Prof. Wolfgang Henseler: Natural User Interface Design – die neue Dimension des Denkens

Spätestens seit dem wirtschaftlichen Erfolg von Apple weiß jeder, dass heutzutage gutes Design und Benutzungsfreundlichkeit die essentiellen Bestandteile ökonomischen Wohlstands bilden. Der Siegeszug von Apple begann in den 1980 Jahren mit der Erkenntnis von Steve Jobs, dass die grafische Benutzungsoberfläche unsere Arbeitswelt revolutionieren würde. Es war die hohe Gebrauchstauglichkeit der neuen Systeme, die sogenannte Usability, die dazu führte, dass grafisch-basierte Programme sich gegenüber Befehlszeilen-orientierten Systemen wie MS-DOS durchsetzten.

Und es war erneut die Usability, die dazu führte, dass wir Menschen heutzutage lieber und häufiger zu Smart­phone und Tablet greifen als zu Laptop und PC. Nur, dass diesmal nicht die grafische Benutzungsoberfläche (GUI = Graphical User Interface) aus den achtziger Jahren hierfür ver­ant­­wort­­lich zeichnete, sondern deren Nachfolgerin, die na­­türliche Benutzungsoberfläche, das sogenannte Na­­tural User In­­terface (NUI = Natural User Interface). Diese Natural User Interfaces sind nicht nur signifikant benutzungsfreundlicher und damit wirtschaft­lich effek­­tiver, effizienter und zufrie­­den­­stellender, sondern sie bilden gleich­­zeitig auch die Basis für die nächste Revolution des Internets, dem Internet der Dinge.

Um diesen Wandel zu verstehen muss man begreifen, dass die Usability der natürliche Treiber des Menschen für Ver­­änderung ist, weil wir durch sie unser Leistungs­po­­ten­zial extrem steigern können. Betrachtet man alleine den zeitlichen Vorteil von NUI- zu GUI-basierten Inter­­aktions- oder IT-Systemen, so bewegt sich dieser im Durchschnitt bei dem Faktor 8. Das bedeutet, dass ein Nutzer für die gleiche Arbeitsaufgabe nicht mehr acht Stunden, sondern nur noch eine Stunde benötigt! Ein zeitlicher Vorteil, be­­dingt durch das Systemverhalten und dessen intuitive Gestaltung, der nicht nur die Nutzer erfreut, sondern vor allem für die Unternehmen dieser Welt von immenser Bedeutung ist.

Was ist aber der Unterschied, der die NUI-basierten Sys­teme gegenüber den gewohnten GUI-Systemen so erfolg­­reich macht? Das Neue liegt in der andersartigen Ge­­staltung dieser Systeme, so dass sie natürlich und intu­­itiv benutzbar werden. Lag der Fokus der Gestaltung bei grafischen Benutzungsoberflächen noch im Design von deren Aussehen, so liegt er bei Natural User Inter­faces in der Gestaltung des Verhaltens. Nicht mehr das Aus­sehen, zum Beispiel ein Inhalt, sondern das Ver­halten, zum Bei­spiel ein Service wird zur wichtigsten Gestaltungskomponente.

Es ist genau dieser gestalterische Paradigmenwechsel vom Look zum Feel, der sich für den Erfolg dieser neuen Generation an Computersystemen verantwortlich zeich­net und deren rasante weltweite Verbreitung und Nut­­zung veranlasst hat. Der Wandel von GUI zu NUI verlangt aber auch ein radikales Umdenken, eine mentale Trans­­for­mation oder wie Steve Jobs es einst gesagt hat: „It’s all about people and changing their minds.“

Die im Keim aus den Na­­tural User Inter­­face ent­­sprun­­gene digi­­tale Trans­formation ist nunmehr dabei auf alle Bereiche unseres Lebens Einfluss

zu nehmen. Die Auswirkungen des rapiden Wandels lassen sich hierbei in Wirtschaft, Gesellschaft, beim Menschen, deren Aus­­bildungssystemen und so weiter tagtäglich feststellen. Wer es nicht schafft, in den neuen Dimensionen zu denken und zu handeln, der wird entweder zur „Nische“ oder wie Kodak, Nokia, Dell und an­­dere sukzessive vom Markt verschwinden. Dabei ist es keineswegs so, dass die Veränderungen einschränken oder beängstigen müssen. Vielmehr bringen sie ein im­­menses Potenzial an individuellen und wirtschaftlichen Möglichkeiten für diejenigen mit, die in den Dimensionen des Neuen denken können. Wer allerdings nicht für die stattfinden­den Veränderungen sensibilisiert ist und die Potenziale des Neuen erkennt, für den wird die Luft nach oben hin immer dünner.

Nehmen wir als Beispiel nur die Verlagsbranche, deren Möglichkeiten-Spektrum heutzutage besser denn je ist, die aber ihre Chancen häufig nicht erkennen und nutzen. Dabei hat genau diese Branche extreme wirtschaftliche Potenziale, die sie heutzutage bereits ab­schöpfen könnte, wenn sie nur verstehen würde, dass man im Zeitalter der digitalen Transformation nicht mehr in Inhalten sondern in Diensten denken muss. Nicht mehr in Pro­dukten, sondern in Produkt-Eco-Systemen und dass die Wirkung einer Leistung nicht aber die Leistung selbst mehr zählt. In vielen Bereichen unserer Wirtschaft aber auch Politik ist zu spüren, dass die neue Form des Denkens häufig zu Orientierungslosigkeit als zum erfolg­reichen Nutzen des Neuen führt. Abge­schreckt durch die teils radikal stattfindende Trans­formation, höhere Komplexität der Handhabung und deut­­lichen Veränderung verweilen sie wie „das Kanin­chen vor der Schlange“, ohne zu bemerken, dass die neuen Systemanbieter wie Google, Apple oder Amazon bereits begonnen haben ihnen sukzessive den Rang abzulaufen. Mit der zunehmenden Notwendigkeit des Umdenkens, steigt aber auch das Bedürfnis und die Anforderung nach digitaler Aufklärung. Denn nur, wer die elementaren Grundregeln des Neuen verstanden und verinnerlicht hat wird diese erfolgreich nutzen können. Die Nachfrage an Konzepten und Methoden, sich dem Neuen gegenüber gut aufzustellen und sich wirtschaftlich nachhaltig platzieren zu können, steigt täglich. Es sind neue Geschäftsmodelle für eine analog-digitale Welt gefragt, deren reibungslose Verknüp­fung ein immenses Potenzial für uns Menschen, die Wirt­­schaft aber auch die Gesellschaft und Umwelt darstellen.

So wie damals der weltweite Erfolg des Personal Com­puters erst durch das Design der grafischen Benut­zungs­­­oberfläche in alle Bereiche unseres Lebens Ein­zug erhielt, ist es nunmehr das Natural User Interface Design, dass die nächste Revolution im Denken einläutet und erneut alle Bereiche unserer Arbeits- und Lebens­welt verändern wird, oder wie Albert Einstein es einst formulierte: „The problems we are facing can’t be solved by the same thinking that created them.“

Der Autor ist Gründer und Creative Director des Offenbacher Designstudios von SENSORY-MINDS. Gleichzeitig hält er eine Professur an der Hochschule Pforz­heim im Bereich Digitale Medien und Master of Creative Directions. Er ist Begründer sowie Studiengangsleiter des innovativen Studiengangs „Intermediales Design“ und un­­terrichtet in den Fächern Natural User Interface Design, eCRM, Design- and Inno­­vation-Thinking, Social Media, Smarte Technologien, Usability and User Experience.