Prof. Dr. Ralph Eichler: ETH-Spin-offs – Nachhaltige Wirkung auf die Schweizer Wirtschaft und Gesellschaft

Die ETH Zürich leistet durch ihre Spin-off-Unternehmen einen spürbar wachsenden Beitrag zum Techno­lo­gie­stand­ort Schweiz. So sind Jung­un­ter­neh­men, die ETH-Wis­­sen vermarkten, be­­sonders überlebens­fähig und schaf­­fen über­durch­­­­­schnittlich viele Arbeits­plät­ze. Eine neue Studie zeigt weiter, dass die durch Ri­­si­­kokapital un­­ter­­­stützten ETH-Spin-offs deutlich er­­folg­­reicher sind als solche ohne zu­­sätz­liche finanzielle För­der­ung.

Noch rumort die Schmach der ver­pass­ten Chancen im Gedächtnis der Schwei­­zer Technologie-Erfinder. Man erinnere sich an die einst wegbereitende Com­puter­techno­­logie der ETH Zürich oder die Flüssig­kristallanzeigen (LCD) aus den Labors von Hoffmann-LaRoche.
Die­­se zukunftsträchtigen Erfindungen wur­­den bekanntlich nicht hierzulande, son­­dern erfolgreich im Ausland ver­mar­ktet. Die ak­­tuelle Entwicklung ist jedoch ermutigend, denn die kleine Schweiz beweist heute auf dem Gebiet innovativer Technologien eine selbstbewusste Stärke.

ETH-Hauptgebäude

Bei diesem Trend sieht sich die ETH Zü­­rich als bedeutsamer In­­no­va­tions­mo­tor der Schweizer Industrie. Diese Rol­­le will sie durch eine intensivere Be­­treu­­ung von Spin-offs, eine stärkere interna­­tionale Prä­­senz zur Förderung des Tech­­no­lo­gie­­­transfers und weitere Koopera­tionen mit Unternehmen ausbauen. Ein wesentliches Ziel ist es, in den kommen­­den Jah­­ren den unternehmerischen Geist der ETH-Mitarbeitenden zu fördern – eine lohnens­­werte Initiative, wie die Re­­sul­ta­te einer neuen Studie* der London Busi­­ness School zeigen.

Neun von zehn ETH-Spin-offs haben überlebt
In den vergangenen zehn Jahren – zwi­­schen 1998 und 2007 – sind ins­­ge­­­samt 130 Spin-offs der ETH Zürich ent­­standen. Die Jungunternehmen, welche die Forschung der Hochschule in kom­­mer­­zielle Produkte und Dienst­­leis­tun­­gen umsetzen, sind in den ver­­schie­­den­­sten Technologiebranchen tä­­­tig, vor al­­­­lem aber im IT- (26 Pro­­­zent) und Bio­­­tech-Sektor (16 Prozent). Was die Un­­ter­su­chung deutlich macht, ist die be­­son­ders hohe Überlebensrate der ETH-Start-ups. Nach zehn Jah­­­­ren haben 88 Prozent der 130 Be­­triebe überlebt.

Das ist der höchste Wert aller be­­trach­­­­­te­­ten Uni­ver­­­si­­­­täts-Spin-offs, aus­­­­ge­­nom­­­­men für Nord­­ir­land, dessen Sample von nur 17 Be­­trieben aber nur be­­schränkt aus­­sage­­­kräftig ist.

Vergleicht man au­­sser­­dem mit an­­de­­ren Schweizer Start-ups, ist die Über­­le­bens­­­rate der aus der ETH hervorgegangenen Un­­ter­neh­men fast doppelt so hoch.

ETHZ_CO2-Speicherung

Mehr als ­­sieben ­­neue Jobs pro Betrieb
Die ETH-Spin-offs liegen auch bei der Schaffung von Ar­­beits­plät­zen an der Spit­­­­ze. Mit 7,1 Jobs pro Be­­trieb ent­stan­­­­den so ins­­ge­samt 918 Be­­schäf­­­­­ti­gungs­mög­­lich­kei­­­ten.
Der Ver­­­gleich al­­­ler Schwei­­­­­zer Jung­un­ter­­­neh­­men er­­­­gibt ein­deu­tig, dass die ETH-­Know-­how ver­­­wer­ten­­den Fir­­men er­­heb­­­­lich mehr Jobs schaf­­­­fen, näm­­lich in den ersten fünf Jah­­­­­ren im Durch­­­­­schnitt 4,5 ge­­gen­­über 3,0 im Mit­tel aller Neu­grün­­­dun­gen. Vie­­le dieser Stel­len sind hoch­­­­qua­li­fi­ziert.

Außer dem ökonomischen Impact in Form von Arbeitsplätzen, Steu­ern und Vermögen haben die ETH-Start-ups noch be­­acht­liche indirekte Aus­wir­kun­gen auf Wirtschaft und Ge­­­sellschaft. Sie können beispielsweise als Kata­lysator für High­tech-Entwicklungen fun­­gieren, Welt­­­­klasse-Professoren an die ETH Zü­­rich locken und in ihrem Um­feld weitere in­­direkte Jobs ge­­ne­­rie­­ren – bei den 130 ETH-Spin-offs wa­ren das schät­­zungs­weise zusätzliche 500 Stel­­len.

Risiko­ka­p­italgestützte Fir­men ge­­winnträchtiger
Aufschlussreiche Er­­geb­nisse liefert die Un­­­­­­­­­­tersuchung der London Busi­­ness School auch hinsichtlich der För­de­rung der ETH-Spin-offs durch Ri­­si­ko­kapital und Business Angels. Die Spin-off-Grün­­­­­der investieren durch­schnitt­­lich 110.000 CHF in ihr Unter­neh­men, wenn sie über kein Ri­­si­ko­ka­pital oder kei­­nen Business Angel ver­­fügen. Sie kön­­nen – im Mit­­­­tel – auf eine Ka­­pi­­tal­ren­dite von 40,5 Pro­­zent und nach fünf Jahren auf eine Wert­­stei­­ge­­r­­ung von 490.000 CHF hof­­fen. Ven­­­­ture-Ca­pital-ge­­­­­­­­stütz­te Fir­­men da­­ge­gen kön­­­­­­nen eine viermal höh­e­­­re Wert­­­stei­­ge­­­rung er­­war­­ten und er­­zeugen über­­dies ver­­­­­­gleichs­­­wei­­se mehr Ar­­­­­beits­plätze.

Der Vergleich mit an­­deren Uni­­­­versitäts-Start-­ups im Ausland macht deutlich, dass hierzu­­lande die Unter­stützung durch Risi­ko­ka­pital und Bu­si­­ness An­­gels signifikant tie­­fer liegt als zum Bei­spiel in Gross­bri­­tannien. Dort erhalten im Mit­tel fast 60 Pro­­zent der Jungfirmen eine solche Förderung, bei der Elite­uni­­­­ver­si­­tät Ox­­ford sogar 75 Prozent, während bloss 27 Pro­­zent der ETH-Spin-offs auf diese Weise un­­terstützt werden.

ETH-Hönggerberg

Deckungslücke mit Ri­­sikokapital schließen
Um Gründungen und das Gedeihen von ETH-Spin-offs folglich noch wirksamer zu begünstigen, ist die Deckungs­­lücke (Funding Gap) zwischen Start-up-Phase und früher Entwicklung zu schließen. Vielfach fehlt den jungen KMUs der lan­­ge Atem, um innerhalb eines For­­­schungs­­­­projekts die Phase vom Proto­typ bis zu einem markt­­rei­­fen Pro­dukt zu überstehen. Der Zu­­gang zu Risi­ko­ka­pital ist of­­­­fen­sicht­lich eine be­­stim­men­de Schlüs­­sel­grö­­sse für das Wachs­tum und die Wert­­­­schöp­­fung neu­­er Tech­­­­nologie-Spin-offs.

Ein Aufruf geht daher an mögliche Ri­­si­­­­kokapital-Geber und Business An­­gels, vermehrt und möglichst früh bei technologisch orientierten Spin-off-Un­­ter­neh­­­men einzusteigen.

Die Investitionen lohnen sich, wie die Statistik belegt. Auch sollten staatliche Stellen das Jung­­unternehmertum forciert unterstützen – beispielsweise mit Steu­­erer­leich­te­run­­gen oder wie KTI ven­­ture­­lab mit der Förderung von Start-up-Pro­­jekten im Hightech-Umfeld.

Netzwerke für Risikokapital und Beratung aufbauen
Für die ETH gilt es, einen engeren und direkteren Kontakt mit Risikokapital-Ge­­bern und Business Angels zu etablieren und ein internationales Netz­werk aufzubauen. Die Hochschule kann zu­­dem ih­­re Rolle als Schweizer Ka­­der­­­schmie­de ausspielen und mit ihren Alumni ein her­­vorragendes Be­­zie­­hungs­­­geflecht aus­­nutzen. Daraus lassen sich Senior Ma­­nagers und erfahrene Ver­wal­tungsräte rekrutieren, welche die Gründerteams be­­raten und beispielsweise beim Er­­stellen eines Ge­­schäfts­plans behilflich sein können. Denn ge­­niale Ideen und fachliche Bril­­lanz allein genügen nicht für den
Un­­ter­neh­mens­er­folg.

Damit die ETH Zürich ihren Spit­­zen­­platz in der Forschung behaupten und ihre Ausbildung den steigenden Stu­die­ren­denzahlen anpassen kann, muss sie wei­­ter wachsen. Die öffentlichen Geld­quel­len werden aber nicht angemessen zunehmen, sodass zwingend mehr Mittel aus der Wirtschaft und von Pri­vaten zu beschaffen sind. Mehr ver­­fügbares Geld wird wiederum zu mehr Spin-off-Gründungen führen, was auf­­grund der positiven Wirkung der ETH-Jungunternehmen auf die Wirtschaft und Gesellschaft zu begrüssen ist.

ETHZ_Minikompressor

Notwendiger Paradigmenwechsel
Solch optimistische Aussichten sind je­­­doch verknüpft mit einem unabdingbaren Paradigmenwechsel. Und dies ge­­­­ra­de auf zwei Gebieten, die in der Schweiz auf keine einschlägigen Er­­fah­rungen bau­en können. Die Aus­stattung von Spin-offs mit Risiko­ka­pital sowie das Ein­­brin­­gen von Do­­na­torengeldern sind denn auch eine neue, grosse Heraus­­for­­der­­ung für Wirt­­schaft und Hochschule. Für die ETH Zürich ist sie angesichts des ver­­schärften globalen Wettbewerbs in For­­schung und Lehre jedoch ein Ge­­bot der Zukunft.

Eichler_Portraet_BGProf. Dr. Ralph Eichler ist seit 2007 Prä­­si­­dent der ETH Zürich. Zuvor leitete er das Paul Scherrer Institut (PSI) in Vil­li­gen. Er studierte an der ETH Zürich Phy­­­sik, wo er 1976 promovierte. Nach Auf­­­­­­­­ent­hal­ten in den USA und Deutschland wurde er 1993 an der ETH Zürich or­­dent­­licher Pro­­fessor für Ex­­pe­ri­men­­tal­­physik. Er ist Mitglied vieler Gre­mi­en, un­­ter anderem im Senat der deutschen Helm­holtz-Gesell­schaft.