Prof. José Luis Encarnação: Innovationen für die sozio-ökonomische Entwicklung in den „Emerging Economies“

Der ökonomische und soziale Fortschritt in Schwellenländer, sogenannten „Emerging Economies“, ist auf die Entwicklung von Innovationen in der Informationstechnik und dabei auch der graphischen Datenverarbeitung und der zugehörigen graphisch-interaktiven Oberflächen angewiesen. Als Innovationsberater für verschiedene Multi-Nationals und Regierungen habe ich mich mehrere Jahre sehr intensiv mit der Frage beschäftigt, wie man diese Entwicklung unterstützen und beschleunigen kann. Dies ist selbstverständlich auch im Interesse unserer Wirtschaft.

 

Was meine ich aber mit Fortschritt durch Innovation? Investiert man Geld, um neue Erkenntnisse zu ge­­winnen, dann betreiben wir For­schung. Wenn investiert wird, um aus den gewonnenen Erkenntnissen und neuem Wissen Ge­­schäfte zu er­­schließen beziehungsweise zu er­­möglichen, dann fördern wir Inno­­va­tionen. Diese Geschäfte wiederum ge­­­­nerieren die Mittel, die für neue Forschung notwendig sind. Dies ist ein Pro­­zess, der letztlich die sozio-öko­­­­no­mische Entwicklung jedes Land vorantreibt. Dabei muss sichergestellt werden, dass der berüchtigte „Valley of Death“, d.h., dass vieles was in der Forschung erarbeitet wird den Weg in die Anwen­dung und Verwertung nie findet, überwunden wird.

Um den Prozess der Innovationsent­wicklung aufrecht zu erhalten, wurde das Konzept der sogenannten „Innovations-Plattformen“ entwickelt. Dabei geht es darum, den privaten Sektor (Universitäten und Institute, zuständige Agenturen und Verbände, Anwender, Industrie, Finanzierungsinstitutio­nen, u. a.) bereits im Vorfeld zu beteiligen, um sicherzu­stellen, dass die Ergebnisse auch zur Anwendung und zur Kommerzialisierung geführt werden. Nur so ist eine erfolgreiche Umsetzung möglich. Eine solche Innova­tionsplattform unterscheidet sich von anderen Modellen, wie zum Beispiel die Industrieparks, bei denen es um die Förderung der Ansiedlung von innovativen Unterneh­men geht, von den „Living Labs“, wo die Nutzer bereits frühzeitig an die Entwicklung herangeführt werden sollen, oder auch von den sogenannten „Innovation Villages“, in denen der öffentliche und der private Sektor auf regionale Ebene zusammengeführt werden sollen.

Bei einer „Innovations-Plattform“ verständigen sich die für eine bestimmte Innovations-Thematik notwendigen Stakeholders auf den Rahmen für den entsprechenden Innovations-Prozess. Man verständigt sich über Hard­ware und Software sowie über Standards, Schnittstellen und Methoden, die zu verwenden sind, um die ge­­wünschte Integrationsfähigkeit und Interoperabilität der im Innovationsprozess erzielten Ergebnisse sicherzustellen. Die beiden Schichten (die technische und die rechtliche) an Festlegungen, Absprachen und Verträge sind dann im Verbund die Basis für eine „Public-Privat-Partnership“ zur Realisierung und Finanzierung der „Innovations-Plattform“.

Diese Innovationsplattformen bringen zunächst einen themen- beziehungsweise anwendungsbezogenen, regio­nalen Schub für die Umsetzung, die Kommerzialisierung und die konkrete Anwendung bestimmter Forschungs­ergebnisse, die in verschiedenen Projekten erarbeitet werden. Sie müssen dann skaliert werden, um Beiträge zur Lösung großer Herausforderungen, wie zum Beispiel die künftige Energieversorgung, der Klimawandel, die Gesundheitsvorsorge und vieles andere leisten zu können. Diese Lösungen müssen auch Beiträge zum wirtschaftlichen Wachstum, zur Reduzierung der Armut und dadurch ins­­gesamt zur sozio-ökonomische Entwicklung der betreffenden Regionen leisten. Die Skalierung ge­­schieht über eine Vernetzung der Innovations-platt­for­men. Sie bilden dann eine Matrix aus Elementen, die Plattform-übergreifend (z. B. Informationstechnologien) und Regionen übergreifend zur Lösung der „Grand Challenges“ (Energie, Klima, Gesundheit, etc.) sind.

Dabei müssen wir auch die „digitale Revolution“ berück­sichtigen, die wir ge­­genwärtig weltweit erleben, durchlaufen und die unsere Lebens- und Arbeitsbedingungen erheblich verändern. Wie wird sich das auf die Wert­schöpfung global auswirken? Können die „Emerging Economies“ dabei vielleicht sogar einige Entwicklungs­schritte überspringen? Diese Veränderungen werden beeinflusst und geprägt von Mobilität, Internet und den modernen Informationstechniken und Endgeräten (Smart-Phones, Smart-­Tablets, etc.), die immer breiter verwen­det werden. Sie erreichen im globalen Maßstab einen sehr hohen Durchdrin­gungsgrad, auch in den sich entwickelnden Regionen. Es geht schon heute so weit, dass sogar dort, wo Men­­schen nicht lesen kön­­nen und in Armut leben, sie trotzdem mit diesen Tech­niken und Geräten umgehen können. Hier könnte ein Ansatz­punkt liegen, um diesen Menschen zu helfen und für sie neue sozio-ökonomische Entwicklungsmög­lichkeiten zu schaffen und umzusetzen.

In diesem Veränderungsprozess wird aus einem System, in welchem die Menschen nur Anwender oder Konsu­menten sind, ein neues System, in dem der Mensch in den Wertschöpfungsprozess selbst eingreifen kann. Der Mensch kann dann selbst in diesem Prozess „partizipieren“; er kann sogar selbst zusätzlich auch zum Produzenten werden. Dies ist dadurch möglich, dass der gesamte Wertschöpfungsprozess mehr und mehr digital wird. Das Internet wird sich auch zu einem „Inter­net der (digitalen) Prozesse“ weiterentwickeln. Das nennt man heute „Mobile Empowerment“.

Analog zu den heutigen po­­­litischen und privaten sozialen Netzwerken werden neue Formen von Techno­logie- und Technik-Dienstlei­stungs-Netzwerke entstehen, die sich dann zu Ex­­zellenzcluster für bestimm­ten Themen, Technologien und Anwendungen zusammenschließen und die letzt­­lich zu neuen Formen und Strukturen für Industrie und Wirtschaft führen werden. Über dieses „Internet der Pro­­zesse und der Technologie- und Technik-Dienstleistun­gen“ werden dann Industrie und Wirtschaft neue Formen des „Outsourcen“ finden und nutzen. Diese werden auch global entstehen. Dieses neue System der Wertschöp­fung wird auch verschiedene Formen des Cloud-Com­puting nutzen. In dieser Vision eines neuen (digitalen) Wertschöpfungssystems liegt eine große Chance für die Beschleunigung der sozio-ökonomischen Entwicklung der „Emerging Economies“. Sie bringt aber auch Her­aus­­forderungen und Veränderungen für unsere eigene Indus­trie und Wirtschaft. Sie müssen sich aber diesem Evolu­tionsprozess stellen und dafür adäquate Lösungen finden. Viele der sogenannten Multi-nationals sind auch schon dabei, sich diesem Evolutionsprozess strategisch zu stellen.


In einem solchen Wertschöpfungssystem können so viele, viele Menschen aktiv mitwirken, indem sie über das In­­ternet bestimmte Dienstleistungen oder spezielle Pro­blemlösungen anbieten und abliefern. Das Ganze wird über eine Plattform integriert und verwaltet. Es sind auf Mobile Empowerment basierende vertikale Anwen­dungen, die insbesondere für Emerging Economies eine immer größer werdende Rolle spielen. Beispiele davon sind unter anderem:

– Mobile Gesundheitsversorgung mit Pharmazeutika und medizinischen Dienstleistungen;
– Mobile Lebensmittelversorgung durch intelligente Nut­­zung der Lebensmitteltransporte
– Unterstützende Infrastruktur für den mobilen Indivi­dualverkehr außerhalb der Ballungszentren
– Mobile Schulen, die bestimmte Inhalte und Dienst­leistungen abliefern;
– Mobile Unterhaltung, wie das digitale Kino „on demand“;
– Mobile Versorgung und Unterstützung von Sport-Infra­strukturen;
– etc., etc., etc.

Eine strategische Entwicklung, Realisierung und Um­­set­­zung dieses „Mobile Empowerment“ setzt drei Kom­po­nenten voraus: die hier beschriebenen Innova­tions­platt­formen, ein Aufbau und Ausbilden der notwen­digen Human Ressources und ein Zusammenführen und Einbinden aller notwendigen Stakeholders (Collaboratory).

Die hier präsentierten Ideen und Konzepte sind in vielfältigen Formen im Rahmen von Industriekooperationen insbesondere mit Süd-Afrika entwickelt und versucht worden. Die EU fördert viele Projekte im Rahmen der EU-Afrika-Programme, die diese oder ähnliche Ideen in Form von Piloten und Use-Cases ausprobieren, evaluieren und weiterentwickeln. Die Ergebnisse sind vielversprechend. Ein „best practice“ Beispiel für ein solches System (Collaboratory) bildet die von der Deutschen Aka­demie der Technikwissenschaften (acatech) betreute deutsch-indische Partnerschaft für die Informations­technik GRIP-IT ( http://www.acatech.de/?id=1073 ).

Es besteht somit die Hoffnung, dass die neuen partizipatorischen Möglichkeiten der künftig auf IT-Netzwerken basierenden Industrie- und Wirtschaftsstrukturen auch neue Chancen und neue Wege für die sozio-ökonomische Entwicklung für die „Emerging Economies“ bieten.

 

Der Autor war 1987 Gründer und bis zu seiner Pensionierung in 2006 Direktor des Fraunhofer-Instituts für Graphische Datenverarbeitung IGD in Darmstadt. Ab 1975 war er Professor für Informatik an der Technischen Universität Darmstadt und dort Leiter des Fachgebiets Graphisch-Interaktive Systeme (GRIS). Seit 1.10.2009 ist José Luis Encarnação Professor Emeritus der Technischen Universität Darmstadt.