Prof. Dr. Josef Konrad Rogosch: Anwendungsorientierte Forschung im Bereich der öffentlichen ­Ver­­waltung als Bindeglied zwischen Bürgerschaft, Politik und Wirtschaft

Das Land Schleswig-Holstein hat 1975 eine Fachhochschule für Verwaltung und Dienstleistung (FHVD) geschaffen. Zu der FHVD gehören die Fachbereiche Allgemeine Verwaltung, Polizei, Rentenversicherung und Steuerverwaltung. Der Aufgabenkatalog der FHVD ist im Laufe der Jahre durch die Gesetzgeber erweitert worden, insbesondere dahingehend, dass zu den Aufgaben der FHVD praxisnahe Forschungsaufgaben und Beratungstätigkeiten für die öffentliche Verwaltung und andere Dienstleistungsunternehmen zählen. Diese Aufgaben werden insbesondere durch Veranstaltungen, Projekte und Publikationen wahrgenommen.

Veranstaltungen. Zunächst sind die Hochschultage der FHVD zu erwähnen, die seit Jahren aktuelle Probleme und Entwicklungen der öffentlichen Verwaltung aufgreifen und für Bürger, Politik und Verwaltung sowie Wirtschaft von Belang sind. In dem neuen Format „Die FHVD im Dialog“ wurde als Auftaktveranstaltung fachbereichsübergreifend am 30. Januar 2014 das Thema „UN-Konvention zu den Rechten von Menschen mit Behinderung – Konsequenzen für die Verwaltung“ zum Gegenstand gemacht. Der Landes­­beauftragte für Menschen mit Behinderung, Professor Dr. Ulrich Hase, schilderte eindrucksvoll die rechtlichen Konsequenzen, die die UN-Konvention nunmehr nach Überführung in das Bundesrecht nach sich zieht.

Am 24. und 25. September 2014 wurden erneut die Hoch­schul­­tage mit dem Ziel durchgeführt, den Blick für die Schlüssel­­qualifikationen für die Begegnung mit Menschen mit Behin­derung gerade im Studium und in der Verwaltung zu schärfen. Zu diesem Zweck erfolgte eine Zusammenarbeit mit der Stiftung Drachensee, Projekt inklusive Bildung, der Lebenshilfe Landes­­verband Schleswig-Holstein e.V., der Lebenshilfe Alten­­holz und der WIR-Gruppe sowie Ein­rich­tungen der norddeutschen Gesell­­schaft für Diakonie (Schles­wiger und Eckernförder Werkstätten).

Am 25. September wurden in Referaten besonders relevante Einzelthemen zum Leitthema der Hochschultage „Anforderungen von ‚Inklusion’ an den öffentlichen Dienst“ aufgezeigt. Dieses Format der Veranstaltungen wurde am 30. September 2015 zum selben Thema „Anforderungen von Inklusion an den öffentlichen Dienst“ fortgesetzt.

jahresbericht_fb-steuer_bild-12Der Fachbereich Polizei zeichnet sich insbesondere da­durch aus, dass er aktuelle Themen in Veranstaltungen für die Hochschule, die Verwaltung sowie die Politik und die Bürgerschaft zahlreich durchführt.

Im Rahmen des Europatages, am 7. und 8. Mai 2014 absolvierte der Fachbereich Polizei eine Veranstaltung. Das Motto lautete: „Wir sind Europa! Migrations­be­wegungen: Chance oder Risiko?“. Im Auditorium waren neben den Stu­dierenden und den Lehrkräften der FHVD zahlreich ver­­treten Gäste aus der Landespolizei, der Justiz und aus Organisationen und Verbänden. Experten referierten über die europäischen Standpunkte und beleuchteten ökonomische, kommunale und sozialwissenschaftliche Aspekte dieser Thematik.

Der Fachbereich Polizei führte am 6. Oktober 2014 eine Veranstaltung zum Thema „der Umgang von Lindsey und Justiz mit psychisch gestörten Personen“ durch. Die Vor­­träge reichten von der generellen Darstellung zur Schuld­­unfähigkeitsbeurteilung und strafrechtlichen Sanktionen bei psychisch Gestörten bis zur Aktenanalyse von 31 Fällen aus forensisch-psychologischer Sicht.

Am 9. Dezember 2014 wurde darüber hinaus gemeinsam von dem Fachbereich Polizei und dem Landeskriminalamt Schleswig-Holstein das Thema „Cybercrime“ in den Mittel­­punkt der Veranstaltung gestellt.

Im Zuge der jährlich von dem Fachbereich Polizei ausgerichteten Veranstaltung zum Europatag wurde am 7. Mai 2015 die Veranstaltung zum Thema „Nationalismus, Rassismus und Islamismus – Herausforderungen für das wiedervereinigte Deutschland als Teil der europäischen Wertegemeinschaft“ durchgeführt. Es konnten nam­­hafte Expertinnen und Experten für die Referate gewonnen werden, die sich mit der Thematik extremer politischer und religiöser Strömungen in der Gesellschaft­­ befassten und welche Abwehrmöglichkeiten der Staat besitzt.

Am 7. September 2015 griff der Fachbereich Polizei das aktuelle und brisante gesellschaftsrelevante Thema „Ver­­treibung, Flucht, Asyl“ mit Amnesty International auf. Als Referent konnte Manuel Raschke von Amnesty International gewonnen werden. Er schilderte eindrucksvoll die Situation der Menschen in den Krisenregionen und stellte sehr trans­­parent die Gründe für Flucht und Asyl dar.

Das Jahr 2015 wurde mit einer Veranstaltung „25 Jahre deutsche Wiedervereinigung“ durch den Fachbereich Polizei abgeschlossen. Als Referenten konnten zu dieser Problematik gewonnen werden: Walter Momper, Regierender Bürgermeister von Berlin a. D.; Professor Dr. Hans-Peter Bull, Innenminister des Landes Schleswig-Holstein a.D., und Dr. Gregor Gysi, Mitglied des Deutschen Bundestages. Die drei Referenten konnten als Zeitzeugen aus den ehemals zwei deutschen Staaten und der ehemals geteilten Stadt Berlin über ihre Erlebnisse am 3. Oktober 1990 berichten.

Im Zuge der Föderalismusreform wurde das Versammlungs­­wesen aus der konkurrierenden Gesetzgebungskompetenz des Bundes in die Kompetenz der Länder überführt. Der Fachbereich Polizei hat zur fachlichen Begleitung der Einführung des neuen Schleswig-Holsteinischen Ver­samm­­lungsfreiheitsgesetzes eine zehnteilige Ringvorlesung durchgeführt. Als Referenten konnten unter anderem Pro­fessor Dr. Wolfgang Hoffmann-Riem, Richter am Bundes­­verfassungsgericht a. D., und Justizsenator Hamburg a. D. sowie Wolfgang Kubicki und Burkhard Peters, Mitglieder des Landtags Schleswig-Holstein, gewonnen werden.

Vom 1. März bis zum 3. März 2016 erfolgte eine Veranstaltung des Fachbereichs Polizei zur brisanten und aktuellen „Flüchtlingssituation in Schleswig-Holstein – professioneller Umgang und vernetzte Zusammenarbeit zwischen öffentlicher privater Sicherheit“. Zahlreiche Führungskräfte der Landespolizei Schleswig-Holstein und aus der privaten Sicherheitswirtschaft diskutierten über die Probleme in den Erstaufnahme- oder Sammelunterkünften.

Veranstaltungen anderer Fachbereiche. Der Fachbereich Allgemeine Verwaltung stellt regelmäßig die von den Studierenden durchgeführten Projekte für die auftraggebenden Verwaltungen im Rahmen einer Präsentation für die Auftraggeber dar. Die Themen spiegeln die Probleme in der Verwaltungspraxis wider. Als Projektthemen sind unter anderem zu nennen: „Leichte Sprache in Ver­wal­tungsentscheidungen – im Spannungsfeld zwischen sprachlicher Vereinfachung und gesetzlichen Anforderungen an die Bestimmtheit und die Begründung von Verwal­tungs­­entscheidungen“ oder „Verwaltungskooperationen oder Verwaltungsfusionen – Vor- und Nachteile“ sowie „Prüfung der Einführung eines Bürgerhaushalts“.

Weiterhin hatten die Hochschultage im September 2016 das Problem der zukunftsfähigen Verwaltung zum Thema. Wie soll sich die Verwaltung zukünftig aufstellen – Diese Frage wird aus rechtlicher, soziologischer und ökonomischer Sicht behandelt. Als Arbeitstitel ist gewählt worden: „Verwaltung 4.0“.

Der Fachbereich Rentenversicherung startete am 11. und 12. Juni 2015 mit einer neuen Veranstaltungsreihe unter dem Titel „Reinfelder Symposium“. Die Auftaktver­anstaltung behandelte das Thema „Rehabilitation im Be­­reich der deutschen Rentenversicherung – Prozesse, Strukturen und Perspektiven“. Dieses Symposium wurde im Juni 2016 fortgesetzt und hat im Fokus die Probleme des SGB IX, des Rechts auf Teilhabe; dieser Bereich ist umfänglich reformiert worden und für die Praxis sind diese neuen Regelungen und die Herausarbeitung der vorhandenen Änderungen essenziell.

Publikationen. Die FHVD begleitet die Verwaltungspraxis in allen Facetten mit Publikationen. Der Fachbereich Polizei nimmt sich der Problematik des Versammlungsrechts in mehreren Publikationen an; Aufsätze und Monographien begleiteten den Gesetzgebungsprozess des Versamm­lungs­­­freiheitsgesetzes in Schleswig-Holstein von Anbeginn der Beratungen im Landtag. Ergänzend erfolgten in dem Innen- und Rechtsausschuss des Landtages Experten­anhörungen, an denen der FB Polizei beteiligt war. (Liste der Publikationen auf www.ebn24.com einsehbar)

Bilanz. Die anwendungsorientierte Forschung im Bereich der öffentlichen Verwaltung als Bindeglied zwischen Bürgerschaft, Politik und Wirtschaft wird durch die FHVD nach­­haltig gelebt und begleitet. Die Dualität von Studium und Ausbildung erfordert von den Lehrkräften die wissenschaftliche Begleitung der sich wandelnden Aufgaben der Verwaltung. Mit dieser kritischen wissenschaftlichen Begleitung werden Veränderungsprozesse in den verschiedenen Bereichen der Verwaltung mit beflügelt und gesteuert. Denn die Lehrenden haben als ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Verwaltung einen guten Blick auf diese und können von außen reflektierend informieren.

konradProf. Dr. Josef Konrad Rogosch
Der Autor ist Leiter des Ausbildungszentrums für Verwaltung Schleswig-Holstein und der Verwaltungsakademie Bordesholm. Darüber hinaus ist Prof. Rogosch Präsident der Fachhochschule für Verwaltung und Dienstleistung in Schleswig-Holstein.