Prof. Dr. h. c. Ludwig Georg Braun: Nachhaltigkeit als Herausforderung zwischen Produktsicherheit und -qualität

Sicherheit wird in der medizinischen Versorgung immer wichtiger. Im hektischen Krankenhausalltag, wo es oft um Leben und Tod geht, benötigen Ärzte und Pflege­kräfte Medizinprodukte, die nicht nur die Therapie un­­terstützen, sondern ihnen und gleichzeitig auch den Patienten hohe Sicherheit bieten. Das betrifft nicht nur das einzelne Pro­dukt, sondern den gesamten Behand­lungsablauf. Bei B. Braun sehen wir die Aufgabe darin, Produkte und Abläufe stetig weiterzuentwickeln, um den Ge­­sund­­heitsmarkt bestmöglich versorgen zu können.

In der medizinischen Versorgung ist Ver­­trauen entscheidend. Das gilt für die Patienten, die sich in sicheren Händen und optimal behandelt wissen wollen. Und es gilt für das medizinische Per­sonal, das sich auf ver­­lässliche und risi­­kolos zu bedienende Technik stützt. Beide brauchen Vertrauen, und Vertrauen ent­­steht durch Sicherheit. Hier kann die Industrie unterstützen: Durch Produkte und Systemlösungen, die zuverlässig funktionieren und gleichzeitig durch in­­no­­vative Entwick­­lungen den Schutz von Patienten und Anwendern verbessern.

Ein Beispiel: Auf dem Münchner Oktober­­fest feiern jedes Jahr Millionen Menschen aus der ganzen Welt miteinander. Für die einen ein Spaß, für die Rettungssanitäter harte Arbeit. Sie müssen sehr viele Men­­schen versorgen. Dabei kann auch das Legen einer Venenverweilkanüle erforderlich sein, um eine Kreislaufschwäche behandeln zu können. Stechen sich die Helfer nach der Anwendung aus Ver­sehen an der mit Blut kontaminierten Nadel, kann es schlimme Folgen für sie haben, denn das Blut könnte mit einer lebensbedrohlichen Krankheit infiziert sein. Das heißt Ärzte und Pflegepersonal benötigen Nadeln, die sie zuverlässig vor Verletzungen und dem Kontakt mit Blut schützen, ohne dass der Routine­ablauf durch zusätzliche Handgriffe ge­stört wird. Dasselbe gilt für medizinisches Personal, Pflegekräfte und sogar Reini­gungskräfte in Krankenhäusern und Arztpraxen. Des­halb haben wir schon vor Jahren Venenverweilkanülen mit einem sich selbstaktivierenden Sicherheitsclip ent­wickelt, der zuverlässig vor Nadel­stichverletzungen schützt. Inzwischen sind solche Vorrichtungen gesetzlich vorgeschrieben.

Sicherheit in der Chirurgie. Auch in der Chirurgie spielen Sicherheitsfragen die zentrale Rolle. Neben Behandlungs­­ab­­läufen und medizinischen Methoden geht es dabei auch um die dazugehörigen Pro­­dukte. Sie müssen ein­­fach, sicher und am Besten intuitiv zu bedienen sein. Unsere Chirurgie- und Orthopä­die­sparte Aesculap hat beispielsweise ein Skal­pell entwickelt, bei dem sich die Klinge über einen Mechanismus am Griff per leichter Fingerbewegung in ihren Schaft zurückschieben lässt. So wird bei der Weitergabe des Skalpells während einer Operation niemand verletzt und die Wahrschein­lichkeit für eine Infektion von Patient oder Arzt vermindert.

Dies sind nur zwei von vielen Entwick­lungen, die dem Ziel dienen, Sicherheits­­standards in der medizinischen Versor­gung zu steigern.

Anwender und Patienten im Blick. Sicherheit in der Medizin bezieht sich natürlich auf beide Gruppen, auf die Patienten und auf die Anwender. Beide Gruppen müssen zuverlässig geschützt werden. Allerdings mit unterschiedlichen Mitteln und nicht unbedingt vor denselben Risiken. Bei den Patienten ist es zum Beispiel wich­tig, dass die Infusions­­­­­­­therapie nicht mit einer Be­­lastung einhergeht oder gar krank macht. Risiken könnten ent­­stehen, wenn die Infusion feste oder gasförmige Be­­standteile ent­­hielte. Diese können zum Beispiel auftreten, wenn Luftblasen enthalten sind, Medikamente mit­­­­einander reagieren oder Bestandteile wie Plastik oder Glas in die Lösung geraten.

Das Personal muss vor Nadelstichverlet­zungen be­­ziehungsweise vor dem Kon­takt mit Blut geschützt werden. Aber auch der direkte Kontakt mit Arzneien bei Vor­bereitung oder Durchführung der Behandlung kann das Personal gefährden.

Um mit einem Ansatz beide Gruppen mit so unterschied­lichen Gefährdungen wirksam zu erreichen, ist es erfor­derlich, den gesamten Behandlungsprozess zu erfassen. Ein erster Schritt ist häufig die Vereinfachung des Ab­­laufs. Je weniger Einzelschritte nötig sind, desto weniger Fehler­quellen entstehen. Schon allein dadurch erhöht sich oft die Sicherheit.

Darüber hinaus ist es erforderlich, auch die verbliebenen Einzelschritte genau zu untersuchen, um zu einer „Komplett­lösung“ kommen zu können. Im Sinne einer solch umfassenden Lösung arbeitet unsere Kranken­haus­sparte Hospital Care an der Weiterentwicklung von ge­­schlossenen Systemen, von nadelfreien Systemen und sicheren intravenösen Zu­­gängen. Diese Aspekte sind weltweit üb­­­rigens noch keine Selbstverständ­lichkeit.

Dazu kommen der Einsatz von Materi­alien, deren Be­­standteile die Umwelt nicht belasten oder die durch bakterien­hemmende Eigenschaften Infektionsrisi­­ken reduzieren. Passend dazu entwickelt B. Braun auch ein neues Produktdesign. Alle Produkte folgen einer Linie sowohl bei Systemsicherheit, Ergonomie und Anwen­dung als auch bei der Gestaltung der Verpackung. Und nicht zuletzt trägt auch eine schnelle und zuverlässige Lieferfähigkeit zur Sicherheit bei.

 

 

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Ökonomische und ökologische Effekte. Das Bewusst­sein für die Bedeutung von Sicherheitsaspekten bei der Arbeit im Krankenhaus wächst. Dabei geht es neben dem verbesserten Schutz für Patienten und Anwender auch um organisatorische und ökonomische Effekte. Entsprechend legen viele Kliniken großen Wert darauf, ihre Vorstellungen zum Thema Sicherheit auch bei der Auswahl medizinischer Güter wiederzufinden.

Natürlich sind bei vielen Anwendungen Einmalproduk­te, die nach dem Gebrauch sofort entsorgt werden, unerlässlich. Doch auch hier lassen sich durch eine gute Qualität Ressourcen sparen: Reißen bei­­spielsweise minderwertige Handschuhe zu schnell ein, müssen Ärzte und Pflege­­kräfte möglicherweise den Handschuh schon beim Anziehen mehrfach wechseln.

Der Zusammenhang zwischen Qualität, Sicherheit und Nachhaltigkeit besteht aber nicht nur bei Einmalpro­duk­ten. In der Medizintechnik, zum Beispiel bei Infusions­­pum­pen oder Dialysegeräten, sorgt Qualität nicht nur für mehr Zuver­lässigkeit und damit Sicherheit, sondern auch für eine längere Gerätelebenszeit, das heißt sie müssen nicht so häufig ersetzt werden. Das gleiche gilt für hoch­­wertige chirurgische Instrumente. Zur Nach­hal­­tigkeit gehört es auch, dass Er­­satzteile und Zube­hör langfristig zuverlässig erhältlich sind und dass Services rund um die Wartung zur Verfügung stehen.

Insgesamt ist die Industrie immer wieder aufs Neue in der Pflicht, die Bedürfnisse zu erkennen, mit dem Produkt- und Leis­­tungsangebot darauf einzugehen und neue Standards zu setzen.

 

Press_Photos_Braun-KopieDer Autor ist Vorsitzender des Aufsichts­rates der B. Braun Melsungen AG und war Präsi­dent des Deutschen Industrie und Han­dels­kammertages. Für seine Ver­­dienste um Wissenschaft und Kunst ehrte das Land Hessen den Ehrendoktor der Universität Freiburg im Jahr 2006 mit der Verleihung des Professore­ntitels.