Prof. Dr. rer. nat. Peter Scharff: Die TU Ilmenau – Wissensbasis für moderne Technologien

„Eine nationale Wissenschaft gibt es nicht, so wie es auch kein nationales Ein­maleins gibt; was national ist, das ist keine Wis­senschaft mehr“. Diesen Satz prägte der russische Erzähler Anton Tsche­chow, lange bevor von Internatio­na­li­sierung und interna­tionalem Wettbe­werb die Rede war. Zu­­tref­fend be­­schreibt er das Selbst­ver­ständ­nis der Universitäten; prägnant gibt er die Per­spektive von Wis­­senschaft vor, die nicht zu totem Lehrbuchwissen verkommen will. Dies ist auch für die TU Ilmenau wegweisend.

Hoch­schulen können die wirtschaftliche Entwicklung einer Region, eines Bundeslandes oder eines Staates be­­einflussen und fördern. Ein rohstoffarmes Land wie die Bundesrepublik kann letztlich nur durch Forschung und Entwicklung Pro­dukte auf den Markt bringen, deren Verkauf Arbeits­plätze und Wohlstand sichert. Bis heute ist zwar umstritten, ob über die An­­sied­lung von Hochschulen wirtschaftliche Strukturpolitik erfolgreich betrieben werden kann. Hier gibt es sicher keinen Automatismus; eine Hoch­schu­le auf der grünen Wiese muss nicht un­­be­dingt auch zu In­­dus­trie­­an­sied­lun­gen führen. Allerdings, dies zeigt der Blick in andere Regionen, können Hoch­­schulen den Struk­tur­wan­del un­­ter­stützen.
Neben anderen weichen und harten Standortfaktoren wird für ein industrielles Umfeld das Profil der Hochschule vor allem in der innovativen Forschung entscheidend sein, aus der wiederum eine qualitativ attraktive Lehre resultiert:
• Innovative Forschung ist das Bin­de­glied zur Wirtschaft, sie kann zu An­­siedlungen führen;
• Qualitativ herausragende Lehre schafft hochqualifizierte Arbeits­kräf­te; dies kann ein weiterer Grund für Industrie-ansiedlungen sein.


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Die TU Ilmenau hat vor zehn Jahren eine deutliche Profil­er­wei­terung mit der Einführung neuer Stu­dien­­gänge vorgenommen. Profilbe­­stim­mend sind die ingenieurwissenschaftlichen Stu­dien­gänge; ergänzt wurden die vorhandenen naturwissenschaftlich-tech­­nischen und wirtschaftswissenschaftlichen Kom­ponenten um weitere interdisziplinäre Studiengänge mit naturwis­sen­schaft­lichen (zum Beispiel Tech­ni­sche Physik, Werkstoffwissenschaft, Me­­cha­tronik) oder mit wirtschafts- und sozialwissen­schaftlichen Schwerpunkten (Medien­wirtschaft und Angewandte Medien­wis­­senschaft).
Die Umsetzung des Bologna-Prozesses ist eine der zentralen Aufgaben im Be­­reich der Lehre. 2004 wurde beschlossen, schnellstmöglich die Einführung von Bachelor- und Master-Studien­gän­gen sowie die zeitgleiche Aufhebung der Diplomstudiengänge vorzu­­nehmen.

Begonnen wurde die Entwicklung eines nachhaltigen Qualitäts­management­sys­tems für die Hauptprozesse Strategie und Führung, Lehre und Studium sowie Forschung. Interne und externe Leis­tungskontrollen sind fester Bestandteil für eine Beurteilung der Qualität der Ausbildung und Forschung. Die bisher an der TU genutzten Möglichkeiten für eine Evaluation in Lehre und Forschung werden nunmehr in einem System miteinander ver­bunden.

Forschung ist die Grundlage einer le­­bendigen universitären Lehre und We­i­ter­bildung, sie dient der Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses und der Fortbildung der Universi­tätsange­hö­rigen. Grundlagen- und ange­wandte Forschung bis hin zur Praxis­erprobung und zum Transfer in die Wirtschaft wer­­den an der TU Ilmenau gepflegt und gefördert.
Die TU Ilmenau be­setzt auf ausgewählten Kompe­tenz­feldern sowohl in der Grund­lagen­for­schung als auch in der angewandten Forschung national und international Spitzenplätze. Hohe Kom­petenzen durch strategische Neube­ru­fungen, eine ge­­zielte Entwicklung der wissenschaftlichen Infrastruktur und des technisch-technologischen Um­­fel­des sichern die universitäre Breite in Lehre und For­schung und tragen zur Erhöhung des internationalen Ansehens sowie zum deutlichen Anstieg der Stu­dieren­den­zahlen bei. Besonders prägend für die Universität ist die in­­ter­­disziplinäre und fakultätsübergreifende Zusammen­ar­beit und Bün­de­lung der Kompetenzen zu wettbewerbs­fä­hi­gen Forschungsschwerpunkten.

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Schwerpunkt 1:
Mikro- und Nanosysteme
Schwerpunkt 2:
Intelligente stationäre und mobile Systeme
Schwerpunkt 3:
Innovative Kommunikations- und Mediensysteme

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat der beschriebenen Ent­wick­lung 2004 durch die Aufnahme als Vollmitglied Anerkennung gezeigt.
Das wissenschaftliche Kernstück des ersten Forschungsschwerpunktes wird durch das Institut für Mikro- und Nano­technologien (IMN) gebildet, in dem etwa 30 Prozent aller Fachgebiete der Uni­versität mitarbeiten. Besonderer Aus­­­druck der wissenschaftlichen Leis­tung ist hier der Sonder­forschungs­bereich 622 „Nano­positionier- und Nano­mess­systeme“, der 2002 etabliert und be­­reits für eine weitere Arbeitsperiode mit überaus positivem Ergebnis evaluiert wurde.
Eine besondere Ausprägung unter dem Oberbegriff des Nanoengineering er­­fah­ren die Kompetenzfelder Nano­sen­so­rik, Nano­elektronik, Funktionali­sierte Peri­­phe­­rik und Mikrofluidik/Biosensorik. Beide letztgenannten Schwer­punkte wer­den von Nachwuchs­forschergruppen be­­ar­beitet, die dem Zentrum für Inno­va­tions­­kompetenz „MacroNano“ angehören.
Eine besondere Dynamik erfährt das Kompetenzfeld „Präzisionstechnik und Präzisionsmesstechnik“ durch das hohe Interesse der Industrie, welches letztlich auch in einer 2007 startenden Stiftungsprofessur seinen Ausdruck findet.
Die sehr erfolgreiche Arbeit der DFG-For­­schergruppe Magnetofluiddynamik auf dem Gebiet der Grund­lagen­for­schung schafft die Basis für weitere Schwerpunkt­setzungen. Alle auf den vor­ge­­nannten Gebieten der Mikro- und Nano­techno­logie arbeitenden Forscher finden im hervorragend ausgestatteten Zentrum für Mikro- und Nano­tech­nologien die er­forderlichen Bedingungen für er­­folg­reiche wissenschaftliche Tä­­tig­keit.


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Im zweiten Forschungsschwerpunkt der TU, „Intelligente stationäre und mobile Systeme“, haben sich besondere Schwer­­punkte hinsicht­lich des Forschungsfel­des „Intelligente Assistenz­systeme für die häusliche Umgebung, die medizinische Therapie und Pflege sowie für die individuelle Mobilität“ heraus­gebildet. Wissen­schaft­liche Ar­­bei­ten zur System­theorie, zur Robotik, Medizintechnik und Mensch-Maschine-Schnittstellen sind hier nennenswert.
Besondere fachübergreifende Applika­tions­felder sind in der biomedizinischen Technik und in der Automobiltechnik ausgeprägt und wissenschaftlich er­­folg­­reich. Ein weiteres Forschungsfeld mit stra­­­tegischer Bedeutung ist die „Ener­gie­technik, Energiesystemtechnik und Me­­chatronik“. Im Mittelpunkt des wissenschaftlichen Interesses stehen hier die Sicherheit und Verfügbarkeit der Ener­gienetze, alternative Energie­sys­te­me mit Schwerpunkt Solarenergie so­­wie energiesparende und wirkungsgrad­optimierte Maschinen und Antriebe.
Zum dritten Forschungsschwerpunkt, „In­­­novative Kom­mu­ni­kations- und Medien­systeme“, gehört ein interdisziplinärer, international ausgewiesener Schwer­punkt „Mobil­kom­mu­nikation“. Leistungs­fähige Partner aus der In­­dus­trie verstärken je­­weils vorhan­dene Kom­­pe­­tenzen. Die Forschung kon­zen­triert sich dabei vor allem auf mo­­bile, drahtlose Zugangs­techniken für breitbandige, multimediale Kommu­ni­ka­tions­netze sowie auf multimediale Tech­niken zur Verarbeitung und Präsentation von Informationen. Eine Fraunhofer-For­schergruppe „Drahtlose Verteilsys­te­me“ wird derzeit an der TU Ilmenau aufgebaut und wird die Ar­­bei­ten der Forscher in idealer Weise er­­gän­­zen.
Erfolgreich werden auf dem Gebiet der digitalen Medientechnologie (mit Schwer­punkt auf akustischen Systemen) in Ko­­operation mit dem Fraunhofer Institut für digitale Medientechnologie For­schungs­arbeiten mit gleichermaßen Grundlagen-, wie applikativem Charak-ter durchgeführt. Die interdisziplinären Kompetenzen der Forscher auf diesem Gebiet werden verstärkt zur Lösung von Umweltproblemen, wie Schwin­gungs- und Geräuschproblemen, eingesetzt.
Die TU Ilmenau forscht zudem auf Grund­­lagengebieten der Ingen­ieur­wissen­schaf­ten erfolgreich, die in allen zuvor ge­­nannten Forschungsfeldern Anwendung finden. Hier sind bezüglich des Kon­struk­tionsprozesses die Arbeiten zur Optimierung von Methoden der virtuellen Realität mit besonderer Betonung der Verbindung von visuellen und akustischen Informationen und hoher Da­­ten­dichte zu nennen, die im universitären Kompetenzzentrum „Virtuelle Realität“ bearbeitet werden.

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Als übergreifende Forschungsarbeiten sind auch solche nennenswert, die sich auf die Erzeugung, Verarbeitung und sp­e­zielle Veredelung von Kon­struk­tions­werkstoffen beziehen. Hier sind die Ge­­biete Glas, Keramik, Werkstoffe der Elek­­trotechnik, Verbundwerkstoffe mit hoher Kompetenz vertreten.
Daneben laufen an der TU Ilmenau zahlreiche weitere grundlagen- und an­­wendungsorientierte For­schungs­pro­jek­te, die sich durch innovative Heran­ge­hens­weisen und hohes Niveau auszeichnen. Beispielartig seien genannt: die DFG-Forschergruppe Mag­net­ofluid­dy­­namik, InnoProfile – Initiative des BMBF: „In­­novative Kraftmess- und Wägetechnik durch Anwendung mechatronischer Kon­­zepte“, InnoProfile – Initiative des BMBF: „MIntEye – Multimodale Inte­gra­tion op­­­h­­thalmologischer Diagnose­tech­­­­no­lo­gien“ und das Zentrum für Innovations­kom­petenz „MacroNano“ mit Nach­wuchs­gruppen „Mikrofluidik und Biosensorik“ und „Funktionalisierte Peripherik“.
Die drittmittelfinanzierte Forschung der TU Ilmenau umfasste 2006 ein Fi­­nanz­volumen von 17,91 Millionen Euro. Aktuelle Forschungskontakte bestehen in diesem Zusammenhang zu mehr als 400 Unternehmen weltweit.
Ausdruck dieser Partnerschaften zu Unternehmen und für eine dauerhafte und nachhaltige Erweiterung des Kom­petenzspektrums sowie der stetigen Ver­­stärkung des wissenschaftlichen Pro­fils der Universität sind etwa Stif­tungs­pro­fessuren. Sie bestätigen die Exzellenz auf anwendungs­orien­tierten For­schungs­feldern.
Enge Zusammenarbeit und gute Ko­­operationsbeziehungen unterhält die TU Ilmenau im Rahmen der Dritt­mit­tel­­forschung und des Technologietransfers mit zahlreichen Forschungs- und Trans­fereinrichtungen im unmittel­baren Um­­feld der Universität, darunter mit verschiedenen Fraunhofer-Instituten und Steinbeis-Transferzentren.
Erklärtes Ziel der Forschung an der TU Ilmenau ist die schnelle Umsetzung der Ergebnisse in die wirtschaftliche Nut­zung. Neben der Stimulierung von Aus­gründungen aus der Universität sowie der Gewinnung von Ko­­ope­ra­tions­part­nern umfasst dies auch den Entwurf neuer Modelle einer Public-Private-Part­nership mit direkter gesellschaftsrechtlicher Beteiligung der Universität an wirtschaftlichen Unternehmungen.
Aus diesem Grund wurden 2005 die „TU Ilmenau Service GmbH“ sowie die „Technologiegesellschaft Thü­­ringen mbH & Co. KG“ gegründet. Die Ge­­schäfts­felder der TU Ilmenau Ser­­vice GmbH liegen in:
• der Organisation und Übernahme von Teilen des Universitätsmarketings so­wie der regionalen Entwicklungsplanung
• der Übernahme von Tech­nologie­trans­ferleistungen, zum Beispiel kompletter Innovationsketten von der Grund­lagenforschung bis zum Prototyp und der Dienst­leis­tungs­ver­mark­tung
• der Organisation studienvorbereitender Ausbildung sowie beruflicher und akademischer Weiterbildung.

Thüringen hat moderne Universitäten und Fachhochschulen. Sie sind modern in ihrer Interdisziplinarität und Trans­dis­ziplinarität, sie sind modern in ihrem Bildungsanspruch. Sie bieten eine breite Palette in For­schung und Lehre und haben es doch verstanden, Schwerpunkte zu bilden und damit ein je spezifisches Profil auszuprä­gen.
Dies sind Pfunde, mit denen sich wu­­chern lässt. Selbstverständlich ist da­­her der Wissens- und Tech­no­lo­gie­transfer aus den Universitäten und Fach­hoch­schulen ein wichtiges Instr­ument der re­gionalen Wirtschaftsförderung.

Scharff--BurkhardFritzDer 1957 geborene Autor studierte Che­mie an der TU Clausthal, wurde dort 1987 promoviert und habilitierte 1991 über anorganische Chemie. Im Jahr da­­rauf folgte die Ernennung zum Akade­mischen Rat und eine Gast­pro­fessur an der Universität Thorn (PL). Seit 1998 an der Technischen Uni­ver­sität Ilmenau, amtiert Professor Dr. Scharff seit 2004 als Rektor der TU.