Prof. Dr. Dr. habil. Godehard Ruppert: Bildungsbiografien im Lebenskontext – Bildungsforschung als Voraussetzung für Bildungspolitik

In der modernen Wissensgesellschaft ist Bildung eines der wichtigsten und meist diskutierten Themen. Jeder Mensch ist davon betroffen. Bildung ist  der Schlüssel zu wirtschaftlichem Wachstum und Wohlstand, sie ist Merkmal und Voraussetzung unserer komplexen und vernetzten Welt. Über die Bedeutung von Bildung gibt es keinen Zweifel – aber was wissen wir eigentlich über Bildungsprozesse und Bildungsverläufe? Noch lange nicht genug, um politisch verantwortungsvoll handeln zu können. Deshalb gibt es Bildungsforschung.

 

Bildungsforschung betrachtet das Lernen als einen Prozess, der ein Leben lang andauert und in ganz unterschiedlichen Lernumwelten stattfindet. Natürlich spielen die formalen Bildungsinstitutionen wie Kinder­tagesstätten, Schulen, Universitäten und Ausbildungs­plätze dabei eine besondere Rolle, doch auch informelle Gelegenheiten wie zum Beispiel Musikunterricht und Hobbies, die Rezeption von Medien oder das Umfeld der Familie beeinflussen, ob und wie ein Mensch sich bestimmte Fähigkeiten aneignet. Darüber hinaus prägen individuelle Entscheidungsprozesse und strukturelle Faktoren den Bildungsverlauf eines Menschen.

Das Wissen darüber, was einen erfolgreichen Bildungs­­weg ausmacht und wie es zu Brüchen in einer Bil­­dungsbiografie kommen kann, ist allerdings noch sehr begrenzt. Es ist bisher noch nicht ausreichend er­­forscht worden, wie der Bildungserwerb über die gesamte Le­­bens­­spanne verläuft und wie die einzelnen Bildungs­phasen dabei aufeinander einwirken. Welche Fähig­keiten und Fertigkeiten bekommen Kinder bereits früh in die Wiege gelegt und welche erwerben sie erst später? Welche Rolle spielen die verschiedenen Lernum­welten für die Ent­­wicklung der Kinder? Welchen Einfluss haben dann später das studierte Fach, die erreichten Noten oder die sozialen Kontakte auf den Werdegang nach dem Verlassen der Hochschule? Wie bereitet die be­­rufliche Ausbildung zu­­künftige Er­­werbstätige auf die Anforde­rungen am Ar­­beits­­platz vor? Und welche Wege führen zu Erfolg und Aner­­kennung? Welche Wege durch das Bildungssystem machen die Menschen eher glücklich, welche eher nicht?

Dies alles sind Fragen, die von empirisch arbeitenden Wissen­schaftlerinnen und Wissenschaft­lern verschiedener Disziplinen in Bamberg und von zahlreichen Bildungsinstitutionen in ganz Deutschland bearbeitet werden – und deren Antworten höchste Brisanz für die deutsche Bildungspolitik haben. Denn der gesellschaft­­liche Wandel in Deutschland ist auch für das Bildungs­system im Zeitalter der Globalisierung eine Heraus­forderung: Der Wandel der gesellschaftlichen Leitbilder von Generation zu Generation verbunden mit der demo­­grafischen Herausforderung niedriger Geburt­enraten im Umfeld einer stetig alternden Bevöl­kerung stellt die Effizienz des Bildungs­systems im Um­­feld internationaler Konkurrenz unentwegt in Frage.

Der in Bamberg verfolgte Ansatz, Bildung im Längs­schnitt zu erforschen, eignet sich dabei in hervorragender Weise, um Entwicklungen über die Zeit hinweg wie in einem Film zu untersuchen, anstatt lediglich die Momentaufnahme eines bestimmten Zustands im Quer­schnitt zu betrachten. Um gesellschaftliche Pro­­zesse besser verstehen zu können und letztlich somit auch einen Beitrag zur langfristigen Verbesserung des Bildungsangebots für alle Altersgruppen in Deutsch­land zu leisten, erforschen die Bamberger Wissen­schaft­­lerinnen und Wissenschaftler Bildungsbiografien, wie sie im Lebenskontext der Menschen eingebettet sind.

Nationale und internationale Vernetzung. Je größer die Aufgabe, umso wichtiger sind der interdisziplinäre Austausch und die institutionelle Vernetzung – deutschlandweit sowie international. Im Laufe der Zeit hat sich die Universität Bamberg durch umfangreiche, interdisziplinäre Projekte als bedeutender Standort für empirische Bildungsforschung etabliert: Seit 2005 fördert die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) das Pro­­jekt Bildungsprozesse, Kompetenzentwicklung und Selektionsentscheidungen im Vorschul- und Schulalter (BiKS) und von 2006 bis 2011 wurde das Gemein­schaftsprojekt der Universitäten Bamberg und Kassel Persönlichkeits- und Lernentwicklung von Grundschul­kindern (PERLE) durch das BMBF gefördert. In den zwei Masterstudiengängen Survey Statistics und Empirische Bildungsforschung können Studierende heute die nötigen Kompetenzen forschungsnah erwerben. Dass dieses interdisziplinäre Kompetenznetzwerk ein guter Nähr­boden für empirisch-sozialwissenschaftliche Forschung ist, belegt außerdem die Entscheidung, die Bamberg Graduate School of Social Sciences (BAGSS) in die Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder aufzunehmen und damit ein innovatives, strukturiertes und internationales Arbeits- und Bildungsumfeld für hochgradig qualifizierte Doktorandinnen und Doktoranden zu fördern.

Besonders deutlich wird die Stellung des Forschungs­standorts Bamberg für die empirische Bildungsfor­schung durch die Ansiedlung des bisher größten, deutschen sozialwissenschaftlichen Bildungsprojektes in Bamberg, des Nationalen Bildungspanels (National Educational Panel Study, NEPS). Das Projekt untersucht Bildungsprozesse und Kompetenzentwicklung in Deutschland beginnend von früher Kindheit bis ins hohe Erwachsenenalter. Das NEPS betreut sechs Panel­­studien, die in unterschiedlichen Lebensphasen starten. Die Panelstudien werden durch querschnittliche Zusatz­studien ergänzt. Die NEPS-Daten werden der nationalen und internationalen Wissenschaft in Form eines so ge­­nannten anonymisierten Scientific Use Files so rasch wie möglich zugänglich gemacht. Diese Daten bieten ein reichhaltiges Analysepotenzial für verschiedene an Bil­dungs- und Ausbildungsprozessen interessierte Diszi­plinen (wie etwa Demografie, Erziehungswissenschaft, Ökonomie, Psychologie, Soziologie) und schaffen die Grundlagen für eine verbesserte Bildungsberichterstat­tung und Politikberatung in Deutschland. In die Vorbe­reitung der Studie hat der Bamberger Soziologe Hans-Peter Blossfeld mehrere Jahre investiert, 2009 konnte das NEPS schließlich als vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördertes Projekt eröffnet werden.

Kompetenz zieht ihre Kreise, sucht Partner und Ko­­operationen. Das NEPS ist denn auch wissenschaftlich ein transregionales Projekt. Forschungseinrichtungen aus ganz Deutschland sind als Konsortial- und Ko­­operationspartner am Erfolg der Studie beteiligt.

Der international renommierte Ungleichheitsforscher und Soziologieprofessor Robert Erikson vom Swedish Institute for Social Research (SOFI) in Stockholm, Mit­­glied der Royal Swedish Academy of Sciences, begleitet in seiner Rolle als Vorsitzender des international be­setzten wissenschaftlichen Beirats regelmäßig die Entwicklung des NEPS. So ist es nicht zuletzt mithilfe internationaler Unterstützung gelungen, NEPS vom Status eines befristeten Projekts in eine verstetigte Forschungseinrichtung mit dauerhafter Finanzierung zu überführen. Seit Anfang 2014 wird das NEPS vom vorrangig hierfür gegründeten Leibniz-Institut für Bil­dungsverläufe e.V. (LIfBi) an der Otto-Friedrich-Univer­sität Bamberg betrieben. Neben der Administration des NEPS ist das LIfBi im Rahmen der Studie PIAAC-L, der kooperativen längsschnittlichen Weiterverfolgung der PIAAC-Studie (Programme for the International Assess­ment of Adult Competencies) in Deutschland, eingebun­den. LIfBi betreibt darüber hinaus Forschungsprojekte mit lokalem Fokus wie z.B. die Studie „Bildungsland­schaft Oberfranken“ (BiLO).

Wenn es um empirische Langzeitstudien geht, sieht mit­­tlerweile die ganze Welt nach Bamberg, denn das NEPS, so stellte unlängst auch der deutsche Wissen­schaftsrat fest, leistet als „weltweit einzigartige For­sch-ungs­infra­struktureinrichtung“ wichtige Pionierarbeit. Bildungs­forscherinnen und -forscher aus aller Welt kommen nach Bamberg, um die Arbeiten der Bamberger Wissen­schaftlerinnen und Wissenschaftler kennenzulernen. Ähnliche Studien in Polen, Tschechien und Russland orientieren sich für den Aufbau ihrer Studien am Bamberger Erfolgsmodell. Von einer Kooperation profitieren selbstverständlich beide Seiten. Der gegenseitige Wissenstransfer ist unverzichtbar, um den neuesten Stand der Forschung nicht nur zu halten, sondern auch voranzubringen.

Godehard Ruppert, Jahrgang 1953, studierte Katholische Theologie, Philosophie, Pädagogik und Publizistik in Bochum, Münster und Würzburg. Ab 1991 war er In­­haber des Lehrstuhls für Religionspädagogik und Didaktik an der Universität Bam­­berg und setzte sich in dieser Zeit in verschiedenen Funktionen in der Selbst­­ver­wal­tung der Universität ein. 2000 wurde er zum Rektor und 2007 zum Präsi­denten der Universität gewählt. Seit 2002 ist er Präsident der Virtuellen Hoch­schule Bayern. Von 2011 bis 2013 war er Vorsitzender der Universität Bayern e.V. und seit 2012 ist er Mitglied des Administrative Board der International Association of Universities (IAU).