Prof. Dr. Holger Hanselka: Forschen für die Praxis

Die Fraunhofer-Gesellschaft ist die führende Organisation für angewandte For­schung in Europa. Sie betreibt anwen­dungs­orientierte Forschung zum direkten Nutzen für Unternehmen und zum Vorteil der Gesellschaft. In 60 Fraunhofer-Insti­tuten an 40 verschiedenen Standorten in Deutschland erbringen 18.000 Mitar­beit­erinnen und Mitarbeiter ein Forschungs­­volumen im Wert von 1,65 Milliarden Euro jährlich. Über 70 Prozent der Forschungs­­auf­träge kommen aus der Industrie und öffentlich finanzierten Forschungs­pro­jekten. Internationale Niederlassungen sorgen für Kontakt zu den wichtigsten gegenwärtigen und zukünftigen Wissen­schafts- und Wirtschaftsräumen.

Zukunftsrelevante Schlüssel­technologien stärken den Innovationsprozess. Mit ihrer klaren Ausrichtung auf die angewandte Forschung und ihrer Fokussierung auf zukunftsrelevante Schlüsseltechnologien spielt die Fraunhofer-Gesellschaft eine zentrale Rolle im Innovationsprozess Deutschlands und Europas. Die Wirkung der angewandten Forschung geht über den direkten Nutzen für die Kunden hinaus: Mit ihrer Forschungs- und Ent­wick­lungs­­arbeit tragen die Fraunhofer-Institute zur Wettbewerbsfähigkeit der Region, Deutschlands und Europas bei. Sie fördern Innovationen, stärken die technologische Leistungsfähigkeit, verbessern die Akzep­tanz moderner Technik, sorgen für Aus- und Weiterbildung des dringend benötigten wissenschaftlich-technischen Nach­­wuchses und spielen damit eine bedeutende Rolle an ihrem Wirtschafts­stand­ort und gelten als attraktiver Arbeitgeber.

Fraunhofer-LBF_Frecco_virtuell_weiß_komplett_V4_6

Für Spitzenforschung in der Region Rhein-­­Main stehen insgesamt drei Fraunhofer-Institute und tragen damit maßgeblich zur Sicherung und zur Reputation der Wissenschaftsstadt Darmstadt bei. Das Fraunhofer-Institut für Graphische Daten­­verarbeitung IGD ist die weltweit führende Einrichtung für angewandte Forschung im Visual Computing. Visual Computing ist bild- und modellbasierte Informatik. Hierzu zählen graphische Datenver­ar­bei­t­ung, Computer Vision sowie virtuelle und erweiterte Realität. Das Fraunhofer IGD entwickelt Prototypen und Komplett­­­lös­ungen nach kundenspezifischen An­­for­­derungen. Die Forscherinnen und Forscher des Fraunhofer IGD verwenden, erfassen und bearbeiten Bilder und Graphiken für alle denkbaren computerbasierten Anwen­­dungen. Die Forschungs- und Entwick­lungs­projekte des Fraunhofer IGD haben direkten Bezug zu aktuellen Problem­stellungen in der Wirtschaft. Das Anwen­dungs­spektrum der Konzepte, Modelle und Praxislösungen ist sehr vielfältig, aber auch spezialisiert. Es reicht von der vir­­tu­­ellen Produktentwicklung über Medi­­zin, Verkehr bis hin zu multimedialem Lernen und Training.
Gemeinsam mit seinen Partneruni­ver­si­täten forscht das Fraunhofer IGD an ver­­schiedenen Schlüsseltechnologien und arbeitet mit Unternehmen unterschiedlichster Industriesektoren zusammen. Das Fraunhofer IGD hat neben dem Haupt­sitz in Darmstadt weitere Standorte in Rostock, Graz und Singapur. Es beschäftigt rund 180 (vollzeitäquivalente) feste Mitarbeite­r­innen und Mitarbeiter. Der Etat beträgt etwa 16 Millionen Euro.

Das Fraunhofer-Institut für Sichere Infor­­mationstechnologie SIT unterstützt Unter­­­nehmen und Organisationen bei der Ab­­­sich­­erung von Daten und IT-basierten Geräten, Netzen und Infrastrukturen. Ob Cloud Computing, sichere Software-Entwicklung oder mobile Sicherheit, für alle relevanten Technologiefelder entwickelt das Institut unmittelbar einsetzbare Sicherheitslösungen, die vollständig auf die Bedürfnisse der Auftraggeber ausgerichtet sind. Bekannt ist das Institut etwa für seine Arbeiten zu elektronischen Ausweisen sowie für seine Tests und IT-­Sicherheitsanalysen. Experten schätzen auch die Entwicklungen zum Schutz vor Produktpiraterie sowie die Entwicklungen zur automatisierten Betrugserkennung durch Analyse von Unternehmensdaten. Weit verbreitet sind die digitalen Wasser­­zeichen des Fraunhofer SIT, die bereits in diversen Downloadportalen, Hörbüchern und Archiven zum Urheberrechtsschutz verwendet werden und sowohl Videos, Fotos, PDFs als auch E-Books absichern können. Das Fraunhofer SIT ist auch am Europäischen Kompetenzzentrum für Security and Privacy by Design (EC-SPRIDE) beteiligt, das durch das Bundes­mini­sterium für Bildung und Forschung finanziert wird.

Fraunhofer_LBF_Modellregion_Pedelec_Hoehne_MG_5038

Darmstadt ist nicht nur ausgewiesene Wissenschaftsstadt, sondern auch der Geburtsort der Betriebsfestigkeit, der wissenschaftlichen Basis zur Prüfung und Bewertung aller sicherheitsrelevanten Konstruktionen und Bauteile, wie Auto­mobil­räder, Flugzeugflügel oder Wagen­­kästen von Schienenfahrzeugen. So fließen die Erkenntnisse des Fraunhofer-Instituts für Betriebsfestigkeit und System­zu­ver­lässigkeit LBF von hier aus in die Zu­­las­sungsbedingungen für Entwicklungen der deutschen, europäischen und amerikanischen Fahrzeug- und Flugzeugindustrie sowie ihrer Zulieferer ein. Das Fraunhofer LBF ist eines der traditionsreichsten Fraunhofer-Institute. Es verfügt über mehr als 70 Jahre Erfahrung in der Betriebs­fest­igkeit. Zu den Kernkompetenzen gehören heute auch die Systemzuverlässigkeit und die Adaptronik. Am Standort Kranich­stein realisiert ein Team von rund 350 Mit­­­arbeitern gemeinsam mit dem assozi­ier­ten TU-Fachgebiet System­zuverlässig­­keit und Maschinenakustik SzM maßgeschneiderte Lösungen für alle Sicher­heits­bauteile – vom Werkstoff bis zum System, von der Idee bis zum Produkt. Neben einer vielseitigen experimentellen Prüf- und Laborlandschaft auf über 17.000 Quadratmetern setzen sie auch eine vir­­tuelle Prüfumgebung ein und redu­­zieren so Entwicklungszeiten. Die Auftrag­­geber kommen aus den Branchen Auto­motive und Nutzfahrzeuge, Schienen­ver­­kehrs­technik, Schiffbau, Luft- und Raum­­fahrt, Maschinen- und Anlagenbau sowie Energie, Umwelt und Gesundheit. Zwei Aus­grün­­dungen aus dem Fraunhofer LBF, die ISYS Adaptive Solutions GmbH und die Stress & Strength GmbH, setzen erfolg­­reiche Forschungsleistungen in inno­­vative Produkte um und bieten diese dem Markt an.
Im Fraunhofer-Transferzentrum für Adap­tronik am Fraunhofer LBF können insbesondere kleine und mittelständische Unter­­nehmen (KMU) sowie Industrie­unter­nehmen durch themenspezifische For­schungs- und Entwicklungs­partner­schaf­ten von der Kompetenz des Fraun­hofer LBF und der Infrastruktur des Zen­­trums profitieren. Das Projekthaus ist mit mod­ernster schwingungstechnischer Mess-­­ und Fertigungstechnik für adaptronische Strukturlösungen sowie mit Testständen und IT-Technik ausgestattet. Die Bündelung von Adaptronik-Know-how in der Region wird auch durch den Auf­bau des Netz­werkes Rhein-Main Adap­tronik unterstützt.

Fraunhofer_LBF_GFZ_BMW_OKAY

Im Rahmen des hessischen Forschungs­förder­ungsprogramms „LOEWE – Landes-­Offensive zur Entwicklung Wissenschaft­lich-­ökonomischer Exzellenz“ hatten sich das Fraunhofer LBF und das Fraunhofer SIT 2008 gemeinsam mit der TU Darm­­stadt und der Hochschule Darmstadt mit zwei Anträgen für je ein LOEWE-Zen­trum erfolgreich durchgesetzt. Das LOEWE-­­Zentrum AdRIA (Adaptronik – Research, Innovation, Application) wird dabei im Rahmen der Landes-Offensive zur Ent­wick­lung Wissenschaftlich-öko­no­mi­­scher Exzellenz zunächst mit 17,7 Milli­­onen Euro gefördert. Mittelfristig sollen am Wissenschaftsstandort Darmstadt unter der Federführung des Fraunhofer LBF ein international führendes Forschungs­zen­­­­­trum für Adaptronik entstehen und die Forschungsschwerpunkte in der Adap­tronik an der Technischen Universität Darmstadt und an der Hochschule Darm­­­stadt verstetigt werden. Am LOEWE-Zen­­trum CASED (Center for Advanced Security Research Darmstadt) forschen Infor­ma­­tiker und Mathematiker des Fraun­­hofer SIT mit Juristen und Wirt­schafts­wissen­schaftlern sowie anderen Fachrichtungen unter einem Dach zur IT-Sicherheit.

Enge Verknüpfung zur Technischen Uni­­versität Darmstadt. Alle drei Fraunhofer-Institute unterhalten Lehrstühle an der TU Darmstadt. Das Wechselspiel zwischen der universitären Forschung und Lehre mit der angewandten Forschung bei Fraun­­hofer entfaltet riesige Potenziale entlang der gesamten Wertschöpfungskette und ist ein wesentlicher volkswirtschaftlicher Faktor. Der direkte Kontakt zum wissen­schaftlichen Nachwuchs und andererseits zum Arbeitgeber Fraunhofer bringen Gewinne für beide Seiten.

Fraunhofer_IGD_Echtzeitsimulation

Eine wichtige Facette des Technologie­transfers liegt auch in den Ausgründungen einer Universität. Sie sind ein idealer Beleg dafür, dass dieser immer bidirektional zu verstehen ist: Junge Unternehmen benötigen in der Start-up-Phase die be­­sondere Nähe zur Universität, was sich zum Beispiel in gegenseitigen Aufträgen niederschlagen kann. Andererseits kann die Wirtschaft für die Forscher bei der Identifikation zukünftiger Themen hilfreich sein und zahlreiche Ansatzpunkte geben. Diese frühzeitig erkannten Entwicklungen können für die Forschungsstrategie der TU Darmstadt genutzt werden.

LBF05_Prof.-Hanselka-46Der Autor ist Leiter des Fraunhofer-Instituts für Betriebsfestigkeit und Sys­tem­­­zuver­lässigkeit LBF, Mitglied im Präsidium der Fraunhofer-Gesell­­schaft sowie Koordi­nator und Spre­cher verschiedener Fraunhofer, Netzwerke. Er leitet das Fach­gebiet System­­­zuver­lässig­keit und Maschinenakustik SzM an der Technischen Universität Darmstadt und ist seit Januar 2011 Vizepräsident für Wissens- und Technologietransfer.