Prof. Dr. h.c. Karlheinz Hornung: Die Aktie im Zeichen künftiger Anforderungen an die Sozialversicherungen

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Leider ist die gesetzliche Rente in Deutsch­­­land nicht ganz so sicher, wie dies der ehemalige Bundesarbeitsminister Norbert Blüm einst versprochen hat. Die Achilles­­verse des gesetzlichen Umlage­ver­fahrens ist der demographische Wandel: Bei stei­­gender Lebenserwartung und niedrigen Geburtenraten verändert sich das Ver­­hältnis zwischen denjenigen, die Bei­­träge leisten und denjenigen, die Leistungen aus der gesetzlichen Rentenver­siche­rung empfangen. Im Extremfall müsste in weni­­gen Jahrzehnten jeder Beitragszahler einen Rentner finanzieren, was das System der Umlagefinanzierung klar überfordern führen würde.
Angesichts dieser Entwicklungen wächst die Notwendigkeit, neben der staatlichen Rente auch privat Geld für das Alter zu­­rückzulegen. Als Anlageform bietet sich hierfür die Aktie an, die insbesondere im Vergleich zu festverzinslichen Wert­pa­pie­ren in der langen Frist ein deutlich höheres Renditepotenzial ausweist. So zeigt das Renditedreieck des Deutschen Aktien­­instituts, das die Aktienrendite deutscher Blues-Chip-Unternehmen von 1955 bis heute abbildet, eine Durchschnitts­ren­dite von 9 Prozent pro Jahr für einen zehnjährigen Anlagehorizont. Dies ist ein jähr­­licher Renditevorsprung von zwei Prozent­punkten gegenüber Bundeswert­pa­pie­ren. Dank des Zinseszinseffektes bei der Wieder­anlage lässt sich mit Aktien bei gleicher Sparleistung also ein bedeutend höheres Endvermögen erreichen – in der langen, für die Altersvorsorge kennzeichnenden Frist mitteln sich die kurzfristig das Bild der Aktie prägenden Kursausschläge heraus.
Trotz dieser Vorteile ist die Bereitschaft deutscher Privatanleger, in Aktien zu in­­vestieren, im internationalen Vergleich gering. Nach Erhebungen des Deutschen Aktieninstituts beträgt die Zahl der Aktio­­näre und Aktienfondsbesitzer in Deutsch­­land im Jahr 2012 9,5 Mio. – dies sind 14,7 Prozent der Bevölkerung über 14 Jahren. Auch wenn in diesen Zahlen die knapp drei Millionen Riestersparer, die konti­­nu­­ierlich in einen Investmentfonds einzahlen, nicht explizit berücksichtigt sind, ist die Aktionärsquote in anderen Ländern viel höher. So investiert beispiels­­­weise in den USA jeder zweite Bürger direkt oder über die Fondsanlage in Aktien.

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Doch woran liegt es, dass die Deutschen kein Volk von Aktionären sind und dem­­­ent­­­sprechend die Aktie im Rahmen der privaten Altersvorsorge eine untergeord­­nete Rolle spielt?
Ein Grund ist sicherlich die Mentalität deutscher Privatanleger, eher konservativ zu sparen, was sich auch in der Ver­­mögensstruktur widerspiegelt. Im Jahr 2012 waren 40 Prozent des privaten Vermögens in Bargeld und Einlagen sowie zu weiteren 30 Prozent in Versicher­­un­­gen investiert. Mit fünf Prozent spielen Aktien nur eine untergeordnete Rolle. Zwar haben die Deutschen um die Jahr­­tausendwende parallel zum Boom am Neuen Markt ihren Aktienanteil auf fast 15 Prozent ausgeweitet. Das Platzen der „Dotcom-Blase“ war aber mit einem regel­­rechten Exodus der Anleger aus der Aktie verbunden, der im Jahr 2008 durch die Subprime-Krise nochmals verschärft wurde.
Leider haben die Erfahrungen mit dem Neuen Markt dazu geführt, dass viele Anleger seitdem nicht mehr an den Ak­­tien­markt zurückgekehrt sind. Dabei sind Aktien relativ einfache Instrumente, deren Risiken durch wenige Grundregeln be­­her­­rsch­­bar sind. Hierzu zählt primär eine Analyse der Tragfähigkeit des Geschäfts­­modells des Unternehmens. Zudem sollten „nicht alle Eier in einen Korb gelegt werden“: eine breite Diversifikation ist Grundgebot für jede verantwortliche Aktienanlage.
Vor diesem Hintergrund ist die ökonomische, speziell die finanzielle Allgemein­­­­bildung zu Grundregeln der Geldanlage und Vermögensbildung essentiell. Ziel aller Maßnahmen zur Verbesserung der ökonomischen Bildung muss der mündige Anleger sein, der mit seiner Pro­­dukt­­kompetenz die von den Emittenten und Intermediären bereitgestellten Infor­­mationen sinnvoll und kritisch nutzt. Dies würde auch überbordende Regeln des An­­legerschutzes überflüssig machen, die wenig nützen, aber der Aktienanlage schaden.

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Ein Beispiel für solche Regeln ist die seit Sommer 2011 geltende Verpflichtung der Banken, im Kundengespräch bei einer Kaufempfehlung für jede Einzelaktie ein Produktinformationsblatt bereitstellen zu müssen. Dieser Beipackzettel soll dem Privatanleger kurz und verständlich die Funktionsweise eines Finanzprodukts erklären. So sinnvoll ein Produktinforma­­­­tions­­blatt für komplexe Anlageprodukte ist, so groß ist der Schaden für die Ak­­tienanlage.
Eine Studie des Deutschen Aktien­­insti­tuts zeigt, dass die Pflicht, ein Produkt­informationsblatt für jede Einzelaktie zu erstellen, zahlreiche Banken aus der Ak­­tienberatung verdrängt hat. Fast jede zweite Bank in Deutschland hat den Umfang der Aktienberatung reduziert; rund 15 Prozent der Umfrageteilnehmer haben die Aktienberatung sogar vollstän­­dig eingestellt. Insbesondere für kleinere Institute, deren Kundenstamm überschau­­bar ist, ist der Aufwand zur Bereit­­stel­­lung von Produktinformationsblättern zu Einzelaktien offensichtlich unverhält­nis­mäßig hoch. Deshalb kann fast jede vierte Bank mit einer Bilanzsumme von bis zu 500 Millionen Euro keine Aktien mehr empfehlen. Das Anlageuniversum ihrer Kunden wird damit erheblich eingeschränkt. Das ist kein Anlegerschutz, sondern eine Einschränkung der Wahl­­möglichkeiten des Anlegers.
Eine Überarbeitung der Regelungen zum Produktinformationsblatt ist daher drin­­gend notwendig, um die Flucht der Ban­­ken aus der Aktienberatung zu stoppen. Einzelaktien sollten ganz von dieser An­­forderung ausgenommen werden. Ein Produktinformationsblatt für die An­­­lage­­form Aktie insgesamt ist sachlich völlig ausreichend. Ansonsten können viele Banken nicht mehr ihre Aufgabe wahrnehmen, ihren Kunden im Rahmen der Anlageberatung einen Überblick über alle seriösen Anlageformen zu geben. Dies schließt ein, auch über die Aktie als Instrument der privaten Altersvor­sor­ge zu informieren und über die Grundre­­­geln zum Umgang mit dieser Anlage­­form aufzuklären. Außerdem sind für nahe­­zu jede Aktie aussagefähige Analysten­­berichte im Internet oder als gedruckte Version verfügbar.

Ein weiteres regulatorisches Hindernis für die Aktienanlage ist die doppelte Be­­steuerung von Aktienerträgen, die mit der Einführung der Abgeltungsteuer 2009 deutlich verschärft wurde. Nachdem von 100 Euro Gewinn auf Unternehmens­ebene bereits rund 30 Euro Körperschaft- und Gewerbesteuer an den Fiskus abgeführt werden, erfolgt für die verbleibenden 70 Euro auf Anlegerebene ein weiterer Zugriff durch Abgeltungsteuer sowie Solidaritäts­­­zuschlag und gegebenenfalls Kirchen­steuer. Insgesamt addiert sich die steuer­liche Gesamtbelastung von Aktien­erträgen auf nahezu 50 Prozent. Im Vergleich dazu werden Erträge aus Fremdkapital, beispielsweise Tagesgeld, Sparbuch oder Rentenfonds, lediglich mit rund 28 Pro­­zent besteuert.
Eine Vermögenspolitik, in der Aktien eine bedeutendere Rolle als Instrument der privaten Altersvorsorge spielen sollen, muss Aktien mit festverzinslichen Wert­­papieren steuerlich gleichstellen. Als Aus­­gleich für die Doppelbesteuerung gab es immerhin bis Ende 2008 noch das Halbeinkünfteverfahren, und Kursge­winne waren nach zwölfmonatiger Haltedauer der Aktie steuerfrei. Eine in das System der Abgeltungsteuer passende Alterna­­tive hierzu wäre eine – zumindest teilweise – Steuerbefreiung auf Anleger­e­bene. Das wäre keine Subvention und kein Pri­­­vileg, sondern nur der Abbau einer be­­­stehenden und ungerechtfertigten Benach­­­teiligung der Aktienanlage. Das Deutsche Aktieninstitut hat hierzu bereits konkrete Vorschläge vorgelegt.
Die Belegschaftsaktie ist ein weiteres Instrument der Vermögenspolitik, das in Deutschland jedoch noch immer nur unzureichend genutzt wird. Die steuerliche Förderung ist allein von ihrer Höhe her eher als symbolisch zu betrachten. Eine deutliche Steigerung des steuer- und sozialabgabenfrei möglichen Rabatts auf zum Beispiel 1.000 Euro jährlich wäre nicht nur eine sinnvolle, sondern eine über­­fällige Maßnahme.

Schließlich muss sich auch das System der betrieblichen Altersvorsorge stärker dem Kapitalmarkt öffnen. Immerhin be­­tra­­gen die Pensionsverpflichtungen der DAX-Unternehmen rund 310 Milliarden Euro. Zu einem wesentlichen Teil werden diese Ansprüche als Rückstellungen in den Unternehmensbilanzen abgebildet. Würden diese Rückstellungen verstärkt auf externe Kapitalmarktteilnehmer wie Pensionsfonds oder Lebensversicherer ausgelagert, könnten diese die Gelder stärker in Aktien anlegen und damit dem Aktienmarkt insgesamt Schwung verleihen. Allerdings hängt die Bereitschaft der institutionellen Anleger zur Aktienan­lage stark von den institutionellen Voraus­setz­ungen ab. Beispielsweise ist zu be­­fürchten, dass die relativ hohen Risiko­gewichte für Aktien im Standardansatz von Solvency II die Attraktivität der Ak­­­tien­­anlage für Versicherer verringern wird.
Derzeit werden Aktie und Kapitalmarkt in Teilen von Politik und Gesellschaft mehr als Problem denn als Lösung angesehen. Das ist falsch und schädlich. Gerade die Aktie kann als langfristig orientierte und rentable Sachwertanlage wesentlich zur Lösung gesellschaftlicher Probleme wie zum Beispiel den Herausforderungen des demographischen Wandels für die Alters­­vorsorge beitragen. Diese Chance gilt es zu nutzen. Deshalb ist die Stärkung der Aktienanlage als Instrument der privaten Altersvorsorge in Zeiten nachlassender Leistungsfähigkeit des gesetzlichen Umlageverfahrens eine vermögenspolitische Notwendigkeit. Hierfür bedarf es sowohl einer besseren ökonomischen Bildung, die dem Leitbild des mündigen Anlegers genügt, als auch einer Been­­digung der regulatorischen und steuerlichen Diskriminierung der Aktienanlage.

il_Hornung_portrait_cmyk-(3)-KopieDer Autor ist nach mehr als 35 Jahren Managementerfahrung, davon 20 Jahre als CFO, selbständiger Unternehmens­berater. Bis 2013 war der Honorarpro­fessor der TU Dortmund und Ehren­dok­­tor der European Business School Präsi­­dent des Deutschen Aktieninsti­tuts e.V., dessen Wissenschaftlicher Beirat er angehört.