Prof. Dr. Dirk Syndram: Sachsens Glanz ist immer eine Reise wert

In den zwanzig Jahren seit der deutschen Wiedervereinigung hat sich in Dres­­­den viel getan. Die Stadt ist kaum wiederzu­­er­­ken­nen. Einzelne Häuser, viele Plätze und ganze Straßenzüge haben sich ver­­ändert und die Bauplanungen sind noch längst nicht abgeschlossen.

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Die größte Kul­­­turbaustelle im Freistaat Sachsen ist im­­mer noch das Dresdner Resi­­denz­­schloss. Denk­­­­­­mal­­pfleger, Archi­tekten, Hand­­­­werker, Bau­­­meister, Res­tau­­­­­ratoren und Kunst­­historiker, sie alle Spit­zen­­kräfte ihrer Dis­­zi­­plinen, leisten seit Jahr­­zehn­­­ten Großes. Das Residenzschloss war und ist ein lebendiger Ort inmitten Dresdens, das seit der Eröff­­­nung des mit einer Glas­­kuppel überdachten kleinen Schloss­­­­­hofes im Januar 2009 seinen Be­­suchern erstmals ein großzügiges Ein­gangsfoyer bietet. Ne­­ben dem Grünen Gewölbe als einer der reichsten Schatz­­kammern Eu­­ro­­pas, dem Kupferstich-Kabi­­nett, einem der wichtigsten Kunstmuseen für Zeich­­nungen, druck­­grafische Werke und Fo­­to­­­grafien in der Welt, beherbergt das Resi­­­­denz­schloss nun auch die Tür­ckische Cammer. Sie zählt zu den ältesten und weltweit bedeutendsten Sammlungen osmanischer Kunst außerhalb der Tür­­kei und dokumentiert die Ge­­­­­schichte einer Lei­­den­­schaft, die unter Au­­­gust dem Star­­ken ihren Höhepunkt erreichte. Doch da­­­mit nicht genug. Die Fürsten­­galerie, ein eleganter, mit Fürstenbild­­nissen gesäum­­­ter Saal, der auch für Präsentations­ver­an­stal­tungen und Feierlichkeiten ge­­nutzt werden kann, ver­­bindet den Westflügel mit dem Ostflügel und macht allein schon durch den Blick in den unfertigen großen Schloss­­hof und auf die gegenüberliegen­­den Fas­­sa­­den deutlich, dass sich in den kommen­­den Jahren noch ei­­­­niges im Resi­­denz­schloss wandeln wird.

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Der Dresdner Zwinger grenzt unmittelbar an das Schloss. Ursprünglich ge­­plant als Orangerie sind heute vier unter­­­schied­lichs­­­­­te Museen der Staatlichen Kunst­­samm­lungen Dresden darin unter­­­ge­bracht. Die Porzellansammlung ist die qualitätsvollste und zugleich umfangreichste keramische Spezialsammlung der Welt, nicht zuletzt wegen ihrer he­­raus­­ragenden Bestände frühen Meisse­­ner Por­­zellans sowie ostasiatischer Por­­zel­­lane des 17. und frühen 18. Jahr­­­hun­derts. Der international renom­­­­mierte New Yorker Designer Peter Marino gestaltete die beiden Bogengalerien und den Tier­­­saal neu, teils nach der eigenen Fan­­tasie, teils das historische Konzept des Japa­­nischen Palais von dem Architekten Zacharias Longuelune aus dem Jahre 1735 neu interpretierend. Eine weltberühmte Samm­­lung historischer Uhren und wissen­­­schaft­­­licher Instrumente be­­­herbergt der Mathe­­matisch-Physikalische Salon. Nach lang­­jähriger Sanierung prä­­sentiert er ab Ostern 2013 seine Schätze schöner und umfangreicher denn je im Zwinger.
Dazu zählen Erd- und Himmelsgloben, fas­­­­­zinie­­rende optische, astronomische und geodätische Geräte, die bis ins 16. Jahr­­hun­­dert zurückreichen, historische Instru­­­­men­­­­te zum Rechnen, Zeichnen und zur Bestimmung von Längen, Massen, Tem­­­pe­­­ratur und Luftdruck. Die Rüst­­kammer, aus dem Besitz sächsischer Herzöge und Kurfürsten hervorgegangen, zählt heute zu den kostbarsten Prunk­waffen- und Kos­­tümsammlungen der Welt. Ihr Umzug in das Residenzschloss und die dortige Wie­­­dereröffnung auf über 6.500 Quadrat­­me­­tern wird in den nächsten Jahren erfolgen. An ihrer statt wird die Antikensammlung der Skulp­­turensammlung in der Osthalle des Sem­­perbaus gezeigt werden und da­­mit an ihren historischen Ort zurückkehren. Ihr gegenüber ist die Gemäldegalerie Alte Meister wohl das bekannteste Muse­­um Dresdens. Ihr weltweiter Ruhm grün­­det sich auf die hervorragende Auswahl hoch­­karä­­­tiger Meisterwerke. Am bekann­­­­testen ist wohl die „Sixtinische Madonna“ von Raf­­fael, die auf eine 500-jährige Ge­­schichte zurückblicken kann. Die zwei am un­­teren Bildrand „lüm­­melnden“ Engel­­­chen wer­­den übrigens seit etwa 200 Jah­­ren als Werbe­­motiv in aller Welt vermarktet.

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Über dem Innenhof des Albertinums, Heim­­stätte der Galerie Neue Meis­­ter und der Skulpturen­­samm­­lung der Staat­­­lichen Kunstsamm­­lungen Dresden, schwebt ein architektonisches Meister­­werk der Gegen­­­wart: das hochwassersichere Depot- und Werk­­stät­­ten­­gebäude. Das im Zuge dieser Bau­­maß­­­­­nahme umgebaute und general­­sanierte Albertinum ist ein Ort, an dem Kunst von der Romantik bis zur Gegen­­­wart auf wunderbare Weise erlebbar wird. Ergänzend wird die Kunsthalle im Lip­­si­­us­­­­­bau an der Brühlschen Terrasse ins­­besondere für Son­­­­­­­der­­ausstellungen der Gegenwartskunst ge­­­­­­­nutzt, wie für Sigmar Polke, Jeff Wall, Eberhard Havekost, Ger­­­­hard Richter, aber durchaus auch für weniger international bekannte zeitgenössische Künstler.

Neben der Kunst­­halle im Lipsiusbau nutzen die Staatlichen Kunst­­­sammlungen Dresden auch seit langem die noch unsa­ni­­erten Räume des drit­­­ten Ober­ge­schosses im Residenz­­schloss, die ehemaligen Para­­de­­räume August des Star­­­­­­­­ken, als Ort für großflächige Sonder­­aus­­stellungen, die sich nicht der Moderne widmen. Hier werden herausragende Aus­­stellungs­­pro­­jekte ge­­zeigt wie „Mit For­­tu­­na übers Meer. Sach­­sen und Dänemark – Ehen und Alli­­anzen im Spiegel der Kunst (1548-1709)“, welche die über Jahr­­hun­­derte währenden engen Beziehungen zwischen dem Kur­­fürsten­­tum Sachsen und dem mächtigen König­­reich Däne­­mark darstellen. An diesem Ort wurde auch die Ausstellung zum 450. Jubi­­­läum der Staat­­lichen Kunst­samm­­­­lun­­gen Dres­­den „Zukunft seit 1560“ ge­­zeigt oder „Ein Kreuz­­punkt der Weltkulturen: Der Za­­ren­­­­­hof von Iwan dem Schrecklichen bis Peter dem Großen“, als Ergebnis der erfolgreichen internationalen Koopera­tio­nen des Grünen Gewölbes mit den Mu­­seen des Kreml.

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Im Jahr 1560 hatte der sächsische Kur­fürst August der Starke die Kunst­­kam­­mer gegründet und den Grundstein ge­­legt für die grandiosen Sammlungen, die in ihrem heutigen Verbund von zwölf Mu­­seen den zweitgrößten Museums­­ver­­bund Deutschlands bilden.
Dazu gehören neben den bereits genannten Museen auch das Kunst­ge­werbe­mu­seum im Schloss Pill­­nitz, das Museum für Säch­­sische Volks­­kunst mit Puppen­­the­a­ter­samm­­lung im Jägerhof, das Münzkabinett mit künftiger Präsentation im Residenz­­schloss und vor allem auch die Staatlichen Ethno­­gra­­phi­­schen Sammlungen Sachsen mit Stand­­­­­orten in Dresden, Leipzig und Herrn­­hut. Sie alle tragen zur einzigartigen kultu­­rellen Viel­­falt Dresdens und Sachsens bei.

Dank des Wieder­­auf­baus zentraler Kul­­tur­­bauten wie der Semperoper, des Zwingers und des Dresd­­ner Residenzschlosses nach den Kriegs­­zerstörungen blieb in dieser Stadt das bestehen, was andernorts neu erfunden wird: Im Vergleich zu „künstlich“ ge­­schaf­­­fenen Kulturquartieren der letzten 15 bis 20 Jahre haben hier schon über Jahr­­hun­­derte bedeutende kulturelle Ein­rich­­­­tungen ihren Platz eingenommen und damit be­­reits über große Zeiträume hinweg wesent­­­liche Standards in der Posi­tionie­­rung und Vermittlung von Kunst und Kultur gesetzt.

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Heute stehen die Museen nicht nur mit ihren Kunstwerken, sondern auch in tech­­­­­nischer Ausstattung und Präsentation auf einer Stufe mit den berühmtesten Museen der Welt. Dabei leisten die Mitarbeiter der Staatlichen Kunstsammlungen Dres­­den nicht nur grundlegende konzeptionelle und restauratorische Arbeit, sondern es werden darüber hinaus auch höchste An­­sprüche an die qualifizierte und kontinu­­ierliche wissenschaftliche Begleitung der Sammlungen gestellt. Dazu gehört, die Provenienz (Herkunft) eines jeden Kunst­­werkes zu kennen und in der Museums­­datenbank „Daphne“ zu erfassen, wobei hier durch ein zehn Jahre ausgelegtes Provenienzforschungs- und -dokumenta­­tionsprojekt, das bahnbrechend und ein­­zig­­artig in Europa ist, neue Standards von den Dresdner Museen gesetzt werden.

Die Staatlichen Kunstsammlungen Dres­den sind über 20 Jahre nach der politischen Wende international höchst aner­­kannt und ein Ort der Begegnung. Im Som­­­­mer 2009 wählte US-Präsident Ba­­rack Obama Dresden als ein Ziel unter wenigen in Europa und traf sich mit Bun­­des­­kanzlerin Angela Merkel im Resi­­denz­­schloss. Zu Konsultationen zogen sie sich in das Grüne Gewölbe zurück; die an­­schließende Pressekonferenz fand im kleinen Schlosshof statt. Die Gebäude der Staatlichen Kunst­samm­­lung­­en Dres­­den bieten einen stilvollen Rah­­­men für Veran­stal­­tungen und werden zum Teil auch ver­­mietet für Tagungen, Kon­­­­zerte, Lesungen, Seminare, Vorträge, Em­­­pfänge und Feste unterschiedlichster Art.

Seit der Gründung der Kunstkammer vor mehr als 450 Jahren wurde immer wei­­­­ter an der Zukunft der Institution gebaut. Viele weitere große und kleine Schritte sollen dabei helfen, die Sammlungen zu­­kunftsfähig zu machen. 450 Jahre nach Gründung der Kunstkammer werden in­­ner­­­­halb und außerhalb der Kunst­­samm­­lungen alle Kräfte gebraucht, um das kulturelle Erbe für die Zukunft zu be­­wahren. Wir freu­­en uns auf Ihren Besuch in Dresden!

 

DSy_2Der Autor studierte Kunstgeschichte, Ägyp­­­­­tologie und klassischen Archäologie. Nach seiner Promo­­tion arbeitete er als wissen­­schaftlicher Mit­­arbeiter der Kunsthalle Bie­le­­feld und später als stellvertretender Amts­­leiter des histori­­schen Museums der Stadt Bielefeld. 1993 übernahm er die Di­­rektion des Grünen Ge­­wöl­­bes. Seit 2011 ist Prof. Syndram kom­­mis­­sarischer Gen­­e­­­ral­direktor der Staat­lichen Kunst­samm­lungen Dresden.