Prof. Dr. Wolfgang Franz: Potenziale nutzen – Baden-Württemberg stellt sich den Herausforderungen der Wirtschaft

Baden-Württemberg ist die Heimat von Global Playern wie Bosch, Daimler oder SAP. International operierende Unter­neh­­men wie ABB, IBM, Roche oder Michelin sind mit ihrer deutschen oder europäi­schen Zentrale in diesem Bundes­­­­land ver­­treten. „Hidden Cham­pions“ wie Voith in Hei­­den­­heim an der Brenz oder Trumpf in Ditzingen haben hier ebenfalls ihren Sitz. Neben Welt­firmen und Groß­­un­ter­neh­­­men verfügen auch viele mittlere und kleine Un­­ter­nehmen (KMU) in Ba­­den-Würt­tem­berg über eine starke Stel­­lung im natio­nalen und internationalen Wett­bewerb. In diesen innovativen, flexi­­blen KMU a­r­­bei­­ten rund zwei Drittel der Arbeit­­nehmer in Baden-Würt­tem­berg und erwirtschaften dort die Hälfte des Brutto­­sozialprodukts des Bun­des­landes.


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Es ist die Industrie, die in ho­­hem Maße das Gesicht der baden-württembergischen Wirtschaft prägt. Dafür sind die meisten der genannten Fir­­men­­namen ein klarer Fingerzeig. Ein in­­ternationaler Ver­­gleich mit anderen EU-­Staaten sowie den Ver­­einig­ten Staaten oder Japan zeigt, dass in Baden-Württemberg mit einem 40-prozentigen Anteil des pro­­du­­zie­ren­den Gewer­bes an der Brutto­­­wert­­schöpfung und ei­­nem Dienst­­­leis­tungs­­­­anteil von rund 60 Pro­­zent die Industrie noch immer ein deut­­lich größeres Ge­­wicht hat als in anderen Industrie­­staaten. Ins­­besondere die Auto­­mobilbranche und ihre Zuliefer­unter­nehmen, der Ma­­schi­­nen- und An­­lagen­bau, die Mess- und Me­­di­­zin­­­­technik, die fein­­mecha­­nische und optische sowie die elektrotechnische In­­dus­­trie sind in Baden-Württemberg stark ver­tre­ten. Dazu kommen noch zahlreiche phar­ma­­zeu­ti­sche Unter­­nehmen, die hier angesiedelt sind.

Viele baden-württembergische Un­­­ter­neh­­men, vor allem aus den genannten Bran­­chen, sind nicht nur auf nationaler Ebe­­ne ak­­tiv, sondern engagieren sich auch als Akteure im glo­ba­­len Wett­bewerb. Sie kon­­­­kur­rie­ren – aufgrund ihrer hohen tech­­no­lo­­gi­­schen Leistungs­fähig­keit – sehr erfolg­­reich mit Wett­bewerbern aus Asi­­en, Eu­­ropa oder Nordamerika. Die Wett­­­bewerbs­­stärke wird in Baden-Würt­tem­berg allerdings nicht nur von Groß­­­un­ter­­neh­men getragen, sondern geht in be­­trächt­lichem Maße auch auf das En­­ga­­ge­­ment einer großen An­­zahl inno­­va­­tions­­starker kleiner und mittlerer Unternehmen zu­­rück. De­­ren hohe In­­no­va­­tions­­per­for­mance re­­sul­tiert, einer Un­­ter­­suchung des Zen­trums für Eu­­ro­­pä­i­sche Wirt­schafts­­­for­schung (ZEW) zu­­folge, vor allem aus einer spezi­fi­schen Kun­den­struktur. Diese ist geprägt von for­­schungs- und export­orien­tier­ten Bran­­­chen sowie von einer größeren Ver­­­brei­tung von Innova­tions­­strategien, die auf Techno­­lo­­­­gie­­­führer­schaft setzen.

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Es muss daher nicht wun­­dern, dass sich in Ba­­den-Württemberg Ka­­pa­zi­tä­ten für Forschung und Entwicklung (FuE) konzentrieren, wie sie in diesem Aus­­maß nirgendwo sonst in Deutsch­land und nur vereinzelt in anderen eu­­ro­­pä­­i­­schen Hauptstadtregionen zu finden sind. Maßzahlen wie die FuE-Intensität, die Zahl der Beschäftigten in FuE oder das Patentaufkommen belegen die Stel­­lung Baden-Württembergs als zentra­­les Wissensland in Europa ebenso wie das hervorragende Abschneiden bei der von Bund und Ländern durchgeführten Ex­­zellenzinitiative oder dem Spitzen­­clus­­­ter-Wettbewerb des Bundes­­minis­­ter­­iums für Bildung und Forschung (BMBF). Da­­rüber hinaus befinden sich allein zwölf der insgesamt 80 Max-Planck-Institute und 14 der insgesamt 57 Fraunhofer-In­­sti­­tu­­te sowie 25 Prozent der For­­schungs­­ka­­pa­­zität der Einrich­tungen der Helm­­holtz-Ge­­meinschaft in Baden-Württemberg.
Als Grundlage für inno­va­­tive Produkte, Produk­tions­pro­­zesse oder Dienst­­leis­­tungs­­­­ange­­bote ist FuE von großer Be­­deu­­­­tung. Eine wichtige Grund­lage für die Spit­­zen­­­­stel­lung bei FuE ist das gute Zu­­sam­­men­­­­­­­spiel vieler for­schungs­freudiger Un­­ter­­neh­men mit hervorragenden FuE-Dienst­­­leistern so­­wie mit leistungsstarken Hoch­schulen und außer­­universitären For­­schungs­ein­­rich­tungen. So liegt Baden-Württem­­­berg auf Platz eins bei den Patent­an­mel­dun­­gen der deutsch­­en Bundes­länder. Beleg für Baden-Württem­bergs For­­schungs­­stärke ist zudem die Platzie­rung im Rahmen der von Bund und Ländern durchgeführ­­ten Exzel­­lenz­­­­ini­tiative. Hier war Baden-Württemberg das erfolgreichste deutsche Bun­­des­­land. Insge­samt fließen an baden-württembergische Uni­ver­si­täten 621 Mil­­lionen Euro der rund 1,9 Milli­ar­den Euro, die für die Exzellenz­initiative zur Ver­­fü­­gung stehen. Eben­falls hervor­ragend im Ren­­nen liegen baden-württembergische For­­schungs­­einrichtungen und Unter­­neh­­men bei dem Spi­­t­­zencluster-Wett­bewerb des BMBF. Bis­­her wurde die Förderung von zehn Spit­­zenclustern in Deutschland be­­schlossen. An vier davon sind Unter­nehmen und For­schungs­einrichtungen aus Baden-Württemberg maßgeblich beteiligt. Es sind dies der Bio­­tech­no­logiecluster und das Forum Organic Electronics in der Me­­tropol­region Rhein-Neckar, das Soft­­ware Cluster sowie MicroTEC Süd­­west.


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Mit seiner Wirtschafts- und For­­schungs­­infrastruktur ist Baden-Württemberg im internationalen Wettbewerb gut auf­­gestellt. Die Voraussetzungen, um auch in Zukunft den technologischen Vor­­sprung der südwestdeutschen Wirt­­schaft zu bewahren, die Wett­­be­­werbs­­fäh­­ig­­keit zu erhalten und die Ar­­beits­­plätze zu sich­­ern, sind daher gegeben. Unver­zicht­bar ist allerdings, neben den bereits vorhandenen leistungsstarken Sek­toren neue zukunftsweisende Tech­­no­­lo­­gie­­fel­­der intensiv zu fördern.
Informations- und Kom­­mu­­ni­­ka­­tions­­tech­­­­no­­logien sind hierbei ebenso zu nennen wie Bio-, Nano-, Energie- oder Umwelt­­tech­­nologie. Eine wesentliche Grund­lage, um neue Technologiefelder erfolgreich zu bearbeiten und in bereits starken Sek­toren die Stärke zu bewahren oder weiter aus­­zubauen, sind hochqualifizierte Fach­­kräf­­te, vor allem mit ingenieur- und na­­tur­­wis­­sen­­schaftlichem Abschluss oder mit ei­­ner technischen Ausbildung. Trotz einer sehr gut ausgebauten eigenen Bil­­dungs­­in­frastruktur ist Baden-Württem­­­­berg auf­­grund seines hohen FuE-En­­ga­­ge­­­­ments, seines starken Indus­­trie­­sek­­tors sowie der zahlreichen auch international enga­­gierten KMU ein großer Importeur von qualifizierten und hochqualifizierten Ar­­beitskräften. Die in­­dus­­trielle Fach­­arbei­­ter­­­­quote beispielsweise erreicht mit 52 Prozent in Baden-Würt­­tem­­berg einen in­­ternationalen Spit­­zen­­wert. Vor dem Hin­­ter­­grund der demografischen Ent­­wick­­lung und um ge­­gen­­über anderen Staaten, die in der jüngsten Vergangen­heit stark in Bildung und Ausbildung investiert haben, künftig zu bestehen, muss Ba­­den-Württemberg Anreize schaffen und weiter darauf hinarbeiten, dass mehr junge Menschen eine Hochschul-, Meis­­ter-, Lehrlings- oder Fach­­ar­­bei­­ter­­aus­­bil­­dung abschließen. Nur so wird das Land künf­tig sein Po­­ten­­zial als hoch­­­wertiger Wirt­­schafts­­stand­­ort ausspielen können. Empfeh­lungen dazu, wie dies gelingen kann, gibt der Innovations­rat Baden-Württem­­berg, der von der Landes­regierung ins Leben ge­­rufen wurde. Dem Gremium gehören über 50 Persönlichkeiten aus Wirt­schaft, Wissenschaft, Kultur sowie Vertreter von Kommunen, Verbänden und Kammern an.

wfr1Der Autor studierte Volks­wirtschafts­lehre an der Universität Mann­­heim und pro­mo­­vierte 1974. Seit 1997 ist er Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschafts­forschung (ZEW) in Mann­­heim und Inhaber eines Lehrstuhls für Volks­wirt­schafts­lehre an der Uni­ver­sität Mannheim. Seit 2003 ist er Mitglied sowie seit 2009 Vorsit­zender des Sach­ver­­ständig­en­­rates zur Begut­ach­­tung der gesamtwirt­­schaft­lichen Entwicklung.