Prof. Dr. Micha Teuscher & Prof. Dr. Mathias Grünwald: Regionalbezug in der thematischen Ausrichtung von Forschung und Lehre

Demografischer Wandel, Abwanderung der Bevölkerung oder industrielle Veränderungen beeinflussen nachhaltig die Strukturen des ländlichen Raumes. Allein mit politischen Maßnahmen ist der Entwicklung dieses Prozesses nicht beizukommen. Die Hochschule Neubrandenburg hat es sich daher zur Aufgabe gemacht, Entwicklungsmaßnahmen und Konzepte für den ländlichen Raum zu analysieren und zu verwirklichen.

 

Betrachtet man eine Landkarte der Hochschulstandorte in Deutschland, so fällt sofort eine große Region im Nord­­osten auf, in der es zwischen den Bildungsinsti­tutionen an der Ostseeküste und denen im Raum Berlin nahezu keine Hochschule gibt. Diese besondere Lage und Situa­­­­­tion prägt das Leitbild der Hochschule Neubrandenburg. Sie hat daher den für ihre vier Fachbe­rei­che integrierenden Forschungs­schwer­punkt „Nach­haltiger Strukturwandel und Umbau von ländlichen Regionen“ gewählt und gezielt ausgebaut.

Die für periphere und ländliche Regionen typischen Strukturen vereinen sich in den Disziplinen: Pflege und Gesundheit, Soziale Arbeit, Erziehungswissen­schaften, Frühkindliche Erziehung, Agrarwirtschaft und Ernährung, Landschaftsarchitektur, Naturschutz und Landnutzungs­planung sowie Geomatik. Für alle diese Disziplinen ist der demografische Wandel in der Region das Labor ihrer wissenschaftlichen Arbeit. Die Hochschule liegt somit gleichsam mitten im Labor.
Konzeptionen und Strategien zur nachhaltigen Entwick­l­ung ländlicher Regionen entsprechend den planerischen, sozialen und infrastrukturellen Herausforderun­gen des demografischen Wandels sowie den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen stehen dabei im Mittel­punkt. Kenn­zeichnend ist das transdisziplinäre Arbeiten und Forschen, wobei alle Fach­gebiete sich aus ihrer jeweiligen fachlich­en Sicht und mit ihren spezifischen Methoden dem Forschungs­­­gegenstand nähern. Dabei stehen vor allem konzeptionelle und strategische Aspekte der Ent­wickl­ungschancen der Region im Fokus. Drei Beispiele seien an dieser Stelle kurz vorgestellt.

Seit 2007 begleitet die Hochschule Neubrandenburg die Modellvorhaben der Raumordnung (MORO) des damaligen Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtent­wickl­ung (BMVBS) zum demografischen Wandel und zur Daseinsvorsorge in ländlichen Regionen. Seit 2011 hat die Hochschule Neu­bran­denburg im MORO „Aktions­programm regionale Daseinsvorsorge“ die Funktion einer bundesweiten Projektassistenz im Auftrag des Bundes­ministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur sowie des Bun­desinstituts für Bau-, Stadt- und Raum­forschung (BBSR) inne. Primäre Aufgaben sind die Unterstützung und Koordination der 21 Modellregionen bei der Erarbei­tung einer individuellen Regionalstrategie zur Sicherung der Daseinsvorsorge, die Organisation des bundesweiten Erfahrungsaustausches sowie die Querschnittsauswert­ung der Erfahrungen der Modellregionen. In der nun fol­­genden Umsetzungsphase des Aktionsprogramms unter­stützt die Hochschule Neubrandenburg in ähnlicher Funk­tion bis 2016 die Modellregionen bei der Umsetzung von konkreten Pilotprojekten zu Themen der Daseinsvorsorge. Diese Schritte werden wissenschaftlich dokumentiert und ausgewertet. Die Ergebnisse und Erfahrungen dieser Modellvorhaben sollen in Weiterbildungsangebote und einen berufsbegleitenden Masterstudiengang „Integrierte re­gionale Daseinsvorsorgeplanung“ überführt werden.

Im Projekt „BildungsLandschaft UER (BL UER)“, bei dem in den Jahren 2009 bis 2012 die Gestaltung, Förderung und Begleitung von Bildungsbiografien und selbstständigen Lernkulturen im Mittelpunkt stand, arbeitete die Hochschule Neubrandenburg eng mit dem ehemaligen Landkreis Uecker-Randow (UER) im äußersten Nordosten Deutschlands zusammen, der heute, nach einer Gebiets­reform, Teil des Landkreises Vorpommern-Greifswald ist. Für die Region ist eine integrierte Bildungsstrategie ein wichtiger Schlüssel, die Abwärtsspirale, die sich aus ausgeprägten wirtschaftlichen Strukturschwächen und dem demografischen Wandel ergibt, zu durchbrechen. Es bestand ein großer Handlungsbedarf, um eine ganzheitliche, in sich stimmige und moderne Bildungsland­schaft zu schaffen, die zur Lösung der wirtschaftlichen und sozialen Probleme des Landkreises von hoher Be­deu­tung ist. Zentrale Bausteine in der Weiterentwicklung der Bildungslandschaft sind eine stärkere, praktisch spürbare Zusammenarbeit mit benachbarten Hochschulen und die Etablierung wissenschaftlicher Bildungsangebote.

Als Verbundpartner des BMBF-Projektes „Lernen vor Ort“ hat die Hochschule Neubrandenburg ihre auf die regionalen Besonderheiten ausgerichteten Kompetenzen sowie ihre bestehenden Aktivitäten in der Region gezielt zum beiderseitigen Nutzen in die Qualifizierung und den Aus­­bau der Bildungslandschaft eingebracht.

Ziel der Hochschule Neubrandenburg war es, die frühkindliche Bildung und Erziehung in Verbindung mit einer gezielten Eltern- und Familienberatung zu stärken, das Engagement und die ehrenamtlichen Tätigkeiten älterer Menschen zu fördern und gezielt in die Kinder- und Ju­­gendarbeit einzubringen, das Verständnis und das Inte­­resse für Hochschule, Natur, Umwelt und Technik so­­­­wie für gesellschaftliche Fragen bei Kindern und Jugend­lichen in der Region zu wecken und zu fördern sowie die Aus- und Fortbildungsangebote auf die konkreten individuellen und unternehmerischen Bedarfe der Region auszurichten.

Diese Ziele wurden in fünf Teilprojekten in enger Abstimm­ung und Zusammenarbeit mit dem Landkreis im Rahmen von „Lernen vor Ort“ umgesetzt, wissenwschaftlich be­­gleitet und ausgewertet. Es handelte sich um ein Elternbil­dungszentrum, die Qualifizierung von Tages­pflegepersonen, ein interaktives und mobiles Lernmuseum, ein regionales Hochschulzentrum Stettiner Haff sowie ein Senioren- und Ehrenamtsnetzwerk für Kinder- und Jugendliche.
In Zusammenarbeit mit den beiden großen Wohnungs­gesellschaften in Neubrandenburg und der Stadtverwaltung engagiert sich die Hochschule seit 2007 in Modellprojekten bei der sozialen Stadtteilentwick­lung in den Wohngebieten Datzeberg und Oststadt. Im Mit­telpunkt stehen Aktivitä­ten zur Förderung von bürgerschaftlichem Engagement, sozialer Selbsthilfe und Partizipation. Die Studierenden er­­halten in diesen Lehr­praxis-Projekten in zwei Stadtteilbüros die Möglichkeit, sich unter realistischen Bedingungen mit der Eigenart sozialpädagogischer Interventionen (Schwer­punkte: Netzwerk-/Gemeinwesenarbeit und Beratung) und mit deren wissenschaftlicher Dokumentation sowie sozialwissenschaftlichen Analysen vertraut zu machen.

Eine Vielzahl weiterer Impulse, Aktivitäten und Projekte geht von der Hochschule Neubrandenburg aus, wirkt im Sinne von „community outreach“ in Stadt und Region hinein. Einen Überblick vermittelt die Forschungsdatenbank der Hochschule (http://www.forschungsdb.hs-nb.de/).

Mathias Grünwald ist Professor für Angewandte Zoologie, Tierökologie und Naturschutz an der Hochschule Neubrandenburg. Er war viele Jahre als Dekan des Fachbereiches Agrarwirtschaft und Landschaftsarchitektur tätig, bevor er 2006 zum Prorektor für Forschung, Wissenstransfer und internationale Beziehungen der Hochschule Neubrandenburg berufen wurde. 

 

Micha Teuscher ist Professor für Betriebswirtschaftslehre und Managementlehre an der Hochschule Neubrandenburg sowie seit August 2010 Sprecher der Mitgliedergruppe der Fachhochschulen in der Hochschulrektorenkonferenz und Vizepräsident der HRK. Von 2002 bis 2004 war er als Prorektor für Forschung, Internationale Beziehun­gen, Wissenstransfer und Hochschul­marketing an der HS Neubranden­burg tätig. 2004 wurde er zum Rektor berufen.