Prof. Dr. Elisabeth Merk: „Kompakt-Urban-Grün“ – Mobilität 2030

Mobilität ist ein Thema, das jeden be­­trifft. Die zahlreichen Möglichkeiten zur Fortbewegung werden heutzutage schon als selbstverständlich angesehen. Ob in der Freizeit, im Wirtschaftsverkehr oder Tourismus – schnelle Anbindungen mit Pkw, Bus, Bahn oder Luftverkehr sind ein Merkmal für hohe Lebens­qua­lität sowie eine Voraussetzung für den reibungslosen Ablauf von Geschäfts­pro­­zessen.
Die Mobilität wird zukünftig nicht mehr ausschließlich durch einen einzelnen Ver­­kehrsträger oder eine bestimmte Techno­­logie erbracht werden können; im Focus wird die Verbindung verschiedener Ver­kehrs­­träger stehen.

Mobilität in der Metropolregion 2030
Wie bewegen sich die Menschen in der Zukunft von einem Ort zum nächsten? Die optimale Lösung kann hier aus Klima­schutzgründen nur lauten: Sie fahren ohne Auto. Völlig autofreie Städte sind vor­erst nicht realisierbar, weniger Autos jedoch schon.

In der Zukunft wird ein umfassender Wandel der Verkehrsgewohnheiten stattfinden. Eine Verbindung von allen Ver­kehrsarten zu einem integrierten Ver­kehrssystem wird erforderlich sein, um eine hohe Mobilität und die damit verbundene Lebensqualität zu gewährleisten.

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Das Projekt Perspektive 2030 beschäftigt sich intensiv mit der Entwicklung von Mobilität und Kommunikation bis zum Jahr 2030.
Begibt man sich auf eine Zeitreise in das Jahr 2030, findet man sich in einer wesentlich dichteren und urbaneren Stadt München wieder. Moderne, energiesparende Hochhäuser, ausgebaute und aufgestockte Bauten der Nach­kriegs­moderne sowie sanierte Alt­bau­ten be­­stimmen die Wohnstruktur. Jedoch wur­de möglichst viel Grünfläche erhalten: Wohn­­fläche, Infrastruktur und Grün­flä­chen sind bei der Umgestaltung in einem aus­ge­­wo­­genen Verhältnis angelegt worden.
München hat sich durch die Umstruk­turierung des Verkehrs­netz­werkes zur „Stadt der kurzen Wege“ entwickelt. Stadt und Umland sind in der Zukunft zunehmend enger verknüpft. Auf Grund starker Zuwanderungen im Münchner Raum weichen immer mehr Menschen in das Umland aus. Der Pendelverkehr wird in Folge dessen weiter ansteigen. Durch den begrenzten Verkehrsraum in der Stadt und die steigenden Ben­zin­preise sind viele Pendler auf die öf­­fent­lichen Verkehrsmittel angewiesen.
Im Raum München wird der Verkehr schon allein bis 2015 um etwa 15 Pro­zent zunehmen.

Um das höhere Verkehrsaufkommen zu bewältigen, werden attraktive Alter­na­ti­ven zur Fortbewegung angeboten.

Der Bevölkerung muss eine Umstellung von motorisiertem Individualverkehr (MIV) auf die öffentlichen Verkehrsmit­tel oder den nicht motorisierten In­­di­­vi­­dual­ver­­kehr, wie Fahrrad, leicht gemacht werden. Ver­­­kehrs­­­­­knoten bieten einen be­­quemen Wech­­se­l von einer Verkehrsart zur nächsten an. Ein intermodales Ver­kehrs­sys­tem verknüpft die verschiedenen Ver­kehrsmit­tel und er­­möglicht ein zügiges Fortbewe­gen. An den Umstei­ge­punkten werden zahlrei­­che Service-Angebote un­­terbreitet, zum Bei­­spiel Ge­­päck- und Fahrradaufbe­wah­­rung oder Gast­ro­nomie.
Die außerhalb von München liegenden Ortschaften sind untereinander gut ver­­bunden und finden über zentral gelegene Ortsbahnhöfe Anbindung zu dem nächsten größeren Zentrum. Dieses ist mit allen anderen und mit dem Kerngebiet der Me­­tropolregion, der Stadt München, ver­­bun­­­den. Gläserne Kurzzüge verkehren in dich­­ter Taktabfolge zwischen den Zentren. Ein ausgebildetes Schienen­netz­werk für S­­­Bahn und Regional-Bahn, die in kurzen Taktzeiten bis spät in die Nacht fahren, macht die Nutzung der Auto­bah­nen un­­attraktiv. Die ersten Autobahnen werden zu Schienenwegen umgerüstet.
Umweltfreundliche Maßnahmen wie Job­tickets, Car-Sharing-Pools, Sammel-Taxis oder der Walking-Bus für Schul­kinder wer­­den gefördert. Durch den verstärkten Einsatz von elektronischen Kom­mu­­ni­ka­tionsgeräten, deren An­­schaffung immer günstiger werden wird, könnte es bei den einkommensschwachen Haushalten zur Kom­pensation von Fahrten durch elektronische Geräte kommen. Diese werden außerdem auf die preisgünstigen Fort­bewegungsmittel, wie beispielsweise das Fahrrad, zurückgreifen.

Umsetzung

Um diese Vision zu realisieren, hat die Verkehrs- und Mobilitätspolitik der Stadt München die Prinzipien Nach­haltigkeit und Ressourceneffizienz in den Focus ihrer Tätigkeit gestellt. Die Siedlungs­struk­tur entspricht dem Leitbild der „Stadt der kurzen Wege“; das Stadt­ent­wicklungs­konzept unterliegt dem Motto „kompakt-urban-grün“.
Überlastungserscheinungen in der Me­­tro­­polregion finden ihre Ursache in der stei­­genden Anzahl von Arbeits­plät­zen und Einwohnern sowie der damit ein­­­her­geh­­en­­den Zunahme der Pendler­strö­­me, insbe­­sondere im motorisierten In­­­­di­vi­dualver­kehr.

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Der Ausbau der Verkehrssysteme, die Modernisierung der Verkehrs­leit­sys­te­me sowie die Vernetzung und Zusam­men­­führung verschiedener Verkehrs­mit­tel sind Maßnahmen, die einer noch stärkeren Überlastung der vorhandenen Struk­turen vorbeugen sollen. Hierzu wer­­den neue Ideen, innovative Konzepte und kre­ative Finanzierungsmodelle be­­nötigt.
Kooperationsprojekte erarbeiten Kon­zep­­te und innovative Lösungen zur Er­­haltung und Verbesserung der Mobilität für alle Verkehrsteilnehmer sowie einer stadtverträglichen Verkehrsbewälti­gung.
Die Inzell-Initiative ist eine gemeinsame Initiative der Landeshauptstadt München und BMW. Vertreter aus Politik, Wirt­schaft, Wissenschaft und Verwaltung diskutieren über verkehrspolitische The­men und schaffen Lösungsansätze. In diesem Rahmen ist das vom Bundes­­ministerium für Bildung und Forschung geförderte Projekt „Mobinet“ entstanden. In dem bis 2003 laufenden Projekt entwickelten Partner aus Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung Konzepte für Politik und Praxis. Dabei standen die Verlagerung des Straßenverkehrs auf die öffentlichen Verkehrsmittel, die Opti­mie­­rung des Verkehrs im Haupt­straßennetz sowie das Informations­an­gebot für Rei­­sende im Mittelpunkt.
Das Projekt „Arrive“ führt die in „Mo­­binet“ entwickelten Lösungen fort und ist bis heute ein wichtiger Baustein des ko­­ope­­rativen Verkehrs­manage­ments der Re­­gion München. Das Ziel sind integrierte Lösungen für die aktuellen Verkehrs­pro­­bleme.

An der Entwicklung der Siedlungs­flä­chen und ihrer Beziehung zu Ver­kehrs­strömen setzen die Projekte MORO und SUM an. Die MORO-Arbeitsge­mein­schaft „Siedlungsentwicklung des Großraumes München“ versteht sich als Ansatz zur Verbreitung des Nachhaltig­keitsge­dan­kens bei der Siedlungsentwicklung in der Region München. Neben dem Austausch von beispielhaften Lösungsansätzen und der Einigung auf flächensparende Ent­wicklungsgrundsätze konnte in allen zehn Mitgliedskommunen ein detaillier­­tes Flä­­chenmonitoring aufgebaut werden.
Das Projekt „Siedlung und Mobilität“ (SUM) verfolgt das Ziel, günstige Vor­aus­­set­zun­­gen für eine auf den Um­­welt­­ver­bund ori­­entierte und langfristig be­­zahl­bare Sied­­lungsentwicklung zu schaffen. In der ers­­ten Stufe liegt der Schwerpunkt auf der regionalen Betrachtungsebene mit Un­­ter­­suchung der Flächen­po­ten­zi­ale und de­­­­ren ÖPNV-Erschließung sowie der Wohn- und Mobilitätskosten auf der Individual­ebe­­ne, während in Stufe zwei auf kommuna­­ler Betrachtungsebene die fis­­ka­­lischen Wir­­kungen von Bauland­aus­wei­­s­­ungen un­­ter­­­sucht werden und vertiefen­­de Un­­ter­su­chungen zu Poten­zial­flächen und verkehr­­lichen Er­­schließ­ungs­pro­ble­men erfolgen.

In der Zukunft können wir mit einem Wandel der Verkehrsgewohnheiten rechnen. Die Metropolregion verfügt sicherlich über eine hervorragende Aus­gangs­lage, die weiterentwickelt werden kann. Dieser Prozess braucht jedoch seine Zeit. Wichtig ist, dass die ersten Schritte in eine mobilere Zukunft bereits gegangen wurden.

Foto-002Die Au­­torin hat in Deutsch­land und in Florenz Archi­tektur studiert und war zu­­nächst als freie Archi­tektin und Denk­mal­pfle­ge­rin tätig. Sie hat in Mün­chen, Regens­burg und zuletzt als Amts­leiterin für die Stadt Halle (Saale) im Bereich Stadtentwick­lung/Stadtplanung gearbei­tet. Elisa­beth Merk lehrt an der Hoch­schule für Tech­nik Stutt­gart und ist seit 2007 Stadt­­bau­­rätin der Stadt Mün­­chen.