Prof. Dr. Klaus P. Schäfer: Grenzüberschreitendes Netzwerk für Lebenswissenschaften und Biotechnologie

Nach der technischen Revolution durch die Dampfmaschine im frühen 19. Jahrhundert, der Elektrotechnik im späteren 19. Jahr­­hundert und der Halbleiterelektronik im 20. Jahrhundert zählen die Lebens­wissen­­schaften (Life Sciences) und die Bio­­technologie zu den Schlüssel­tech­no­logien des 21. Jahrhunderts. Von ihnen werden Beiträge zur Lösung medizinischer, technischer, aber auch gesellschaftlicher Fragen erwartet. Die Biotechnologie ist dabei zudem eine der dynamischsten Wirtschaftsbranchen unserer Zeit. Ihre wertsteigernden Verfahren gehören längst zum Alltag und finden sich in vielen Bereichen wie Ernährung und Gesundheit, Produktion oder Umweltschutz. Wasch­­mittel­­enzyme werden genauso mithilfe umweltfreundlicher biotechnologischer Methoden hergestellt wie Arzneimittel (zum Beispiel Insulin), Vitamine, Lebens­­mittel­­zusatzstoffe oder Antibiotika.

Die Bodenseeregion, seit 2005 neben dem Rhein-Neckar-Dreieck, STERN, Freiburg und Ulm als fünfte Bioregion offiziell in Baden-Württemberg anerkannt und akkre­­ditiert, verfügt über ein vielschichtiges lebenswissenschaftliches Umfeld mit For­­schungsinstitutionen und Unter­nehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Diese haben sich Ende 2007 zum Verein BioLAGO zusammengeschlossen. Hervorgegangen aus einem Stammtisch, hat sich der Verbund Mitte 2008 mit der Einrichtung einer eigenen Geschäftsstelle im Konstanzer Techno­logie­­zentrum professionalisiert. Durch öffentlich-private Partnerschaften (unter anderem Stadt Konstanz, Landkreis Konstanz, Kanton Thurgau – Amt für Wirtschaft und Arbeit, Wirtschafts­för­derung Stadt Ravens­­burg) unterstützt, fördert das Netzwerk den interdisziplinä­­ren, internationalen Austausch auf dem Gebiet moderner Biowissenschaften.

GATC-9-(Quelle-GATC-Biotech-AG)

Branchenspezifische Verzahnung von Forschung und Industrie. BioLAGO erfüllt hierbei einige zentrale Auf­gaben: Wissen­schaftler und Unter­neh­­mer zusam­men­­­­zubringen, Ideen in Produkte umzusetzen sowie für und mit den Mitgliedern marktfähige Dienst­leis­tungen anzubieten – kurzum: die Stärkung der Wettbewerbs­fähigkeit der Region. Alle Maßnahmen und Tätigkeiten dienen dem Erhalt und dem Zuwachs von Arbeits­­plätzen sowie der Stärkung eines finanziell gesunden Industrie­zweiges für die Life Sciences.

Die Verknüpfung von Forschung und Industrie wird in erster Linie durch themen­­spezifische Projekte, Veranstaltungen und Formate vorangetrieben. Diese werden in enger Kooperation mit den Forschungs­­einrichtungen, Firmen sowie öffentlichen Institutionen im Netzwerk initiiert und durchgeführt.
Hierzu zählt unter anderem der jährliche „Wissenschaft-trifft-Wirtschafts-Tag“ (WtW-Tag) an der Universität Konstanz, das größte Life-Science-Begegnungs­forum für Unter­nehmer und Wissenschaftler in der Boden­­seeregion, oder auch das bran­­chen­­über­­greifende „Bodensee Finanz­­forum“ für Firmen in den „Neuen Technologien“.


Krug-Prof.-Dr.-Harald-(Quelle-Empa)

Unterstützt durch Partner wie BIOPRO Baden-Württemberg wird BioLAGO ein Netzwerk für die Er­nährungswirtschaft rund um den Bodensee aufbauen. Mit­­hilfe von Ver­netzung sowie durch techno­­logische Partnerschaften werden kleine und mittel­­ständische Unter­nehmen be­­gleitet, um durch Inno­vationen werthaltige und zu­­gleich preiswerte Lebensmittel zu er­­zeugen. Zum Tragen kommen hierbei auch Me­thoden moderner Biotechno­lo­gie, die beispiels­weise die Entwick­lung diätetischer Lebens­­mittel, vor allem für Allergiker und Diabetiker oder bei Unver­­träglichkeiten, sowie von Nahrungs­mitteln mit nachweislich gesundheitsfördernden Eigenschaften ermöglichen.

Ein weiteres Ziel des Netzwerks ist die Ein­­werbung neuer Firmen an den Boden­­see. Gelungen ist das beispielsweise mit der Ansiedlung der Mykotown Greentech AG aus Dessau (Sachsen-Anhalt) in Konstanz. Darüber hinaus organisiert BioLAGO weiterbildende Veranstaltun­gen, um Kinder, Jugend­liche und Erwachsene für die Natur­wissen­­schaften zu begeistern.

WtW1-he-(Quelle-BioLAGO)

Dynamisches Zusammenwachsen über Landesgrenzen hinweg. BioLAGO vereint als Interessen­ver­tre­tung und Service­plattform mittlerweile über 70 Mitglieds­organisationen aus Wis­­sen­­­­schaft und Wirtschaft, die in den Bereichen Medizin, Medizintechnik, Phar­­mazeutik, Diagnostik, chemische Industrie, Nahrungs­­mittel­technologie und Umwelt­­techno­logie innovative Arbeit leisten. Seit Vereins­gründung 2007 wurde die Mit­­glieder­zahl dadurch mehr als verdoppelt und der Vernetzungsprozess grenzüber­­schreitend vorangetrieben.

Die Mitglieder aus Deutschland, Österreich und der Schweiz forschen im Dienste der Menschen zum Beispiel nach neuen Arznei­­mitteln gegen lebensbedrohliche Krank­­­heiten wie Krebs, Schlaganfall oder Diabetes, entwickeln biologisch abbau­­bare Kunststoffe zur Lösung von Abfall­problemen oder stellen hoch­intell­igente Instrumente für medizinische Zwecke her. Der Zusammenschluss repräsentiert rund 5.700 hochqualifizierte Arbeits­plätze, darunter rund 500 Wissen­­schaftler an forschungs- und entwicklungsorientier­­ten Hochschulen sowie Instituten.


GATC-5-(Quelle-GATC-Biotech-AG)

Dazu ge­­hören neben Forschungs­einrich­tungen wie der Universität Konstanz oder der EMPA (Eidgenössische Material­prüfungs­anstalt, eine Forschungsinstitution innerhalb des ETH-Bereichs) aus St. Gallen oder dem VIVIT-Institut in Dornbirn erfolg­­reiche Pharma- und Biotech-Unter­nehmen. Neben Global Playern wie Nycomed oder Vetter Pharma ist die GATC Biotech AG als europaweit führender Anbieter von DNA-Sequenzierdienstleistungen am Bodensee zu Hause. Ebenso ansässig sind junge, techno­logieorien­tierte Unternehmen wie beispielsweise die ESE GmbH oder Sensovation AG, welche optische Mess­­geräte für die Medizin­­­technik entwickeln. Über zehn neue und junge Firmen wurden seit der Vereins­­gründung im BioLAGO-Verbund aufgenommen und finden im Netzwerk Unter­­­­stützung, davon einige Ausgründungen aus der Nycomed GmbH.
Beste Voraussetzungen. Der Bodensee­raum bietet als Innovations­standort hervorragende lokale Rahmen­­bedingungen. Neben dem guten Forschungs­­umfeld (Exzellenz-Universität, Kliniken und Institute) sticht eine ausgeprägte Infra­struktur hervor. Die „Drei-Länder-Region“ BioLAGO ermöglicht einen schnellen Austausch über Grenzen hinweg. Im Vergleich zu vielen großen Ballungs­räumen durchfährt man dabei eine wunder­­schöne Landschaft, die eine enge länder­­übergreifende Zusammenarbeit zum Vergnügen macht und eine rasch abrufbare Vor-Ort-Präsenz ermöglicht. Attraktivität für Aus- und Existenzgründer und Start-ups zeichnet die Region aus: Kompetente Partner sind bereits vor Ort, Investoren verfügbar und juristische Expertise vorhanden – und das mitten in einem attraktiven Tourismusgebiet.

 

AutorDer Autor studierte in Kiel Chemie und wechselte dann nach Göttingen an das Max-Planck-Institut für Experimentelle Me­­dizin. Dort arbeitete er sich in die junge Wis­­sen­­schaft der Mole­­kular­­bio­­lo­­gie ein, der er an der Yale University, an der Universität Konstanz und an der Ruhr-Universität Bochum treu blieb. Seit 2007 ist er Vorsitzender des Vorstandes des Bio­­LAGO e.V.