Prof. Dr. Martin Eberle: Das Barocke Universum Gotha – Die Sammlungen der Stiftung Schloss Friedenstein Gotha

Die Herzöge aus dem Hause Sachsen-Gotha-Altenburg und Sachsen Coburg und Gotha waren begeisterte Sammler von Kunstwerken und Förderer der Wissenschaften. Schloss Friedenstein hat dieses kulturelle Erbe bis heute bewahrt und ermöglicht seinen Besuchern auf eindrucksvolle Art Einblicke in das Denken des Barocks und der Aufklärung.

Durch bedeutende Investitionen der Bundesrepublik Deutsch­­land, des Freistaates Thüringen und der Stadt Gotha in das bauliche Ensemble rund um Schloss Friedenstein in Gotha kam und kommt es hier zu beständigen Veränderungen, die sich in vielfältiger Hinsicht auch wirtschaftlich auf die Region aus­­wirken. Denn die Förderung kam nicht nur unmittelbar den Wirt­­schaftsbetrieben der Region zugute, sondern stabilisierte zunehmend Gotha als touristischen Leuchtturm in Thüringen. Allein in den vergangenen Jahren konnte die Stiftung Schloss Friedenstein Gotha ihre Besucherzahlen beinahe verdoppeln. Nach umfangreicher Sanierung wurde 2013 das Herzogliche Museum wiedereröffnet, in dem die Gothaer Kunstsamm­­lungen optimal präsentiert werden.

Weiterhin steht der Stiftung seit 2015 das Perthesforum zur Ver­­fügung, ein Gebäudekomplex, in dem einst der weltberühmte Perthes-Verlag saß. Hier wurde nicht nur „Der Gotha“ (Gothai­­scher Genealogischer Hofkalender) herausgegeben. Mit dem „Hand-Atlas“ von Adolf Stieler verlagerte sich der Publikations­­schwerpunkt seit dem frühen 19. Jahrhundert vor allem auf karthographische Veröffentlichungen. Heute wird der Ge­­bäude­­komplex gleichermaßen von der Forschungs­­­bibliothek der Universität Erfurt, dem Thüringischen Staats­archiv Gotha und der Stiftung Schloss Frieden­stein Gotha als Depot, Magazin, für Werk­stätten und vielfäl­­tige For­sch­ungs­­aufgaben dieser Ein­rich­tungen genutzt. Überhaupt stärkt der Freistaat Thüringen zunehmend auch den For­schungs­­standort Gotha, birgt die Stadt doch mit ihren historisch gewachsenen Sammlungen ein enormes Potential, das über Jahrzehnte kaum erkannt wurde. Mit der Bezeichnung des „Barocken Universums“ wird die Komplexität dieses Poten­tials verdeutlicht, das sich nicht nur auf die Kunstsammlungen und naturhistorischen Bestände erstreckt, auf die Bibliothek und auf die Archivbestände, sondern auch auf die Gebäude­komplexe und eine der ersten Englischen Gartenanlagen des Kontinents. Im Zentrum aller Einrichtungen aber steht Schloss Friedenstein, das ebenfalls in den nächsten Jahren dank der gemeinsamen Anstrengung der Bundesrepublik Deutschland und des Freistaates Thüringen saniert werden wird.

Das Haus Sachsen-Gotha-Altenburg, einem Zweig der Wettiner, ging 1640 aus einer Erbteilung hervor. Der erste Herzog dieses Hauses, Ernst I., genannt der Fromme, wählte die damals zweitgrößte Stadt Thüringens, Gotha, zu seiner neuen Resi­denz. Dort errichtete er auf den Resten der Burganlage „Grim­menstein“ ab 1643 in nur elfjähriger Bauzeit eine gewaltige Schlossanlage, die sich im Wesentlichen bis heute unverändert erhalten hat. Noch während des Dreißigjährigen Krieges gab er seiner Residenz den symbolträchtigen Namen „Frieden­­stein“. Unter anderem richtete der Fürst, dessen landesweite Reformen in Europa als vor­bild­­lich galten, im Schloss auch eine Kunstkammer ein, wo nicht nur Kunst­werke zu bestaunen waren, sondern auch seltsame Natur­­­erschein­­ungen. Dabei hatten nicht nur fürstliche Besucher und Gelehrte Zugang zu der Kunst­kam­­mer, sondern auch – und dies war neu – Schüler des Gothaer Gymnasiums.

Die Nachfolger des ausgesprochen friedliebenden Herr­­scher­­hauses mehrten die Samm­­lungen in den nachfolgenden Gene­­ra­­tionen beträchtlich, und so weist die Stiftung Schloss Frie­den­­stein Gotha noch heute nicht nur das weltberühmte „Gothaer Lie­bes­­­paar“ aus dem 15. Jahrhundert in seinen Beständen auf, sondern auch Werke von Lucas Cranach, Peter Paul Rubens oder Caspar David Friedrich. Zu den bedeutendsten Kunstwerken zählen jedoch nicht nur Gemälde – auch Schatzkünste, unter anderem von dem sächsischen Goldschmied Johann Melchior Dinglinger gefertigt, Meissener und chinesische Porzellane sowie japanische Lackarbeiten ergänzen die kostbaren Exponate. Die Stiftung verfügt heute über die größte Sammlung ägyptischer und antiker Kunst in Thüringen, über ein hoch bedeutendes Münzkabinett und eine graphische Sammlung mit Arbeiten von Albrecht Dürer oder Martin Schongauer, die in Sonderschauen immer wieder den begeisterten Besucher in ihren Bann ziehen. Auch die Skulpturensammlung, mit Werken von Jean-Antoine Houdon, ist von internationaler Bedeutung.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts stellte Schloss Frie­­denstein das geistige und kulturelle Zentrum Mittel­deutsch­­­­­lands dar. Die damals regierende Herzogin, Luise Dorothea, pflegte den Briefkontakt zu allen Geistesgrößen Europas, und so weilte auch Voltaire am Gothaer Hof, dessen Werke auf der ältesten barocken Bühne Europas mit der originalen Bühnenmaschinerie, die noch heute während eines Sommer­festivals Jahr für Jahr zum Einsatz kommt, aufgeführt wurden. Ihr Sohn, Herzog Ernst II., wandte sich eher den Natur­­wissenschaften zu und organisierte unter anderem den ersten astronomischen Kongress der Welt in Gotha.

1825 starb das Haus im Mannesstamme aus, und den Haus­­ge­­setzen der Ernestiner folgend wurde das Land innerhalb der Familie neu aufgeteilt. So entstand das Doppelherzogtum Sachsen-Coburg und Gotha. Weiterhin pflegte die fürstliche Familie, die sich unter anderem durch eine herausragende Heiratspolitik im 19. Jahrhundert auszeichnete, ehelichte doch einer der Söhne die Königin von England, die Künste und Wissenschaften. Zwischen 1864 und 1879 wurde dann das Her­­zogliche Museum am Fuße des Schlosses errichtet, um die Samm­­lungen einem noch größeren Publikum bekannt zu machen. Schlagartig wurden diese damit international berühmt.

Nach 1945 aber wurde diese Berühmtheit den Beständen tra­­gischerweise zum Verhängnis, als die gesamten Kunst­­samm­­lungen zum Ausgleich für die von der deutschen Wehr­macht zerstörten und geraubten Kunstwerke, in die Sowjetunion abtrans­­portiert wurden. Auch wenn der größte Teil ab 1956 wieder nach Gotha überführt wurde, so sollte sich Gotha in den nächsten Jahrzehnten von diesem Schicksalsschlag nicht erholen.

In den letzten Jahren gelangten Schloss Friedenstein und seine Sammlungen wieder ins Bewusstsein, wovon nicht nur die umfangreichen Förderungen Zeugnis abgeben, sondern auch eine Vielzahl nationaler und internationaler Aus­stel­­lungen. Noch immer gibt es viel in Gotha zu entdecken … Wovon man sich am besten selbst überzeugen mag.

autorenbild_eberleProf. Dr. Martin Eberle
Der Autor studierte Kunstgeschichte, Geschichte und Historische Hilfswissenschaften und wurde 1995 promoviert. Er voluntierte im Museum für angewandte Kunst, Grassimuseum, Leipzig und leitete dort später die Abteilung Öffentlichkeitsarbeit/Museumspädagogik. Zwischen 1999 und 2003 leitete er das Gohliser Schlösschen in Leipzig und bis 2007 das Städtische Museum in Dresden. 2007 wurde er zum Direktor der Stiftung Schloss Friedenstein Gotha berufen.