Prof. Dr.-Ing. Udo Ungeheuer: High Potentials gesucht – Ingenieurwissenschaften in Deutschland

Stellen Sie sich eine Stellenanzeige vor: Gesucht wird eine Unternehmerpersönlichkeit mit Weitblick, die Businesspläne aufstellt und Marketingstrategien verfolgt,  Mitarbeiter führen und eine Firma leiten kann. Was meinen Sie, wer der richtige Kandidat für diese Stelle ist? Ein Manager, der Innovationen überzeugend präsentiert? Ein Entrepreneur? Ein Marketingspezialist, der Kampagnen aufstellt? Mein Vorschlag: Geben Sie einer Ingenieurin oder einem Ingenieur den Job!

 

Ingenieure gehören heute zweifelsohne zu den gefragtesten Experten überhaupt. Sie sind sowohl hochgeschätzte Spezialisten auf ihrem Gebiet als auch All­­rounder und bringen mit ihrem fundierten Wissen und exzellenten Ideen den Technikstandort Deutschland voran. Für die Bewältigung großer und aktueller Heraus­­for­de­rungen werden immer mehr High Potentials aus Wissen­­schaft und Technik gesucht – und der Bedarf wird in den kommenden Jahren noch weiter steigen.

 

Das Berufsbild des Ingenieurs wandelt sich jedoch: Ein Inge­­nieur im 21. Jahrhundert muss in der Lage sein, mit dem raschen technologischen Fortschritt in einer immer stärker verflochtenen Weltwirtschaft Schritt zu halten. Er muss komplexe multidisziplinäre Probleme lösen können. Der Ingenieur von heute und morgen sollte in der Lage sein, sich zum Innovationsmanager und Unternehmertyp zu entwickeln. Ein eindeutiges Indiz dafür ist die Tatsache, dass immer mehr Vorstände aus börsennotierten Unternehmen eine ingenieurwissen­­schaft­­liche Ausbildung haben. Deutlich wird, dass jeder Ingenieur heute eine internationale Perspektive haben muss, damit er seinen Beitrag zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen weltweit leisten kann. Er darf sein Denken nicht nur auf technische Frage­stellungen beschränken. Vielmehr muss sie oder er einen ganzheitlichen Ansatz verfolgen und ökono­mische, öko­­logische und soziale Aspekte dabei nicht außer Acht lassen. Wer sich vor diesem Hintergrund für den Beruf des Ingenieurs entscheidet, gehört heute in vielen Fällen zu den High Potentials.

Und auf die High Potentials wartet so einiges: Zu den größten Herausforderungen unserer Zeit gehören die Themen Energie und Ressourceneffizienz. Gerade als ressourcenarme Volkswirtschaft ist Deutschland auf die Innovationskraft seiner Ingenieure und technischen Fachkräfte angewiesen. Eine Schlüsselrolle kommt in diesem Zusammenhang der Bereitstellung von Energie zu. Nur wenn es gelingt, Energie auf umweltschonendere Art und Weise zu gewinnen, können wir dem Klima­­wandel und den damit einhergehenden Effekten Einhalt gebieten.



Die Ressourcen der Erde werden heute genutzt wie in keinem Zeitalter zuvor. Und das, obwohl sie oftmals nur begrenzt zur Verfügung stehen. Ziel muss es also sein, die Abhängigkeit unserer Wirtschaft von Rohstoff­im­por­ten zu verringern und den Ressourcenverbrauch vom wirtschaftlichen Wachstum zu lösen. Diese Entkopplung kann nur über technische und technologische Inno­va­tionen erreicht werden. Dazu werden gut ausgebildete und ideenreiche Ingenieure dringend benötigt.

Andere Potenziale für Wertschöpfung und Beschäftigung werden in der Nutzung, Speicherung und Erzeugung von Energien, zum Beispiel in der Photovoltaik gesehen. So können schon heute briefmarkengroße Nanogeneratoren kleinste Bewegungen in Energie umwandeln. Was brauchen wir, um diese Herausforderungen zu schultern? Wer setzt sich in Zukunft für neue Themen ein, weiß sie richtig einzuschätzen und umzusetzen? Die Antwort ist so einfach wie sie grundlegend ist: Ingenieure und technische Fachkräfte von morgen.

Ihre wichtigste Voraussetzung wird sein, neben Ideen­­reichtum ein technisches Grundverständnis mitzubringen. Wir brauchen Kinder und Jugendliche, die sich wieder mehr für Technik, Naturwissenschaften und Infor­­matik interessieren und ihre berufliche Karriere auf diesem Interesse aufbauen wollen. Der VDI tritt bereits seit Jahren dafür ein, dass Lernen über Technik in allen Schulformen und über alle Schulstufen verbindlich, durchgängig und bundesweit einheitlich als Lernbereich eingeführt wird. Eine bereits in der Bildungskette früh angelegte technische Bildung ist eine wichtige Weichen­­stellung bei der Fachkräftesicherung.



Doch Deutschland hat bereits heute mit einem Engpass an Ingenieuren und Fachkräften zu kämpfen. Diese Situ­ation wird sich in Zukunft noch verschärfen. Was können wir also tun? Deutschland kann und darf vor diesem Hintergrund auf eine Gruppe nicht verzichten: die der Ingenieurinnen. Ihr Potenzial muss gefördert werden! Eine weitere Lösung ist das Anwerben von Ingenieuren und Fachkräften aus dem Ausland. Denn: Migration von Fachkräften im Ingenieurbereich stärkt trotz momentan schwächelnder Konjunktur den Wirtschaftsstandort Deutsch­­land langfristig. Der demografische Wandel wird dafür sorgen, dass überproportional viele ältere Ingenieure in den kommenden Jahren aus dem Erwerbs­­leben ausscheiden – trotz steigender Absolventenzahlen kann der stetig steigende Bedarf, der sich hieraus ergibt, nicht vollständig gedeckt werden. Deswegen ist das Gewinnen kompetenter Ingenieure aus dem Aus­­land auf lange Sicht für Deutschland enorm wichtig.

Aber auch für deutsche Ingenieure und insbesondere für die High Potentials ist der Blick über den eigenen Teller­­rand hinaus wichtig. Sie sollten den Schritt ins Ausland gehen, um ihre dort gesammelten Erfahrungen später in ihre Arbeit einfließen lassen zu können. Da­­mit unsere Ingenieure tatsächlich europaweit im Ein­­satz sein können und talentierte Experten auch den Weg nach Deutschland finden, setzt sich der VDI für eine mobile Lösung ein: Mit der engineerING card, dem Berufsausweis für Ingenieure, ist es den Karteninhabern problemlos möglich, im Aus­land zu arbeiten. Dokumente zu Studien­­abschlüssen, Berufserfahrungen und Weiter­­bildungen wer­­den geprüft und anschließend nach international anerkannten Re­­geln dokumentiert und auf die Karte übertragen. Um ihren zukünftigen Chef zu überzeugen, kann die engineerING Card ein wichtiger Baustein sein.

Der Autor ist Präsident des Vereins Deutscher Ingenieure e.V. und war bis 2013 Vorstands­­vorsitzender der Schott AG. Udo Ungeheuer studierte Maschinenbau an der RWTH Aachen und schloss sein Studium 1979 als Diplom-Ingenieur ab. 1985 promovierte er zum Dr.-Ing. Im Rahmen seiner Promotion behandelte er die Problematik der Erarbeitung von komplexen Produkt- und Produk­­tions­struk­turen für die Werkzeugmaschinenindustrie und den Anlagenbau. 2006 wurde Dr. Ungeheuer zum Honorarprofessor der Fachhochschule Mainz bestellt.