Prof. Dr. Karl Max Einhäupl: 300 Jahre Charité Berlin – Tradition und Innovation nah beieinander

Unsere Gesellschaft wird, wie nie zu­­vor, von der Gewichtung von individuellem und kollektivem Wissen, insbe­­sondere Spezialwissen durchdrungen.

Die Medizin ist für diese Entwicklung ein besonders gut geeignetes Beispiel. Alles was hier erforscht, entwickelt und angewendet wird, betrifft den Men­­schen in seinen elementaren Bedürf­nissen und Interessen: die Erhal­tung seiner Gesund­heit und die Genesung von Krankheiten. Der aufgeklärte Pa­­tient trifft, auf Basis einer ausreichen­den Grund­bildung und guter Infor­ma­tion, gemeinsam mit seinem Arzt rationale Ent­scheidungen. Da­­bei müssen zudem emotionale und so­­ziale Grund­be­dürf­nisse berücksichtigt werden. Die moderne Medizin erlaubt, dass der Pa­­tient nicht mehr pures Ob­­jekt der me­­dizinischen Fürsorge ist. Die zunehmende Errichtung von Gesund­heits­­­zen­­tren, in denen diagnostische und the­­ra­peutische Angebote der modernen Hochleistungs­medizin den Patien­­­ten im Gespräch und durch verständliches In­­formationsmaterial nahegebracht werden, ist daher zu be­­grüßen. Mo­­der­­­ne Universitäts­klini­ken werden immer mehr zu aka­de­mi­schen Gesund­heits­zentren, in denen das gesamte Spek­trum der persönlichen Gesund­heits­pfle­ge und der öffentlichen Gesund­heit betreut und erforscht wird.
Die Medizin kann so das bleibend ak­­tu­­el­le Projekt der Aufklärung stets mit neuem Leben füllen. Fragen der Ge­­sund­­heit beschäftigen jeden Men­­schen und jeder kann am eigenen Leib erfahren, was wissenschaftlicher Fort­­schritt in einer aufgeklärten, humanen Wissens­­­gesell­schaft im positiven Sinne bedeutet.


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1710 bis 2010. Seit 300 Jahren verfolgt die Charité Berlin konsequent diese En­wicklung, zu­­nächst vom Armen­kran­ken­haus zur Me­­dizi­nischen Fakultät und zur heute ver­­einten „Charité – Universitätsmedizin Berlin“. Die 1710 mit der Einrichtung eines Pest­­hauses vor den Stadttoren Berlins be­­­­ginnende Geschichte der Charité ist mit bahn­brechenden wissen­schaftlichen, medizinischen und pflege­rischen Leis­tungen verbunden. Der Name Charité ist
verbunden mit renommierten Wis­sen­­­schaftlern und Medizinern, wie Ro­­bert Koch, Hermann von Helm­holtz oder Rudolf Virchow. Sie verhalfen der
Cha­­rité zu internationaler Bekannt­heit. Tradition und Wandel liegen nah beiein­ander: Bestand haben bis heute die karitative Grund­idee – der Name Charité (Caritas, Barm­herzigkeit) ist Pro­gramm – und der Auf­trag zur klinischen Aus­­bil­dung künfti­ger Medi­ziner auf höchs­­tem Niveau. Die damals essenziellen Auf­­ga­ben ga­­ben den Ausschlag zur Grün­dung des Kran­ken­­­hauses.
Seither stehen regelmäßig Fragen nach Be­­stand, An-, Um- oder Neubau des Kranken­hauses sowie For­derungen und Anforde­rungen der Stadt Berlin auf der Tages­ordnung. Alle Schwie­­rigkeiten über die Jahr­hunderte hinweg konnten stets erfolg­reich gelöst werden. Die Innovations­­kraft der Insti­tution ist dafür beredter Beleg und macht Mut für künftige Aufgaben.

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Seit der Vereinigung der gesamten uni­versitären Medizin in der Stadt ist die Charité mit 107 Kli­niken und Insti­tuten in 17 Charité-Centren sowie mehr als 13.000 Mitarbeitern und mit 130.500 stationären und 530.200 ambulanten Fällen eine der größ­ten Univer­sitäts­kli­­niken Europas. 5.700 Operatio­nen so­­wie 700 Transplanta­tio­nen und 5.800 Geburten werden jährlich an der Charité durchgeführt – nur einige Beispiele für die vielfältigen Auf­ga­­ben eines Kli­ni­kums der Maxi­mal­ver­­sor­­gung. Damit ist die Charité ein erheblicher Wirtschafts­fak­­tor für Berlin und die Haupt­stadtregion und wichtiger Im­­puls­­­ge­­ber für medizinische Inno­vation. „Für­­sorglich, wissen­­schaftlich, unternehmerisch“, so lauten die Merkmale der Charité heute. So bringt sie Spitzen­forschung ans Kran­kenbett – für ein selbstbestimm­­tes Leben.

Im Sinne einer modernen, ganzheitlichen Medizin mit einem umfassenden Spek­trum ge­­nom­­basierter, individualisierter Medi­zin will die Charité die universitäre For­schung in Berlin verbessern und neue Mög­lich­­keiten der Dia­­gnose, Prävention und The­­rapie entdecken.

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Als Ausbildungsstätte für etwa 7.300 Studierende der Human- und Zahn­me­­dizin sowie des pflegerischen Nach­wuch­­ses engagiert sich die Charité in ho­­hem Maß in der Lehre und Aus­bil­dung. Zur dauer­haften Sicherung wissen­schaftlicher Exzel­­lenz und im Rahmen der Her­­stellung von Chancen­gleichheit werden zahlreiche struk­turierte Aus­bil­dungs­pro­­gramme wie Gradu­ierten­kol­­legs, Auf­­bau­­studien­gänge und Posi­tio­nen zur selbst­­ständigen For­schung für junge Kollegen (Stipendien, For­schungs­­professuren et cetera) angeboten. Die Charité hat da­­mit die für Deutsch­land übliche projektorientierte um eine stark personenzen­­trierte Forschungs­för­de­r­ung erweitert.

Zudem ist die Charité in zahlreiche in­­ter­­­nationale Koopera­tionen eingebunden, die sich bis nach China, Japan und die USA erstrecken. Jedes Jahr finden Sum­­mer­­­­schools für Studierende aus aller Welt statt.

Spree-Athen und Gesundheits­stadt. Städte wie Berlin fungieren auch heute als Knotenpunkte, in denen neues Wis­­sen geschaffen, interdisziplinär zwischen den verschiedenen For­schungs­be­rei­chen verbunden und in wirtschaftliche Kraft und kulturelle Vitalität mit Ausstrah­lungs­kraft umgesetzt wird. Die Metro­po­le Berlin ist ein solcher Fixpunkt und die Charité eine der größten und wichtigsten Ein­richtungen dieser Stadt.

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Die Wissenslandschaft und das kulturelle Umfeld sind der notwendige Nähr­­boden, um ständig neue Konzepte und Ideen zu generieren. In dem Anspruch, zu den besten Zentren der Welt zu ge­­hören, liegt eine große Anziehungskraft für die junge Genera­tion. Berlin lebt von der Wissenschaft und hat als Wis­­sen­­schaftsstadt eine Verpflichtung, sich für das politische Ideal aufgeklärter Ra­­tio­­na­lität einzusetzen und dazu beizutragen, dass über die Zukunft offen und mit dem nötigen Optimismus diskutiert wird. Es gilt Visionen zu entwerfen, die sich aus allen Bereichen der Wissenschaft, den Natur-, Geistes-, Kunst- und Sozial­wis­sen­schaften nebst Ökonomie und Politik speisen und nicht an nationalen Grenzen Halt machen.

Die Charité wird hier die ihr zukommen­­de Rolle wahrnehmen. Sie will Verant­wor­­tung übernehmen, den medizinischen Fort­schritt voranbringen und für alle zu­­gänglich machen. Sie wird dabei un­­ter­stützt von den welt­weit wichtigsten aka­demischen Gesund­heits­zen­tren.

P9019614Der Autor ist seit 2008 Vorstands­vor­sit­­zender der Charité – Universitäts­medi­zin Berlin. Er wurde 1947 in München geboren und hat dort Medizin studiert. Nach Praxis- und Klinikerfahrungen so­­wie der Habili­tation 1986 wurde Dr. Karl Max Einhäupl als Professor für Neuro­lo­gische Intensiv­medi­zin berufen. Er ist Mitglied der re­­nom­­mierten Deutschen Akademie Leopoldina.