Prof. Dr. Kristina Sinemus: Mit Global Playern auf Erfolgskurs

Kill Bill, The Aviator und Fluch der Karibik hätte kein Zuschauer je in hoher Qualität auf der Kinoleinwand gesehen, wenn nicht die Filmscanner aus einem Weiterstädter Unternehmen die Film­rollen abgetastet hätten. Die Nähe zum Frank­furter Flughafen garantiert der DFT Digital Film Technology Holding GmbH die Direkt­verbindung zum Kundenstamm in Holly­wood, der Standort in der Engineering Region Darmstadt Rhein Main Neckar die Verfügbarkeit von Fachkräften. Und die sind wichtig für das mittelständische Unter­nehmen: Ein Drittel der 175 Mitar­­beiter ent­wickelt die Technik, ein weiteres Drittel fertigt die schrankgroßen Maschi­­nen. Softwareentwickler, Mathematiker, Physiker, Elektrotechniker und Maschinen­­bauer arbeiten hierbei Hand in Hand.

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Die Digital Film Technology Holding GmbH bietet Hard- und Softwarelösungen für die professionelle Film- und TV-Branche im In- und Ausland.

Das ist ein typisches Beispiel für die Inno­vationskraft in der Engineering Region rund um Darmstadt. Hier wurden Pro­dukte erfunden, die längst zum Alltag ge­­hören. Auch unbekanntere Mittel­ständ­­ler, sogenannte „hidden champions“, pro­du­zieren in der Region und exportieren ihre Produkte und Dienstleistungen in die ganze Welt. Durch Plexiglas, ent­wickelt von Otto Röhm in Darmstadt (damals Röhm GmbH, heute Evonik Röhm GmbH), schauen Piloten aus dem Cockpit in den Himmel. In mehr als 50 Ländern weltweit schmücken die Traumkugeln (Schnee­kugeln), Haushalts- und Büroartikel aus buntem Kunststoff der Erbacher Koziol GmbH Küchen, Wohn­zimmer und Büros. Mit den Autos des Rüsselsheimer Her­stellers Opel bewegen sich Menschen auf allen Kontinenten fort. Medikamente von Merck heilen nicht nur Kranke in Deutschland. Mit den Daten­banken der Software AG arbeiten längst Unternehmen in China, Honduras und Kanada. Auch Patienten in Japan und Saudi-Arabien werden auf Zahnarzt­stühlen von Sirona aus Bensheim behandelt. Die Darmstädter EUMETSAT beobachtet als zwischenstaatliche Organisation für 25 europäische Staaten mit ihren Satelliten das Wetter. Reifen von Pirelli aus Breuberg im Oden­wald rollen an Motorrädern und SUVs über Straßen von Neuseeland bis in die Vereinigten Staaten. Güterschiffe aus dem Gernsheimer Containerhafen pendeln bis nach Rotterdam. Pakete und Güter heben von dem Flughafen Kelster­bach ab in die ganze Welt. Die Netze von T-Systems spannen sich über Darmstadt um den Globus. Vom Europäischen Raum­­flug­kontroll­zentrum ESOC in Darmstadt aus betreuen Experten Missionen der Euro­päischen Weltraumorganisation ESA sowie anderer Orga­nisationen.

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Die Tranchen der Branchen. Die Region Darmstadt Rhein Main Neckar ist ein Teil der Metropolregion Rhein-Main im Norden und der Metropolregion Rhein-Neckar im Süden.
Zu ihr gehören die Stadt Darmstadt, der Kreis Darmstadt-Dieburg sowie die Kreise Groß-Gerau, Bergstraße und Odenwald. Das Markenzeichen der lebendigen Wirt­­schafts­­region ist der Mix aus Klein­be­trie­ben, Mittel­stand und Großunter­nehmen. Die Export­quote der 70.000 Mitglieds­unter­­­nehmen der Industrie- und Handels­­kammer Darm­stadt liegt bei 60 Prozent, rund zehn Prozent haben Geschäfts­part­­ner oder Kunden außerhalb von Europa.

Ein Beispiel ist die Pharma- und Spezial­chemie. Darmstadts größter Arbeitgeber, die Merck KGaA, blickt auf eine lange Tra­dition zurück. Die seit 1907 ansässige Evonik Röhm GmbH – heute eine Tochter der Evonik Industries AG in Essen – forscht und produziert Produkte der Spezial­che­mie. Auch die Döhler-Gruppe, die natürliche Zutaten für die Lebens­mittel­industrie herstellt, hat ihren Firmensitz in Darmstadt.

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Informationstechnologie und Telekommu­nikation sind ebenfalls von Darmstadt aus in der Welt zu Hause. Einige von Deutsch­­lands Softwareriesen haben ihren Haupt­­sitz oder einen Standort in Südhessen: die CA Computer Associates, die Devoteam Danet GmbH, die Software AG, die SAP Deutschland AG & Co. KG sowie die Deut­sche Telekom AG. Mit dem Fraunhofer- Institut für Graphische Datenver­ar­beit­ung, dem Fachbereich Informatik Graphisch-Interaktive Systeme (GRIS) der Technischen Universität Darmstadt ist die Region im In- und Ausland als IT-Standort bekannt geworden. Die Region ist die Geburts­stätte der Unternehmenssoftware, die seit den 70er Jahren mit Softwareinnovationen den Weltmarkt erobert hat. 5.500 Software-unternehmen sind in und um Darmstadt, Frankfurt und Wiesbaden ansässig. Sie beschäftigen 30.000 Mitarbeiter.

Ein Markenzeichen der Region ist die starke Logistikbranche. Die großen Gewerbe­gebiete bei Kelsterbach sind der Um­­schlag­platz für Waren aller Art. In der Cargo City Süd wird Luftfracht abgefertigt, im Mönchhof-Gelände ersteht derzeit ein Zentrallager des Lebensmittel­unter­neh­m­­ens Rewe. Von dort aus versendet der Onlinehändler „Dress for less“ die Waren an die Kunden. In sieben Minuten ist man von dort aus am Frankfurter Flughafen. Aber auch andere Unternehmen haben ihre Logistikzentren in der Nähe von Darm­stadt. Die Kettensägen und Trennschleifer der Stihl AG & Co. KG werden von Dieburg aus an die Fachhändler geliefert. Vom Gerns­heimer Hafen aus zum Seehafen nach Rotterdam starten wöchentlich Güter aus Südhessen. Große Speditionen wie Bender in Gernsheim und die Lohr-Spedition in Darmstadt liefern per Lkw.

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Werken im Netz. Wenn Unternehmen sich dazu entscheiden, in Netzwerk­struk­turen zusammenzuarbeiten, bilden sie Cluster. Davon gibt es etwa 15 in der Region Darm­stadt Rhein Main Neckar. Von Auto­matisierung über Logistik bis E-Mobilität entwickeln Unternehmen gemeinsame Zukunftsprojekte.
Eins der Netzwerke ist der Automotive-Cluster RheinMainNeckar. Rund um Opel hat sich hier eine Branche entwickelt und zusammengefunden. In Südhessen sind 23.000 Menschen direkt in der Auto­­mobil- und Teileherstellung beschäftigt. Fast jeder vierte Arbeitnehmer in Süd­hessen ist in der Branche tätig. Die Cluster­­­­region beheimatet rund 2.700 meist mittelständische Automotive-Unter­­­­neh­men, die etwa zwölf Prozent der Be­­schäf­tigten in der Region stellen. Eine weitaus größere Anzahl von Zuliefe­r­unter­­nehmen ist in den Branchen Gummi- und Kunststoffwaren, Metall, Maschinenbau sowie Elektrotechnik zu finden. Viele weitere Unternehmen erbringen zudem unternehmensnahe Dienstleistungen für den Fahrzeugbau. Mit der hohen Ingeni­eurdichte werden in der Cluster­region Innovationen entlang der gesamten Wert­­schöpfungskette generiert.

Vom Labor ins Portfolio. Die hohe Präsenz internationaler Einrichtungen und Unter­­nehmen mit ihren weltweiten Kontakten erweitert den Horizont der südhessischen Wirtschaft. Und nicht nur den: In der Wissenschaftsstadt Darmstadt arbeiten Wissenschaftler und Unternehmer eng zusammen. Der gegenseitige Austausch hilft dabei, Erkenntnisse aus der Forschung so einzusetzen, dass sie zum wirtschaft­lichen Erfolg werden. Das braucht die Region, um im internationalen Wettbewerb der Standorte bestehen zu können.

Kluger Nachwuchs für die Region. Aber nicht nur Produkte und Dienstleistungen, Forschung und ihre innovativen Ergebnisse stammen aus den Hochschulen und Fraun­­­hofer- und anderen Forschungsinstituten der Region, sondern auch die klugen und kreativen Fachkräfte der Zukunft.

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Die Idee für die Traumkugel entstand, als Bernhard Koziol im Winter 1950 im verschneiten Odenwald mit seinem VW-Käfer stecken blieb. Durch das ovale Rückfenster sah er das erste Motiv: Rehe im Schnee.

Die Ausbildung junger Menschen hat in Darmstadt eine lange Tradition: 1877 wurde die Technische Hochschule zur Tech­nischen Universität. Knapp ein Jahr­hundert später, im Jahr 1971, wurde die Hochschule Darmstadt – damals noch als Fach­hoch­schule – gegründet. Heute liegen auch die Evangelische Fachhoch­schule und der Fachbereich Ingenieur­wissen­­schaften der Fachhochschule Rhein-Main in Südhessen. Insgesamt bilden diese Hochschulen rund 36.000 Stu­die­rende aus. Aus den Bildungsein­rich­tungen in der Region gehen hochqualifizierte Fachkräfte hervor. Bun­­des­weite Hochschulrankings attestieren Darm­stadts Bildungseinrichtungen Top-Niveau. Abschlüsse aus Südhessen sind international konkurrenzfähig.
Arbeit ist nur das halbe Leben. Eine Region, in der so viel Neues entsteht, ist auch als Lebensraum attraktiv. Für die Frei­zeitgestaltung ist vor allem der an­­grenzende Odenwald interessant. Die Berg­straße und die Rheinauen bieten viele Erholungs- und Sport­möglichkeiten und somit einen guten Ausgleich zum Arbeits­leben. Das kulturelle Angebot des Rhein-Main-Neckar-Raumes, die gastronomische Vielfalt und attraktiver Wohnraum tragen dazu bei, dass es sich in der Region gut leben lässt. Und selbst der Freizeitspaß ist international in Darmstadt und Um­­gebung: Ab 2011 fährt auf der Über­wald­bahn im Odenwald eine solarbetriebene Draisine. Diese soll später auch als robustes und uni­versell einsetzbares Nahver­kehrs­­system in Entwicklungs- und Schwel­len­ländern eingesetzt werden.

Sinemus,_Kristina0525-data-KopieDie Autorin ist ehrenamtliche Vize­präsi­dentin der IHK Darmstadt und Vorsitzende des Standortmarketingausschusses der IHK. Das Gremium steuert die regionale Stand­ort­mar­keting­kampagne „addicted to inno­vation“ und beschäftigt sich mit Stand­ort­initia­tiven der Metro­pol­­­­­­­regionen Rhein-Main und Rhein-Neckar. Prof. Dr. Sinemus ist ge­­schäfts­führende Gesell­schafterin der Genius GmbH.