Prof. Dr. med. Achim Jockwig: Personalentwicklung im Gesundheitswesen – Herausforderungen und Chancen für die Zukunft

Sowohl der demographische Wandel als auch immer komplexere und individuell zugeschnittene Therapieansätze stellen die Qualifizierung des Personals vor immer neue Herausforderungen. Personalentwicklung ist deshalb im Gesundheitswesen ein zentrales Thema.

 

 

 

Die Gesundheitswirtschaft ist der größte Arbeitgeber in Deutschland und wird es auch in Zukunft bleiben, denn die Gesellschaft steht vor großen Herausforde­rungen. Aufgrund der demografischen Entwicklung wird sich der Anteil der älteren Menschen deutlich erhöhen – mit vielfältigen Folgen: Der Bedarf an Gesundheitsdienst­leistungen wird signifikant steigen. Komplexe neurologische Krankheitsbilder wie Demenz oder Morbus Parkin­son werden ebenso zunehmen wie Herz-Kreislauf- und Muskel-Skelett-Erkrankungen. Eine längere Lebenserwar­tung erhöht sowohl die Wahrscheinlichkeit einer Erkran­kung als auch deren Komplexität und Dauer. Multimorbi­dität und veränderte Versorgungsstrukturen, gepaart mit erweiterten Möglichkeiten durch den technischen Fort­schritt, werden das Gesundheitswesen der Zukunft prägen: Die Aufgabenprofile in den Bereichen Prävention, Therapie und Rehabilitation werden umfangreicher, die Qualitätsanforderungen steigen.

Darauf muss sich die Gesellschaft vorbereiten und recht­zeitig für adäquaten Nachwuchs in den Gesundheitsbe­rufen sorgen. Qualifikation ist dabei ein wesentliches Stichwort. Viele Debatten zum Thema Fachkräftemangel drehen sich allzu oft um quantitative Aspekte: „Wie ge­­winnen wir möglichst viele Menschen für die Pflegebe­rufe?“ ist eine wiederkehrende Fragestellung. Sie führt jedoch am Ziel vorbei, ein nachhaltiges Gesundheits­system aufzubauen. Die Aufgaben in der Patientenver­sorgung werden differenzierter und anspruchsvoller: Es geht also nicht nur darum, wie viele zusätzliche Fach­kräfte benötigt werden, sondern auch und vor allem darum, welche Qualifikationen für welche Aufgaben not­­wendig sind. Das Gesundheitswesen der Zukunft kann sich weder unter- noch überqualifizierte Mitarbeiter leisten, da in beiden Fällen zusätzliche Kosten entstehen, für die es keine Deckungsgrundlage gibt: Schließlich führt die demo­­grafische Entwicklung auch dazu, dass immer weniger Bei­­tragszahler stetig steigende Kosten tragen müssen. Die Forderung, mit Ressourcen verantwortlich umzugehen, ist daher systemimmanent und nicht ideologisch geprägt.

Qualitätssicherung und Personalentwicklung sind im Gesundheitswesen nicht voneinander zu trennen. Das gilt für alle Bereiche und über Sektorengrenzen hinweg. Die Gesundheitsberufe müssen sich mit neuen Aufgaben und Herausforderungen weiterentwickeln und ausdifferenzieren. Ein Aspekt ist die Akademisierung der Pflege- und Therapieberufe, die im europäischen Ausland schon weit vorangeschritten ist. Die Hochschule Fresenius war Ende der 1990er Jahre der erste Bildungsträger, der grundständige, primärqualifizierende Therapiestudien­gänge in Deutschland eingeführt hat. Zu Recht fordert der Wissenschaftsrat die Ausweitung akademischer Ange­­bote für eine professionelle Qualifizierung im Gesund­heitsbereich. Der Wissenschaftsrat berät die Bundes­regierung und die Landesregierungen in Fragen der inhaltlichen und strukturellen Entwicklung der Hoch­schulen, der Wissenschaft und der Forschung.

Ein gut funktionierendes Versorgungssystem benötigt neben Medizinern weitere akademisch ausgebildete Akteure mit Patientenkontakt. Die Ärzte werden dabei nicht an Bedeutung verlieren, die Gesundheitsfachbe­rufe in den Bereichen Therapie und Pflege dagegen an Gewicht gewinnen. Nicht alle Fachkräfte brauchen einen Hochschulabschluss. Jedoch machen die vielschichtigen Aufgaben im nichtärztlichen Bereich eine (Teil-)Akade­misierung notwendig. Und das nicht nur in Bezug auf vorhandene Berufsgruppen: Für das Gesundheitswesen ist es wichtig, dass wir bestehende Berufsbilder weiter ausdifferenzieren und uns neuen öffnen. Die bisher etab­­lierten Berufsgruppen werden alleine den vielfältigen Anforderungen in der Patientenversorgung nicht gerecht werden können. Neben den genannten Folgen des demografischen Wandels mit einer Zunahme der Multimor­bidität erfordern der erhebliche medizinisch-technische Fortschritt und die daraus resultierenden Möglichkeiten und Erwartungen eine differenzierte Qualifizierung. Hoch­­schulen, die neben der Lehre praxisorientierte Forschung betreiben, tragen zum wissenschaftlichen Fortschritt der entsprechenden Fachdisziplinen sowie zur Weiter­entwicklung der Berufsbilder und den damit verbundenen Handlungskompetenzen bei. Ein wesentlicher Punkt, denn schließlich benötigen auch therapeutische Maß­nahmen und Methoden einen Wirkungsnachweis. Im Ge­­sundheitswesen, wo es um das Wohl der Menschen geht, ist evidenzbasiertes Handeln besonders gefragt. Auch hier gibt es einen ökonomischen Aspekt: Angesichts sin­kender Einnahmen werden sich die Kostenträger auf Leis­tungen konzentrieren, deren Wirksamkeit erwiesen ist.

Die fachärztliche Spezialisierung korrespondiert mit den unterschiedlichen Ausbildungsgängen.

Die fachärztliche Spezialisierung korrespondiert mit den unterschiedlichen Ausbildungsgängen.

Kostensparende Maßnahmen, intelligent durchgeführt, münden nicht in Qualitätseinbußen. Im Gegenteil: Das Gesundheitswesen benötigt die Einheit von Kosten- und Qualitätsbewusstsein und verlangt eine engere Verzah­nung von Gesundheits- und Wirtschaftswissenschaften. Diesem Bedarf nachkommend bieten einige Hoch­schulen auch wirtschaftsorientierte Studiengänge für Gesund­heitspraktiker an – so zum Beispiel die Hochschule Fresenius mit den berufsbegleitenden Studiengängen Gesundheit & Management für Gesundheitsberufe (B. Sc.) und Führung & Management im Gesundheits- und Sozialwesen (M.A.). Auch das ist ein Beitrag zu einem tragfähigen Gesundheitswesen. Bringen Mitarbeiter neben fachlicher Expertise Management-Kenntnisse und das Verständnis für gesundheitswirtschaftliche Zu­sam­menhänge mit, kommt das nicht nur ihrem Arbeit­geber zugute, sondern auch dem Gesamtsystem und nicht zuletzt den Patienten. Denn der „Topf“ der Ge­sundheits­leistungen wird somit sachgerecht unter Berücksichtigung bedarfsorientierter, qualitativer und ökonomischer Aspekte verteilt.
_MG_2992-Kopie

 

Wer erbringt welche Leistungen mit welchen Qualifi­kationen? Das ist eine weitere Grundfrage, die sich an­­gesichts der demografischen und epidemiologischen Entwicklung sowie des Fortschritts in der Medizin und der benachbarten Fachdisziplinen stellt. Die Substitu­tion oder Delegation ärztlicher Tätigkeiten ist ein kontrovers diskutiertes Thema: Die Befürworter argumentieren mit der Entlastung der Ärzte zugunsten einer effizienteren Patientenversorgung, seitens der Ärzte­schaft gibt es neben klarer Zustimmung auch kritische Töne bis hin zu einer grundsätzlichen Ablehnung. Die Diskussion ist wichtig und sollte möglichst ideologiefrei im Sinne einer interprofessionellen Weiterentwick­lung der Gesundheitsberufe geführt werden, wobei der Lösungsansatz nicht auf Substitution, sondern auf Dele­gation abzielt. Auch liegt der Schwerpunkt eben nicht auf der Ökonomie, sondern auf der Frage, wie die Patien­ten heute und in Zukunft optimal versorgt werden kön­nen – insbesondere im Hinblick auf die Versorgungs­sicherheit in ländlichen Regionen. Gerade in Bezug auf diese Herausforderung könnte der Blick auf unsere holländischen Nachbarn oder die USA in der Diskussion helfen. Hier sind breit qualifizierte Assistenzbe­rufe wie beispielsweise die Arztassistenten (Physician Assistants) unter ärztlicher Supervision und Verantwor­tung in der flächigen Gesundheitsversorgung als An­sprech­­partner tätig und gewährleisten so bei geringerer Arztdichte eine umfassende Patientenversorgung. Durch diese professionelle Assistenz wird die Reich­weite und Verfügbarkeit der Ärzte erhöht.

Nur wenn Wissenschaft, Politik und Praxis hier an einem Strang ziehen und gemeinsam nach Lösungen suchen, ist ein Erfolg möglich. Berufsständige Interessenpolitik sollte hierbei identifiziert werden, um lösungsorientierte Ansätze voranzubringen. Wie viele andere Bildungsein­richtungen auch beteiligt sich die Hochschule Fresenius gern an einem konstruktiven Austausch.

 

Jockwig_Achim-KopieDer Autor hat in Frankfurt am Main und in Kalifornien Medizin studiert. Nach Stationen in München, Darmstadt, Hanau und Zürich leitet Achim Jockwig seit 2009 als Dekan den Fachbereich Gesundheit & Soziales an der Hochschule Fresenius, deren Vizepräsident er ist.