Prof. Dr. Hans-Peter Seidel: Aufbruch in die Wissensgesellschaft

Mehr Spitzenforschung in Deutschland will die Exzellenzinitiative von Bund und Län­­dern in den kommenden Jahren er­­­­mög­­lichen. 1,9 Milli­­ar­­den Euro För­­der­­gel­­d­­er steh­­en dafür bundesweit bis 2012 zur Verfügung – Mittel, die dazu beitragen sol­­len, die internationale Wett­­be­­werbs­­­fäh­­ig­­keit der deutschen Hoch­­schu­­­­len deutlich zu ver­­bes­­sern.

In einem mehrstufigen Verfahren hat das von der Deutschen For­­schungs­­ge­­mein­­schaft (DFG) einberufene internationale Gutachtergremium 2007 an der Uni­­ver­­si­­tät des Saarlandes sowohl dem Antrag auf ein Exzellenzcluster zum Thema „Mul­­timodal Computing and In­­teraction“ als auch dem Konzept einer internatio­­na­­len Graduiertenschule für Informatik den Zu­­schlag erteilt.
Zusammen werden die bei­­den Ein­­rich­­tun­­gen von Bund und Län­­dern damit für die kommenden fünf Jahre mit rund 40 Mil­­lionen Euro gefördert.

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Aufbruch in die Wissensgesellschaft
Ausgangspunkt des Exzellenzclusters ist die Beobachtung, dass sich unsere Le­­bens- und Arbeitsumstände in den letzten drei Jahrzehnten dramatisch ver­­­­än­­dert haben – gemeinhin beschrieben als Auf­­bruch in die Wis­­sen­­s­­ge­­sell­­schaft. Digi­­tale Inhalte sind heute allge­­gen­­wär­­tig. Vor zehn Jahren bestanden solche Inhal­­te überwiegend aus Text, heute sind sie erweitert um Audio, Vi­­deo und Grafik. Als Heraus­­for­­derung ergibt sich, diese mul­­timodale In­­­­for­­ma­­tion auf ro­­buste, effiziente und in­­tel­­li­­gente Weise zu or­­ga­­nisieren, zu verstehen und zu durchsuchen sowie zuverlässige Sys­­te­­me mit intuitiven multimodalen Inter­ak­­tions­­mög­­lichkeiten zu schaffen.

Der Exzellenzcluster „Multimodal Com­­puting and Interaction“ stellt sich die­­ser Herausforderung. Hierbei bezeichnet der Begriff „multimodal“ sowohl die unterschiedlichen Arten von Infor­­ma­tion wie Text, Sprache, Bilder, Vi­­deo, Grafik und hochdimensionale Daten wie auch die Art der Wahr­­neh­­mung und Kom­­mu­­ni­­kation, insbesondere durch Seh­en, Hö­­ren und menschlichen Aus­­druck.

Multimodale Verarbeitung und Interaktion
Die tägliche zwischenmenschliche Kom­­mu­­nikation beruht auf einer Vielzahl un­­­­terschiedlicher Modalitäten (Sprache, Mimik, Gestik und so weiter). Erstes For­­schungsziel ist eine ähnliche natürliche multimodale Interaktion mit Infor­­ma­­tions­­systemen, und zwar überall und zu jeder Zeit. Die Systeme müssen den Umgebungskontext berücksichtigen, auf Sprache, Text und Gesten reagieren und mit Sprache, Text, Video, virtuellen Dar­­stellungen oder mittels virtueller Cha­­rak­­tere antworten.

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Zweites Forschungsziel ist es, die Fäh­­ig­­keiten von Computersystemen zu verbessern, Daten ganz unterschiedlicher Modalitäten effizient und robust zu er­­fassen, zu verarbeiten und darzustellen. Auch große, verteilte, verrauschte und un­­vollständige multimodale Daten sollen analysiert und interpretiert werden; das erfasste Wissen soll aufbereitet und in Echtzeit visualisiert werden. Wir be­­zeich­­nen dies als multimodale Ver­­ar­­beitung.

An dem Exzellenzcluster sind Infor­­ma­­ti­­ker, Computerlinguisten, Linguisten, Pho­­ne­­ti­­ker, Bioinformatiker, ferner auch Psy­­cho­­­­logen und Soziologen, beteiligt. Der Cluster gliedert sich in neun For­­schungs­­gebiete.
Vier davon (Text and Speech Pro­­cess­­ing, Visual Computing, Algorithmic Foun­­da­­tions, Secure Autonomous Net­­worked Sys­­­­tems) sind stärker grundlagenorientiert, während die anderen fünf (Open Science Web, In­­formation Processing in the Life Sciences, Large-Scale Virtual Envi­­ron­­ments, Syn­­the­­tic Virtual Characters, Mul­­ti­­­­­­modal Dia­­logue Systems) sich stärker an An­­wen­­dun­­gen orientieren. Der Cluster um­­fasst die führenden deutschen Fach­­be­­rei­­che für In­­for­­matik beziehungsweise Com­­­­pu­­ter­­lin­­gu­­is­­tik und Phonetik der Uni­­­­­­ver­­si­­tät des Saar­­lan­­des, das Max-Planck­­­­­In­­sti­­tut für Infor­­ma­­tik, das Deutsche For­­­­­schungs­­zen­­trum für Künstliche In­­telli­­­­genz sowie das neu gegründete Max-Planck-Institut für Soft­­ware­­sys­­teme. Ein zentrales Ziel des Clusters ist die Quali­­fi­­kation und För­­der­­ung des wissenschaft­­lichen Nach­wuch­­ses. Der überwiegende Teil der be­­antragten Mittel ist deshalb für die Ein­­richtung von 20 Nach­­wuchs­­grup­­pen vor­­gesehen. Die be­­teiligten Ein­­rich­­tun­­gen haben sich auf ein gemeinsames und langfristiges For­­schungsprogramm ver­­ständigt, das die Grundlage dieses Vor­­habens bildet.

AutorbildProf. Dr. Hans-Peter Seidel ist seit 1999 wissenschaftlicher Direktor am Max-Planck-Institut für Informatik sowie Pro­fessor an der Universität des Saar­­lan­­des. Seit 2007 ist er Sprecher des Ex­­zellenz­­clusters „Multimodal Com­­put­ing and Interaction“. Für seine wissenschaft­­lichen Leistungen wurde Prof. Dr. Hans-Peter Seidel 2003 von der Deutschen For­­schungs­­­ge­­mein­schaft (DFG) mit dem Leibniz-Preis aus­gezeichnet.