Prof. Dr.-Ing. Dr. h.c. Erich R. Reinhardt: Ein Tal voller Hightech-Medizin – Das Medical Valley EMN

Interdisziplinäre Netzwerke tragen dazu bei, dass Unternehmen und Forschungseinrichtungen in Bayern bei innovativen Technologien stets Vorreiter sind. Das Medical Valley EMN ist ein deutsches Spitzencluster, das mit seinen Projekten wie ein Tambour neue Entwicklungen vorantreibt.

Hochauflösende 3D-Schichtbilder für eine noch frühere und präzisere Brust­krebs­diagnostik. Titan-Implantate, die trotz nie­d­­rigerer Herstellungskosten längere Stand­zeiten haben und Wechsel­ope­ra­tionen seltener notwen­dig machen. Ge­­­schä­fts­modelle zur Anwendung intelligenter Sen­­sorik und Assistenzsysteme, die zum Bei­­spiel ein längeres selbständiges Leben zuhause ermöglichen oder die ambulante Versorgung von Menschen mit Demenz verbessern sollen.

Betrach­­­tet man die demografische Ent­wicklung weltweit, sind diese und andere medizintechnische Innova­tionen unver­­zichtbar. Bis 2050 wird es mehr alte als jun­ge Menschen geben; die Patienten­zah­len bei sogenannten Volkskrank­heiten wie Demenz, Diabetes oder Krebs werden deu­­tlich zunehmen. Neuartige Produkte und Dienstleistungen für eine verbesserte Prävention, in­­no­­­­­vative Diagnose- und Therapiekonzepte sowie eine effektive Nachsorge können auf Dauer die Leistungs­fähigkeit des Gesundheitssystems absichern.

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Gebündelte Kompetenz auf engstem Raum. Im Medical Valley Europäische Metro­­polregion Nürnberg (EMN) arbeiten zahlreiche Akteure aus der Branche daran, die Gesundheitsversorgung weiter zu verbessern und das Gesundheits­sys­tem gleichzeitig finanzierbar zu halten.

Mittelfristiges Ziel ist es, nur solche Pro­­dukte, Dienst­­­­­­leist­un­gen und Lösungen zu entwickeln und zu ver­markten, die die Effektivität und Effizienz in der ­Vor­­­­­sorge, Diagnose, Therapie und Reha­bi­li­ta­tion von Erkrank­ungen deutlich steigern.

Langfristig will das Medical Valley EMN generell die Strukturen in der Gesun­d­heits­versorgung optimieren. Hierfür arbeiten alle relevanten Akteure eng zusammen: Politik, Kostenträger, Kliniken, niederge­­lassene Ärzte, Gesundheitsökonomie und Industrie. Gemein­sam soll eine interna­tionale Modellregion für optimale Gesund­heitsversorgung entstehen.

Auf einer Fläche von 19.000 Quadrat­kilo­metern agieren 180 Medizintechnik­unter­nehmen mit etwa 16.000 Mitarbeitern sowie über 40 Krankenhäuser, in denen jährlich mehr als 500.000 Patienten statio­­när behandelt werden. Außerdem arbei­ten über 20 außeruniversitäre Forschungs­­einrichtungen sowie mehr als 80 einschlä­­gige Lehrstühle und Professuren an Uni­­versität und Fachhochschule an medizin­­technischen Lösungen. Die außergewöhn­­liche Dichte an Partnern bietet zusammen mit der internationalen Markt- und Wett­­­bewerbsposition einzelner Akteure optimale Voraus­setzungen, um Ideen schnel­­ler in Produkte und Dienst­leis­tun­­­gen zu ver­­wandeln. Das Erfolgsrezept: Hoch­spe­zialisierte Forschungs­einrich­tun­gen und international etablierte Marktführer wie Siemens oder das Fraun­hofer Institut für Integrierte Schaltungen stehen in en­­gem Dialog mit heranwachsenden und mittelständischen Unternehmen aus der Branche. Sie sind bestens ­vernetzt und profitieren von kurzen Wegen. Das ist ­optimal für Forschungs- und Entwicklungs­­prozesse, bedeutet Wettbewerbsvorteile und damit Wachstums­möglichkeiten in einem globalen Marktumfeld.

Ein aktives Netzwerk. Die Entwicklung, Koordination und Vermarktung des Clus­­ters steuert der Medical Valley EMN e. V., der 2007 zu diesem Zweck gegründet wurde. Er zählt heute über 140 Mit­glie­der aus Politik, Wirtschaft, Wissen­schaft und Gesundheitsversorgung; das Cluster­­management organisiert den Wissens­aus­­tausch innerhalb des Netzwerkes, vermarktet den Clus­ter national und international, bietet Fortbildungs­maß­nahmen an oder berät bei Unternehmens­grün­dun­gen, Marketing- und Vertriebsmaßnahmen sowie bei internationalen Aktivitäten. Mit den Maßnahmen soll die Positionierung der Marke Medical Valley EMN gestärkt werden. Die Region wird immer stärker mit Spitzen­leistungen in der Gesundheits­­versorgung in Verbindung gebracht, die Wahrnehmung als attraktiver Standort wird erhöht. Durch die Steigerung der Welt­­marktanteile der Unternehmen und der Umsatzerlöse wird insgesamt die Wirtschaftskraft der Region gestärkt – vorhandene Arbeitsplätze werden nach­­haltig gesichert, neue werden geschaffen.

Demenz, Brustkrebs, Prothesen: Spitzen­­­­för­­derung für Medizintechnik-Forschung.
Im Januar 2010 wurde das Medical Valley EMN durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) zum na­­ti­onalen ­Spit­zen­­­­­­­cluster für ­Me­­di­­­zin­­­tech­n­ik ­er­nannt. Bis zum Jahr 2015 ­wer­­den über 40 stra­­te­g­i­sche Pro­jekte in der Region mit einer Summe von 40 Millionen Euro gefördert. Die in­­­­dus­­triellen Partner steuern zusätzlich mindestens 50 Pro­­zent bei, sodass insgesamt For­schungs­­­pro­jekte mit einem Volumen von über 80 Millionen Euro realisiert werden. Die geförderten Pro­jekte decken ein großes Spektrum in der Gesundheits­versorgung ab. Mit den Leitthemen Bild­gebende Dia­­gnostik, Intelli­gente Sensorik, Thera­pie­sy­steme, Au­­gen­­heilkunde und Hori­zon­tale Inno­va­ti­onen zur Pro­dukt- und Pro­zess­­­­optimier­ung stehen bei den For­schern vor allem die Bereiche im Fokus, in denen auf­­grund der stei­­­­­­­gen­­­­­den Patienten­zahlen ein be­son­­derer Hand­­lungs­­bedarf besteht.

Beispielhaft. Im Alter in den eigenen vier Wänden leben und sich gleichzeitig sicher fühlen, auch wenn sie auf Pflege und Unter­stützung angewiesen sind –das wüschen sich neun von zehn Deut­­­­­schen. Der „Ge­­sund­­­heits­stand­ort Zu­­hause“ ist ein Thema, das mit Blick auf den de­­­mo­­­­­grafischen Wandel immer wi­ch­­­­­­­­tiger wird. Im Medical Valley EMN ist dafür das Leit­­projekt „Bar­­­­riere­freie Ge­sund­heits­­­­as­­­sis­­tenz“ beispielgebend. Die Kombi­na­tion aus intelligenter Technologie und an­gepassten Dienst­leistungs- und Organi­­­­sations­kon­zep­ten soll Menschen in un­­terschiedlichen Lebens­lagen unterstützen und Angehörige und Pflege­kräfte in ihrer Arbeit entlasten.

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Mit dem Projekt „OSTEOFIT 2030“ wollen Experten aus dem Medical Valley EMN die Haltbarkeit und Verträglichkeit von Implantaten verbessern und gleichzeitig die Herstellungskosten senken.

Auch in der Bildgebenden Diagnostik werden Maßstäbe gesetzt. Jährlich er­­kranken rund eine Million Frauen weltweit an Brustkrebs. Für den Behandlungs­er­folg ist eine frühzeitige Erkennung der Krankheit entscheidend. Deshalb ent­wic­k­eln die Forscher im Medical Valley EMN in den Projekten „Brust-CT“ und „Inte­grated ­Breast Care“ Konzepte für eine schonende und hochsensitive Brustkrebs­­­­dia­­­gnostik. Im Mittelpunkt ­steht dabei eine 3D-Schichtbildgebung mit möglichst ­­­ge­r­inger Strahlenbelastung.

Im Bereich „Therapiesysteme“ haben sich die Cluster­partner unter anderem auf Im­­plantate spezialisiert. In Deutschland werden jedes Jahr etwa 400.000 künstliche Gelenke eingesetzt. Auch wenn die End­­­­­op­­­rothetik heute einen hohen Grad an Sicherheit bietet, sind oft Wechsel­ope­rationen notwendig. Diese sind belastend für die Patienten und verursachen hohe Kosten im Gesundheitssystem. Die Ergebnisse des ersten Pro­jektabschnit­tes von „Osteofit 2030“ sind viel versprechend: Sie zeigen, dass die Halt­barkeit und Verträg­lichkeit von Titan-Im­­plantaten verbessert und gleichzeitig die Herstellungskosten gesenkt werden können. Schwierigen Implantat­wechseln mit be­gleit­en­dem In­­fekt oder Osteo­po­rose soll damit adäquat begegnet werden.

Einsparungen in Milliardenhöhe möglich. Die gemeinsame Strategie ist vielversprechend: Eine erste gesundheitsökonomische Abschätzung ausgewählter Pro­­jekte verdeutlicht, dass die aktuellen For­­schungs- und Ent­wicklungsansätze des Spitzenclusters die Gesund­heit­s­aus­­­gaben um insgesamt mehr als 7,5 Milli­ar­den Euro pro Jahr alleine in Deutschland verringern können. Gleichzeitig sorgen die Innovationen aus dem Cluster dafür, dass trotz Kostenersparnis die gewohnte Quali­tät der Gesundheitsversorgung er­­halten bleibt oder sogar verbessert wird. Die in den Projekten entwickelten Tech­­nologien helfen beispielsweise die Ver­­weildauer im Krankenhaus zu verkürzen und die Wieder­ein­wei­sungs­rate zu senken. Außerdem soll eine möglichst frühe Er­­­kennung von Krankheiten zielgerichtetere The­rapien ermöglichen oder Medika­tions­fehler ­vermeiden.

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Optimales Gründungsklima: Starthilfe im Medical Valley Center. Auch für den Nachwuchs im Cluster ist gesorgt: Mit dem Gründerzentrum Medical Valley Center (MVC) verfügt das Medical Valley EMN über eine eigene Zukunftswerkstatt, in der junge Unter­neh­men das richtige Umfeld zum Wachsen finden. Im MVC stehen ins­­­gesamt rund 5.000 Quadratmeter Miet­fläche mit moderner Infrastruktur für Un­­ternehmens­gründer zur Verfügung. Mehr als 30 Start-ups arbeiten hier und profi­­tieren von Synergien ebenso wie von der Nähe zu Forschungseinrichtungen und Dienstleistern. Unterstützung gibt es in allen Phasen der Unter­neh­mens­­­entwick­lung, wie Start-up-Services, Beratung zu Fina­­n­zierung und Fördermitteln, Networ­king, Mar­­­ke­tin­­­gunterstützung und inter­­­nationale Dienst­leis­tun­gen. Das Medical Valley Cen­­ter befindet sich im Herzen von Erlangen und ist beliebter Treffpunkt der hiesigen Ak­­teure; überregionale Koopera­­tionen finden nicht selten hier ihren An­­fang.

Prof_Reinhardt-KopieDer 1946 geborene Autor hat in Stutt­­gart Elektrotechnik studiert und wurde 1979 promoviert. Von 1983 bis 2011 war er für die Siemens AG tätig, unter anderem als CEO des Healthcare Sectors. Heute ist Prof. Reinhard geschäftsführender Vor­stand des Medical Valley EMN e.V.. Der Cluster dient der Vernet­zung aller Kom­­­petenzen im Bereich Ge­­­­sund­­­heits­wirt­schaft und -forschung.