Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Jörg Hacker: Mit Blick in die Zukunft – Wissenschaftliche Erkenntnisse und Gesellschaft miteinander verbinden

Bei Themen wie Klima, Energie, demografischer Wandel oder Gesundheit brauchen Politik und Gesellschaft verstärkt eine unabhängige Beratung durch die Wissenschaft. Dabei gilt es, wichtige und gesellschaftlich bedeutsame Entwicklungen möglichst frühzeitig zu erkennen und zu kommunizieren.

 

Die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina wurde 2008 zur Nationalen Akademie der Wissenschaf­ten Deutschlands ernannt. 1652 gegründet, ist sie die weltweit älteste kontinuierlich bestehende Wissenschafts­akademie mit Sitz in Halle an der Saale. Heute hat die Leopoldina rund 1.500 Mitglieder. Wissenschaftliche Exzellenz, größtmögliche Unabhängigkeit von politischen und anderen wissenschaftsexternen Einflüssen, mittler­­weile weltumspannende Internationalität und gelebte Interdisziplinarität – das sind vier entscheidende Merk­­male, welche die Leopoldina in ihrer über 360-jährigen Geschichte erworben hat und die sie als Nationale Aka­demie unter den Bedingungen unserer Wissensgesell­schaft zur Geltung bringen will.



Denn die großen Herausforderungen unserer Zeit wie die Energiewende, der demografische Wandel, die Bekämp­fung von gefährlichen Krankheiten, Finanz- und Wirt­­schaftskrisen oder der Klimawandel können nur von solchen Institutionen kompetent analysiert und bewertet werden, in denen sich wissenschaftliche Expertise hochgradig bündelt. Die ständigen wissenschaftlichen Kommissionen, in denen sich regelmäßig Mitglieder der Leopoldina und externe Experten zu intensiven Dis­­kussionen treffen, beobachten jeweils ein wissenschaft­liches Themenfeld wie etwa „Klima, Energie und Um­­welt“, „Gesundheit“, „Wissenschaftsethik“ oder „Demo­­grafi­scher Wandel“. Die Mitglieder der Leopoldina erarbeiten zu den Herausforderungen, die einen starken Wissen­schafts­bezug haben, fachlich abgesicherte Stellung­nahmen und Empfehlungen. Dabei wendet sich die Leo­­poldina nicht nur an Entscheidungsträger in Politik und Gesell­schaft, sondern auch an eine breite Öffentlichkeit: Stu­dierende, Lehrer und Schüler, Bürger und Journa­listen, die sich verlässlich über aktuelle wissenschaftliche Er­­kenntnisse und Handlungsalter­na­­tiven informieren möchten.

Die Spannbreite der Themen in der wissenschaftsbasierten Politikbe­ra­­tung der Leopoldina ist groß, doch lassen sich vier Schwer­­punktthemen benennen. Das erste Schwerpunktthema umfasst die Fortschritte in den Lebenswissenschaften und der Biomedizin. Ge­­­­meinsam mit der Akademie der Wissenschaften zu Hamburg hat die Leopoldina Anfang 2013 die Stel­lung­­nahme Antibiotika-Forschung – Pro­bleme und Pers­­pek­­tiven veröffentlicht. Sie wurde in der gegenwärtigen Dis­­kussion um die Verhinderung von Antibiotika-Resis­­tenzen und um die notwendige Entwicklung neuer Anti­biotika sehr interessiert aufgenommen. Diese Stellung­nahme hat auch dazu geführt, einen Runden Tisch zu diesen Themen einzurichten, an dem Vertreter aus Wissen­schaft, Wirtschaft und Politik zusammenkommen, um Strategien für ein gemeinsames Handeln zu entwickeln.

Das zweite Schwerpunktthema betrifft die Entwicklung der Energieforschung im Kontext der Transformation unserer Energieversorgung. Zusammen mit acatech und der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften hat die Leopoldina 2013 die Initiative „Energiesysteme der Zukunft“ gestartet, welche die Energiewende in Deutschland unabhängig begleiten wird. Die möglichen Beiträge der Wissenschaft zur Energiewende sind dabei sehr vielfältig: Sie reichen von der ingenieurtechnischen Effizienzerhöhung bei der Stromerzeugung und -speiche­rung über die Optimierung der Stromnetze bis zur sozial­­wissenschaftlichen Untersuchung des Verhaltens der Stromverbraucher. Bereits im Jahr 2012 wurde die Stel­­lungnahme Bioenergie – Möglichkeiten und Grenzen als ein pointierter Beitrag zur Debatte um die Rolle der Bioenergie bei der Energiewende wahrgenommen.

Die Herausforderungen des demografischen Wandels sind das dritte Schwerpunktthema der Leopoldina. Der seit Mitte des 19. Jahrhunderts zu beobachtende starke Zu­­gewinn an Lebenszeit und das hohe, voraussichtlich weiter ansteigende Durchschnittsalter der Bevölkerung sind menschheitsgeschichtlich neu. Die jüngste Stellung­­nahme zu diesem Thema hat die Leopoldina in Zu­­sammenarbeit mit der Berlin-Brandenburgischen Aka­demie der Wissenschaften und der Jacobs Foundation Ende 2012 vorgelegt. An der Studie Zukunft mit Kindern haben Psychologen, Mediziner, Soziologen, Ökonomen, Bildungsforscher und Vertreter zahlreicher weiterer Dis­­ziplinen mitgearbeitet.

Das vierte Schwerpunktthema der Leopoldina ist die nachhaltige Entwicklung des Wissenschaftssystems. Hier­­zu hat das Präsidium der Leopoldina im April 2013 das Diskussionspapier Die Zukunftsfähigkeit des deutschen Wissenschaftssystems vorgelegt. Die zukünftige Ge­­staltung der rechtlichen und finanziellen Rahmenbe­dingungen für Forschung und Innovation ist eine dring­­lich zu lösende Frage. Das Papier setzt sich vor allem für die Stärkung der Universitäten als den tragenden Säulen von Forschung, Lehre und Wissenstransfer in Deutschland ein.

Die Notwendigkeit einer unabhängigen wissenschaftsbasierten Politikberatung bekräftigte der damalige Bun­­despräsident Horst Köhler anlässlich der Ernennung der Leopoldina zur Nationalen Akademie der Wissenschaf­ten: „Komplexer denn je sind die Fragen von Ursache und Wirkung, mit denen sich die Politik auseinandersetzen muss; größer denn je die Herausforderungen, denen sich Gesellschaften unter den Bedingungen der Globalisierung zu stellen haben; ‚fernhintreffender’ denn je die Folgen unseres Handelns und Unterlassens. Die Komplexität der Sachverhalte sollte mehr und nicht weniger wissenschaftliche Begründung von politischen Entscheidungen bewirken.“ Seit über 360 Jahren ist die Förderung der Wissenschaft zum Wohle des Menschen das erklärte Ziel der Leopoldina. Mit der aktiven Be­­ratung von Politik und Öffentlichkeit durch die Wissen­schaft setzt die Leopoldina als Nationale Akademie der Wissenschaften diese Tradition in der modernen Wissens­­­gesellschaft auf eine zeitgemäße Weise fort.

Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Jörg Hacker ist seit 2010 Präsident der Leopoldina. Er studierte Biologie an der Universität Halle. Dort wurde er 1979 promoviert und ging danach an die Uni­versität Würzburg, an der er von 1988 bis 2008 eine Professur für Mikrobiologie inne hatte. Von 2008 bis 2010 war er Präsident des Robert Koch-Instituts. Jörg Hacker ist Mitglied in zahlreichen Gremien und Wissenschaftsorganisationen, unter anderem dem United Nations Secretary General’s Scientific Advisory Board.