Prof. Dr. Volker ter Meulen: Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften

Die Deutsche Akademie der Natur­­for­­scher Leopoldina wurde im Jahr 1652 als Academia Naturae Curiosorum in der Freien Reichsstadt Schweinfurt durch das zukunftsweisende Enga­­ge­­ment von vier Ärzten gegründet, denen es ein An­­liegen war, naturwissenschaftliche Er­­kenntnisse zum Nutzen in der Me­­dizin zu vertiefen. Sie ist die weltälteste dauerhaft existierende naturforschende Akademie, in Alter, Größe und wissenschaftlicher Relevanz vergleichbar mit der Royal Society in London (gegründet 1660), der Académie des sciences in Paris (gegründet 1666) und der Acca­­demia Nazionale dei Lincei in Rom (ge­­gründet 1603). Im Jahr 1677 wurde die Akademie von Kaiser Leopold I. offiziell anerkannt und 1687 mit den Privilegien einer Reichsakademie ausgestattet, die sie erst Ende des 19. Jahr­­hunderts selbst wieder aufgab. Seit 1687 trug sie die Bezeichnung Sacri Romani Imperii Academia Caesareo-Leopoldina Naturae Curiosorum, von der sich die heutige Kurzform Leopoldina ableitet.


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Während der ersten 225 Jahre wechselte der Sitz der Leopoldina an den jeweiligen Wirkungsort ihrer Prä­­si­­den­­ten. Seit 1878 ist Halle (Saale) Sitz der Leopoldina, die ihre politische und wis­­senschaftliche Unabhängigkeit auch in den Jahrzehnten der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland und des sozialistischen Regimes in der DDR – im Rahmen der Möglichkeiten – weitgehend bewahren konnte.
­Die Akademie besteht aus 1.300 ge­­wähl­­ten Mitgliedern, die in Klassen und Fach­­­­sek­­tionen, die alle Disziplinen der Na­­tur­­wissenschaften und der Medizin so­­wie Grenzbereiche zu Verhaltens-, So­­zial- und Geisteswissenschaften einschlie­­ßen, gegliedert sind. Zuwahlen zur Aka­­demie werden nach Anträgen aus der Mit­­glie­­der­­schaft in freier Wahl vom Präsidium vollzogen. Etwa drei Viertel der Mit­­glie­­der leben in Deutschland, Österreich und der Schweiz, ein Viertel in anderen Ländern der Welt.
Die Leopoldina wird durch ein zwölfköpfiges Präsidium geleitet und durch einen von den Mitgliedern ge­­wählten Senat beraten. Am Sitz in Halle befindet sich die Ge­­schäftsstelle mit Archiv und Bibliothek; hier werden zudem – ge­­fördert durch Drittmittel – eigene wissenschaftshistorische For­­schungs­­pro­­gramme durchgeführt.
2008 wurde die Leopoldina zur Na­­tio­­na­len Akademie der Wissenschaften ernannt und ist seitdem für die wissenschaftsbasierte Politikberatung in Deutsch­­land verantwortlich.
Auf diesem Gebiet arbeitet sie mit der Deutschen Akademie der Technik­­wis­­sen­­schaften (acatech) und den Aka­­de­­mien der Län­­der zusammen und be­­zieht deren Ex­­pertise ein.
Unter Federführung der Leopoldina wur­­de dazu ein Koordinierungsgremium ein­­­­gesetzt, das aus je drei Vertretern der Leopoldina, von acatech und der Län­­der­akademien besteht. Ein Ver­­treter der Länderakademien wird von der Ber­­lin-Brandenburgischen Aka­­de­­mie der Wis­­senschaften benannt. Das Ko­­or­­dinier­­ungs­­­­gremium verständigt sich über die zu bearbeitenden The­­men und setzt Ar­­beits­­gruppen ein, die Stell­­un­­g­­­­nah­men zu po­­litisch und gesellschaftlich relevanten Fra­­ge­­stel­­lungen erarbeiten.

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Bereits in jüngerer Vergangenheit hat die Leopoldina Projekte von besonderer gesellschaftspolitischer Rele­­vanz ini­­tiiert. Dazu gehört die Akade­­mien­­gruppe „Altern in Deutschland“, ein gemeinsames Projekt der Leo­­pol­­dina und acatech mit Un­­terstützung der Jacobs Foundation. Ausgangs­­punkt ­­für das Thema der Arbeits­­gruppe war der bekannte de­­mografische Wan­­del in Deutsch­­land mit all seinen Fol­­gen und Pro­­ble­­men. Ziel der auf drei Jah­­re an­­gelegten Arbeitsgruppe (2006–­2008) war es, die besten wissenschaft­­lichen Grundlagen und Alter­­na­­tiven für um­­fassende gesellschaftliche Re­­for­­mo­­p­­­­tionen zu erarbeiten und zu präsentieren. Die Arbeitsgruppe hat ihren Ab­­schlussbericht mit entsprechenden Empfehlungen im Frühjahr 2009 öf­­fent­­lich präsentiert, nachdem er zu­­nächst im März 2009 an Bun­­des­­prä­­sident Horst Köhler in Berlin übergeben wurde.
Die Akademiengruppe „Fertilität und ge­­sellschaftliche Entwicklung“, ein ge­­mein­­sames Vorhaben der Berlin-Bran­­den­­bur­­gischen Akademie der Wissen­­schaf­ten und der Leopoldina, hat im Frühjahr 2009 ihre Arbeit für zwei Jahre aufgenommen und wird zu diesem gesellschaftlich wich­­tigen Thema eine wissenschaftlich hoch­­rangige in­­terdisziplinäre Stellung­­nah­­me mit wissenschafts- und familien­­­po­­li­­ti­­sch­­­­en Em­­pfehlungen erarbeiten. Auch sie wird von der Jacobs Foundation fi­­nanziell ge­­fördert.


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Ausgangspunkt des geplanten „state-of-­the-art“-Reports ist die Heraus­­for­­de­­r­­ung, die sich für Deutsch­­land wie auch für einige andere Indus­­trieländer durch die demografische Ent­­wick­­lung ergibt.
Während die Ri­­siken und Chan­­cen des Alterns und der Lang­­lebigkeit schon um­­fassend diskutiert worden sind, zu­­letzt insbesondere durch die Aka­­de­­mien­­grup­­pe „Altern in Deutsch­­land“, fehlt für die Fertili­­tätsent­­wick­­lung bislang eine entsprechende Studie. Die Aka­­de­­mie­n­­gruppe „Fertilität“ wird keine ei­­ge­­nen empirischen Studien durch­­führen, aber das verfügbare Wissen für einen breiten Adressatenkreis in Politik und Ge­­sell­­schaft aufbereiten und dabei auch klare Aussagen zum künftigen For­­­­­­schungs- und Daten­­er­­hebungs­­be­­darf mach­­en.

Beispiele für Themen von Stellung­­nah­­men und Em­­pfeh­­lun­­gen der Leopoldina für die deutsche Poli­­tik und Öffentlichkeit aus den zu­­rück­­lie­­gen­­den Jahren sind Schutz­­im­­pfun­gen, die No­­vellierung des Stamm­­zell­ge­­setzes, die Be­­käm­­pfung von In­­fektions­­krank­­hei­­ten, Arznei­­mittel­­­­the­­ra­­­­pie im Kindes­­alter, die künftige Energie­­versorgung in Deutsch­­land und die Neu­­ordnung des Gen­­tech­­nikrechts.
Neben der Politikberatung sieht die Leo­­poldina ihre wesentlichen Aufgaben in der Förderung von Wissenschaft und in der Verbreitung wissenschaftlicher Er­­kenntnisse. Zu diesem Zweck führt sie regelmäßig Veranstaltungen im In- und Ausland durch. Alle Er­­geb­­nisse werden in den Schriftenreihen der Aka­­de­­mie ge­­druckt und verbreitet.
Die Leopoldina unterstützt außerdem die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses durch das Leopoldina-För­­derprogramm und fördert junge Wis­senschaftlerinnen und Wissen­­schaft­­ler im Rahmen der Jungen Akademie.

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In ihrer Funktion als Nationale Aka­­demie repräsentiert sie weiterhin die deutsch­­en Wissenschaftlerinnen und Wissen­­schaft­­ler in internationalen Akade­­mie­­gre­­mien.
Bereits in den vergangenen Jahren hat die Leopoldina ihre Verbindungen zur Wissenschaft im europäischen und außereuropäischen Ausland vor allem durch die Mitwirkung in Gremien wie dem European Academies Science Ad­­visory Council (EASAC), der Federation of the European Academies of Medicine (FEAM), dem InterAcademy Medical Panel (IAMP) und den All European Academies (ALLEA) intensiviert. Als Na­­tionale Aka­­demie wurde die Leo­­pol­­dina beim Inter­­Academy Panel (IAP) aufgenommen. Diese zahlreichen Mit­­gliedschaften sind die Voraussetzung, um Behörden, Par­la­­mente, Regierungen und die interessierte Öffentlichkeit in wissenschaftlichen Fragen auf internationaler Ebene durch Stellungnahmen und Em­­pfeh­­lun­­gen zu beraten. Durch die vor einigen Jahren begonnene Zu­­­sammenarbeit mit den nationalen Aka­­demien der G8-­Staaten im Vorfeld der jährlich stattfindenden G8-Gipfel ist die Leopoldina darüber hinaus in die Er­arbeitung von Empfehlungen zu welt­­weit anstehenden Problemen eingebun­­den und hat sich zu Themen wie „An­­passung an den Kli­­ma­­wandel und der Übergang zu einer kohlenstoffarmen Gesellschaft“, „Glo­­ba­­le Gesundheit“, „Nachhaltigkeit, Ener­­gie­­sich­­erung und Klimaschutz“, „För­­der­­ung und Schutz von Innovation“, „Vo­­gelgrippe und In­­fektionskrankheiten“ oder „Wissen­­schaft und Technologie für die Ent­­wick­­lung Afri­­kas“ geäußert. Diese Em­­pfeh­­lun­­gen die­­nen den Staats- und Regier­­ungs­­chefs zur Vorbereitung ihrer Ver­­han­­d­­lun­­gen während der Gipfel­­treffen.
Im Bestreben, Tradition mit gegenwärtiger Wissenschaftsentwicklung zu verbin­­den, fördert die Leopoldina den in­­ter­­dis­­ziplinären Diskurs und die Ver­­brei­tung wissenschaftlicher Erkennt­­nis­­­­se nach dem Motto ihrer Gründ­­ungs­­väter: Die Natur zu erforschen zum Wohle der Men­­schen.

Auszeichnung-001Der Autor ist seit 2003 Präsident der Leopoldina. Er studierte Humanmedizin in Münster, Innsbruck und Kiel und wurde 1960 in Göttingen promoviert. Nach For­schungsaufenthalten in den USA wurde er 1975 Professor für Klinische Viro­lo­gie und Immunologie an der Uni­ver­sität Würz­­burg. Volker ter Meulen ist Träger zahlreicher Ehrungen und Mitglied in einer Viel­­zahl von Organisationen und Gremien.