Prof. Dr. Peter Gruss: Innovationen brauchen Forschergeist und Unternehmermut

Eine deutsche Fondsgesellschaft hat einmal mit dem Slogan geworben: „Geld entsteht im Kopf.“ Da ist was dran: Kluge Köpfe generieren neue Erkenntnisse, die von pfiffigen Geschäftsleuten in neue Verfahren und Produkte umgesetzt werden. Die daraus resultierenden Gewinne können wiederum in die Produktion von Wissen fließen: entweder direkt in die indus­trielle Forschung oder über Steuern und die öffentlichen Haushalte in Uni­ver­­sitäten und Forschungsinstitutionen, wo dann wieder neues Wissen entsteht – ein perfekter Kreislauf, vorausgesetzt Wissen­­­schaft und Wirtschaft arbeiten eng zusammen.

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Elektronenmikroskopische Aufnahme eines Netzwerks von Nervenzellen.

Nach einer Untersuchung aus den USA bezieht sich etwa die Hälfte der Zitate in US-Patentschriften auf Publikationen, die in öffentlich geförderter Forschung entstanden sind. Dabei sind besonders jene Forschungsergebnisse von Bedeutung, die im Inland gewonnen wurden. Neue Er­­kennt­nisse sind also häufig Garanten für neue Patente und damit die Grundlage für Innovation. Dabei entsteht grundlegend Neues zunächst einmal – der Name sagt es schon – in der Grundlagenforschung. Ein Paradebeispiel dafür liefert der Tran­sistor: Ohne Transistoren würde heute kein Computer und kein CD-Player funktionieren, ja keinerlei elektronische Steuerung, weder in der Industrie noch in der heimischen Waschmaschine. Die Erkenntnisse für die Entwicklung des Transistors sind über das 19. und 20. Jahrhundert gewachsen. Ihre Autoren lesen sich wie das Who-is-who der damals bekanntesten Physiker und Chemiker: Max Planck und Albert Einstein, Ernest Rutherford und Niels Bohr, Werner Heisenberg und Erwin Schrödinger und andere. 1947 meldeten schließlich die Bell Labs das erste praktisch nutzbare Patent für einen Transistor an. Heute bildet der Tran­sistor die Grundlage der gesamten digi­talen Elektronik. Dieses Beispiel ist eines von vielen, die zeigen: Innovationen und Grundlagenfor­­schung sind Glieder einer Kette, Investi­tionen in die Grundla­gen­for­­­schung somit gut angelegtes Geld. Wie hoch die optimale Investitionsquote in Grund­­lagenforschung für einen Hoch­­­tech­­nologie­­Standort wie Deutschland ist, lässt sich allerdings nur schwer bestimmen. Sicher ist: Je technolo­gisch fortge­­­­schrit­tener ein Land ist, umso mehr sollten die Ausgaben für Grund­lagen­forschung steigen. Das bele­gen Forschungs­­arbeiten von Hans Gers­bach vom Center of Economic Research der ETH Zürich.

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Am Düsseldorfer Max-Planck-Institut für Eisenforschung haben Werkstoffwissenschaftler Leichtbaustähle entwickelt, die besonders fest und zugleich dehnbar sind. Ihr geringes spezifisches Gewicht und die mechanischen Eigenschaften machen sie zum idealen Werkstoff für die Fahrzeugindustrie.

Das Wissen, das in der Grundlagenfor­schung über die Gesetzmäßigkeiten in der Natur und im Menschen, über Strukturen und Zusammenhänge von Quarks und Elek­tronen bis hin zu den riesigen Dimensionen des Universums gewonnen wird, schafft die Basis für Neuerungen und eröffnet uns die Möglichkeit, den Heraus­forderungen von morgen und über­morgen zu begegnen. Dazu gehören Fragen der Energie­ver­sor­gung, der Gesundheits­vorsorge und Ernäh­rung ebenso wie solche nach der Beherrsch­barkeit der Folgen des Klimawandels oder des Bevölkerungs­wachs­­tums. An der Suche nach Antworten auf diese drängenden Fra­­gen versuchen Che­mi­ker, neue Speicher­technologien zu ent­wi­­ckeln, forschen Bio­­mediziner an inno­­vativen Therapiean­­sätzen und Pflanzen­forscher an neuen Getreidesorten.

Deutschland ist mit seinen Universitäten und Forschungsorganisationen interna­tional sehr gut aufgestellt. Nach den USA, China und Japan steht das Land weltweit an vierter Stelle der Nationen mit den größten Ausgaben für Forschung und Entwicklung. Auch die Unternehmen sind im Forschungs­bereich außerordentlich aktiv: Zwei Drittel der Forschungs- und Entwick­lungs-Aus­ga­­­ben sind Investitionen der deut­schen Wirt­schaft. Prognosen zu­­folge erreichen diese Aus­gaben 2011 die 60-Milliarden-Euro-Marke. Gleich­wohl hält die von der Bundes­regie­rung eingesetzte Expertenkommission „For­schung und Innovation“ in ihrem Be­­richt 2011 fest: „Im Bereich der Spitzen­technologien weist Deutschland (…) erhebliche Schwächen auf“, während etwa in der Schweiz, in Frankreich und Groß­britannien die Spitzentechnologien in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen haben. Tatsächlich ist die im Bericht aufgezeigte Lücke zwischen Erkenntnis und Anwendung eine Schwachstelle des deutschen Innovationssystems.

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Für das neue Fusionsexperiment Wendelstein 7-X wird am Max-Planck-Institut für Plasmaphysik Hochtechnologie aufgebaut. Mit der Kernfusion setzt die Wissenschaft auf den Nachbau des Sonnenfeuers auf der Erde.

„Internationale Forscher wollen etwas Nütz­liches, deutsche Forscher den Nobelpreis“, kritisierte das Wirtschaftsmagazin brand eins bereits 2005. Doch der Vorwurf greift zu kurz. Tatsächlich bringt die Grund­lagen­forschung in Deutschland eine Vielzahl quali­tativ hochwertiger Ideen hervor. Nur, in der Regel sind diese Erkenntnisse ein­fach noch nicht reif für die Anwendung. Weil die Weiterentwicklung einer guten Idee zu einem marktfähigen Produkt das Risiko des Scheiterns birgt und darüber hinaus schlichtweg teuer ist, scheuen viele Firmen die Kosten und das Risiko – auch wenn am Ende große Gewinne stehen könnten. Daher können neue Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung ihr Innovations­po­tenzial oft gar nicht entfalten.

Um diese Lücke zwischen Grundlagen­­­forschung und Anwendung zu schließen, haben die Max-Planck-Gesellschaft und die ebenfalls in Deutschland ansässige und der angewandten Forschung verschriebene Fraunhofer-Gesellschaft ihre Kooperationen gezielt in fach­­lich übergreifenden Berei­chen vertieft. Ziel dieser Kooperation ist es, die in der Grund­­lagenforschung gewonnenen Erkenntnisse zur Anwendung zu füh­ren und damit einen direkten Beitrag zur Entwicklung neuer Technologien zu leisten.
Die Max-Planck-­Innovation GmbH, eine Tochter der Max­­­Planck-Gesellschaft, un­­ter­­­­stützt junge Fir­men­­­­gründer aus der Wissenschaft. Seit Beginn der 1990er Jahre hat es an die hundert erfolgreiche Firmen­grün­­dun­gen aus den Instituten der Max-Planck-Gesell­­schaft gegeben – we­­sentlich be­­gleitet von den Innovationsberatern.

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Doch trotz all dieser Unterstützungs­maß­­­­nahmen bleibt der Gründergeist in Deutsch­­­­land zu wenig ausgeprägt. Der Wirtschafts­­wissenschaftler David B. Audretsch spricht vom Entrepreneurship-Kapital einer Regi­on und meint damit die Fähigkeit, unter­neh­me­risches Ver­halten zu erzeugen. Dazu gehö­­ren Aspekte wie die soziale Akzeptanz unter­­nehme­ri­schen Verhaltens, risiko­freudige Jungunter­nehmer sowie Banken und Risi­­ko­­kapital­geber, die bereit sind, eben nicht nur einen späteren Nutzen, sondern vorneweg auch das Risiko zu teilen. Der Mangel an Venture Capital bleibt in Deutschland gravierend. Wir brauchen hier – auch auf europäischer Ebene – neue Anreize, damit Firmen, private und institutionelle Anle­­­­ger stärker in neue Spi­­tzen­­­­­tech­no­logien inves­tieren. Davon würden letztlich alle profitieren. Je größer das Entre­­pre­neur­ship-Ka­pi­­tal, das zeigen statistische Ana­lysen, desto größer ist die wirtschaft­­liche Produk­­tivität. Wer Wachs­­­­tum will, muss also förderliche Rahmen­bedin­gun­gen für kreative, selbst­­­­­­­ständige Exis­tenzen und inno­vative Köpfe schaffen.

Ein Blick auf die USA zeigt, warum die Gründerquote dort so viel höher ist als in Deutschland – sie ist hierzulande mit knapp fünf Prozent nur etwa halb so groß ist wie in den USA: Neben öko­no­misch messbaren Varia­­blen wie niedrigen Steu­er­­­­sätzen, geringen Arbeitskosten, we­­nig Regu­­lierung und einem Minimum an Auf­­lagen ist es auch das hohe Maß an An­­­er­­­­­­ken­nung, das die amerikanische Öffent­­­­­­­lichkeit demjenigen zollt, der Mut zum Risiko und Eigenver­ant­­wortlichkeit beweist.

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Wir müssen darüber hinaus neue For­men von Public-private-Partnership finden – auch zugunsten unserer Wettbewerbs­­fähig­­keit. Die Politik hat dazu neue Initia­tiven gestartet. Im Zuge der Hightech-Strategie 2020 ist das Pro­jekt „VIP“ ange­laufen zur „Validierung des Inno­vations­potenzials wissenschaftlicher For­schung“. Das Pro­­gramm zielt genau darauf ab, die Lücke zwischen Erkenntnis und Anwen­dung kleiner zu machen – und weil „VIP“ neben der nötigen Beratung durch Exper­ten auch Finanzmittel umfasst, kann es zum Ge­­burtshelfer neuer Verfahren und Anwen­­dungen werden.

Der Transfer von neuen Erkenntnissen in die Anwendung ist nicht nur nötig, um den Wohl­stand in unserem Land zu sichern. Wir müssen darüber hinaus dafür sorgen, dass unser Planet auch in den kommenden fünfzig oder hundert Jahren lebenswert bleibt.

 

Gruss0039Der Autor ist Präsident der Max-Planck-Gesellschaft. Davor war er als Direktor am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen tätig. Für seine Arbei­­ten wurde er mehr­­fach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Leibniz-Preis. Für seine Idee, die Entwicklungsbiologie als Basis inno­­­vativer Therapien zur Behandlung von Krankheiten einzusetzen, erhielt er 1999 zusammen mit Herbert Jäckle den Deutschen Zukunftspreis.