Prof. Dr. Ludwig Georg Braun: Werte leben – Herausforderung Corporate Citizenship

Immer mehr Unternehmen engagieren sich für das Allgemeinwohl und übernehmen gesellschaftliche Verantwortung. Ob in sozialen Bereichen, Sport, Kultur, es gibt vielfältige Wege, wie Unternehmen als „Bürger“ der Gesellschaft einen Beitrag leisten können.

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Für das dreijährige kongolesische Mädchen Ayïchi begann ein neues Leben – dank einer Kette der Hilfsbereitschaft. Das Mädchen war einem belgischen Neu­­rologen auf einer Hilfsmission im Kongo aufgefallen. Seine Diagnose: das seltene „Wackelkopfpuppen-Syndrom“, von dem nur rund 30 Fälle weltweit dokumentiert sind. Das auffälligste Symptom ist ein ständiges Kopfnicken der Betroffenen, das von einer Zyste im Gehirn ausgelöst wird. Diese verlangsamt auch die psychische und motorische Entwicklung, was unbehandelt eine geistige Behinderung nach sich zieht. Eine Hirnoperation war die einzige Chance für das kleine Mädchen. Über die Hilfsorganisation „Chain of Hope“ organisierte der Neurologe für das Mädchen eine Reise nach Belgien und suchte unter anderem Hilfe bei B. Braun. Er bat darum, die nötigen In­­strumente kostenfrei zur Verfügung zu stellen. Jean-Luc Libert, Abteilungsleiter im Bereich Endoskopie/Neurochirurgie, organisierte die notwendigen Endos­­kope und unterstützte den jungen Operateur auch während des Eingriffs, der erfolgreich verlief. Inzwischen ist Ayïchi wieder zu ihrer Familie in den Kongo zu­­rück­­gekehrt. Wenn sie jetzt mit ihren Freun­­den spielt, fällt sie nicht mehr auf. Und sie hat eine Zukunft.

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Geschichten wie die von Ayïchi gibt es viele. Für Unternehmen ist das gesellschaftliche Engagement zu einem festen Bestandteil ihrer Unter­­nehmens­­kultur geworden. Diese Unternehmen verstehen sich als Bürger der Ge­­sell­­schaft, in der sie, wie es für jeden Bürger selbstverständlich sein sollte, Ver­­antwortung für ihre Umgebung übernehmen, sich engagieren und sich ge­­meinsam mit anderen Bürgern dafür einsetzen, dass die Gesellschaft eine Zukunft hat. Es gibt zahlreiche Möglich­­keiten des gesellschaftlichen Enga­­ge­­ments – unter anderem in sozialen Be­­reichen, Kultur, Sport, Bildung oder Um­­weltschutz. Von großer Bedeutung sind nach wie vor Geldgaben in Form von Spenden oder Sponsoring. Nicht minder wichtig ist auch die kostenfreie oder kostengünstige Überlassung von Produkten oder Dienstleistungen an gemeinnützige Organisationen. Immer häufiger wird die Beteiligung der Un­­ter­­nehmensleitungen oder Mitarbeiter an sozialen Projekten, wie Patenschaften, oder die kostenfreie Beratung von Non-Profit-Einrichtungen sowie die Unter­­stüt­­zung bei der Öffentlichkeitsarbeit.
Nicht zuletzt gibt es vielfältige Wege, das positive Image des Unternehmens oder die guten Kontakte für gemeinnützige Ziele einzusetzen.

Für ein solches Engagement muss man natürlich nicht erst nach Afrika reisen. Jede Gesellschaft hat ihre Probleme. Die demografische Entwicklung ist beispiels­­weise ein Thema, über das wir uns in Deutschland ernsthaft Gedanken machen müssen. Schon im Interesse der eigenen Zukunft können sich Unter­­neh­­men hier nicht aus der Ver­­ant­­wor­­tung stehlen. Das Problem hat zahlreiche Facetten und bietet ebenso viele An­­satz­­möglichkeiten. So hat beispielsweise das Unternehmen B. Braun schon vor über 20 Jahren das Programm „Beruf und Familie“ eingeführt, um es den Mitarbeitern zu erleichtern, Familie und Beruf miteinander zu verbinden. Dieses wurde 2007 um eine Familienteilzeit ergänzt, die es ermöglicht, die Arbeitszeit auf 50 Prozent zu reduzieren; die Mit­­ar­­beiter bekommen aber 65 Prozent ihres Gehaltes. Die Fa­­milienteilzeit können Mitarbeiter in Anspruch nehmen, um Kinder zu be­­treuen, aber auch, um kranke Angehörige zu pflegen.

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Die demografische Entwicklung bringt noch ein anderes Problem mit sich: Schon heute ist absehbar, dass es in Zukunft einen Fachkräftemangel geben wird. Klar ist: Keiner sollte verloren gehen. Tatsache ist aber auch, dass viele junge Leute, vor allem aus dem Haupt­­schul­­be­­reich, keine Perspektive für ihr Leben sehen. Die Folgen sind Ratlosigkeit, Frust und mangelnde Lernmotivation. Diese jungen Menschen haben aber Potenzial, wenn man sich frühzeitig um sie be­­müht. Deshalb hat B. Braun die Ini­­ti­­a­­ti­­ve PerspektivePLUS ins Leben gerufen. Jedes Jahr bekommen rund 25 junge Menschen mit schlechtem Schul­­ab­­schluss die Chance, mit diesem einjährigen Programm ihre Einstiegsqualifikation und damit ihre Chance auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Der Erfolg dieses Programms hat zur Bildung re­­gionaler Netzwerke zwischen Schulen, Betrieben, Vertretern der Wirtschaft, der Verbände, der Städte und Ge­­mein­­den sowie deren Bürger geführt. Deren Auf­­­gabe ist es, betroffenen Jugend­­lich­­en eine soziale und gesellschaftliche Integrität, persönliche und berufliche Perspektiven zu ermöglichen. Gestützt wird das Übergangsmanagement von Mentoren. Zum Teil wurden Ruhe­­ständ­­ler engagiert, die hier ihr Wissen und ihre Erfahrung einbringen. Jedem Teil­­nehmer wird ein Mentor zur Seite ge­­stellt, wo­­durch es möglich ist, die Be­­treuung individuell auf die Schülerin oder den Schüler abzustimmen, um so einen größtmöglichen Erfolg zu erzielen.
Für Unternehmen im Gesund­­heits­­markt ist auch die Unterstützung des wissenschaftlichen Nachwuchses bedeutend. In der Organisation und Förderung von Veranstaltungen und Ereignissen wie Symposien, Work­­shops und Aus­­zeich­­nun­­gen – viele mit inzwischen langjähriger Tradition – sieht B. Braun eine weitere Säule des wissenschaftlichen Engagements. Dem Unternehmen ist es wichtig, Information, Meinungs­­aus­­tausch und Weiterbildung von Studier­­en­­den, Wis­­sen­­schaftlern und Prak­­ti­­kern im Ge­­sund­­heitswesen zu fördern.

Ganz gleich für welche Art von Enga­­ge­­ment sich Unternehmen entscheiden, ob für Kunst und Kultur, für Sport, für die Umwelt oder für soziale Belange: Wichtig ist, dass es glaubwürdig gelebt und nicht als Marketinginstrument missverstanden wird. Nur wenn ein Unternehmen seine Rolle ernst nimmt und nachhaltig etwas bewegen will, kann es zu einem guten Bürger der Gesellschaft werden. Entscheidend ist, dass die Mitarbeiter diese Ver­­antwortung mittragen und ihre Ideen, ihr Können und ihre Kraft einbringen. So wie Jean-Luc Libert, der mit seinem Einsatz dazu beigetragen hat, dass das kleine kongolesische Mädchen Ayïchi eine Zukunft hat.

Braun_03-KopieDer Autor ist Vorsitzender des Aufsichts­rates der B. Braun Melsungen AG. Er ist Mitglied der Landessynode der Evange­li­schen Kirche von Kurhessen-Waldeck sowie Vor­­stands­­­­mitglied von Fördervereinen und Stiftungen wie „Pro Nordhessen e.V.“ oder „Kinder- und familienfreund­­liches Mel­­sun­­gen“. Für seine Verdienste um Wis­sen­­schaft und Kunst ehrte ihn das Land Hessen im Jahr 2006 mit der Verleihung des Professor­en­tite