Prof. Dr. Margret Wintermantel: Deutsche Hochschulen und der Wissenstransfer beflügeln die wirtschaftliche Entwicklung

Die Qualität des Hochschulsystems be­­stimmt in hohem Maße die wirtschaftlichen Optionen eines Standorts im inter­­nationalen Wettbewerb. Mit der Globali­sierung der Wissensgesellschaft spielt der traditionelle Auftrag der Hoch­­schulen eine ständig wichtigere Rolle, nämlich möglichst viele junge Men­schen so auszubilden, dass sie zeitlebens in der Lage sind, ihr Wissen zu reflektieren, zu erneuern und zu ergänzen. Berufs­tätige in allen Bereichen müssen heutzutage ein Leben lang mit neuen Informationen konstruktiv umgehen können, und über­dies müssen viele Menschen dazu fähig sein, neues Wissen zu schaffen, also – im Wortsinn – „Wissenschaft“ zu be­­trei­­ben. „Wissenstransfer über Köpfe“ ist der Schlüssel für den Fortschritt in der Wissen­­schaft wie auch in der Wirtschaft.

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Seit mehreren Jahren ist das SolarCar-Team der Hochschule Bochum erfolgreicher Teilnehmer der World Solar Challenge in Australien und den USA.

Zu diesem Zweck ist das Allein­stel­lungs­­merkmal der Hochschulen von größtem Vorteil, nämlich die Verbindung von Lehre auf dem aktuellen Stand des Wissens mit der aktiven Forschung an der Grenze zu neuem Wissen. Erst die Arbeit an den noch offenen Fragen der Forschung gibt den Studierenden die Erfahrung und die Erkenntnis auf den Weg, dass sie auch künftig über Grenzen werden hinausgehen und beständig weitere Heraus­forderungen identifizieren und bewältigen müssen. Diese erfolgreich zu meistern, erfordert die Fähigkeit zum methodischen Arbeiten, die eben im Vollzug von Forschung erworben wird.

Die frühe Heranführung der Studie­ren­den an die Forschung bildet eine be­­son­­dere Stärke der deutschen Hoch­schu­len schon seit der Humboldt’schen Reform. Traditio­nell ist wegen der hohen For­schungskomponente bei der Aus­bil­­dung an allen Hochschulstandorten ein hohes Qualitätsniveau vorhanden. Deutsch­land verfügt über ein dichtes und differenziertes Hochschulsystem, dem etwa 2,2 Millionen Studierende angehören; die 264 Mitgliedshochschulen der Hoch­­schul­­rektoren­konferenz (HRK) umfassen über 90 Prozent aller Studierenden. In allen 16 Ländern der Bundesrepublik gibt es erstklassige Forschung und Lehre inner­­halb der Hoch­schulen, die jeweils über ein breites Fächerspektrum verfügen, das bei Bedarf zügig neue Fach­kom­bi­nationen erlaubt.


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Das Zentrum des Hochschulsystems bilden die Universitäten, denn sie ver­fü­gen über das Promotionsrecht wie auch über einen akademischen Mittel­bau und sie betreiben grundlagen- wie auch an­wendungsbezogene Forschung. In Deutschland gibt es weitere Hoch­schularten, die sich etwa den Künsten oder der Erziehung widmen. Besonders die deutschen Fachhochschulen sind hier zu erwähnen.
Als Universitäten der angewandten Wis­­sen­­schaften haben sie sich vor etwa 40 Jahren aus sogenannten Ingenieur­schulen entwickelt und widmen sich vor allem der Anwendung theore­ti­schen Wis­­sens in der Praxis. Auch die Fach­hoch­schulen betreiben Lehre in Ver­bin­dung mit Forschung und Entwicklung, und zwar regelmäßig in enger Koope­ration mit Unternehmen, die zumeist im Um­­feld der Hochschule liegen. Die Pro­fes­soren besitzen mehrjährige Berufs­er­fah­­rung außerhalb akademischer Einrichtungen, so dass ein starker Bezug zu aktuellen Fragestellungen der Praxis gewährleistet ist. Deshalb spielen die Fach­hoch­schu­len eine herausragende Rolle beim Wis­sens­­transfer. Der wirtschaftliche Erfolg Deutschlands basiert auch auf den spe­­zi­­fischen Leistungen dieser Hoch­schul­art. Mit „kooperativen Forschungskollegs“ wird derzeit die Zusammenarbeit zwischen Uni­­versitäten, Fachhochschulen und Unter­­nehmen zum Nutzen aller Beteiligten gestärkt, indem für junge Forscherinnen und Forscher in industrienahen Gemein­­schaftsprojekten die Promotion an der Universität ermöglicht wird, auch wenn die Forschungsleistung weitgehend an der Fachhochschule erbracht wurde.

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Eine weitere Stärke des deutschen Hoch­­schulsystems besteht darin, dass allge­mein das wissenschaftliche Personal den Anliegen der Unternehmen gegenüber aufgeschlossen ist. Mag die tradierte Humboldt’sche Diktion von Bildung durch Wissenschaft auch immer noch idealis­tisch anmuten, so ist doch der Kern der deutschen Universitätsidee ganz pragmatisch: Die Hochschule befördert die Entwicklung des Gemeinwesens genau dann, wenn sie einen hohen Grad an Auto­­nomie hat und wenn sie über an­­wen­­dungs­bezogene Grund­lagen­for­schung neues Wissen generiert und vermittelt. Unter diesen Vorzeichen nämlich kann die Hoch­­schule ohne Verlust an innerer Substanz auf Augenhöhe mit Unter­neh­­men kooperieren und dadurch ihr Wissen effektiv in den Markt transferieren oder von dort her neue Themen für sich frucht­­bar machen.

Eine Vorbildfunktion haben dabei die Ingenieurwissenschaften; denn auch in den Universitäten gilt hier seit hundert Jahren die Regel, dass Professoren den Seitenwechsel zu einer Firma absolviert haben müssen, bevor sie berufen werden. Analoges gilt für die Direktoren der Ins­­titute der Fraunhofer-Gesellschaft, die regelmäßig einer Universität angegliedert sind und sich überwiegend aus marktbezogenen Forschungsarbeiten finanzie­ren. Erfreulicherweise ist die Mehr­zahl der Studierenden und Promovierenden an der Kooperation zwischen Hoch­schule und Wirtschaft stark interessiert. Wo diese gelingt, steigen ihre Aussichten im Beruf, wie anders herum die Unter­nehmen frühzeitig qualifiziertes Personal kennen lernen.


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Erfolgreiche Kooperation setzt persönliches Vertrauen zwischen den Akteuren vor­­aus, zum anderen aber auch ein ins­­titu­­­­tionelles Profil, das die spezifischen Stärken der Hochschule für die Partner sichtbar macht. Bei der Definition und Umsetzung des Pro­­­fils wird die Hoch­­­­schulleitung in Deutsch­­land zumeist von einem Hoch­schul­­­­­rat beraten, dem regel­­­­mäßig auch Spitzen­­­­­kräfte von Unter­­neh­men angehören. Keine Institution kann heute mehr in allen The­­men und Diszi­pli­nen erstklassig sein. Deshalb arbeitet derzeit jede einzelne Hoch­­­­­schule daran, ihr Profil zu schärfen. Dies gilt zum einen für die Lehre, wobei aber das einzelne Studienfach komplett und kompetent ab­­zu­­decken ist, zum anderen und noch viel stärker für die Forschung, deren Schwer­­­­­punkte zunehmend interdis­­­­ziplinär orga­­ni­­­siert werden müssen, um in­­­­­­haltlichen und gesellschaftlichen Anfor­­­­­­­­­derungen gerecht zu werden. Die För­­­de­­r­­­ung durch themenoffene Drittmittel, etwa über die sogenannte Exzellenzinitiative, un­­­­­­­­­­­ter­­­­­­­­­stützt diesen intrinsisch begründeten Prozess.
Forschungsschwerpunkte bilden den bes­­ten Ansatzpunkt für die Bildung strategischer Allianzen zwischen Hochschulen und Privatwirtschaft. Um nachhaltig eta­­­­blierte, exzellente Schwerpunkte herum entstehen derzeit vielerorts immer wei­­tere größere und kleinere Cluster oder Netzwerke. Projektorientierte Ent­wick­lungs­vorhaben werden verstärkt voran­getrieben und zunehmend eingebettet in zielorientierte Programme, die auf lange Sicht eine „public-private partner­ship“ unterlegen. Zur Sicherung der Qua­­lität werden forschungs­bezogene PPP-Maß­­nahmen in der Regel wettbewerblich und mit „peer review“-Verfahren, also der Beurteilung durch unabhängige Gut­achter, organisiert. Ein herausragen­des Beispiel ist der Wettbewerb „Spitzencluster“, den das Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen seiner Hightech-Strategie finanziert. Auch in Bezug auf die EU-Forschungsförderung sind die deutschen Hochschulen gut gerüstet und traditionell erfolgreich.

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Mehr als zwei Millionen Studenten sind an den deutschen Hochschulen eingeschrieben.

Finanz- und Rechtsfragen können Koope­­ra­­tionen schnell beeinträchtigen. Das Bun­­­des­­­­ministerium für Wirtschaft und Tech­­no­­­logie moderiert deshalb rechtlich ein­­­wand­­freie Muster­verein­barungen zwi­­schen Wirt­­­schaft und Wissen­­schaft, die kleineren Ein­­­­­richtungen beider Seiten beim Umgang mit geistigem Eigentum helfen, denn wie Unternehmen sind auch die Hoch­­schulen seit der Novellierung des Arbeit­nehmer­er­finderrechts im Jahr 2002 Inhaber der Erfindungen ihres Per­­­­sonals.

Die HRK unterstützt die Kooperation zwi­­schen Wissenschaft und Wirtschaft durch Expertise, Empfehlungen und Ver­­­­­an­stal­tun­­gen, die sich nicht zuletzt auch an die Hoch­­schulverwaltungen richten, denn gutes Manage­­ment ist unverzicht­bar, will man auf der Basis von Wissen­schaft die wirt­­schaftliche Entwicklung weiter beflügeln.

 

uqjupdct-KopieDie 1947 geborene Autorin studierte an der Universität Mainz Psychologie und Publizistik und wurde 1972 promo­viert. Sie habilitierte im Fach Psycho­­logie in Heidelberg. Seit 1992 lehrt Margret Wintermantel an der Universität Saarbrücken und wurde im Jahr 2000 zur Präsidentin berufen. Seit 2006 ist sie die zudem Präsidentin der deutschen Hochschulrektorenkonferenz.