Prof. Dr. Udo Steffens: Eine dynamische Wissenschaftslandschaft für den Finanzplatz gestalten

„Europa braucht ein dynamisches Deu­tsch­­­­­land! Wer, wenn nicht Deutschland, sollte – im Konzert mit Frankreich – die Führungsrolle einnehmen?“ Dieser Aufruf stand nicht etwa in der bemerkenswerten Berliner Antrittsrede von Anshu Jain, dem neuen Co-Chef der Deutschen Bank ­– son­­dern im Manuskript der ersten großen wirtschaftspolitischen Grundsatzrede von Josef Ackermann, Jains Vorgänger, die dieser Anfang des Jahres 2003 in Frank­­furt hielt. Damals wie heute stand Deu­tsch­­­­land in der Kritik – unter völlig an­­deren Vorzeichen. Zu Beginn von Acker­­manns Amtszeit grassierte die „German Disease“: Das schwache Wachstum der Bundes­­republik galt als gefährlich für Europa und die Weltwirtschaft. „Wir werden nicht mehr als politische und wirtschaftliche Lokomotive wahrgenommen, sondern gleich­­­­sam als Buddenbrooks der dritten Generation, als ‘the next Japan.’“, sagte Ackermann vor fast zehn Jahren. Der Finanzplatz Frankfurt war damals aller­­dings noch ein Schwergewicht.

Heute ist Deutschland wieder Europas Lokomotive. Doch die Bundesregierung steht ob ihres Spardiktats in der Euro-Krise unter Beschuss. Und im Wettbewerb um Unternehmen und Institutionen, um Nachwuchskräfte und erfahrene Experten, um Manager und Wissenschaftler konkur­­riert der Finanzplatz Frankfurt nicht mehr nur mit London, Paris oder New York sondern zusätzlich mit den aufstrebenden Metropolregionen Asiens. Mehr denn je brauchen Stadt und Region deshalb eine leistungsorientierte, dynamische Bildungs- und Forschungslandschaft. Schließlich ist das intellektuelle Potenzial das vielleicht konstitutive Merkmal eines erfolgreichen Finanzplatzes.

FS-1109_09983-KopieFrankfurt profitiert seit Jahren von seiner Wissensinfrastruktur. Die Main­metro­pole ist ein Knowledge Hub, dank der Goethe-­Universität und des House of Finance, der Fachhochschule Frankfurt und der Frank­­furt School of Finance & Management. Auch die Universität Mannheim, die WHU in Koblenz-Vallendar, die ebs und die Fach­­hochschule Wiesbaden stärken Stadt und Region. Die Verantwortung einer Business School für den Standort erschöpft sich allerdings nicht darin, hochqualifizierten Nachwuchs auszubilden. Wir verstehen uns als Think Tank, als Bindeglied zwischen Theorie und Praxis, als Magnet für High Potentials, für erfahrene Führungs­­kräfte und renommierte Wissenschaftler. Wir brin­­g­en Menschen aus verschiedenen Sphären zusammen, durchdenken Pro­blem­­stellungen im internationalen Kontext und setzen uns mit zentralen Zukunfts­fragen auseinander.

An der Frankfurt School haben Lehre, For­­schung, Beratung und Services deshalb immer auch einen Business-Bezug: Fach- und Führungskräften ebnen wir mit spe­­zifischen Hochschulstudiengängen neue Bildungs- und Karrierewege. Manager aus der ganzen Welt nutzen unsere Exe­­cutive Education-Programme in Frankfurt und immer öfter auch an Unternehmens­­standorten in Indien, China oder den auf­­strebenden Ländern Afrikas.

Bei der Entwicklung neuer Bildungs­pro­gramme und -formate sowie neuer For­­schungsprojekte verstehen wir uns als kon­­struktiver Sparringspartner der Wirt­­schaft. Wir stellen uns frühzeitig auf die Entwicklungen und Anforderungen der Märkte ein: So haben wir Zertifikats­stu­diengänge zur Finanzierung Erneuerbarer Energien und zu Compliance eingeführt. Mit dem Frankfurter Institute of Risk Ma­n­­­age­­ment (FIRM) haben wir einen Master of Risk & Regulation Management konzipiert. Auch mit dem Bachelor of Man­­agement, Philosophy & Economics haben wir frühzeitig auf die Lehren aus der Fi­­nanzkrise reagiert. Jetzt organisieren wir das Finance Futures Lab an der Frank­­furt School – ein neuer Think Tank, in dem unsere Professoren gemeinsam mit Wis­­senschaftlern anderer Hochschulen und Praxisvertretern jüngste Finanz- und Wirt­­schaftskrisen analysieren und Zukunfts­­szenarien ableiten werden. Es muss sich etwas bewegen und weiter gedacht werden – soviel scheint klar. Denn auch die zukünftigen Akteure wollen die Ver­­änderung.

FS-1109_10243-Vorschau-KopieIn vielen Gesprächen, auch mit jungen Menschen und Studenten, spüre ich eine Sehnsucht nach klaren Regeln und vor allem nach Übersichtlichkeit; auch eine Sehnsucht nach einer heilen Banken­welt, in der Groß- und Landesbanken nicht mehr Milliardenlöcher oder unsaubere Geschäfte einräumen müssen, wie die spanische Bankia, die sich an faulen Im­­mobilienkrediten verhob, die britische Bar­­clays, die den wichtigsten kommerziellen Zinssatz weltweit, den Libor, mani­­pulierte, oder die US-Tochter der Standard Chartered, deren illegale Geschäfte mit Iran aufflogen. Die Finanzkrise ist längst zu einer Staatenkrise ausgewachsen, weil es der Staatengemeinschaft seit dem Lehman-Kollaps bis heute nicht gelungen ist, das Vertrauen in den Finanzsektor wieder herzustellen. Doch Vertrauen in Menschen und Institutionen ist entschei­­dend für einen funktionierenden Finanz­markt; Vertrauen ist auch die Basis unserer zahlreichen Projekte und Initiativen, die wir seit 1992 in Entwicklungs- und Schwellenländern durchführen. Vielen Menschen dort ist der Zugang zum for­­malen Bank- und Finanzwesen verwehrt. Sie sind zu arm. Das Geschäft mit ihnen rechnet sich für Banken nicht. Im Rahmen der Entwicklungsfinanzierung erhalten diese Menschen jedoch Zugang zu Finanz­­produkten, die ihnen und ihren Familien Entwicklung und Bildung ermöglichen. Als Teil des Development Finance-Cluster, das Frankfurt etwa mit der KfW, GIZ, ProCredit und Gopa bildet, wirken wir in der Entwicklungs- und auch Klima­finan­zierung auf allen Kontinenten: Rund 100 Experten übernehmen Beratungs- und Trainingsmandate, um Bank- und Finanz­systeme vor Ort aufzubauen. Eine Koope­­ration mit der Université Protestante au Congo (UPC) in der kongolesischen Haupt­­stadt Kinshasa, wo wir einen Master in Microfinance organisieren, sowie die Ver­­tiefung Development Finance im Finance-­­Master auf dem Frankfurter Campus runden das Portfolio ab. Das Projekt eröffnet jungen Talenten die Möglichkeit, einen in­­teressanten Job mit dem Anspruch zu verbinden, die Lebensumstände der Men­­schen in Entwicklungsländern nachhaltig zu verbessern.

Unsere breite Erfahrung nutzen wir auch für Beratungsmandate zu Fragen der Ener­­­gieeffizienz und Erneuerbaren Energien, vor allem, wenn es darum geht, Investi­tio­nen in Entwicklungs- und Schwellen­län­dern zu mobilisieren oder kosteneffiziente Instrumente zur CO2-Reduktion zu entwickeln. Executive Education-Pro­gram­me sowie ein Zertifikatsstudiengang kom­­plettieren unser Angebot. Gemeinsam mit dem Umweltprogramm der Verein­ten Nationen (United Nations Environ­ment Programm – UNEP) haben wir im Juli 2011 das UNEP Collaborating Cen­­tre Climate & Sustainable Energy Finance eröffnet. Wissenschaftler und Berater widmen sich der Finanzierung Erneuer­barer Energien in Forschung, Lehre und Beratung. Das Centre arbeitet dafür mit Finanzinstitutionen zusammen, um tech­­nisches Know-how sowie innovative Finan­­­zierungsansätze für Unternehmen und Endverbraucher zu entwickeln. Es ist eng mit der Fakultät und laufender For­sch­ung verzahnt und etabliert sich als Think Tank.

FS-1109_09978-KopieIm globalen Wettbewerb gilt es, Frank­furts Position als Kontinentaleuropas wich­­tigster Finanzplatz zu sichern und auszubauen. Eine europäische Benchmark für die Frankfurt School ist London, das sich durch eine Vielzahl miteinander im Wett­­bewerb stehender international sicht­­ba­­rer Wissen­schaftsorgani­sationen, Hoch­schulen und Business Schools aus­­zeichnet. So do­­kumentieren allein die Lon­­don School of Economics, die London Busi­­ness School, Ashridge und Cass mit ihren Platzie­rungen in entsprechenden Rankings die Stärke der britischen Haupt­­stadt.

In dieser internationalen Education Indus­­try kommen deutsche Unis und Busi­ness Schools so gut wie nicht vor. Die hessische Landesregierung hat mit der Förderung der Goethe-Universität und mit dem House of Finance eine richtungs­­weisende Initiative angestoßen, die Un­­ter­­­nehmen und Mäzene am Finanzplatz fördern und unterstützen. Doch die Be­­mühungen reichen nicht aus.

Ich bin überzeugt, dass eine starke Wirt­­schafts­­nation wie Deutschland und eine auf Inno­­vationen und Kreativität setzende Bran­­che wie die Bank- und Finanz­­wirtschaft eine dynamische Wissen­schafts­­land­schaft benötigt, die im internationalen Wett­be­werb eine herausragende Rolle spielt. Die Frankfurt School ist ge­­rüstet für einen solchen Wettbewerb. Alle Akteure am Fi­­nanz­­platz Frankfurt – Politik, Wirtschaft, Verbände, Stiftungen, Wissenschaft und Bildung, Nicht-Re­­gie­­rungs­organisa­tio­nen – sollten gemeinsam daran arbeiten, sollten ihn befördern und mit Leben füllen.

1T9K1978-KopieDer Autor ist Präsident der Frankfurt School of Finance & Manage­­ment und lehrt All­­ge­­meine BWL. Er hat Wirt­schafts­­wissen­schaften, Wirtschaftspädagogik und Poli­­­tik­­wissenschaften studiert. Steffens war Lehrbeauftragter der FH Wilhelms­haven und hat Entwicklungsprojekte in Togo und Kamerun gemanagt. Neben weiteren Fun­­k­­tionen ist er Präsident des Frankfurter Ins­­tituts für Risiko­manage­ment und Re­­gu­­lierung FIRM.