Prof. Gerd Uecker: Die Semperoper ­– Ein Leuchtturm in der Dresdner Kulturlandschaft

Dresden definiert sich selbst als eine traditionsreiche Stadt der Kultur und der Künste. Sie tut das selbstbewusst und mit Erfolg. Das Schlagwort von Kultur als „weichem Standortfaktor“ gilt hier nicht: Kultur ist für die Lan­­des­haupt­stadt schon immer das Me­­dium gewesen, aus dem heraus sich die An­­ziehungs­kraft und der Ruf des Ortes entwickelt hatte. Handfeste, nachhaltige Bezieh­un­gen und Re­­la­­ti­­onen zwischen Kultur und städtischer Infra­struk­tur, gesellschaftlichem Le­­ben und Attrak­­tivität eines neuen, gewandelten Lebens­­gefühls haben sich zu einem „starken Faktor“ entwickelt, der an diesem Ort Kultur eben nicht nur als Ver­zierung, Verschönerung oder Aus­schmück­­­­ung eines sonst vom Grau des Erwerbs­­all­­tags geprägten Lebens sieht, sondern als etwas Sub­­stan­­ziel­­les, was sich gern als ein spezifisch dresd­nerisches Le­­bens­­­­­wohl­gefühl de­­finiert.


Oper-Innen_0210G

Diese ausgeprägte Verankerung von Kultur in der Tradition Dresdens beeinflusst ihre Entwicklung seit etwa 20 Jahren stark. Fremdenverkehr und Tou­­rismus bescherten nach 1990 einen un­­geahnten, boomartigen wirtschaftlichen Aufschwung. Aber auch in dem Be­­mü­hen, hochwertige Industrie­struk­turen durch Ansiedelung großer und bedeutender Firmen zu schaffen, ist das Vor­handensein eines dichten Ge­­we­bes le­­bendiger Kultur ein wesentlicher Faktor. Unternehmen wie VW (Gläserne Manu­faktur Dresden) oder der internationale Chiphersteller AMD haben ihre Stand­ortwahl nicht zuletzt auch wegen der lebendigen Kunst- und Kulturszene in Dresden getroffen. Die Technische Uni­versität mit mehr als 35.000 Stu­­den­ten, das Max-Planck-Institut sowie das Fraun­­hofer-Institut tragen diese Tat­­­sa­che mit und runden das Bild ab.

Dresden bietet in der Tat eine im Ver­gleich mit seiner Einwohnerzahl extrem reiche Szene an Theatern, Museen und einen in seiner Vielfalt schier nicht zu überblickenden, bis ins Kleinste hinein verästelten Konzertbetrieb, durchgängig von Alter Musik bis zum Festival experimenteller zeitgenössischer Musik. Zwei bedeutende, international wirkende und renommierte Symphonie­or­­­­ch­es­­ter und der weltberühmte Kreuzchor setzen Schwerpunkte im Konzertleben. Daneben gibt es eine Vielzahl kleinerer, qualitativ auf hohem künstlerischem Ni­veau agierender Ensembles. Die Staat­­lichen Kunstsammlungen mit dem Grü­nen Gewölbe im Dresdner Schloss und der Galerie Alte Meister im Zwinger stehen mit der Semperoper im Zentrum des Interesses aller kunstinteressierten Gäste und auch der Dresdner selbst.
Die Sächsische Staatsoper Dresden zählt zu den bekanntesten Opern­häu­sern der Welt. Jährlich kommen über 440.000 Besucher zu Opern- und Ballet­­tauf­füh­r­ungen sowie zu Konzerten in die Sem­­peroper, die 1.250 Zuschauern Platz bietet. Weitere 315.000 Besucher lassen sich unter kundiger Führung die Ge­­schichte des Hauses erläutern und bewundern seine erlesene, nach den ori­­ginalen Plänen Gottfried Sempers re­­­konstruierte Innenarchitektur.

Semperopernball-2007_4392

Das Orchester der Sächsischen Staats­oper ist die international renommierte Sächsische Staatskapelle Dresden, die auch ihre Sinfoniekonzerte, etwa 60 im Jahr, in der Semperoper aufführt so­­wie daneben den laufenden Opern­­be­­trieb bestreitet. Es ist eines der äl­­tes­­ten Or­­ches­­­­ter der Welt: Seit ihrer Grün­­dung durch Heinrich Schütz im 16. Jahr­hun­dert besteht und konzertiert sie bis heute ohne zeitliche Un­­ter­­brech­­ung.
Der Dresdener Opernbetrieb lässt sich historisch bis in ­das 17. Jahrhundert hinein zurückverfolgen. Die Dresdner Oper hat Opern- und Musikgeschichte geschrieben. Berühmte Komponisten wirkten hier und gaben den jeweiligen stilistischen Epochen wichtige Impulse: Johann Adolf Hasse der Barockoper, Carl Maria von Weber der deutschen Ro­­­­mantik, Richard Wagner, der als Sachse von Dresden ausgehend in die Opern­geschichte des 19. Jahrhunderts wie kein anderer hineingewirkt hat, und Richard Strauss mit seinen revolutionären Uraufführungen von „Salome“ und „Elektra“ im 20. Jahrhundert.


Es-liegt-die-Stadt_09

Heute hat die Sächsische Staatsoper einen höchst lebendigen und produktionsdichten Spielplan: 45 Opern und mehr als zehn Ballettprogramme stehen im Repertoire, über 400 Veranstal­t­un­gen pro Jahr in Dresden werden bei einer Gesamtauslastung von etwa 96 Prozent besucht. Im Angebot nehmen Werke von Wolfgang Amadeus Mozart, Richard Wagner und Richard Strauss eine gewichtige Stelle ein. Aber auch die große italienische Oper ist mit vielen Aufführungen vertreten.
Dresden war auch immer schon ein Ort künstlerischer Innovation – so auch im Bereich der Oper. Was wir heute als ver­­trautes und gesichertes „klassisches“ Opernrepertoire ansehen, war seinerzeit umstrittene Mo­­der­­ne. Dies gilt so­­wohl für die Kom­­po­­sitionen von Carl Maria von Weber als auch für die Werke Richard Wagners und natürlich auch von Richard Strauss.
Uraufführungen sah man da­­mals, gerade in der Ära des legendären Dirigenten Fritz Busch, als ein Charak­teristikum der Semperoper an. Auch heute versucht das Haus diese Tradition ungebrochen fortzusetzen. Die Semper­oper bleibt da­­mit ein Ort lebendiger Aus­­einan­­der­­set­­zung mit zeit­­ge­­nössischer Oper, Musik und Ästhetik.
Die künstlerischen Institutionen Dres­dens stehen nicht nur repräsentativ für einen hohen Qualitätsanspruch, sie sind erfreulicherweise auch zu einem we­­sentlichen Wirtschaftsfaktor geworden. In erster Linie gilt das im Hinblick auf den Tourismus, der für die Stadt einen wichtigen Erwerbszweig dar­­stellt. Viele Gäste kommen vorrangig des kulturellen Angebots wegen in diese Stadt: Sie buchen Städtereisen, Kultur- und Kunst­­­­reisen, besuchen die kulturellen Sehens­würdigkeiten und High­­lights Dres­­­­­­­dens ­– und ein Besuch der Sem­per­­oper ge­­hört dazu. Vom Billig­touris­mus der frühen 90er Jahre hat man sich verabschiedet, ein eindeutiger Trend geht heut­­­­zutage in Richtung In­­dividu­­al- und in­­haltlich an­­spruchs­­­vol­ler Grup­pen­­rei­sen, was sich auch im Dresdner An­­gebot der Ober­klasse-Ho­tels niederschlägt.

Semperoper_aussen_0285
Im Jahre 2007 hat die Semperoper eine Studie durchführen lassen, die die wirtschaftliche Bedeutung des Hauses untersucht hat. Im Ergebnis ließ sich ablesen, dass derzeit etwa 60 Prozent der Besucher der Semperoper von außer­­halb kommen (bei einer durchschnittlichen Anreise von 340 Kilometern) und etwa 40 Prozent aus der Region. In dieser Konfi­­­guration schlägt sich ein Ren­­ta­bi­li­täts­faktor von 3,9 nieder, der die sogenannte Um­­wegrentabilität des Hau­­ses darstellt. Mit anderen Worten: Je­­der Euro, den der staatliche Träger in die In­stitution Sächsische Staatsoper Dres­­­den investiert, „rentiert“ sich wirt­schaft­­­lich mit einem Faktor 3,9 hinsichtlich eines mone­­tären Rückflusses.
Auch was die wirtschaftliche Effizienz des Opernhauses betrifft, steht die Sem­­­­per­­oper innerhalb der deutschen Opern­­häuser an vorderster Stelle: Der Kos­­ten­­­­­deckungsgrad, also die Zahl, die an­­gibt, wie viel Prozent der Gesamt­aus­­­­­ga­­ben das Opernhaus selbst erwirtschaftet, liegt derzeit bei über 38 Pro­zent. An­­ge­­­­sichts des Bundes­durch­schnitts bei deutlich unter 20 Pro­­zent ist dies ein absoluter Spitz­­en­­wert.

Dresden und seine reichhal­­ti­­ge Kultur sind mehr als ein Slo­­­­gan: Es ist ein Lebensgefühl, das eine traditionsreiche Ver­gan­g­en­heit mit einer lebendigen Per­spek­­ti­­ve in die Zu­­­­kunft frei­­­­sin­­nig ver­­bin­­­­det ­–
„Dres­­­­den is special“.

ProfDer 1946 geborene Autor studierte an der Münchener Musikhochschule Kla­vier, Musikpädagogik und Dirigieren. Nach Stationen in Köln und Passau wechselte er 1979 an die Staatsoper München, wo er zuletzt Operndirektor war. Seit 2003 ist er Intendant der Semperoper in Dresden. Seit 2005 ist der darüber hinaus Vorsitzender der deutschsprachigen Opernkonferenz.­­­