Reinhard Diehl: Erdgeschichte, Natur und Kultur erleben

Der Geo-Naturpark Bergstraße-Odenwald liegt mit einer Fläche von 3.500 Quadrat­kilometern zwischen den Flüssen Rhein, Main und Neckar. Im Süden überschneidet er sich teilweise mit dem Naturpark Neck­­ar­­tal-Odenwald auf baden-württembergischem Gebiet, im Osten trifft er am Main mit dem Naturpark Bayerischer Spessart zusammen. Der Naturpark ist seit dem Jahr 2004 als Geopark Mitglied im „Global Network of Geoparks“ der UNESCO. Er wird als Verein verwaltet, besteht aus 103 Mitgliedskommunen und erstreckt sich über mehrere Landkreise.

Ein Geopark ist ein gekennzeichnetes Gebiet, in dem Erdgeschichte und ihre Verbindung zu Natur und Kultur erlebbar gemacht wird. In diesen Regionen soll den Besuchern verständlich werden, wie Land­schaften entstehen, welche Gesteine im Untergrund vorkommen und wie die Geologie die jeweilige Land­nutzung beeinflusst. Die Themen werden zum Bei­spiel durch geführte Wanderungen oder Infor­ma­tionstafeln vermittelt.

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Der Geo-Naturpark Bergstraße-Odenwald lädt dazu ein, eine geschichtsträchtige Landschaft zu entdecken. Er ist geprägt von mehr als 500 Millionen Jahren bewegter Erdgeschichte, einem facettenreichen Naturraum, jahrtausende­alter Kultur und nicht zuletzt von der ursprünglichen Gast­freundschaft der Menschen, die zahlreiche Besucher an­­lockt. Während die urbanen Regionen, wie etwa die Wissenschafts­stadt Darmstadt, besondere Einblicke in Ge­schich­te und Kultur gewähren und gleich­zeitig beliebte Wohn- und Arbeits­stand­orte sind, besticht der ländliche Raum durch seine Ursprüng­­lichkeit, eine ab­wechs­lungs­reiche Land­schaft, idyllische Dörfer, Burgen und Schlösser, besondere Traditio­­nen und regionaltypische Gaumenfreuden.

Faszinierende Erdgeschichte zwischen Granit und Sandstein. Weltverändernde Vorgänge haben der Region ihren unver­­wechselbaren Stempel aufgedrückt. Hin­weise auf diese Vorgänge geben uns die Gesteine, die dabei entstanden sind: Sie können uns anhand ihrer Zusammen­set­zung und Bildungsbedingungen genaue Auskunft über die Umwelt, das Klima und die weltweite Kontinentverteilung längst vergangener Jahrmillionen geben. Die Ge­­­steine des Geo-Naturpark-Gebiets sind demnach so etwas wie die „steinerne Bibliothek der Erdgeschichte“ der Region.

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Das Geo-Naturpark-Gebiet ist durch markante landschaftliche Gegensätze geprägt: die Rheinische Tiefebene im Westen, der Vordere Odenwald im Zentrum und auch der Hintere Odenwald zeichnen klar voneinander abgegrenzte Land­schafts­ausschnitte nach, deren Gesteins­unter­grund in unterschiedlichen Erdzeitaltern entstanden ist.
Dieser ist in drei Großeinheiten gegliedert, die sich hinsichtlich ihrer Entstehung, Zu­­­sam­­mensetzung und ihres Alters deutlich voneinander unterscheiden: Oberrhein­­graben, Kris­talliner Odenwald und Bunt­­sandstein-Odenwald. Auf das weite, flach­­räumige Tal des Rheins folgen die sanften Kuppen des Kristallinen Odenwaldes. Im Bunt­sandstein-Odenwald hingegen dominieren ausgedehnte Hoch­flächen, die von tiefen Tälern durchzogen sind. Die östlich an­­schlie­ßende Muschel­kalk-Land­schaft zeichnet sich durch typische Karst­erscheinungen (Höhlen und Dolinen) aus.

Die Landschaft wurde im Verlauf der Erd­­geschichte mehrfach umgestaltet. So ent­­stand im Erdaltertum bei der Kollision zweier Urkontinente vor etwa 340 bis 320 Millionen Jahren der Kristalline Oden­wald (Vorderer Odenwald), der aus Tiefen­gesteinen – zum Beispiel Granit, Gabbro – und Schiefern aufgebaut ist. Die Sand- und Tonsteine des Buntsandstein-Oden­waldes (Hinterer Odenwald) wurden im Erdmittelalter, vor etwa 245 Millionen Jahren, in Flüssen und Seen abgelagert. Die Absenkung des Oberrheingrabens, der mit Kies, Sand und Ton gefüllt ist, begann vor etwa 50 Millionen Jahren, seither ist der Graben etwa 4.000 Meter abgesunken. Ihr heutiges Bild erhielt die Land­schaft durch die formenden Prozesse der Verwitterung, Abtragung und Ablagerung erst in geologisch relativ junger Zeit – während der Eiszeiten (etwa zwei Milli­onen bis 10.000 Jahre vor heute). Auf dem Millionen Jahre alten geologischen Unter­grund entstand ein vielgestaltiger Natur- und Kulturraum, der dazu einlädt, im Rahmen ausgedehnter Streifzüge entdeckt zu werden.

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Natur mit dem Profi. Ob Eintauchen in die Vergangenheit, Ruhe genießen, Land­­schaft erleben oder kulinarische Gaumen­freuden – das abwechslungsreiche Pro­gramm des Geo-Naturparks gewährt besondere Einblicke in die Region. Unter dem Motto „Natur mit dem Profi“ gehören Landschaftsführungen und familiengerechte Natur- und Umweltthemen zum Angebot. Die Ranger im Geo-Naturpark Bergstraße-Odenwald, meist Geowissen­schaftler oder Biologen, vermitteln Wissen über Landschaft und Kulturgeschichte oder sie weihen Kinder spielerisch in die Geheimnisse der Natur ein. Gemeinsam mit Gastronomen, Winzern, Edelbrennern und Landwirten haben die Geopark-Ranger auch kulinarische Angebote mit Produkten aus der Region zusammengestellt. Dabei verbringen die Besucher einen Tag im Geo-Naturpark beim „Genusswandern“ und verkosten dabei regionale Speziali­täten wie Weine oder exquisite Edel­brände, land­­frischen Käse und Schinken.

„Geopark-vor-Ort“ ist ein mehrteiliges Aus­­bildungsprogramm für Menschen aus den Mitgliedskommunen, die Besuchern ihre Umgebung näherbringen möchten. Das „Vor-Ort-Wissen“, zum Beispiel über die Herkunftsorte von Naturwerksteinen an besonderen Gebäuden, Arbeits­be­din­gu­ngen und Bearbeitungstechniken ver­gangener Jahrzehnte sowie die Erin­ne­rungen an örtliche Begebenheiten, steht hier im Mittelpunkt. „Geopark-ab-Hof“ ist eine Kooperation des Geo-Naturparks mit landwirtschaftlichen Betrieben, die Urlaub auf dem Bauernhof anbieten. Die Eingangstore und Informationszentren des Geo-Naturparks halten darüber hinaus Tipps und Anregungen bereit. Wer die Land­­schaft auf eigene Faust entdecken will, kann rund 30 Erlebnispfade erkunden.
Regional verankert und international ver­netzt. Der Geo-Naturpark arbeitet mit vielen Partnern in der gesamten Region zusammen. Die UNESCO-Welter­bestätten Lorsch und Grube Messel, das Felsenmeer im Lautertal oder die Tropfsteinhöhle in Buchen-Eberstadt sind nur einige Bei­spiele. Die mehr als 100 Mitgliedskom­munen laden mit ihrer landschaftlichen und kulturellen Vielfalt dazu ein, die Region immer wieder neu zu entdecken. Touris­mus, Landwirtschaft und Gastronomie legen dabei besonderen Wert auf die regionale Identität, die den Besucher willkommen heißt. Als eine von weltweit 78 Regionen ist der Geo-Naturpark Mit­glied im Globalen Geopark-Netzwerk der UNESCO – höchste Auszeichnung für eine einzigartige Landschaft und deren viel­seitige touristische Erschließung.

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Auf Spurensuche in Darmstadt. In den vergangenen Jahren hat der Geo-Natur­park gemeinsam mit Partnern vor Ort in Darmstadt und Umgebung eine Reihe attraktiver Angebote entwickelt, die be­son­­dere Einblicke in Erdgeschichte, Natur und Landschaft gewähren. Dazu gehören beispielsweise der Planetenweg, der Inter­nationale Waldkunstpfad, das Bioversum Kranichstein sowie die Grube Messel.
Der Planetenweg Darmstadt: Auf der Ludwigshöhe, beginnend bei der Volks­stern­warte, können Sie auf dem etwa drei Kilometer langen Pfad den riesigen Ent­­fernungen innerhalb unseres Sonnen­sys­tems, den unvorstellbaren Zeitdimen­si­onen und der Faszi­nation ferner Himmels­körper nachspüren. Wer darüber hinaus Interesse an ganz besonderen Einblicken sowohl in den Weltraum als auch auf die Erde hat, kann eine Führung buchen, bei der auch das European Space Operations Centre (ESOC) besucht wird.

Der Internationale Waldkunstpfad: Der Verein Internationale Waldkunst hat im Stadtwald von Darmstadt seit 2002 ins­gesamt fünf thematische Ausstellungen geschaffen, die sich entlang einer Weg­strecke von rund 3,5 Kilometern vom Böllen­falltor, vorbei am Goetheteich bis zur Ludwigshöhe, erstrecken. Der Waldkunst­pfad, auf dem sowohl aktuelle als auch vergangene Kunstwerke zu betrachten sind, kann ganzjährig begangen werden. Das Internationale Waldkunstzentrum (IWZ) in der Ludwigshöhstraße bietet darüber hinaus zwischen April und November eine Reihe von besonderen Veranstaltungen und Aktionen an.

Das Bioversum Kranichstein – Geopark-Informationszentrum: Unter dem Motto „Forschen – erkennen – erleben“ bietet das Bio­­versum (Museum biologischer Vielfalt) in Darmstadt-Kranichstein eine Vielzahl von spannenden Veranstaltungen. Die moderne, interaktiv gestaltete Aus­stel­­lung im Zeughaus des Jagdschlosses Kranich­­stein lädt darüber hinaus große und kleine Besucher dazu ein, die regio­nale Tier- und Pflanzenwelt kennenzulernen, zu erfahren, was biologische Viel­­falt bedeutet und wie wir Menschen sie beeinflussen.

Die Grube Messel – Geopark-Eingangstor: Von der UNESCO im Jahr 1995 als Welt­­­erbe­stätte ausgezeichnet, bietet die Grube Messel bei Darmstadt einen faszinierenden Einblick in die Lebenswelt vor etwa 47 Millionen Jahren. Berühmt wurde der ehemalige Ölschieferabbau durch die einzigartig erhaltenen Fossilfunde, die maßgebliche Hinweise zur Entwicklung der Erde und des Lebens geben. Das Besucherzentrum der Welterbe Grube Messel gGmbH am Rand der Grube lädt darüber hinaus dazu ein, in die „Zeit und Messel Welten“ tiefer einzutauchen.

reinhard-KopieDer Autor wurde 1953 geboren. Nach seinem Studium zum Diplom-Verwaltungs­wirt war er als Verwaltungsoberrat tätig. Er ist Sprecher des Bundesbeirates des Verbands Deutscher Naturparke sowie Geschäftsführer des Geo-Naturparks Berg­­straße-Odenwald e.V.