Prof. Dr. Helmut-Eberhard Paulus: Kulturerbe bewahren und vermitteln – Die Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten

Thüringen ist außergewöhnlich reich an Denkmalen der höfischen Kultur. Sie spiegeln künstlerische und gesellschaftliche Ideale verschiedener historischer Epochen. Darin gründet ihre besondere Faszination und Anziehungskraft. Diese für die Region auch in Zukunft zu erhalten und über die Landesgrenzen hinaus zu präsentieren, ist bestimmendes Ziel für die Arbeit der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten.

31 Denkmalensembles gehören zum Bestand der 1994 vom Freistaat Thüringen errichteten Stiftung. Sie zeigen beispielhaft die ganze Bandbreite der Landesgeschichte vom Mittelalter bis in das 20. Jahrhundert. Neben Burgen und Klosterruinen bilden die Schlösser mit ihren Gärten einen besonderen Schwerpunkt, über die Thüringen in außergewöhnlicher Dichte verfügt. Das Nebeneinander mehrerer Fürstenhäuser und häufige Landestei­­­­lungen haben eine Vielzahl von Residenzen und Sommersitzen hinterlassen. Sie prägen als markante Zeugnisse der Landesge­­schichte die Thüringer Kulturlandschaft bis in die Gegenwart. Jahrhundertelang waren die Herrschaftssitze und die um sie ge­­wachsenen Residenzstädte politische, gesellschaftliche und kulturelle Zentren. Die noch heute bestehende Vielfalt an repräsentativen Bauwerken, Theatern, Orchestern und Museen ver­­dankt sich dem engen Netzwerk kleiner Territorialstaaten auf dem Gebiet des heutigen Thüringen.

In ihrer hohen künstlerischen Qualität und als Verkörperung baulicher Traditionen und regionaler Geschichte sind die Schlösser und Gärten Orte umfassender Bildung und Kultur, Bezugspunkte gesellschaftlicher Identifikation und nicht zuletzt touristische Ziele. Große Residenzschlösser wie Schloss Hei­­decks­­burg in Rudolstadt mit ihren prachtvollen Raum­­kunst­­werken und den auf fürstliche Sammelleidenschaft z­­u­­rück­­gehenden Museen, aber auch sämtlichen Wirt­schaft­s­­­­einrichtungen er­­mög­­lichen es, die höfische Lebenswelt auf lebendige Weise nach­­zuvollziehen. Die Lustschlösser abseits der Regie­rungs­­­­zentren verbinden Programma­­ti­­sches mit Zerstreuung – par excel­­lence umgesetzt in den Dornburger Schlössern und Gärten mit ihrem mehrere Jahrhunderte repräsentierenden Stilreichtum.

Damit die historischen Denkmale ihre gesellschaftliche Funktion erfüllen und an künftige Generationen weitergegeben werden können, sind große Anstrengungen notwendig. Die Bau- und Gartenkunstwerke kontinuierlich zu pflegen, gehört zu den zentralen Aufgaben der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten. Damit gilt es eine in der Geschichte der Schlösser über Jahrhunderte tradierte Gepflogenheit der Instandhaltung des Überlieferten fortzuführen, manchmal auch Fehler aus früheren Maßnahmen rückgängig zu machen. Gelingt das, wird ein mit allen Sinnen wahrnehmbares Erlebnis historischer Entwicklungen und Zusammenhänge möglich.

Jenseits von Abnutzung und Restaurierungsbedarf gibt es immer wieder auch die großen Sorgenkinder. Dann muss mit umfassenden Sanierungsprojekten der langfristige Erhalt gesichert werden. Die Gründe sind so vielfältig wie die Objekte selbst. In vielen Fällen wurden die Schlösser seit ihrer Er­­richtung nur mit Teilreparaturen bedacht, und nach mehreren Jahr­hun­­derten wird nun eine Gesamtsanierung unumgänglich. Mancher­­orts hat man unbedacht mit Veränderungen in die Bauwerke eingegriffen und damit langfristige Schwä­­chungen versursacht. Hinzu kommen oft Überlastungen, wenn beispiels­­weise Depots in Dachgeschossen eingerichtet wurden, die den Gewichten nicht gewachsen waren. Das ist bei den seit 1918 als Museen dienenden Schlössern vielfach der Fall. Aber auch mutwillige Zerstörungen in der Vergangenheit werfen manchmal lange Schatten bis in die Gegenwart, so etwa auf Schloss Schwarzburg, wo 1940 die Natio­­nalsozialisten einen radikalen Umbau begannen, um zwei Jahre später eine Bauruine zu hin­ter­­lassen – eine schwere Bürde für eine der ge­­schichtsträchtigsten Schlossanlagen Thüringens.

Die großen, oft Jahre in Anspruch nehmenden Sanierungs­­maß­­nahmen können nur mit Hilfe von Förderungen bewältigt werden. Der Europäische Fonds für Regionale Entwicklung (EFRE) und verschiedene Programme der Bundesrepublik Deutschland machten bereits große Fortschritte möglich, etwa die Gesamtsanierung des Sommerpalais Greiz mit Teilen des Fürstlich Greizer Parks oder bei der Sicherung von Schloss Schwarzburg. Jüngst haben sich der Bund und der Freistaat Thüringen mit einer vorgesehenen Förderung von 60 Millionen Euro für Schloss Friedenstein und den Herzoglichen Park in Gotha eindrucksvoll zu einem über die Grenzen Thüringens hinaus bedeutsamen Residenzschloss bekannt.

Sind die Sanierungen abgeschlossen, kommen sie nicht nur dem Fortbestand des Bauwerks, sondern auch ganz direkt den Nutzern und Besuchern zugute. Die Sanierung der Veste Heldburg beispielsweise war Voraussetzung für die Einrich­tung des Deutschen Burgenmuseums auf der Veste Heldburg, des ersten Überblicksmuseums zu diesem Thema in Europa. Und 2018 zieht auf Schloss Schwarzburg die fürstliche Waffe­n­samm­­lung wieder in das sanierte Zeughaus ein, womit ein im deutschsprachigen Raum einmaliges Ensemble von Bauwerk und Ausstattung wieder entsteht. Beide Projekte sind von großer Relevanz für den Freistaat Thüringen als Kulturstandort und Tourismusdestination.

Mit dem baulichen Erhalt der Denkmale ist es nicht getan. Erst das Erlebnis von Kunst und Kultur in historischen Räumen und Gärten bedeutet eine wirklich vitale Vermittlung des höfischen Erbes. Dafür gibt es die Marke „Schatzkammer Thüringen“, die zur touristischen Dachmarke „Thüringen entdecken“ gehört. Hier kooperiert die Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten mit den Residenzmuseen Thüringens. Gemeinsam werden die Inhalte und Angebote erarbeitet und vermarktet, wie etwa die jährlich zu Pfingsten stattfindenden „Thüringer Schlössertage“, die sich inzwischen zu einem Besuchermagneten entwickeln. Darüber hinaus arbeitet die Stiftung eng mit Fördervereinen zusammen, deren ehrenamtliches Wirken unverzichtbar ist. Zu den Highlights im eigenen Jahresprogramm der Stiftung gehört neben Saison­­eröffnung und Herbstsymposion die Dornburger Schlössernacht. Das inzwischen im Thüringer Veranstaltungsreigen fest verankerte Fest mit großer musikalischer Vielfalt und künstlerischen Auftritten lässt für einen Augustabend die Idee der fürstlichen Sommerresidenz in der Gegenwartskultur lebendig werden.

autorenbild_paulusProf. Dr. Helmut-Eberhard Paulus
Nach Studium und Promotion arbeitete der Jurist und Kunsthistoriker am Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege in München. 1981 wurde er freier Mit­arbeiter und 1986 Beamter der Denkmalschutzbehörde der Stadt Regensburg. Von 1987 bis 1994 leitete er diese Behörde. 1994 wurde er zum Direktor der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten mit Sitz auf Schloss Heidecksburg in Rudolstadt berufen. Seit 2010 ist Paulus Honorarprofessor der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Er gehört der Historischen Kommission für Thüringen an.