier, um in den Wiesen zu baden. Ein Aufenthalt an einem Badeort oder die berühmte Som­merfrische sorgte später dafür, dass der Mensch zu Ruhe kam und sich erholte.

Ein erster Wandel trat Mitte der 1950er Jahre ein. Das Gesundheitssystem der Krankenkassen ermöglichte eine Aus­­zeit zur Prävention und Rehabilitation. Der moderne Mensch zog sich von nun an von Zeit zu Zeit zurück, um sich bei der ambulanten Badekur zu erholen und die „Natürlichen Heilmittel“ zu genießen. Als Patient kam er in die Kliniken oder Reha-Zentren, um dort für den Alltag wie­­der gesund und fit zu werden. Doch von einem Tag auf den anderen sollte alles anders werden: Die zahlreichen Ge­­sund­heitsreformen ab 1989 veränderten das Kurwesen, das erst mit dem Wirt­schafts­wunder auf­­gebaut wurde, grundlegend. Eine ganze Branche stand vor einem Pa­­radigmenwechsel – große Einschrän­kungen inklusive. Kliniken schlossen, der Berufsstand der Physio­therapeuten oder Masseure war zur Aufgabe von privaten Praxen gezwungen, Restaurants, Cafés und Geschäfte klagten über Umsatzein­bußen, ganze Straßenzüge ver­änderten sich. Damit ging ein Identitätsverlust der Heil­­bäder und Kurorte einher, der fast zu einer Selbst­aufgabe geführt hat.

Die Heilbäder und Kurorte in Hessen ha-­ben sich dafür entschieden, dem Prozess der Selbstaufgabe entgegen­zuwirken. Schließlich besteht dafür auch kein Grund. Denn betrachtet man die wirt­schaftliche Seite, dann stellt man fest, dass sie überaus dynamische Wirt­schafts­zentren sind. Das stellen sie alljährlich mit eindrucksvollen Zahlen unter Be­­weis. Rund 9,4 Millionen Über­nachtungen zählen die 30 Heilbäder und Kurorte, das sind in etwa 27 Prozent aller Übernach­tungen in Hessen. Hinzu kommen rund 25 Millionen Tagesreisende, die in den Gesundheitszentren zu Gast sind und durchschnitt­lich pro Besuch 27,50 Euro ausgeben. Insgesamt betrachtet werden in den Heilbädern und Kurorten 1.853,5 Milli­onen Euro Bruttoumsatz generiert. Davon profitieren im Besonderen das Gastgewerbe, der Einzelhandel sowie der Sektor Dienst­leis­­tungen. Und wo immer Brut­­toum­sätze anfallen, freut sich auch der Staat. Über 200 Milli­onen Euro fließen dem Fiskus jährlich aus den Bereichen Mehr­­wert- sowie Einkommen­steuer zu. Weitere Steuern und Abgaben kommen hinzu.
Ein Wandel bringt jedoch immer auch Herausforder­un­gen und Chan­­cen mit sich. Nach zaghaften Anfängen kamen Um­­struk­turierungen in Gange, die sich zu einem immerwährenden Prozess ent­­wickelten. Große wie kleine Heil­bäder und Kur­­orte haben die Herausforderungen an­­ge­­nommen und in­­vestieren seit­­her mutig in einen Neu­an­­fang. Der Umstruk­turierungspro­zess ist in vollem Gange und auf verschiedenen Ebenen be­­reits abgeschlossen. Sicherlich darf man sich dabei aber nichts vormachen. Die Ent­­wicklung ist hart und langwierig und wird nur mit vollem Engagement zu leisten sein. Dies besonders vor dem Hintergrund der wirt­­schaftlich widrigen Zeiten und der finanziellen Situation der Städte, zu denen natürlich auch die Heilbäder und Kurorte zählen.

Und dennoch haben Heilbäder und Kur­orte in Hessen in den letzten Jahren viel bewegt: Thermen und Schwimm­bäder wurden gebaut, Angebote neu entwickelt und die Infrastruktur gestaltet.

Bad Sooden-Allendorf ist stolz auf seine Wer­­ratal­Therme, Bad Endbach freut sich über die Lahn-Dill-Bergland-Ther­me und Bad Orb über die Toskana-Therme, die erst vor wenigen Jahren eröffnet wurde. Bad Homburg v.d. Höhe grün­dete eine Stiftung, um den Kurpark zu erhalten. Und mehr noch, der Kurpark hat mit der Sanierung der historischen Oran­­gerie seinen alten Glanz wieder er­­halten. In Bad Soden-Salmünster begeistert seit Neues­tem das Ice-Lab, eine Kältekam­mer, die mit minus 110 Grad Celsius besonders für Sportler sowie Rheuma­tiker geeignet ist, die Gäste der Spessart-Therme.

Das Angebot der Heilbäder und Kuror­­te in Hessen ist viel­­fältig. Neben den Schwimmbädern und Thermen sind die Kurparke beliebte Ausflugsziele. So lockt zum Bei­spiel der fantastische Kurpark der Sinne nach Bad Hers­­feld, Bad Cam­berg bietet einen Kneipp-Kräutergarten und Bad Zwesten im hohen Norden einen Kur­­park mit begehbarer Sonnenuhr. Der deutsch­­landweit einzigartige Heilklima-Park befindet sich direkt bei Königstein im Taunus und Europas größter Kurpark zwischen Bad Wildungen und Reinhards­hausen. Das Kurhaus der Lan­­deshaupt­stadt Wiesbaden ist ebenso weltberühmt wie Europas größte zusammenhängende Jugendstilanlage in Bad Nauheim.

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Nun steht ein erneuter Wandel bevor: Die Heilbäder und Kurorte in Hessen gehen einen Schritt zurück in die Zukunft. Denn nimmt man es genau, sind die viel be­­schriebenen Angebote wie Wellness, Som­merfrische und, und, und, ein Teil der Kur. Damit stellt sich die Frage, warum die Gesundheitszentren den Trends hinterherlaufen sollen, wenn sie doch nach wie vor die Trendsetter sind. Die Heilbäder und Kurorte in Hessen haben sich deshalb vehement dafür eingesetzt und gemeinsam mit ihren Partnern auf der Bundes­ebene einen Markenprozess initiiert, der die „Kur“ neu definiert.

Die Rückbesinnung auf die eigenen Werte hat zur Rück­­besinnung auf die Kur geführt, unabhängig davon, wie lange sie dauert und wie sie finanziert wird. Die „neue Kur“ steht für Gesundheit und Erlebnis, Erholung und Zufriedenheit, Genuss und vor allem Lebensfreude.

Vorbei sind die Zeiten, in denen Kur auf Krankenschein verordnete Gesundheit verhieß. „Die neue Kur“ verbindet hochwertige medizinische Angebote mit Lebensgefühl. Dabei legen die Heilbäder und Kurorte in Hessen Wert auf einen hohen Qualitätsstandard. Dies wird be­­reits früh deutlich, denn Prädikate, wie „Bad“ oder „Heilklima­tischer Kurort“ werden sehr genau überprüft. Für Hessen gilt: „Nur wo Bad drauf steht, ist auch Bad drin“.

Die Stärke der Heilbäder und Kurorte sind ihre „Na­­türlichen Heilmittel“. Erde, Feuer, Wasser und Luft sind dabei ein Schatz, den es zu entdecken lohnt. Sole, Mineral- und Thermalquellen, Moor oder auch Heilklima wirken als Lebenselixier für Jung und Alt. Dazu liegen die Ge­­sund­heitszentren zumeist in einer wunderbaren Landschaft, die ideal ist, um auf Entdeckungsreise zu gehen und neue Welten kennen zu lernen. Sie bieten per­­fekte medizinische Angebote und beste Voraus­setzungen für die aktive und passive Erholung. Wichtig sind auch ein medizinischer Check-up beim Arzt, der Besuch einer Therme, Massagen, Anwendungen und natürlich die außergewöhnlichen Heilwässer. Sie muss man einfach testen, denn das kühle Nass ist der Quell der Gesundheit. Wertvolle Mineralien und Spurenele­mente stärken den Körper – und das ganz ohne chemische Zusatzstoffe. Dazu ein Spaziergang auf schier end­­losen Wanderwegen. Kur ist heute ein Lebens­gefühl und die Heilbäder und Kurorte in Hessen sind die Wächter der Kur.

Ronald-Gundlach-kopierenDer 1949 geborene Autor war von 1997 bis 2009 Bürgermeister der Stadt Bad Sooden-Allendorf und zeitweilig Spre­­cher der Kreisversammlung des Hes­­si­schen Städte- und Gemeindebundes. Das Amt des stellvertretenden Vorsit­zenden des Hessischen Heilbäderver­bandes e.V. übernahm er 2001, seit 2005 ist er Vorsit­zender. Er gehört dem Prä­­sidium des Deutschen Heilbäderver­­bandes e.V. an.