Prof. Dr. Thomas Gruber: Im Rennen um den Meistertitel – Der Medienstandort München

Wenn man fragt, was die Menschen mit Bayern verbinden, erhält man gemeinhin Antworten wie „Berge“, „Bier“ oder „FC Bayern“ – und vielleicht noch „BMW“. „Medienstandort“ oder „Filmplatz“ hört man dagegen eher selten. Nun stellt die Automobilindustrie in der Tat die wichtigste Branche für den Freistaat dar, doch schon auf Platz zwei folgen (gemeinsam mit dem Maschinenbau) die Medien. Fast ein Viertel der Top-100-Medienunternehmen in Deutschland haben ihren Sitz in Bayern und die Branche wächst im Verhältnis zu anderen Wirtschaftszweigen von Jahr zu Jahr an, insbesondere am Standort Mün­chen. Betrug der Umsatz der Medien­unternehmen in und um München im Jahr 2003 noch 17,3 Milliarden Euro, so waren es nur drei Jahre später mit rund 21 Milliarden Euro knapp 22 Pro­­zent mehr. Eine Studie der IHK für Mün­­chen und Oberbayern und der Landes­hauptstadt aus dem Jahr 2007 zählte 5.088 Unternehmen und 61.929 fest angestellte Mitarbeiterinnen und Mit­ar­­beiter in der Münchner Medienbranche.

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Die Wirtschaftsentwicklung im Mün­­ch­­ner Raum wird somit wesentlich von der Medienbranche mitbestimmt. Gleich­­zei­tig ist München auch auf nationaler Ebene für die Medienbranche von Bedeutung. Hier liefern sich die großen Städte seit Jahren ein Kopf-an-Kopf-Rennen um den Meistertitel. Während auf bayerischer Seite München als „Deutschlands Me­­dien­­standort Nummer 1“ ausgewiesen wird, reklamieren Nordrhein-Westfalen, Hamburg und Berlin-Brandenburg den Titel jeweils für sich. Wer auch immer Recht haben mag, eines steht fest: Mün­­chen bietet den Medienunternehmen gute Voraussetzungen.

Da ist zum einen der ausgewogene Bran­­chenmix. Vom Printbereich mit dem Druck- und Verlagswesen über Fern­se­hen und Hörfunk sowie die Film- und TV-Produktion und die Filmwirtschaft bis hin zu Internet, Multimedia und Me­­dien­­technologie sind alle Segmente vertreten. Weitere, von Unternehmen positiv bewertete Standortfaktoren sind das Angebot an Gewerbeflächen und Büro­­räumen, die guten Verkehrs­an­­bin­dun­­gen sowie der Kontakt zu For­schungs­einrichtungen und Hochschulen wie etwa der renommierten Hochschule für Fern­­sehen und Film (HFF).
Diese Qualität kostet allerdings. Mün­chen hat nicht nur die deutschlandweit höchsten Im­­mo­bilien- und Mietpreise, sondern auch die höchsten Lebenshal­tungs­kosten, was wiederum hohe Ge­­haltswünsche bei den Mitarbeitern aus­­löst.

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Hätten Sie’s gewusst? München ist – nach New York – die bedeutendste Buch­­ver­lagsstadt der Welt. 155 Verlage zählt München, darunter sind Langenscheidt, der Deutsche Taschenbuch Verlag und C. H. Beck. Daneben ist auch eine Reihe großer Zeitschriftenverlage im Mün­chner Raum angesiedelt, etwa Hubert Burda Media (in München erscheinen so be­­kannte Marken wie „Focus“ oder die „Bun­­te“), der Gong Verlag sowie das Me­­dia­­house von Axel Springer mit Zeit­­schrif­ten wie „Mädchen“ und „Popcorn“. Nicht zuletzt ist München mit Sitz der Me­­diengruppe Süddeutscher Verlag, der Mediengruppe Münchner Merkur/tz und dem Verlag DIE ABENDZEITUNG auch eine Stadt großer Zeitungsverlage.

Auch im Rundfunk zeichnet sich Mün­chen durch eine hohe Dichte aus. Ins­­ge­­samt rund 20 Radiosender und 30 Fernseh­­programme werden von Mün­chen aus gesendet, darunter Pro7, Kabel1, RTL2, Neun live, DSF, Tele 5 und Home Shop­­ping Europe. Dazu kommen der Pay-­TV-Anbie­ter Sky Deutschland sowie Deutsch­­lands größter kommerzieller Radiosender An­­tenne Bayern. Und nicht zu vergessen: der öffentlich-rechtliche Rundfunk mit der Programmdirektion Erstes Deutsches Fernsehen sowie dem Bayerischen Rund­­funk mit seinen fünf Hörfunkpro­gram­men, dem multimedialen Jugendange­bot on3radio, dem Bayerischen Fernsehen sowie dem Bildungskanal BR-alpha.

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Erfolgsfilme wie zum Beispiel die Oscar-prämierte Produktion „Das Leben der Anderen“ zeigen, dass in Bayern auch ein wichtiger Filmproduktionsstandort ist. Die Bavaria Film in Geiselgasteig im Münchner Süden ist Europas bedeutends­­­ter filmtechnischer Betrieb. Da­­rü­­ber hin­­aus sind zahlreiche weitere Produktions­firmen in München ansässig, etwa die Constantin Film AG. Mit knapp 16.000 Mitarbeitern ist der Großraum Mün­chen von der Beschäftigtenzahl her der größ­­te Filmstandort Deutschlands. Außer­dem werden in München rund 40 Pro­zent des bundesweiten Umsatzes aller filmwirtschaftlichen Produktionsunter­nehmen erwirtschaftet.

München spielt damit ganz klar in der Top-Liga der Medienstandorte in Deutsch­­land, muss aber gleichzeitig dafür Sor­­ge tragen, von anderen Standorten nicht abgehängt zu werden. Beispiel Filmför­derung: Während das Fördervolumen für Berlin-Brandenburg seit 2003 um rund zwei Drittel erhöht wurde, ist das Volumen für Bayern um rund ein Sechstel geschrumpft. Darüber hinaus ist Mün­chen aufgrund der hohen Lebenshal­tungs­­kosten gerade für junge Menschen teuer und verliert trotz besserer Infrastruktur etwa bei Kreativjobs in Werbung und Film an den günstigeren Standort Berlin. Nötig sind daher eine deutliche Er­­hö­­hung der Filmförderung und mehr In­­ves­­titionen in die Ausbildung des filmischen Nachwuchses. Wichtige und richtige An­­sätze in diese Richtung gibt es, zum Beispiel mit der Einrichtung des „Baye­rischen Filmzentrums“ in Geiselgasteig, wo Nachwuchsautoren, -regisseuren und Produzenten geschützte Räume geboten werden, in denen sie ihr kreatives Potenzial entfalten können.

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Die Münchner Medienunternehmen se­­hen ihrer Zukunft durchaus optimistisch entgegen. Die Branche stellt sich auf ein zwar bescheidenes, aber stetiges Wachstum ein. Das hat die schon zi­­tierte Studie der IHK für München und Oberbayern und der Landeshauptstadt aus dem Jahr 2007 ergeben. Besonders in der Digitalisierung sehen die Unter­nehmen ihre Chance und forcieren den Aus- und Aufbau neuer Geschäftsfelder. Mit den richtigen politischen Weichen­stellungen wird München somit auch in Zukunft einer der führenden Medien­standorte in Deutschland bleiben.

Gruber-02-KopieDer 1943 in Eislingen/Fils geborene Au­­tor ist seit 2002 Intendant des Baye­rischen Rundfunks (BR). Zuvor war er in verschiedenen leitenden Funktionen im BR tätig, unter anderem als Hör­funk­­direktor, Leiter des Studios Fran­ken so­­wie der Hauptabteilung Intendanz.